Kein Schutzraum mehr?

Pfarrer Dr. Dirk Frickenschmidt

Gott nahe zu sein ist mein Glück. (Psalm 73,28)
so lautet die Jahreslosung für unser beginnendes Jahr.

Sie hört sich fast zu gut an, um wahr zu sein. Wir sagen zwar manchmal für einen guten Augenblick: "ich bin wunschlos glücklich!" Aber für ein ganzes Jahr oder für das ganze Leben?
Das fällt uns doch eher schwer. Dazu erscheint uns das Leben doch zu sehr voller „Wenns und Abers“, sowohl im eigenen privaten Umfeld als auch im Blick auf das öffentliche Leben hier und in aller Welt.

Bei unserer Jahreslosung ist das auch nicht anders.
Sie steht nämlich in einem Psalm, der voller Fragen und Zweifel ist. Und der schöne Satz beginnt im ursprünglichen Text mit einem nachdrücklichen „Aber“, das in der Jahreslosung weggelassen wurde. Im hebräischen Text steht da: „Aber ich, das ist meine Freude / mein Gutes / mein Glück: Gott nahe sein." Das hebräische Wort für Glück/Freude/Gutes heißt „Tov“, wie in der Wendung „masel tov“, „viel Glück“. Das „Aber“ am Beginn des Satzes meint: mitten in allem, was mir zu schaffen macht und mich irritiert, empfinde ich es als mein Glück, Gott nahe zu sein.

Der Psalmbeter benennt auch, was ihm zu schaffen macht: er ist anscheinend angeschlagen und krank. Und er sagt, was ihn irritiert: ausgerechnet Menschen, die sich nicht besonders um Gott oder das Wohl anderer Menschen kümmern, sondern ständig auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, sind mit ihrer Lebensweise erstaunlich erfolgreich, unbeeinträchtigt und selbstzufrieden unterwegs. Da kann einem das innere Gerechtigkeitsempfinden schon mal die Wände hochgehen.
7  Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst, sie tun, was ihnen einfällt. 
8 Sie achten alles für nichts und reden böse, sie reden und lästern hoch her.  9 Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das soll gelten auf Erden.
Uns ist all das sprichwörtlich geworden: der Ehrliche ist immer der Dumme, frech kommt weiter, Du musst ein Schwein sein in dieser Welt – Sie kennen alle diese Sprüche.
Der Psalmbeter beschreibt, wie unerträglich ihm das ist und wie es ihn verrückt gemacht hat:
21 Als es mir wehe tat im Herzen und mich stach in meinen Nieren,  22 da war ich ein Narr und wusste nichts, ich war wie ein Tier vor dir.

Aber ihm und seiner Stimmung widerfährt etwas beim Gang in das Heiligtum, in den Tempel, an den Ort, der ständig an die Nähe Gottes erinnert. Er geht mit seinem Frust und Ärger in die Kirche, um es in unser Leben übersetzt zu sagen. Und dort tritt er zu seiner Überraschung in einem Raum ein, der eine eigene Sprache spricht oder sie uns zumindest oft besser hörbar und fühlbar macht: die Sprache der Erinnerung an Gottes Nähe.

Die heutige Kirche, wie damals das Heiligtum, ist ein geschützter Raum. Sie ist ein Platzhalter. Sie sagt: mitten in der Welt erinnert dieser Schutzraum daran, dass vor Gott ausgefahrene Ellenbogen und falscher Machtansprüche weder Geltung noch Zukunft haben.
Stattdessen soll ein Gotteshaus Nähe und Geborgenheit mitten in allem Gerangel stiften, trotz aller offener Fragen. Campino von der Düsseldorfer Band Tote Hosen hat mal in einem Interview erzählt, wie er im Gefühl der Ratlosigkeit nach einer Naturkatastrophe auch als Nicht-Christ in einer Kirche Zuflucht gesucht hat und einfach in diesem Schutzraum da sein konnte. Er wusste keinen besseren.

Mit viel Einsatz und viel Mühe wird diese Kirche, die Pauluskirche, weitgehend von Ehrenamtlichen unterhalten. In diesem Raum finden nicht nur Gottesdienste statt, sondern auch Büchermärkte, Konzerte, andere Kulturveranstaltungen und Univorlesungen. So bleibt ein Raum bewahrt, an dem menschliche Nähe und Kreativität ebenso möglich ist wie die Erinnerung an Gottes Nähe.
Wenn ich zurückblicke auf das Jahr 2013, dann wird mir schmerzlich bewusst, dass solche Schutzräume, wo die Nähe zu Gott und unter Menschen erfahrbar bleibt, unerwartet dringend wieder neu gebraucht werden.

Wie aus einem Halbschlaf erwacht, haben wir in den letzten Monaten ja in einer Art Crashkurs lernen müssen, dass so etwas wie eine Auflösung aller menschlichen Schutzzonen durch moderne Technologie droht und schon in großem Maßstab ohne unser Wissen begonnen hat. Das geschieht so schnell und so flächendeckend quer durch alle Lebensbereiche, dass es uns den Atem verschlägt.

Drei Großmächte, die USA, China und Russland und einige ihrer Vasallen, dicht gefolgt von Indien, sind dabei, eine weitgehend nicht-öffentliche, geheime und kaum noch kontrollierbare Parallelstruktur zu unserem Gemeinschaftsleben aufzubauen. Und diese mit Milliarden an Geldmitteln finanzierte Parallelstruktur dient nur einem Zweck: der totalen Überwachung der Menschen auf diesem Planeten. Das geschieht unter dem Vorwand der Gefahrenabwehr und führt zu einer ungeheuren Machtanhäufung in ungeeigneten Händen, wie sie die Menschheit noch nicht erlebt hat. Was da entsteht, ist das strikte Gegenteil aller vertrauenswürdigen Schutzräume: ein technisch hochgerüsteter Kontrollraum in der Hand von wenigen. Was Menschen überall in der Welt tun, was sie kaufen, wohin sie sich bewegen, wie sie denken, ja sogar, was sie aufgrund dieser Daten wahrscheinlich tun werden, all das wird möglichst lückenlos erfasst.

Zur Jahreswende haben wir an den Himmel geblickt auf das Feuerwerk oder die funkelnden Sterne. Aber der amerikanische Künstler und Bürgerrechtsaktivist Trevor Paglen hat dort oben etwas anderes fotografiert: eine Vielzahl von nichtöffentlichen Überwachungssatelliten, die dazu dienen, uns zu beobachten, unsere Gespräche mitzuschneiden und uns zu durchsichtigen Menschen zu machen versuchen. Er hat vor wenigen Tagen in Hamburg beim Kommunikationskongress des Chaos Computer Clubs davon berichtet und in Bildern gezeigt, wie viele solcher Abhör-Einrichtungen im Weltall und in vielen Ländern auf der Erde es inzwischen gibt.
In einer einsamen Gegend der USA darf man dagegen überhaupt nicht telefonieren oder Radio und Fernbedienung benutzen. Dort herrscht scharf überwachte Funkstille, denn da hat die NSA ein Gebäude, das den „Moon Bounce“ auffängt: das sind die Schallreflektionen irdischer Kommunikation vom Mond, die dann ausgewertet werden. Von vielen anderen Abhörmaßnahmen war ja in den letzten Monaten schon die Rede.

Inzwischen wissen wir auch, dass die NSA nicht nur mithört und mitliest, sondern sich weltweit auf fremden Computern einnistet, die sie von dort aus kontrollieren und manipulieren kann. Wir wissen, dass solche Dienste an vielen Orten Minikameras verstecken und Computer-Hardware wie Netzkabel ebenso wie Software manipulieren oder versuchen, Hintertüren zu allen Betriebssystemen und Verschlüsselungsverfahren zu bekommen. Zugleich entwickelt das Militär eine neue Generation von kleineren, ferngesteuerten und teilweise bewaffneten Drohnen, die auch selbständig computergesteuert ohne menschliche Kontrolle agieren. 
Das hört sich alles so surreal an, dass man es kaum glauben kann.

In China und Russland gibt man sich nicht mal die Mühe der Heimlichkeit bei der Totalüberwachung. China testet gerade mit einer neuen elektronischen Karte, die die Träger wie einen Personalausweis immer dabei haben müssen, wie man Menschen erfassen und kontrollieren kann. Die Karte wird ständig von allen Institutionen ausgelesen, von jeder Polizeistreife, die jederzeit Leute auf der Straße festhalten und durchsuchen darf, bei jedem Kauf eines Zug-oder Flugtickets, in jedem Internetcafé oder beim Buchen eines Hotels. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Die Karte hält auch fest, ob man sich schon mal beschwert hat über öffentliche Missstände.
In Russland hat das Telekommunikationsministerium gerade den Entwurf einer Verordnung vorgelegt, die Internetprovider ab Juli 2014 zwingen will, generell Abhörausrüstung zu installieren, um dem russischen Geheimdienst FSB uneingeschränkten Zugang zum gesamten Datenaustausch im Land zu ermöglichen.
In Indien ist die zentrale Speicherung CMS („Central Monitoring System“) in Bangalore ein vergleichbares Projekt. Zur Zeit wird noch die Infrastruktur aufgebaut, aber der gesamte Datenverkehr wird bereits so weit wie möglich überwacht.  In Indien gibt es keinen rechtlichen Schutz der Privatsphäre oder der persönlichen Daten, nur Gesetze, die das Verbergen von Daten bestrafen. Telefonüberwachung findet dort ebenso statt wie ein großes biometrisches Programm. Die Abgabe der Fingerabdrücke und Iris-Scans geschieht freiwillig, aber wer sich nicht erfassen lässt, bekommt keinen Zugang zu behördlichen Leistungen wie Ernährungs- oder Schulprogrammen.

Warum halte ich Ihnen all das heute so eindringlich vor Augen?
-          Ich tue das, weil wir uns in Barmen an den Widerstand gegen ein totalitäres System und die Barmer theologische Erklärung erinnern.
-          Ich tue das, weil es nur Gott zusteht, uns ganz zu kennen. Ich tue das, weil Menschen nicht einmal mit der Macht, uns weitgehend zu kennen und teilweise vorhersagbar zu machen, auch nur annähernd umgehen können. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an“ (1. Samuel 16,7) Man könnte heute hinzufügen: Der Mensch sieht, was er ausnutzen kann, Gott aber sieht das Herz an. Die Bibel weiß um den Unterschied.
-          Ich tue das, weil wir hier heute die Zugänglichkeit eines Schutzraums feiern, in dem Menschen sich gegenseitig vertrauensvoll begegnen können und auch, wenn sie wollen, Gott im Gebet ihr Herz ganz öffnen können wie der Psalmbeter, ohne Angst, dass Gott dieses Wissen missbraucht. Bibeltexte wie der Psalm 139, „von allen Seiten umgibst du mich, Gott“, können nur tröstlich im völligen Vertrauen sein. Menschen an Gottes Stelle sind in diesem Psalm undenkbar. Es wäre ein Albtraum, überall von ihnen und ihrem Wissen umgeben zu sein und dann ihrem Machtmissbrauch ausgesetzt zu sein.  Und die großen Firmen, die unseren Daten haben wollen, um uns per Big Data, durch Riesendatenmengen zu Objekten ihrer Verkaufsstrategien zu machen, sind nicht viel besser. Auch ihr Wissen ist eine Macht, die zum krassen Missbrauch einlädt und die mit Sicherheit missbraucht werden wird.
In der Bibel, im Buch der Offenbarung, ist Totalüberwachung ein Kennzeichen teuflischer Macht (Offb. 13,16-17): „16 Und es (das Wesen, das die Macht hat) macht, dass sie allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen machen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn,  17 und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat, nämlich den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.“

Ich habe zwar oft den Satz „Ich habe ja nichts zu verbergen“ gehört. Aber dabei habe ich immer schmunzeln müssen. Wenn jemand, der Ihr Leben kennt, zum ersten Mal einem guten Freund erzählt, wie Sie bei ihrer Frau oder Ihrem Mann über ihn gelästert haben, oder ihrem Chef erzählt, was Sie in Wahrheit über ihn denken, oder der Steuerbehörde von Ihrem letzten kleinen Kniff, oder der Firma, wo sie anfangen wollen, wegen Ihrer politischen Einstellung von einer Anstellung abrät, dann haben Sie bestimmt nichts dagegen, weil sie ja nichts zu verbergen haben! Diese Beispiele ließen sich leicht vermehren.
In einem satirischen Jahresrückblick hieß es: „die Rentner haben gesagt, mich können die ruhig abhören, ich hab's an der Lunge: das macht mein Doktor auch jede Woche.“

Ich weiß, dass es uns nicht leicht fällt, im weitergehenden Alltag, in dem sich scheinbar so schnell nichts ändert, das Ausmaß der Bedrohung durch totale menschliche Kontrolle zu begreifen. Und ich weiß, dass wir uns ratlos fragen, wie und von wo aus wir das verhindern können. Sind wir nicht schon machtlos?

Nein, das sind wir nicht! Gottes Nähe ist unser Glück! Wo immer wir sie spüren, da atmen wir auf und wissen uns auf gute Weise geborgen. Sie ist ein sicherer Ort, aus dem heraus wir denken und handeln können. So wird diese Nähe für uns auf gute Weise neu zu einem Schutzraum, zu dem die geschilderten Überwachungsmaßnahmen keinen Zugang haben. Luther hat es uns vor langer Zeit vorgesungen: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.“ Der Schutzraum der Kirche und der Kirchen hat sich auch in Zeiten der Nazidiktatur und der Stasiseuche bewährt, trotz Menschen, die ihn verraten haben.
All diese völlig außer Kontrolle geratenen Schnüffler und alle diese demokratiefeindlichen Heimlichkeitskartelle werden unsere Nähe zu Gott weder verhindern noch überwachen können. Aber wir werden umgekehrt daraus Kraft und Orientierung schöpfen und alles tun, um sie in die Schranken zu verweisen und die Freiheit der Kinder Gottes zu schützen. Wir wollen sie hindern und ihnen das Handwerk legen, so gut wir können.

Ohne diese himmlische Perspektive, ganz frei von Satelliten, wäre ich ziemlich ratlos und würde mich sehr klein und verloren fühlen, wie der Beter am Anfang des Palms. Die persönlichen Lasten zusammen mit all den Risiken und Unwägbarkeiten, die sich deutlich um uns herum in Gesellschaft und Umwelt abzeichnen, wären mir zu viel: sie würden mich erdrücken.

Aus zwei Gründen tun sie das „aber“ nicht:
-          erstens, weil Gottes Nähe ein unerschöpfliches Wunder ist, aus dem uns Freude und Glück zufließen kann auf eine Weise, die nichts mit Macht und Geld zu tun hat und die doch viel stärker und reicher als beides macht. Wenn uns etwas Hoffnung und Zukunft geben kann, dann das!
-          zweitens, weil diese Nähe zu Gott Gemeinschaft stiftet. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, sagt Jesus, da bin ich – helfend, begleitend, wegweisend, tröstend, stärkend und verbindend – mitten unter ihnen.

Diese geistlich genährte und erfüllte Gemeinschaft ist mitten unter uns lebendig und spürbar, hier in dieser Gemeinde, unter uns Alltagsmenschen mit all unseren Macken und Fehlern. Wir teilen diese Gemeinschaft bereitwillig mit Christen und Nichtchristen in diesem Stadtteil. Wir wollen auch unsere Dankbarkeit und unsere Zuversicht heute gern mit allen teilen. Die Jahreslosung erinnert uns, und nun wissen wir, dass das Aber am Anfang dazu gehört:
ABER wir: Gott nahe zu sein ist unser Glück.
Das wollen wir feiern!