KARFREITAG 2014

Predigt: "Das KREUZ - ein Koan"

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Beim Gang über den Friedhof laufen wir vorbei an Grabsteinen, die in der Regel nicht nur einen Namen, sondern auch zwei Daten tragen – den Geburtstag und den Sterbetag eines Menschen.
Der Geburtstag, der zeitlebens ein Grund zum Feiern war – so wie wir alle Geburtstage feiern, unsere Eigenen und die von Anderen, und wie auch die Christenheit die Geburt Jesu feiert.
Und der Todestag eines Menschen, der für die Hinterbliebenen zeitlebens ein Datum des Schmerzes im Kalender bleibt – so wie auch die Christenheit (und wir heute mit ihr) am Karfreitag dem Lebensende Jesu und dem Schmerz Raum geben.

Dabei sind Gräber und Grabsteine nicht immer Orte, die man mit Wehmut und Anstand, Traurigkeit und ein paar Blumen besucht. Sie sind oft auch ein Ort an dem Menschen stehen, die nicht im Reinen sind mit dem Toten.
Nicht zu Lebzeiten und auch nicht danach.
Offene Fragen, unerledigte Dinge, Schuldzuweisungen und Klagen, Unversöhnlichkeiten, Enttäuschung und Wut können in dem sein, der ein Grab aufsucht und davor steht … Und im Dialog mit dem Toten kommen Fragen hoch nach dem „Warum und Wieso“, artikulieren sich auch nach dem Tod noch Vorwürfe, Wunden und Zerwürfnisse … Und eine innere Stimme sagt: „Ich bin mit Dir, über Deinen Tod hinaus, bis heute nicht im Reinen!“

Kann man, so lautet meine Ausgangsfrage an diesem Karfreitag, eigentlich am Kreuz Jesu stehen und damit im Reinen sein?
Im Reinen mit dem, dessen Lebensende die Christenheit heute bedenkt?
Nein, eigentlich ist es noch komplizierter und müsste präziser heißen:
Kann man vor diesem Tod stehen und im Reinen sein mit diesem Gott, den Jesus seinen und unseren Vater genannt hat – den er uns bringen und zeigen wollte – und der ihn dann vor aller Augen und aller Welt so preisgibt?

Diese Frage ist ernstgemeint – angesichts der Selbstverständlichkeit und der Gewohnheit, mit der wir von Gottesdienst zu Gottesdienst diesen Gott anrufen, von ihm reden, ihn suchen und bekennen?

…..

Nein, immer wieder bin ich nicht im Reinen mit diesem Toten und seinem Gott.
Ich trage dann zuviele Fragen und Klagen in mir beim Blick aufs Leben und auf die Welt.
Ich fühle mich dann dem, dessen Tod wir heute in den Mittelpunkt rücken, überhaupt nicht mehr nah.
Habe das Gefühl, ihn zu seinen Lebzeiten und danach mit seinem Vermächtnis eigentlich garnicht zu verstehen - ihn nicht und seinen Gott nicht.
In Gedanken halte ich ihm die Tageszeitung vor die Nase und die Geschichtsbücher dieser Welt, nenne ihm Namen und Schicksale, erzähle ihm, was sich alles auftürmt und aufgetürmt hat an Wut und Ärger, Tränen und Resignation.
Und wie die Hinterbliebenen an Gräbern stehen und in ihrer Zwiesprache mit dem Toten eigentlich ein Selbstgespräch führen, kommt keine Antwort zurück, die hilft oder irgendetwas bewegt und erklärt …

Bevor wir übermorgen Ostern feiern, muss Raum sein für solche Empfindungen.
Denn sie gehören zu uns und zum Leben.
Auch zum Leben derer, die mit Ernst Christen sein wollen.
Alles Andere halte ich nicht für ehrlich und auch nicht für biblisch.
Denn hin und wieder sind wir alle nicht mit Gott im Reinen, können es garnicht.

Aber so paradox das klingt:
Gerade weil wir mit diesem Toten, mit diesem Kreuz, nicht einfach im Reinen sein können, deshalb müssen wir diesen Ort, der sich Karfreitag nennt, immer wieder aufsuchen wie die Gräber unserer Lieben.
Uns dem stellen, was da nun genau passiert sein soll.
Hingucken, aushalten, reden und durchbuchstabieren – den der gelebt hat, der dann scheinbar so gottverlassen gekreuzigt wurde und angeblich, wie die Frauen es am Ostermorgen hören, nicht mehr bei den Toten zu finden ist …
….

„Abba“ - lieber Vater, Papa – hat Jesus doch zu Gott gesagt.
Das klingt so nah, zärtlich und intim.
Und das Vater-Unser ist ja auch das Gebet, das wir auf Jesus zurückführen.
Martin Luther meint dazu: „Vater ist ein so kurzes Wort und sagt aber alles. Da spricht nicht nur der Mund, sondern das Inwendige!“

Aber am Kreuz stehend, kommen uns doch – wenn wir ehrlich sind - Fragen:
Warum lässt dieser Vater, den, der ihn so angeredet hat, so enden?
Ist es ein Gott, der ohnmächtig oder grausam ist?
Ist es ein Gott, der die vertrauensvolle Anrede Vater, Abba, Papa verdient hat?
Hat Jesus sich geirrt, so von Gott zu reden und zu denken, wie er es zu Lebzeiten getan hat?

Oder nehmen wir den Psalm 23.
Er spricht uns so tief an mit all den Sätzen des Trostes und des Vertrauens.
Und Viele können ihn auswendig:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Wiese und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße, um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück ...“
Wo aber ist dieser Gott am Karfreitag?
Und warum hast Du, Jesus, nicht diesen Psalm auf den Lippen gehabt, sondern den, der in unserer Zählung als Ps. 22 davor steht, und der beginnt mit der Frage: „Mein Gott, mein Gott – warum hast Du mich verlassen?“

…...

Der Rabbiner Harold Kushner antwortet auf diese Fragen mit dem Verweis auf das eindrückliche, christliche Symbol der „Pieta“.
Und der berühmt gewordenen Skulptur, die Michelangelo 1498 geschaffen hat.
Sie zeigt Maria, wie sie den toten Jesus in ihrem Schoß hält, auf ihn blickend mit einer solchen Zärtlichkeit und Trauer, dass – so sagt Kushner – man nicht den christlichen Glauben teilen muss, um bewegt zu sein von dieser Szene.
Nirgendwo in den Evangelien steht, dass es sich wirklich so abgespielt hat und Maria ihren Sohn wirklich so gehalten hat, nach dem man ihn vom Kreuz abnahm.
Was aber ist so bewegend an diesem wahrscheinlich eher unhistorischen Bild?
Es ist der symbolische Ausdruck, der über die Person Marias hinausgeht:
Denn – so empfindet es Kushner – es ist Gott selbst, der seinen Sohn da trauernd in seinem Schoß hat. Es ist die weibliche, mütterliche Seite Gottes, die da weint und trauert und untröstlich ist über den Tod dieses einen - wie über den Tod und das Leid aller seiner Kinder.

Eine christliche Deutung würde noch einen Schritt weiter gehen und sagen: In dem geschundenen, vom Kreuz genommenen Leichnam Jesu sehen unsere Augen und Herzen Gott selbst, zumindest einen Teil von ihm - nämlich den menschgewordenen, gekreuzigten Gott.
Den Gott, der herabgestiegen ist und ganz real teilnimmt am menschlichen Schmerz, an Folter und Tod, an Verlassenheit und Verzweiflung, wie sie zu dieser Welt gehören.

…..

Ein Pfarrer schrieb dazu einmal: „Ich saß mit den Eltern zusammen, deren Sohn soeben bei einem Unfall ums Leben gekommen war und teilte ihren Schmerz. Was konnte ich tun? Erklärungen abgeben? Sagen, dass alles irgendwie in einem höheren Sinne sinnvoll sein sollte? Kluge Sprüche von mir geben? - Ich wäre mir idiotisch vorgekommen. Und mir fiel überhaupt nichts ein, als immer wieder nur das Kreuz in die Mitte zu stellen. Und damit den Gott, der sich mitleidend festnageln lässt!
Das gibt keine Antwort auf das „Warum?“, das nimmt uns nicht unsere Tränen und unseren Schmerz, aber es lässt uns ahnen, welches Vermächtnis in diesem Kreuz steckt, in dem Gott und Mensch zusammengehen und in dem die Senkrechte und die Waagerechte in einem Schnittpunkt zusammen treffen.

In Filmen und Romanen gibt es ja manchmal das Motiv, dass die Lebenden über das Handeln und Lebensende eines Verstorbenen rätseln.
Er oder sie hat etwas gemacht, das Fragen aufwirft oder sogar ganz kräftig fehlgedeutet wird.
Dann aber kommt Licht ins Dunkel und der Verstorbene hat vielleicht heimlich etwas aus tiefer Liebe getan, ein anderes Leben gerettet, eine Weiche zum Guten für Andere gestellt, ein Erbe hinterlassen, von dem niemand etwas wusste …

Und genauso, denke ich, erzählt es der christliche Glaube von Jesus und seinem Tod am Kreuz über die Jahrhunderte hin bis heute: Dass nämlich in diesem Tod Gott und Mensch, Himmel und Erde, Leid und Erlösung zusammenfinden.
Eine göttliche Liebe, die in der Person Jesu den ganzen Schmerz der Welt auf sich nimmt.
Eine göttliche Treue, die bis in den Tod geht.
Eine göttliche Hingabe, wie sie tiefer nicht sein kann.
Und dass deshalb – so heißt es – zum Zeitpunkt des Todes Jesu „der Vorhang im Tempel zerriss und den Blick auf das Allerheiligste freigab.“

….

In der japanischen Tradition des ZEN gibt es eine Praxis der Meditation, bei der die Schüler von ihrem Lehrer ein sog. „Koan“ bekommen. Dieses Koan ist ein Rätselwort, das mit dem Verstand und mit der menschlichen Logik nicht zu lösen ist. Darüber zu sitzen und zu meditieren und ein Koan zu lösen, führt nicht zu einem intellektuellen Begreifen oder zu einer intellektuellen Antwort – sondern mitten hinein in ein inneres, verinnerlichtes Bewusstwerden einer Wahrheit, die eigentlich jenseits von Verstand und Vernunft liegt.

Die Bibel, so sagen Christen, die für sich ZEN praktizieren, ist selbst voll mit solchen „Koans“ - etwa, wenn Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins“ oder „Ehe Abraham war, war ich“ oder „Wer sein Leben gewinnen will, der muss es verlieren“ …
Und vielleicht können wir heute morgen sagen, dass das Kreuz als Heilsgeschehen seit 2000 Jahren so etwas wie das größte „christliche KOAN“ ist.
Immer wieder angeschaut, immer wieder in den Mittelpunkt gestellt und zur Sprache gebracht als ein Geschehen und ein Symbol der Erlösung – aber immer ein Geheimnis bleibend, dessen verwandelnde Antwort auf einer anderen Ebene liegt als in Erklärungen und Bildern, die es gibt und die es braucht, aber die es letztlich doch nur umkreisend und ungenügend in Worte fassen.

….

Abba, Papa, lieber Vater hat Jesus zu Gott gesagt.
Und zum Schluss der Predigt an diesem Karfreitag denke ich nocheinmal an Luther, dem das Kreuz so zentral wichtig wurde.
Auch er war mit Gott nicht im Reinen, verstand ihn nicht, haderte mit ihm.
„Ich will einen Gott, der mich liebt und den ich lieben kann!“ war sein Hilfeschrei.
Kein Gott, dessen Liebe vage und ambivalent bleibt.
Aber dann erkannte dieser verängstigte, ungewisse junge Mönch: Das Kreuz ist meine Zuflucht und mein Trost, auch wenn es mir und der Welt ein ewiges Geheimnis und Rätsel bleibt.
Darauf hin lebe ich.
Und daraufhin sterbe ich.

…....

In zwei Tagen feiern wir Ostern und hören die Geschichte von den Frauen am leeren Grab.
Dann gilt es zu hören, was das nächste Koan, das nächste große Rätsel unserer Erlösung, ist: „Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Und wir kommen auf die Spur einer großen, verwandelnden Kraft.

Jetzt und heute aber schauen wir auf das Kreuz und teilen den Schmerz Jesu, den Schmerz Gottes und den Schmerz dieser Welt.
Denn es gibt keine Osterfreude und keinen Osterjubel ohne vorherige Erschütterung durch die Betrachtung des Kreuzes, an dem Jesus hängt.

Thomas Corzilius