OSTER-PREDIGT

(Ostersonntag um 5:30 - Frühgottesdienst)

Liebe Gemeinde an diesem frühen Ostermorgen!

Vor zwei Wochen haben sich meine Konfirmandinnen und Konfirmanden hier in der Hauptkirche ein Wochenende lang beschäftigt mit dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn.
Wir kennen sie alle, diese Erzählung von dem Sohn, der sich schon zu Lebzeiten des Vaters sein Erbe auszahlen lässt, ihn damit praktisch für tot erklärt, und schließlich bei den Schweinen landet, ein für jüdische Ohren unüberbietbarer Tiefpunkt.
Den Zugang zu dieser Erzählung haben sie gesucht und gefunden über die Gefühle, die alle beteiligten Personen haben:
Scham, Furcht und Reue bei dem, der da abgehauen ist
Sorge, Freude und Liebe beim Vater, der ihn nie aufgegeben hat und ihm bei seiner Ankunft entgegenläuft
Schließlich Eifersucht, Neid und Verstocktheit beim Bruder, der das Vaterhaus nie verlassen hat und sich zunächst der Mitfreude verweigert.
In der Erarbeitung der Geschichte haben Sie eine Verbindung hergestellt zu ihrer eigenen Erlebniswelt.

Dieser Ansatz, sich über die Gefühlswelt biblischen Geschichten zu nähern, ist großartig - d.h. es geht nicht in erster Linie um kluge Gedanken oder intellektuelles Verstehen, sondern über Empfindungen und Emotionen erschließt sich uns das Evangelium.
Und das dürfte wohl auch gelten für das Osterevangelium, das wir heute morgen so früh hören und feiern!

…....

Versetzen wir uns also in diesen Minuten des Tagesanfangs emotional hinein in die Frauen und Männer:
Wie sie fassungslos, zerstört, verzweifelt die Kreuzigung ihres Herrn und Meisters erleben.
Wie sie in den Stunden danach voller Angst, Ratlosigkeit, Enttäuschung und vielleicht auch Zynismus sind.
Dann am frühen Ostermorgen die Frauen – mit ihren Tränen und ihrer Trauer und dann ihrem Erschrecken und Nicht-Begreifen.
Und schließlich die Jünger, als die Frauen aufgeregt und verstört zu ihnen kommen, mit ihrer Skepsis, ihrem Kopfschütteln, ihrer Unfähigkeit zu glauben und zu verstehen …

…...

Machen wir uns bitte einen Augenblick bewusst, wie dieser Ostertag gerade erst beginnt und seinen Lauf nimmt.
In den nächsten Stunden bis zum Mittag werden unzählige Ostergottesdienste gefeiert, in den verschiedensten christlichen Kirchen und Gemeinden, mit Kindern und mit Erwachsenen.
Und bis zum Mittag, wenn die Sonne, die gerade aufgegangen ist, am höchsten steht, werden Hymnen und Osterlieder gesungen und es wird vollmundig überall zu hören sein: „Christ ist erstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!“
Es wird gepredigt von der Strahlkraft des Osterevangeliums, vom Sieg des Lebens, von Gewissheit, tiefer Freude und Verwandlung …
Und das ist gut so, das ist Ostern!
Osterpower auf allen Kanälen

Doch jetzt gerade in diesen Minuten hat der Ostermorgen erst begonnen und ich möchte zunächst gerne bleiben bei dieser frühen Stunde und der Dämmerung, bei dem erst gerade sich vollziehenden Übergang von der Nacht zum Tag, bei der Grenze, auf der die Frauen, die da zum Grab kommen, sich bewegen …

Die Begegnung mit der Gestalt, die Ihnen sagt: „Christus ist auferstanden!“ zaubert ihnen nicht sofort die Begeisterung ins Gesicht.
Sie gleiten nicht, nach einem Moment der Besinnung und des ungläubigen Staunens, hinein in den Osterjubel und das befreite Osterlachen.
Sie liegen sich nicht weinend vor Freude in den Armen und werden nicht erfasst von tiefer Gewissheit …
„Sie rannten davon mit Furcht und Zittern!“ heißt es knapp im ursprünglichen Schluss des ältesten Evangeliums, bei Markus.

Und weil das so ist, möchte ich an diesem frühen Morgen, wo wir ja gerade selbst feiern und bekennen: „Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden!“, Raum geben für die Gefühle und Empfindungen derer, die sich nicht so leicht tun mit dieser Vollmundigkeit und Gewissheit des Glaubens.

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Seien wir ehrlich:
Manchmal ist unser Glaube mehr ein „Ich möchte gerne Glauben“ als das wir tatsächlich erfüllt sind von tiefen Gewissheiten.
Manchmal möchten wir mehr glauben, tiefer glauben, gewisser glauben, als es uns tatsächlich gelingt.
Manchmal ist unser Glaube mehr ein „Ich lass es mir sagen“ oder ein gottesdienstliches „Ich spreche es mit“ als ein „Ich bin tief in meinem Herzen davon überzeugt“.

Wenn wir die Wahl hätten zwischen dem vollmundigen Paulus-Wort: „Ich bin gewiss, dass mich nichts und niemand von der Liebe Gottes trennen kann!“ und dem Wort des Vaters, der seinen kranken Sohn zu Jesus bringt und in seiner Unsicherheit sagt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“, würden wir uns wohl oft mehr für die zweite Varante entscheiden.

Das zuzugeben, dem Raum zu geben, das auszusprechen, scheint mir gerade an diesem Ostermorgen wichtig.

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„Ja aber wieso?“, könnte jetzt Jemand sagen.
“ Deine Aufgabe als Prediger ist es doch bitteschön, die die Dir zuhören, mit hinein zu nehmen in den Schwung und die Gewissheit des Glaubens!
Zweifel sind doch dazu da, überwunden zu werden!
Christus ist auferstanden und selbst die zunächst nicht begreifenden Frauen, die unsicheren Jünger, der Zweifelnde Thomas werden am Ende doch erfasst von der felsenfesten Gewissheit der Auferstehung ihres Herrn!“

Und so ist es ja auch.
Aber eben: „Am Ende“, nicht sofort, erst nach 40 Tagen, wo ihnen Jesus noch erscheint, erst nach 50 Tagen, wo der Geist über sie kommt, brechen sie durch zu einer zunehmenden Gewissheit des Glaubens.
Und nicht „Zack! Jetzt ist der Glaube da und schlagartig sind die Zweifel weg!“

Und auch da, wo die Gewissheit der Auferstehung sich am Ende durchgesetzt hat, gehören Zweifel immer wieder zum Glauben und sind Verunsicherungen und Fragen nicht einfach aus der Welt.
Auch der vollmundige Apostel Paulus hat seine schwachen Momente und seine Phasen der Anfechtung, wie seine Briefe zeigen.
In den ersten Gemeinden kursieren schnell fundamentale Zweifel.
Der Hebräerbrief ist ein einziges Durchhalte- und Ermutigungsschreiben an ungewiss und müde gewordene Christen.
Und das letzte Buch der Bibel ersehnt den neuen Himmel und die neue Erde, wo bei Gott nicht nur alle Tränen und Trauer ein Ende haben, sondern auch alle Unsicherheiten und Zweifel – und offenbar wird, was vorher noch verdeckt und verhüllt ist.

Ich schließe daraus an diesem frühen Ostermorgen, dass in der Kirche immer auch Platz sein muss für Menschen mit Zweifel und für unsere eigenen Fragen und Unsicherheiten.
Zuviel strahlender Glaube und zu vollmundig verkündigte und geforderte Gewissheit im Glauben können auch abstoßend sein.
Zuviele Antworten können die frustrieren, die sagen: „Ich bin noch nicht soweit!“ oder „Da komm ich nicht mit!“

Die Geduld und das Verständnis, mit der auferstandene Christus dem Zweifler Thomas begegnet, ist für mich deshalb rührend und sehr symbolisch:
Er darf seine Hände in die Wunden Jesu legen und Jesus teilt mit ihm sozusagen und sinnbildlich seine eigene Verwundung, seinen Weg des leidvollen Ringens, seinen Schrei nach Gott, der am Kreuz scheinbar unerhört geblieben ist ...
Anschaulicher und treffender kann man nicht ausdrücken, dass auch die Grauzone der Zweifel, die Morgen-Dämmerung der Uneindeutigkeit und das Nicht-so-glauben-Können bei Gott Platz und Raum hat.

…......

Aber nochmal könnte an diesem Ostermorgen ein Einwand kommen, der sagt: „Das ist ja alles irgendwie richtig. Aber am Ende steht eben doch die Gewissheit des Glaubens. Sonst säßen wir auch heute morgen nicht hier. Und besteht das Problem der Kirche und der Menschen nicht gerade darin, dass wir alle zwar ständig in unseren Zweifeln und unserer Skepsis bestätigt werden – aber eben die klare Gewissheit und die Kraft des Glaubens fehlt und in unseren Volkskirchen nicht mehr verkündigt wird?“

Auch diesen Einwand möchte ich ernstnehmen.
Er entspringt dem Wunsch nach Klarheit und Gewissheit in Glaubensdingen.
Und nach Aufbruch und einer mitreißenden Kirche und Gemeinde!
Wie sie scheinbar – so empfinden manche - mehr zu finden ist in freikirchlichen und charismatischen Gemeinden.
Oder wie sie erlebbar in den Geschwisterkirchen in anderen Teilen der Welt, wo der Glaube ganz anders lebendig ist.
Ostern schreit doch förmlich danach, dass es auch in Ihrem und meinem Leben und Glauben, in unseren Kirchen und Gemeinden Auferstehung und Erweckung, Oster-Gewissheit und Oster-Begeisterung gibt!
Und dass es mal ein Ende hat mit all der Mittelmäßigkeit, in der wir uns bewegen, oder?

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Jetzt gerade aber, wo der Ostermorgen erst zaghaft beginnt und in der Morgendämmerung noch Raum sein muss für den weiteren, steigenden Verlauf der Ostersonne, bleibe ich bewusst bei der Botschaft:
Die Frauen haben es zunächst nicht begriffen, die Jünger reagierten mit Skepsis und Thomas gibt allen Zweiflern bis heute ein bleibendes Anrecht in der Gemeinde und in der Nähe des Auferstandenen!

Jede ernsthafte und ehrliche Seelsorge wird dies bestätigen.
Verdrängte Zweifel suchen sich ihre Wege, um dann – wenn sie unterdrückt werden mussten – vielfach heftig zu Buche zu schlagen.
Kirche wird nicht durch ihren Triumphalismus attraktiv, sondern durch ihre Barmherzigkeit gegenüber Schwachheit und Ambivalenz.
Und der Auferstandene selbst und Gottes Handeln wird bis zum letzten Tag nicht umfassend erkannt werden.

…..

Erst jetzt und nach diesem Zuspruch für uns alle, sage ich: „Christ ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“.
Für die Zweifler, Unsicheren, Ambivalenten ebenso wie für die, die sich vorbehaltlos glückselig hineinfallen lassen können in diese alle Dimensionen sprengende Botschaft !!!
Die Ostersonne darf steigen.
Glaube und Verstehen haben und brauchen Zeit, dürfen wachsen & zunehmen.
Wie bei Maria und Salomé, Petrus und Jakbus und dem Zweifler Thomas, der am Ende auch sagt: „Mein Herr und mein Gott!“

Und während die Ostersonne allmählich weiter steigt und gleich, nachher, später überall die Glocken im Land zu den Oster-Gottesdiensten für die Ausgeschlafenen rufen, sage ich zum Schluss:

Lasst uns alle – Gewisse und Zweifler – Ostern erfahren, spüren, emotional davon ergriffen und berührt werden.
Und dann in den kommenden Tagen und Wochen Ostern in kleine Münze umsetzen und vielleicht unsere eigenen, kleinen und großen Auferstehungen erfahren:

In menschlichen Beziehungen neue Anfänge wagen
Mal kräftig österlich lachen über Dinge, die uns unötig im Griff haben und die Luft rauben – und ihnen mit einem fröhlich-österlichen Adé den Laufpass geben
den Großmut und die Großzügigkeit neu entdecken und Anderen mal Recht geben und die Vorfahrt lassen
Den Tod nicht mehr fürchten als nötig
Und Lebensluft teilen mit Anderen

Gesegnete Ostern nun uns allen am frühen Morgen und im allmählichen Hellerwerden – innen und außen!

Amen

Thomas Corzilius