29.9. Unterbarmer Hauptkirche

Pfarrer Thomas Corzilius
29.9. Unterbarmer Hauptkirche
Foto Cor. 
Dass die 10 Gebote wichtig sind und ihre Richtigkeit haben, das würden wohl die meisten Menschen bejahen.
Du sollst nicht lügen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen – wie immer wir diese und die anderen Gebote im einzelnen interpretieren, sie sind so etwas wie universelle Spielregeln, damit die Welt nicht aus dem Ruder läuft.
Grenzmarkierungen, Stoppschilder, Wegweisungen, die die Menschheit braucht.
Und so finden sich auch in den anderen Religionen und in anderen Kulturen moralische Prinzipien und ethische Weisungen, die in die gleiche Richtung zielen.
Der grundsätzlichen Bejahung stehen aber auch Fragen gegenüber.
Wie ist das mit Notlügen oder mit dem Töten aus Selbstverteidigung?
Was ist mit Diebstahl , wenn es ums nackte Überleben geht?
Ist der Tyrannenmord – denken wir an den Widerstand gegen Hitler – Sünde oder ein Gebot, um unzählige Menschenleben zu retten?
Und was ist mit den vielen Fragen unserer Zeit, auf die die Gebote keine direkte Antworten geben – etwa in Sachen Gentechnik, Sexualethik, Atomkraft oder Ökonomie & Gesellschaftsordnung?
Mose so heißt es, ist auf den Berg gestiegen, um dort die Gebote von Gott zu empfangen.
Und auch Jesus hielt – so sagt es der Name schon – seine „Bergpredigt“ auf einem Berg, einer Anhöhe, einem Hügel sitzend, während seine Zuhörer unter ihm saßen.
Man kann das symbolisch nehmen.
Denn über die 10 Gebote, über die Weisungen Gottes, nachdenken und reden – das ist ein bisschen wie wie das Umkreisen eine Berges.
Wie das Hochschauen zu etwas über uns.
Von oben kommen die Anweisungen, unten bei uns wollen und sollen sie ankommen.
Von der Bergspitze hin zu den Ebenen des Lebens und der Welt.
Jedes Gebot liefert Stoff zum Fragen und Diskutieren.
Und jede Predigt über die 10 Gebote kann in die veschiedensten Richtungen gehen und viele Ansätze aufgreifen …
Ich versuche es heute morgen folgendermaßen:
1.
Dass die 10 Gebote für unser Leben wichtig sind, so sagte ich eingangs, würden wohl die meisten Menschen grundsätzlich bejahen.
Dass sie aber zunehmend zu einer Überlebensfrage für uns Menschen, für unsere Kinder und Kindeskinder, werden, das hat uns wohl noch nicht wirklich erreicht.
Das heißt, wir reden nicht über ein bisschen Moral, die zu allen Zeiten wichtig und nötig war, sondern darum, dass unsere Welt an einem Punkt ist, wo grundsätzliche Weichen von globaler Dimension gestellt werden.
Gerechtigkeit und Wahrheit, Frieden und Achtung vor allem Lebenden, die Infragestellung zerstörerischer Mächte und eine Scheu und Ehrfurcht vor dem Heiligen und Unantastbaren – so würde ich die Gebote auf den Punkt bringen – all das verdichtet sich in den nächsten 50 oder 100 Jahren zu einer Frage des Überlebens der Menschheit bzw. der Rettung einer noch bewohnbaren Welt.
Die Gebote also – nicht weniger als das – als Ethik des Überlebens, de Heilung und der Gesundung.
Der Ansatz dazu aber ist nicht der Zeigefinger und die Moralpredigt.
Nicht die äußerliche Einhaltung von Grenzen.
Auch nicht die intellektuelle Einsicht in die Richtigkeit und Notwendigkeit der Gebote, denn die ist (wie gesagt) bei den Meisten ja durchaus gegeben.
Nein, der Ansatz ist und muss sein ein verändertes Bewusstsein in der Wahrnehmung der Welt, des Lebens und unseres Menschseins.
Und an dieser Stelle, so glaube ich, werden die Religionen dieser Welt, auch unsere jüdisch-christliche, noch sehr gefordert sein.
Es wird sich zeigen, ob sie den Graben zwischen Menschen und Kulturen noch vertiefen. Die Gewalt fördern und verstärken. Im Namen Gottes, Allahs, Jahwes oder im Namen heiliger Wahrheiten die Gräben weiter bewachen oder noch tiefe machen.
Oder ob sie – über alle bleibenden Unterschiede hinweg – ein heilendes, versöhnendes und verbindendes Bewusstsein in allen Teilen de Welt und in allen Bevölkerungsschichten fördern.
Als Christ sehe ich darin die bleibende Berufung unseres Lebens und unserer Kirche in der Welt.
Unser jüdisches Erbe legt uns die Kostbarkeit der Schöpfung und aller Geschöpfe ans Herz, von der wir nur ein Teil im Geflecht des Lebendigen sind.
Die Propheten und unser Herr Jesus Christus verkörpern das Verbindende, Heilende, das den Armen und Schwachen dieser Welt Gesicht und Stimme gibt.
Und Paulus – wir haben es letzten Sonntag in der Predigt gehört – redet von dem Organismus, dem menschlicher Körper, an dem alle Glieder eine Einheit sind.
Aber nicht nur unser Glaube und unsere Tradition redet davon.
In den letzten 25 Jahren hat mir und vielen Anderen auch die östliche Spiritualität sehr geholfen, das Eigene tiefer zu verstehen.
Denn dort können wir lernen, unser alltäglichen Lebenswahrnehmungen des Getrenntseins mehr und mehr zu hinterfragen und zu überwinden.
Alles ist eins!“ mag uns abgehoben und esoterisch klingen in unserer Welt, in der wir ständig trennen und auf Konflikte konzentriert sind, unser kleines Ich für den Nabel der Welt halten und unsere Eigenarten und Abgrenzungen pflegen.
Aber tatsächlich ist alles eins in Gottes Schöpfung.
Hängt alles mit allem – pardon, wieder so ein Reizwort – in „karmischer Verbundenheit“ zusammen, haben auch die kleinsten und entferntesten Dinge auf dieser Welt einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung.
Über die 10 Gebote zu reden, setzt also an bei der Frage unseres täglichen Bewusstseins.
Und bei unserem Begreifen und Verstehen, dass wir alle in einem tiefen Sinn mit allem eine Einheit sind.
Und aus diesem Einheitsbewusstsein gilt es zu begreifen, dass Lügen, Stehlen, Töten, Ent-Heiligen de facto etwas ist, dass wir letztlich uns selber antun und was im Netz von Ursache und Wirkung uns selber trifft.
2.
Wenn wir heute im Gottesdienst die 10 Gebote hören und über sie nachdenken, tun wir dies als evangelische Christen.
Und da lauert für uns Evangelische – die wir stolz sind auf unsere evangelischen Freiheiten zum Tun oder Lassen - immer wieder die Gefahr, die Dietrich Bonhoeffer einmal die „billige Gnade“ genannt hat.
Ich werde dabei immer an diese Reklame für die kalorienarme Margarine erinnert, wo uns die Werbemelodie mantra-mäßig ins Ohr säuselt: „Ich will so bleiben, wie ich bin – Du darfst!“ … Vielleicht haben Sie wie ich die Melodie auch gleich mit im Ohr ;-)
Bonhoeffer jedenfalls schreibt in seinem Buch „Nachfolge“ und im Blick auf die Gebote Gottes: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware und unerschöpfliche Vorratskammer, aus der mit leichtfertigen Händen und grenzenlos ausgeschüttet wird. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht … Denn wir bleiben ja (wie schon Luther sagt) „allzumal Sünder auch in dem besten Leben“. Es lebe also auch der Christ wie die Welt und unterfange sich ja nicht schwärmerisch unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde!“
Was Bonhoeffer meint, das ist die Melodie der Reklame „Ich will so bleiben, wie ich bin“ – und die gleich mitgelieferte Erlaubnis: „Du darfst!“
Gottes Gebote – heißt das – im Umkehrschluss, sollten uns also nicht all zu sehr beunruhigen.
Schwach wie wir sind, werden wir sie immer wieder übertreten und ihnen nicht gerecht.
Ja, schon der Anspruch, ein „heiliges Leben“ führen zu wollen, Fortschritte zu machen im geistlichen Leben, an sich zu arbeiten auf dem geistlichen Weg, ist u.U. für evangelische Ohrn verdächtig.
Demgegenüber dürfen wir uns aber auch hier wiederum bereichern und korrigieren lassen durch andere Strömungen im Christentum und in der Kirche und auch in anderen Religionen.
Die Bibel selbst nennt es „Heiligung unseres Lebens“, „zunehmen und vollkommen werden und wachsen“ in der Sprache des Paulus.
Sich einfach nur auf sein Sünder-Sein und die Gnade zu berufen, das kommt in der Heiligen Schrift nicht vor.
Sondern da heißt es schlicht und ergreifend: „Wenn Ihr mich liebt, werdet Ihr meine Gebote halten!“
Fortschritte auf diesem Weg der Gottesverbundenheit und Liebe zu machen, geistlich zu wachsen und sein geistliches, spirituelle Bewusstsein zu trainieren, das ist in weiten Teilen unseres neuzeitlich-liberalen Protestantismus ein eher vernachlässigtes Terrain.
Pietismus und Katholizismus dagegen kennen bis heute die praktische geistliche Einübung in Gebet, Stille und Exerzitien.
Und Wege der Meditation, des ZEN, sind für viele Menschen ein konkreter geistlicher Weg, auch eine Disziplin, an sich zu arbeiten und geistlich, menschlich zu wachsen …
Dabei kann es nach meinem (evangelischen) Verständnis NICHT darum gehen, sich zu kasteien, zu beladen, zu quälen mit irgendwas.
Sondern zu Ruhen in der Liebe Gottes.
Anzukommen in dem, was im Licht des Evangeliums „da ist“.
Loszulassen und sich hinein zu entspannen in den Zuspruch und die Fülle.
Selbst für Dorothee Sölle – die politisch-engagierte, weltzugewandte Protestantin – wurde der mystische Weg immer wichtiger.
Und Konstantin Wecker, der ebenfalls so ganz weltzugewandte Liedermacher, schreibt: „Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass wir eine liebevollere und gerechtere Gesellschaft einzig durch die Verbindung von politischem Engagement und spiritueller Praxis erreichen können.“
3.
Ich hasse den gerechten Gott!“ schreit Luther voller Zorn und Wut und tief verzweifelt in seiner Mönchszelle. „Er gibt uns die Gebote, an denen wir scheitern müssen, weil wir Sünder sind. Und dann richtet er uns in seinem Zorn. Wie kann man einen solchen Gott lieben?!“
Die Szene in dem Kinofilm „Luther“ ist eindrucksvoll.
Ebenso wie die Szene zuvor, wo Luther beim Hochhalten des Kelches über dem Altar so sehr aus Angst vor der Heiligkeit Gottes zittert, dass er den Wein verschüttet …
Luther hat im Blick auf die 10 Gebote und Gottes Willen sehr gerungen.
Aber als aus dem drohenden, schrecklichen Gott für ihn – Zitat - „ein glühender Backofen voller Liebe!“ wurde, dessen Wärme, Licht und Feuer sein Herz erreichte und verwandelte – da konnte er die 10 Gebote nun völlig anders sehen.
Und so war Luthers befreiende Entdeckung, mit der sich sein Gottesbild radikal wandelte, nicht einfach eine Antwort auf die Frage „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, sondern die Befreiung, das Frei-Werden, das endgültige Zurücklassen dieser Frage!!!
An die Stelle der Angst, des Krampfes, der Selbstrechtfertigung tritt nun die heitere Gelassenheit!
Das gute Werk und das Halten der Gebote wird dem Menschen nun nicht mehr auferlegt und abgezwungen – sondern es geschieht nun mitmenschlich aus der Erfahrung von Liebe, aus einem Beschenktsein und aus einer durch nichts mehr zu raubenden Liebeserfahrung, die danach drängt, zu teilen und zu geben!
Ja, im Licht des ungetrübten Evangeliums erwächst nun – wie unter Druck gar nicht möglich! - Spontanität, Mut und Freiheit.
Aber auch tätige Barmherzigkeit und ehrliches Mitleid!“
Ich wünsche Ihnen, Euch und mir selbst ganz viel davon!