Jahreslosung 2014

Thomas Corzilius

AKTUELLE PREDIGT zur Jahreslosung 2014

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Man findet sie in Baumrinden und auf Parkbänken. Hier und da in Nischen trauter Zweisamkeit wie einer Waldhütte, aber auch auf Schulhöfen, an Haltestellen, in Unterführungen … Herzchen mit zwei Anfangsbuchstaben, die ein „und“ verbindet.
K. und M., C. und P., A. und E … Zweiundzwanzig Buchstaben in jeder erdenklichen Paarung. Und das Herz drum herum verkündet Verliebtheit, Nähe, Zweisamkeit.

Zu früheren Zeiten mit dem Taschenmesser ins Holz geschnitzt, heute mit Eddings oder Spraydosen in die Welt gesetzt. Viel wenger romantisch, viel weniger etwas für die gefühlte Ewigkeit.

Herzchen mit zwei Anfangsbuchstaben signalisieren Herzensnähe und das Glück des Miteinanders.

Und genau daran musste ich denken, als ich das erste Mal die neue Jahreslosung für 2014 gelesen habe.
„Gott nahe zu sein ist mein Glück!“ heißt es da.
Und das ist doch ein bisschen, als würde der Psalmbeter den Anfangsbuchstaben seines Namens und den Namen Gottes verbinden mit einem „und“ und es eingravieren, mit einem Herzenssymbol umranden und reden vom Glück des Miteinanders und der empfundenen Liebe.

Zu Gott in Beziehung.
Und das ganze versehen mit dem großen Wort „Glück“!
„Gott nahe – er mir – ich ihm – mein Glück“.

Gibt es etwas Höheres, was wir Menschen uns und Anderen wünschen, als Glück, als glücklich zu sein?

Die Erfahrung menschlicher Nähe und Liebe kann das größte Glück auf Erden sein.
Konkrete Dinge im Leben können mich sehr glücklich machen – eine überstandene Krankheit, eine bestandene Prüfung, die Geburt eines Kindes, ein schönes Geschenk aus heiterem Himmel, ja auch ein Lottogewinn oder die aufatmende Erfahrung einer nicht eingetretenen Katastrophe ...
Das alles ist greifbar und nachvollziehbar.
Dann sagen wir zu uns und Anderen: „Mensch, bin ich glücklich!“

Aber Glücksempfinden, Glücksgefühle in Verbindung mit Gott?

Und was soll das sein – die Nähe Gottes?
Das Gegenteil von Gottes Nähe bestimmt doch oft menschliche Wahrnehmung.
Gott ist fern, an sovielen Stellen auf der Welt – auch jetzt gerade – und doch scheinbar gar nicht nah, sondern abwesend.
„Wie kann Gott das zulassen?“ ist immer noch die populärste, zeitlose Infragestellung nicht nur der Nähe Gottes, sondern überhaupt eines Gottes – eines Gottes von dem man eben nichts sieht, spürt und erfährt.

Und schließlich:
Sind sie uns nicht suspekt, unangenehm, fremd – die Menschen, die ihren Glauben, ihre Spiritualität, als „Glückseligkeit“ zu Markte tragen?
Es gibt sie ja hier und da – von „Du brauchst Jesus! Schau, ich hab ihn schon und bin so glücklich“ bis hin zu all den Glücksfindern im spirituellen „Land des Lächelns“?

Ich denke, es kann jedenfalls nicht verkehrt sein, sich der neuen Jahreslosung ersteinmal mit diesen Fragen zu nähern.

Auf jeden Fall hilft auch hier wieder der Blick auf den Textzusammenhang im Psalm 73 und den müssen wir uns, bevor wir nochmal auf die Jahreslosung zurückkommen, etwas genauer anschauen..

Denn der beginnt zunächst nicht mit er Erfahrung von Gottes Nähe, sondern auch mit der Erfahrung von Gottesferne:
Ich beneidete die Übermütigen, heißt es da,
sah das Wohlergehen der Gottlosen,
sah wie gut es ihnen ging.
Sie leiden keine Qual
ihr Leib ist wohlgenährt, gesund und feist ist ihr Leib,
ihr Leben läuft scheinbar unbeschwert,
achtlos und von sich überzeugt leben sie dahin,
Gott kommt in ihrem Leben nicht vor,
sie rechnen garnicht mit ihm,
sind sich selbst Maßstab und Richtschnur.
Und obwohl sie Gott fern sind,
bleibt ihnen Wohlergehen und Wohlstand.
(nach Vers 3 – 12)

Nun mögen wir uns schwer tun, es zu Recht unmöglich finden, die Menschen – so wie der Psalmbeter es tut – aufzuteilen in Heilige und Sünder, Gottesleute und Gottlose. Wir wissen, dass das nicht geht. Dass das krumm und anmaßend ist und gefährlich, wenn die Welt so aufgeteilt und religiös aufgeladen wird in Schwarz und Weiss.
Und doch gibt es etwas an den Worten des Psalmbeters, das wir teilen, auch wenn wir uns nicht zu Heiligen machen, nämlich die Erfahrung: Dass die Bosheit oft siegt, dass die Rücksichtslosigkeit häufig triumphiert, dass die Skrupellosigkeit oft noch belohnt wird.

Das fängt in den kleinen, alltäglichen Dingen oft an.
Bei Erfahrungen, wo uns manchmal die Luft wegbleibt, wie schmerzfrei manche Menschen oft durchs Leben gehen, sich benehmen und verhalten.
Weg da, jetzt komm ich, heißt das Motto.
Oder: Selber schuld, wenn Du nicht so clever und schnell bist wie ich.
Oder: Da hab ich doch keinen Vertrag mit.

Das zeigt sich des Weiteren oft im Zusammenhang mit Geldfragen in der Familie, mit Erbschaften bei Todesfällen, bei der bitteren Erfahrung, von Menschen, von denen Du es nie gedacht hättest, hintergangen zu werden, bei Verleumdungen und gestreuten Lügen, bei Mobbing am Arbeitsplatz, bei hinterhältigen Machenschaften zum eigenen Vorteil.

Und es spielt sich ab in den Bereichen, denen wir begegnen, wenn wir Tag für Tag Zeitung lesen und Nachrichten gucken.
Seien wir ehrlich im Rückblick auf das alte Jahr 2013 – wieviel haben wir da schon längst wieder vergessen oder werden durch den ein oder anderen Jahresrückblick erst wieder dran erinnert, was da nicht alles war an – und jetzt gebrauche ich en Ausdruck doch – Gottlosigkeiten in Stadt und Land, Wirtschaft und Politik, bei uns und überall in der Welt.

Hören wir nocheinmal, was der Psalmbeter sagt:
Ich sah das Wohlergehen der Gottlosen,
sah wie gut es ihnen ging.
Sie leiden keine Qual
ihr Leib ist wohlgenährt, gesund und feist ist ihr Leib,
ihr Leben läuft scheinbar unbeschwert,
achtlos und von sich überzeugt leben sie dahin,
Gott kommt in ihrem Leben nicht vor,
sie rechnen garnicht mit ihm,
sind sich selbst Maßstab und Richtschnur.
Und obwohl sie Gott fern sind,
bleibt ihnen viel Wohlergehen und Wohlstand.

Und dann bekennt der Psalmbeter ganz ehrlich:
Ich aber, fast wäre ich auch gestrauchelt mit meinen Füßen!
Wie leicht hätte ich es ihnen gleichgetan,
den ich beneidete die, die so durchs Leben gehen!
(Vers 2)

Können wir das nicht gut nachempfinden?
Geht es uns nicht auch so?
Wenn wir ganz ehrlich sind, gibt es die bösen Anteile und Verhaltensweisen, die dunklen Versuchungen und das gottlose, gemeine, schädigende Sich-Verhalten doch auch bei uns, in unserem Leben.
Da haben wir uns doch wirklich lange im Guten bemüht – aber jetzt ist Schluss.
Da haben wir lange Zeit still gehalten – aber jetzt bin ich mal dran.
Da mag etwas ja durchaus seine Richtigkeit haben – aber jetzt bin ich mal derjenige, der auch nicht immer lieb und rücksichtsvoll ist und Vorfahrt hat.
Und: Das tun schließlich alle!
Das ist zwar nicht gut, ich weiß es, aber ich tue es trotzdem jetzt.
Augen zu und durch.

Ganz nah, ein Stück von uns, ist doch die beschriebene Versuchung eines Lebens, das scheinbar auch ohne Gott und Gewissen prima funktioniert.

Aber dann sagt der Psalmbeter in Vers 17, wie ich finde die Schlüsselstelle und das Scharnier des Psalms:
All das blieb mir ein glatter Boden
ein Rätsel und eine Versuchung
Bis ich in das Heiligtum Gottes ging
und auf ihr Ende achtgab.

Wenn man so will, ist dies die Schnittstelle im Psalm, wo der Beter wieder festen Boden unter die Füße bekommt, wo sein wankendes Herz wieder fest wird, wo seine Verunsicherungen und Zweifel immer wieder aufgefangen werden.
Bis ich in das Heiligtum Gottes ging – das heißt:
Dort ist mein Platz, im Heiligtum Gottes.
Im alttestamentlichen Zusammenhang ist es der Ort des Tempels, später die Synagoge, der Gottesdienst, da wo die Thora, das Wort Gottes, das Hören auf und die Gemeinschaft um Gottes Wort seinen Platz hat.
Dort ist Gott als Stärkung und Trost
Dort rücken sich Maßstäbe zurecht und geschieht Vergewisserung.
Dort ist Erfahrung der Nähe Gottes.
Nicht nur dort natürlich, aber dort besonders, dort will Gott sich erfahren, sehen und spüren lassen.

Und dort erkennt der Psalmbeter auch immer wieder aufs Neue, dass es aufs Letzte hin kein gelingendes Leben an Gott vorbei gibt, in der Missachtung seiner Weisungen, in der Verletzung und Missachtung des Heiligen.
Am Ende rutschen sie aus
versinken in ihren eigenen Verwüstungen, sagt der Psalmbeter.
So wie auch Jesus am Ende der Bergpredigt davon spricht, dass die Stürme des Lebens am Ende alle Lebenshäuser zusammenkrachen lassen, die an Gott und seinem guten, heilsamen Lebenswillen vorbeigebaut sind.

Erst jetzt, nach diesem Durchgang durch den Psalm 73, kehren wir zur Jahreslosung zurück: „Gott nahe zu sein ist mein Glück!“
In ihr geht es also nicht um ein bisschen religiöse Romantik.
In ihr geht es auch nicht um das Glück innerer Unangefochtenheit.
Oder eine Art Unfallversicherung, die mich dauerhaft und ohne Wind, Sturm und Regen auf die Sonnenseite des Lebens beamt.

Sondern die Jahreslosung redet von dem festen Boden unter unseren Füßen, den das Sich-Halten an Gott, das beständige Beten, das Hören auf Gottes Wort und die Gemeinschaft der sich versammelnden Gemeinde gibt.
Die Welt bringt uns ins Schleudern, immer wieder.
Gott selbst aber ist uns Halt und Anker, gerade und besonders in den Zeiten, wo wir menschlich gesehen scheinbar garnicht mit Glück gesegnet sind
Und so endet der Psalm, aus dem unsere Jahreslosung stammt mit dem Bekenntnis:
Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du, Gott, allzeit meines Herzens Trost und mein Teil. Und das ist meine Freude, das ich mich zu Gott halte!

Das ist gut zu hören zu Beginn dieses neuen Jahres.
Manche ins holzgeschnitzten Liebschaften haben die Zeit nicht überstanden.
Die Wirklichkeit und Liebe Gottes aber trägt uns alle in Zeit und Ewigkeit.
Amen