20.10.2013 GOLDKONFIRMATION

Pfarrer Thomas Corzilius
                                                       20.10. Unterbarmer Hauptkirche
                                                     GOLDKONFIRMATION 1962/63

Foto Cor


Liebe Goldkonfirmandinnen und Goldkonfirmanden,
liebe Gottesdienstgemeinde!


50 Jahre Leben – das ist die Spanne zwischen Ihrem Festtag damals, Anfang der 60er Jahre, und dem heutigen Tag Ihres erneuten Zusammenseins.
50 Jahre gelebtes, vergangenes, nun zurückliegendes Leben.
Von dem sie damals noch nicht wussten, wohin es Sie einmal führt und was es für Sie bereithalten wird an Gutem und Schwierigen, an Glück und Unglück …
50 Jahre liegt Ihre Konfirmation nun zurück.
Mehr oder weniger deutlich können Sie Manches von damals sicher noch erinnern:
Stimme, Gestalt und Agieren Ihres damaligen Konfirmators.
Andere, die mit Ihnen – wie die Wuppertaler sagen – zur „Krinthe“ gegangen sind.
Räumlichkeiten auch, Erlebtes, Bilder, bestimmte Szenen … Was immer in unserer Rückbesinnung noch da ist
Vielleicht ja auch die Erinnerung, dass ein Junge nicht uninteressiert war an einer Mitkonfirmandin oder ein Mädchen umgekehrt ;-)
Ja, Anfang der 60er war noch Vieles anders als heute, auch in der Kirche.
Beim geselligen Miteinander heute Nachmittag kommt da sicher Manches zur Sprache.
Es herrschte noch Einiges an Strenge, Respekt, Autorität und Disziplin.
Es wurde noch mächtig auswendig gelernt und am Ende geprüft.
Auch die Konfirmation selbst hatte ihre Kleiderordnung und ihren heiligen Ernst – streng verknüpft mit der Erstzulassung zum Abendmahl.
Wenn man sich man sich Konfirmationspredigten von damals heute durchliest, dann wird da in hohen und ernsten Tönen gesprochen von Verpflichtung und christlichem Lebenswandel.

Doch „Hand aufs Herz“ und einmal ganz sachlich und unsentimental nachgefragt:
Was ist von all dem geblieben?
Was ist geblieben und vielleicht sogar gewachsen an christlichem Glauben, dem damals so feierlich beschworenen?
Oder wo hat das Leben es mit sich gebracht, das Ihnen die Sache mit Gott fremd, fern und schwierig geworden ist?
Inwieweit hat Sie der christliche Glaube in den letzten 50 Jahren durchs Leben getragen?
Oder inwieweit fällt es Ihnen schwer – aufgrund von Enttäuschungen und dunklen Erfahrungen – an Gottes Güte und Fürsorge zu glauben?
Auch in diesem Gottesdienst singen wir ja die alten Glaubenslieder.
Auch zu diesem Gottesdienst gehört nachwievor und über alle Zeiten das Glaubensbekenntnis und das Vater-Unser.
Aber wie überzeugt oder verhalten, überzeugt oder gedämpft kommt es Ihnen über die Lippen und durch den Sinn?

„Gottvertrauen“ heißt jedenfalls mein Stichwort in dieser Predigt zu Ihre Goldkonfirmation heute.
Und das biblische Wort dazu ist ein Wort des Propheten Jesaja 46,4:
Bis in Euer Alter (spricht Gott) bin ich derselbe, und bis Ihr grau werdet, will ich Euch tragen. Ich habe es getan und ich werde es tun, ich will tragen und retten!“
Drei Gedanken möchte ich dazu mit Ihnen heute morgen teilen:
1. Damals wie heute, sagt Gott, bin ich derselbe
Das Wort des Propheten, dass Gott über die Zeit hinweg derselbe ist, hat seinen „Sitz im Leben“ so in der Mitte den 9. Jahrhunderts vor Christus.
Und es trifft das Volk Israel zu einem Zeitpunkt, wo sie ihres Glaubens nicht mehr sicher sind und zweifeln.
Jerusalem und der Tempel waren zerstört, ein Teil des Volkes verschleppt, gefangen und in der Verbannung in Babylon, politisch und religiös war nichts mehr wie es war. Und die Zukunft verhieß nichts Gutes.
Das nagt an ihrem Glauben, so wie es auch Vieles gibt, was an unserem Glauben nagt.
Hinzukommt, dass die Zeit überhaupt weitergeht.
Vergleicht man die frühen 60er Jahre – gesellschaftlich, kulturell, technisch und politisch – mit der Gegenwart, ist sovieles unglaublich anders geworden.
Manches kommt uns heute ganz weit weg vor, was in den frühen 60er Jahren ganz selbstverständlich war, was zum Alltag gehörte, was man tat und dachte.
Auch der *Draht zu Gott“ hat sich scheinbar grundlegend gewandelt in unserer globalisierten Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Ich bleib da mal bei dem Bild – unser „Draht zu Gott“.
Und erinnere mich, wie unsere jüngere Tochter vor vielen Jahren, irgendwann in den 90ern, recht ratlos vor einem Telefon mit Wählscheibe stand. Alle anderen Telefone, mittlerweile mit Tastatur und schnurlos, waren kaputt. Und für zwei Tage hatten wir nur ein altes, verstaubtes Gerät mit Wählscheibe, das im Keller lag. Nichts Anderes gab es in den 60ern. Aber unserer Tochter musste ich ersteinmal zeigen und vormachen, wie man den Finger in die Scheibe steckt und sie Nummer für Nummer dreht …
Heute zeigen uns unsere Kinder, wie man mit Smartphone, I Pad und Twitter sekundenschnell mit allem und Jedem verbunden ist.
Auch wenn es um den „Draht zu Gott“ geht, ist das ein passendes Sinnbild.
Denn während man sich damals zur Zeit Ihrer Konfirmation noch in der eigenen christlichen Tradition bewegt hat, ist ja auch in Sachen Gott, Religion, Glaube und Spiritualität alles in Fluss geraten.
Wer wo wie heute was in unserer globalisierten, religiösen Welt noch glaubt oder nicht mehr glaubt, das ist wie in der bunten Kommunikationswelt von Handy, Internet und Elektronik beliebig und fragwürdig.
„Ist Dein Handy kaputt, nimm meins!“
„Bist Du mit Deinem Anbieter unzufrieden, wechsle ihn!“
„Ist Deine Verbindung zu langsam und begrenzt, steig um!“
Wenn Gott nun durch den Mund des Propheten sagt: „Gott spricht: Damals wie heute bin ich derselbe!“, dann ist das der Zuspruch einer Kontinuität in allem Wandel.
Die Zusage, dass Gottes Wirklichkeit als ewiger, tragender Grund bleibt, was immer sich auf der Welt und auch in der Zeitspanne unseres kleinen Lebens wandelt.
Wie wir in unserer jeweiligen Zeit von und mit Gott reden.
Wie wir unserem Glauben an Gott Ausdruck und Gestalt geben.
Wie wir im Wandel der Welt mit Gott unterwegs sind.
Das ist immer etwas Dynamische und Lebendiges.
Zu biblischen Zeiten, zu Luthers Zeiten, für die Generation unserer Elten und Großeltern genauso wie für uns und unsere Kinder und Enkel.
Aber Gottes Wirklichkeit, wie wir sie in Jesus angenommen haben, bejahen und glauben, die bleibt.
Zu biblischen Zeiten wie in unseren Zeiten.
Und diesen Zuspruch dürfen wir als Erstes heute nocheinmal hören.
2. Sind wir noch dieselben?
Was für eine Frage!
Und was für ein Gefühl: Nach 50 Jahren den ein oder Anderen wieder zu treffen, den man vielleicht tatsächlich ein halbes Jahrhundert nicht gesehen hat.
Da guckt man sich um.
Da guckt man sich an.
Da hellen sich Blicke auf beim zaghaften und spontanen Wiedererkennen.
Wie bei einem Klassentreffen.
Und alle spüren: Das Leben ist weitergegangen.
Und weil das Leben weitergegangen ist, haben auch wir uns verändert, nicht nur äußerlich.
Wir haben Lebenserfahrungen gemacht, gute und schlechte.
Und in vielen Dingen denken, urteilen und empfinden wir heute anders als in früheren Jahren.
Dass das auch für unseren Glauben gilt, ist selbstverständlich.
Denn auch unsere Beziehung zu Gott, unser Glaube und unsere Spiritualität ist geknüpft an Lebensphasen und Lebensalter.
Kein Jugendlicher glaubt mehr wie im Kindergarten.
Und kein Erwachsener im fortschreitenden Alter erlebt die Sache mit Gott noch wie die, die das Leben zum großen Teil noch vor sich haben.

„Konfirmare“ - dieses Wort, damals noch verbunden mit einem richtigen „Gelübde“ - heißt ja übersetzt „etwas festmachen, festzurren“.
Aber solch ein Festmachen, Zubinden gibt es ja eigentlich gar nicht.
Denn auch der Glaube verändert sich, er wächst oder verkümmert, er lernt dazu oder orientiert sich neu - parallel zu unserem Werdegang und Lebenslauf.
Und wenn Gott heute morgen in unserem Bibelwort sagt: „Ich will Euch tragen bis ins Alter und hinein in die Zeit, wo Ihr grau werdet!“ - dann trägt er uns, da bin ich ganz sicher, auch mit unseren gewachsenen Fragen und Zweifeln, unseren geraden und krummen Wegen, auch unseren Ungläubigkeiten hier und da.
Das zu sagen ist mir wichtig.
Weil Viele rückblickend die Kirche oft erlebt haben als beklemmend und einengend.
Aber Gott hat ein weites Herz und er ist kein Buchhalter.
Das Leben ist bunt und oft ganz anders und manchmal schwieriger als wir uns das mal vorgestellt haben.
Und die Bibel erzählt uns doch von der ersten bis zur letzten Seite, wen Gott alles bis ins hohe Alter getragen und ertragen hat:
Den listigen Jakob und den störrischen Jona.
Die trauernde Ruth und den moralisch zwischendurch scheiternden David.
Die unsichere Maria und den zweifelnden Thomas.
Den Versager Petrus und den angestrengten Paulus.
Sie alle und uns - mit allem, was wir heute morgen mit in die Kirche gebracht haben, hat Gott getragen.
Trägt er jetzt gerade.
Und will er auch in Zukunft tun.
Das ist das Evangelium, das wir jetzt hören und mit dem wir froh sein dürfen.
3. Wirklich getragen
„Ich will Euch tragen bis ins hohe Alter, so wie ich Euch bislang getragen habe!“ sagt Gott.
Doch entspricht das auch unserem Empfinden und unserer Lebensdeutung?
Einige werden heute morgen sicher sagen können: „Ja, das entspricht meiner Erfahrung! Ich habe viel Segen, Bewahrung, Hilfe und Wendungen zum Guten erlebt. Dafür bin ich dankbar!“
Doch Andere sagen vielleicht: „Es ging mir schlecht oder es geht mir schlecht. So im Reinen bin ich mit Gott nicht!“
Deshalb gehört es zu einem erwachsen gewordenen Glauben, dass Glaube ja nicht bedeutet, von Lasten, Unglück und Leiden im Leben bewahrt zu bleiben. Mit Gott immer auf der Sonnenseite entlang zu gehen. Das zu erwarten, ist nicht biblisch und es ist lebensfremd.
Aber biblisch ist die Stelle in Psalm 23, wo es heißt: „Und ob ich schon wandere im finsteren Tal, so weiß ich in meiner Angst und Furcht: Du bist bei mir! Deine Nähe tröstet mich!“
Sie gibt mir Kraft und Mut, Ausdauer und Widerstandskraft, Frieden und Trost im Herzen.
Und vielleicht kennen Sie ja alle die kleine Traumgeschichte von den Spuren im Sand.
Wo Jemand im Rückblick auf sein Leben den Beistand Gottes in den zwei Fußspuren im Sand erkennt und sich erinnert: „Ja, da habe ich Gott an meiner Seite gespürt!“
Als er aber streckenweise nur noch eine Fußspur im Sand sieht, hält er sie für seine eigene und zweifelt.
Aber Gottes Stimme sagt: „Keine Angst! Das sind nicht Deine Spuren, sondern meine. Und das waren die Strecken, wo ich Dich getragen habe, weil Du nicht mehr selber konntest ...“
Was immer Sie als Goldkonfirmandinnen und Goldkonfirmanden nun für Lebenswege hinter oder noch vor sich haben:
Gott trägt Sie und mich - und will es weiterhin tun!
Amen