2013 vor den Sommerferien - Predigt "über Nichts"



Liebe Gemeinde, 
ich möchte heute zum Beginn der Sommerferien „über Nichts“ predigen.

Nein, nicht nichts predigen, sondern über Nichts  - im Sinn von Nichts-Tun, von Pause, Innehalten, Stille, Urlaub, Sabbat. Ich möchte über die Ruhe und Schwerelosigkeit des von Gott geschenkten Daseins als Kinder Gottes sprechen, mitten in aller Erdenschwere.

Den letzten Anstoß dazu hat mir eine skurrile Geschichte aus der täglichen Nachrichten-Flut gegeben. Ein großes Unternehmen wollte eine besonders hochwertige Ausbildung in einer Anzeige ausschreiben, die eine komplizierte mathematische Aufgabe enthielt. Nur die, die die Aufgabe lösten, sollten als Lösungswort die Telefonnummer des Unternehmens herausfinden. Damit die Aufgabe anspruchsvoll genug war, beauftragte man externe Fachleute damit. So macht man das ja heutzutage. Die Anzeige wurde geschaltet, und viele kluge Bewerber beschritten den mühsamen Lösungsweg. Dann kamen viele Anrufe bei falschen Telefonnummern an.
Wie sich herausstellte, war die Aufgabe selbst fehlerhaft konstruiert worden und konnte nicht zur richtigen Lösung führen.
Wie sich ebenfalls herausstellte, hätten sich die Bewerber den ganzen Zirkus auch sparen können, denn die gesuchte Telefonnummer des Unternehmens für Bewerbungen stand die ganze Zeit ungeschützt auf der Kontaktseite der Firma, nur wenige Klicks von der Testaufgabe entfernt.

Sie finden diesen Vorfall vielleicht so komisch wie ich, weil es so offensichtlich ist, wie sich da alle Beteiligten in einem aufwändigen, zeitraubenden und kostspieligen Verfahren selbst das Leben schwer machen, ohne erkennbaren Sinn. Aber finden wir nicht einiges von unseren eigenen Lebens-Mechanismen und denen in unserer Lebensumgebung darin wieder, uns so auf Trab halten zu lassen oder es uns sogar selbst manchmal schwer zu machen? Sind wir nicht alle Mitglieder im Verein der kollektiv erzeugten Erdenschwere, bis in den Urlaub hinein?

Ich muss schon beim Kofferpacken immer schmunzeln. Da freut man sich auf Sommer und Sonne an irgendeinem schönen Ort, und nachdem man die leichten Hemden eingepackt hat, wandern vorsichtshalber noch zwei Strickjacken und eine Regenjacke dazu – man kann ja nie wissen, wie kalt und unwirtlich es im Juli und August womöglich werden könnte. Und so geht das quer durch alle Lebensbereiche: leichte Schuhe, feste Schuhe, Turnschuhe, Badelatschen, oder im Kulturbeutel womöglich neben Aspirin gleich noch Husten- und Bronchialthee. Man kann ja nie wissen.

Im Urlaub geht es dann so weiter. Inzwischen halten sich nach Umfragen ungefähr ein Drittel aller berufstätigen Urlauberinnen und Urlauber per Handy für ihren Arbeitgeber bereit – es könnte ja jederzeit etwas wichtiges sein, und wenn das geschieht, arbeiten sie dem Arbeitgeber sogar vom Urlaub aus intensiv zu, soweit sie das von dort aus können. Die Burnout-Patienten in Kliniken erzählen dann in Therapien, wie das früher war, und wie es kam, dass sie nie zur Ruhe kamen und nie komplett abschalten konnten – bis ihr Körper und ihre Seele unüberwindliche Stoppschilder aufgestellt haben.

Ich fand es gut, dass anlässlich einer TV-Sendung zu 50 Jahren Fußball-Bundesliga auch diese Seite des immer fordernder werdenden Zuschauer-Vergnügens Hochleistungs-Sport zum Ausdruck kam und an Robert Enke, Sebastian Deisler und viele andere mit solchem Schicksal erinnert wurde. Sebastian Deisler war eines der größten Talente im deutschen Fußball, vergleichbar mit Mario Götze. Er musste aufgeben, als er gerade dabei war, den Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit zu erreichen. Es fiel ihm schwer, zu beschreiben, was in ihm vorging, aber die wenigen Worte sagten schon viel: in ihm war jede Freude über das Erloschen, was er am besten konnte, das von ihm pausenlos erwartete Hochleistungs- und Vorzeigekönnen. Er konnte sich kaum noch spüren und litt unter depressiver Lebensunlust und bodenloser trauriger Müdigkeit.

Selbst wo wir nicht unter so extremen Bedingungen leben, geht doch die Tendenz in diese Richtung.  Wir leben quer durch Beruf und Familie in einer Gesellschaft, die ähnliche Spielchen auf allen Ebenen ständig spielt und von uns erwartet, dass wir mitspielen. Der unterschwellige Druck wird inzwischen von Kindesbeinen an aufgebaut. Da werden schon Kindergärten zu Vorschulen mit Fremdsprachenunterricht. Das wäre an sich kein Problem, wenn Kinder ohne Zielvorgaben aus Spass etwas dazulernen, sie sind ja neugierig und offen. Aber sie lernen leider auch schnell, die Erwartungen von anderen zu spüren, die sich ihren Erfolg mit Nachdruck wünschen. Wohlgemerkt Erfolg - nicht so sehr Spielfreude, Glück, wilde kindliche Entwicklung in geschütztem Raum. An den Schulen und in der Ausbildung geht das bis in die Freizeit hinein weiter und an vielen Arbeitsplätzen auch. Menschen gehen dann durch tiefe Krisen in Zeiten, in denen die Aufgaben entweder wie ein Fass ohne Boden werden, das man einfach nicht mehr füllen kann. Oder sie leiden, wenn sichtbarer und von anderen anerkannter Erfolg nicht sichtbar zum Zuge kommt. Sogar im Ruhestand werden wir dann leicht zu Menschen, die sich weiter beweisen und bewähren müssen und sich des öfteren verblüfft im erstaunlich ausgebuchten Unruhestand wiederfinden.

In der Bibel gibt es von A bis O, von Anfang bis Ende, eine diesem Lebensgefühl entgegengesetzte Auffassung von Leben, die uns aus dieser Falle helfen soll. Wir sollen uns nicht selbst das Leben überfüllen und schwermachen, statt erfüllt zu leben.

Von Gott, dem unermüdlich schaffenden und schöpferischen Gott, wird in der Schöpfungsgeschichte, gleich zu Beginn der Bibel. als Höhepunkt der der gesamten Schöpfung gesagt, dass er am siebten Tag ruhte.
Nicht das Tun, sondern Ruhen ist Gipfel der Schöpfung!
Das ist ein Ausrufezeichen an uns alle! 

Wir, als Gottes Ebenbilder und Kinder in Christus, sind entsprechend geschaffen. Es ist okay, dass wir unser tätiges Leben leben und mit Einsatz etwas schaffen. Aber so wie unser täglicher Schlaf für uns lebenswichtig ist, so ist es auch der Rhythmus von Aktivität und Ruhe in der Woche, in jedem Jahr, und im Blick auf das ganze Leben. 

Deshalb kann das Sabbatgebot nie nebensächlich werden. Es folgt direkt auf die Aufforderung, Gott angemessen zu ehren. Dieses Gebot ist nicht eine neue Aufgabe, sondern eine erleichternde, erlösende, befreiende Selbstverpflichtung für gutes menschliches Leben, durch das wir Gott mehr ehren als durch unser Rennen im Hamsterrad, bis wir nicht mehr können. Wer den tiefen Sinn dieses Gebots ignoriert, macht sich und andere fertig, gewollt oder ungewollt. Garantiert!

Auch ans Ende stellt die Bibel im Hebräerbrief, einem der letzten Bücher, diese Ruhe, hier katapausis genannt und sonst im Neuen Testament anapausis – die große Pause, das große Aufatmen, das Nichts-beweisen-müssen, sondern sich-ganz-bei-Gott-wiederfinden.

Jesus war das bewusst. Am Anfang des Markusevangeliums hören wir nach seinem ersten öffentlichen Auftreten schnell von zunehmender Tätigkeit durch ihn und Geschäftigkeit um ihn, ja geradezu von Hektik.
Mk 1,  34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
Mitten in diese Situation hinein heißt es dann: Mk 1,35
35 Am nächsten Morgen verließ Jesus
lange vor Sonnenaufgang die Stadt
und zog sich an eine abgelegene Stelle zurück.
Dort betete er.
Jesus unterbricht.
Er zieht sich zurück.
Er geht aus dem Gedränge an eine ungestörte Stelle, in die Einsamkeit und Stille, jenseits der Aktivität, jenseits des Beifalls und der Anerkennung durch Menschen. Das ist die Basis unseres zur Ruhe-Kommens: wenn wir uns von Menschen zu Gott zurückziehen.

Aber es soll uns auch einen Weg ebnen. Wenn es von Franziskus von Assisi in einem Singspiel mit dem Lied unseres früheren Kantors Wolfgang Sülz (der einiges dieser Art mit Waltraut Hagemann gemacht hat) heißt
„Manchmal da möchte ich allein
auf dem Monte Subasio sein“,
dann haben wir nicht nur den Rückzug in das Alleinsein mit Gott vor Augen, sondern auch einen Brückenschlag zum Vogelgezwitscher, das Franziskus solche Freude machte. Dann entfaltet sich von Gott her die ganze Freude und Schönheit der Schöpfung in die kostbare Pause hinein, die Gott uns schenken will.

Sie verstehen: die große göttliche Pause, auf die wir hinleben, ist keine tote Stille, kein Ort der Langeweile, kein Wartezimmer des Lebens, bevor es endlich wieder weitergeht. Es ist der erfüllteste, lebendigste Ort des Ganzen.
Es ist im Aufatmen die Kraftquelle,
im Ruhenlassen das Zum-Ziel-Kommen.
Es ist sozusagen „das Wunderbare“. Nicht irgendetwas Wunderbares unter vielem, sondern „das Wunderbare“ mitten in Allem, wenn sie verstehen, was ich etwas unbeholfen auszudrücken versuche.

Und manchmal funktioniert es deshalb auch umgekehrt:
wenn wir innerlich viel zu aufgekratzt sind, um uns wie Jesus schlicht und klar zu Gott zurückzuziehen, hilft uns oft der umgekehrte Weg:
- ein Lauschen aufs Vogelgezwitscher
- eine ohne besondere Absicht verbrachte Stunde
- ein kurzer Mittagsschlaf
- ein Start in den Urlaub mit leichtem Gepäck,
  aber freudigem Herzen
- ein Sonntag mit Gottesdienst und Sonnenschein,
- ein Nachmittag in irgendeinem Garten,
- ein Himmelblau oder Meeresazur oder ein Blick von einem Berg
- ein „was Sie persönlich zum Aufatmen finden“

Und dann, in der Unterbrechung, der Pause, dem Urlaub, der freien Zeit, wird es uns manchmal auch leichter, wieder in die Nähe Gottes und in die Ruhe zurückzukehren, die uns aus dieser Nähe heraus berühren und erfüllen und zurück in das Tun begleiten will.
In diesem Sinn ist Sonntag und Urlaub und jedes Ruhe-Finden viel mehr als nur eine Unterbrechung der Arbeit: es ist ein Ankommen im Wesentlichen.

So etwas wünsche ich allen zum Beginn der Ferienzeit –
wie auch zu jeder anderen Zeit im Leben.

Es war mir eine Freude, einmal für Sie  „über Nichts“ zu predigen.