Aktuelle Predigt (am Sonntag nach Ostern)

Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilien!

Wie schnell lassen wir unsere christlichen Feste schon wieder hinter uns.
Kaum ist das Weihnachtsfest im Dezember vorbei, knallen die Korken, fließt der Sekt und wir tanzen in ein neues Jahr, in dem die Weihnachtsbäume schnell entsorgt werden.
Und kaum war Ostern, das Fest des Lebens und der Auferstehung, hat der Alltag die Menschen wieder, alle Schokohasen und bunten Eier sind gegessen und die Welt dreht sich weiter wie gehabt …

Aber so schnell möchte ich das Osterfest nicht hinter uns lassen.
Und deshalb gibt es heute nocheinmal eine österliche Predigt.

Und ich lese als Text, was der Apostel Paulus im 15. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Korinth über die Auferstehung schreibt:
„Christus wird verkündigt als der Auferstandene – Einige unter Euch aber sagen, es gibt ja gar keine Auferstehung von den Toten. Wenn es aber keine Auferstehung gibt, dann ist auch Christus nicht auferstanden, dann ist unsere Verkündigung falsch und Euer Glaube vergeblich. Dann reden wir falsch gegen Gott und dann sind wir ziemlich armselig, weil uns nur dieses kleine Leben auf der Welt bleibt und nach dem Tod nichts mehr kommt.
Nun aber halten wir daran fest, dass Christus tatsächlich lebendig und auferstanden ist und der Erstling geworden unter denen, die entschlafen sind.
Wenn aber nun Jemand fragt: Wie sollen die Toten denn auferstehen? Wie wird das sein? Und was für einen Leib werden sie haben?
Dann lasst Euch sagen: Was wir jetzt sind im Leib, das ist vergänglich, Fleisch und Blut. Alles Vergängliche aber wird verwandelt werden und in eine unsterbliche, andere Form übergehen.
Deshalb spekuliert nicht darüber mit irdischen Maßstäben.
Sondern freut Euch an der Botschaft: Der Tod ist verschlungen, er hat seinen Stachel verloren und wir haben Anteil am Sieg über alles Vergängliche durch Jesus Christus unseren Hern!“

Soweit also der Predigttext, am Sonntag nach dem Osterfest.

Können Sie, können wir etwas damit anfangen?

Paulus hat diese Zeilen vor fast 2000 Jahren an eine kleine Christengemeinde in der Hafenstadt Korinth geschrieben. Das Christentum steckte noch in den Anfängen und
in den Kinderschuhen.
Aber schon damals gab es Menschen, die sagten: „Das mit der Auferstehung ist doch Märchen und Wunschdenken. Mit dem Tod ist es vorbei, da kommt nichts mehr, da ist Endstation. Lasst uns damit umgehen, uns damit abfinden, nicht irgendwelchen Phantasien nachrennen!“
Andere dagegen waren der Meinung: „Es gibt eine Auferstehung, ein Leben nach dem Tod, ein Jenseits!“ Aber sie waren mit der Frage beschäftigt: „Wie sieht das wohl aus? Wie haben wir uns das vorzustellen?“ Und in ihren Spekulationen hatten sie die unterschiedlichsten Phantasien.
Und obwohl sie doch Christen waren in Korinth, schien auch die Osterbotschaft von der Auferstehung Christi nicht unumstritten, denn Einige begegnen der ganzen Frage nach einer Auferstehung mit Skepsis – sowohl der Auferstehung aller Menschen wie auch der von Jesus nach seiner Kreuzigung …

Eigentlich ist das alles, trotz 2000 Jahren Abstand, gar nicht anders als bei uns, oder?
Die gleichen Fragen haben wir doch auch nach wie vor, auch wenn unsere Ausdrucksweise und unser geistesgeschichtlicher Kontext nicht der von Damals in Korinth war.

Gibt es also, so frage ich eine Woche nach Ostern, eine Dimension des Lebens und der Hoffnung und der Auferstehung über unser kleines, irdisches, in Raum und Zeit verortetes, im Körper gelebtes Leben hinaus?

…..

Die Allermeisten denken zunächst, dass in der ganzen Bibel von Anfang bis Ende natürlich und selbstverständlich davon die Rede ist, dass Sie und Ich ein Leben nach dem Tod haben.
Aber das ist falsch.
Denn zunächst einmal kannten die Menschen in frühen Zeiten im Alten Testament weder einen Jenseitsglauben noch eine Jenseitssehnsucht.
Sie waren ganz im Reinen mit der Tatsache, dass hier auf der Erde zwischen Geburt und Tod unser Platz ist und dass dieses begrenzte Leben eine gute Gabe Gottes ist.
Hier und Jetzt ist zu leben und zu glauben, ganz irdisch, ganz diesseitig.
Und wer fromm ist, erfährt Segen.
So wie Abraham, von dem es heißt: „Er starb alt und lebenssatt!“
Man darf das wörtlich nehmen: So wie Jemand nach einer guten, vollen Mahlzeit den Teller zufrieden von sich schiebt, kann Jemand sagen: Nun hab ich genug, ich bin gesättigt, die Mahlzeit ist gegessen!

Unsere moderne Frage, ob und wie unsere Seele nach dem Tod weiterlebt oder wir, jeder Einzelne, irgendwie als Individuen auferstehen in einen „Himmel“, in ein Jenseits – diese Frage gab es zunächst überhaupt nicht.
Ein Mensch zu den frühen Zeiten des Alten Testamentes hätte sie garnicht verstanden.
Erst im weiteren Verlauf der Lebens- und Weltwahrnehmung tauchte eine Frage auf und die ist ebenfalls bis heute aktuell und unserem Leben nah – nämlich:
Wie kommt es, dass die größten Schurken und Halunken auf dieser Welt oft scheinbar gesegneter – sprich: Reich, satt und lange – leben, während der Gerechte, Unschuldige und Fromme oft leiden muss?
So wie es im Buch Hiob und in den Psalmen immer wieder thematisiert wird.
Wenn es Gott gibt – den Gerechten: Warum?
Wo ist er?
Gibt es keine ausgleichende Gerechtigkeit?
Für die Menschen des Alten Testaments war das nicht nur eine individuell Frage im Blick auf den Einzelnen, sondern auch eine Frage des ganzen Volkes Israel: Steht Gott nicht zu seinen Verheißungen? Gilt sein Wort nicht mehr?
Und so wurde diese Frage im Laufe der Jahrhunderte für Israel weniger zu einer Jenseitssehnsucht esoterischer und religiöser Art als vielmehr zu einer grundsätzlichen Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, die auf dem Spiel steht.

Und erst an dieser Stelle erweitert sich der Verstehens- und Deutungshorizont hin zu der Frage:
Wohin entwickelt sich die Welt?
Was kommt nach dem Tod?
Und wie und wo zeigt sich die bleibende Gerechtigkeit Gottes?

….

An dieser Stelle halte ich inne.
Und teile mit Ihnen, dass ich in der vergangenen Woche, so kurz nach den Ostertagen, sofort wieder zwei Beerdigungen hatte:
Eine, bei der ich mit dem Urnenträger ganz alleine war – ohne Angehörige und ohne dass ich mehr wusste als den Namen und die Daten von Geburt und Tod.
Und eine, mit reger familiärer Anteilnahme, bei der ein Mensch für unser Ermessen zu früh und als eigentlich doch noch tatkräftiger Mensch gestorben ist.

Und beide Male wurde mir bewusst, was Paulus meint, wenn er den Korinthern schreibt: „Hoffen wir alleine in diesem Leben und sagen: Es gibt nichts darüber hinaus! Dann sind wie elend und arm und brauchen auch den ganzen christlichen Glauben nicht!“
Denn was bleibt, wenn Jemand am Ende – wie bei einer anonymen Beisetzung ohne Resonanz – sein Ende findet, zwischen zwei Daten mit Bindestrich?
Und was soll es überhaupt – all unser Mühen, Sich Sorgen, Lieben und Ärgern, Hoffen und Bangen?

Wie wird der Pfarrer oder wie wird die Pfarrerin nun da vorne dann wahrgenommen, wenn sie neben dem Sarg stehen und ihren Mund aufmachen?
Haben sie etwas Gehaltvolles, Tröstliches zu sagen?

Mancher mag an der Stelle, wo es die Hoffnung über den Tod hinaus geht, denken: „Erzähl mir nix. Ich glaub nicht dran!“
Andere mögen sehr empfänglich sein in ihrer Trostbedürftigkeit und ihrem Schmerz.
So wie die Menschen in Korinth damals.
Auferstehung?
Hoffnung über den Tod hinaus?

…..

Zu allen Zeiten, in allen Kulturen und Religionen – so sage ich oft – haben die Menschen die Ahnung, die Hoffnung und das Wissen davon gehabt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Und dass es jenseits unserer Dimension von Raum & Zeit ein weiteres, anderes und größeres Leben gibt.
Die Bilder und Vorstellungen davon sind – in den Kulturen und Religionen der Welt - ganz unterschiedlich.

Als Christen jedenfalls verknüpfen wir unsere Trauer mit dem Fest, das wir vor einer Woche gefeiert haben und mit den Bildern unserer eigenen Tradition – nämlich mit dem Osterfest von der Auferweckung Christi.
Wie sie im Einzelnen zu verstehen ist, darf im Verstehen und in der Deutung durchaus offen bleiben und variieren.
Aber der Kern bleibt : „Ich lebe und Ihr sollt auch leben und Ihr werdet den Tod nicht sehen auf ewig!“ sagt der Auferstandene.
Und in Anknüpfung an die alttestamentliche Frage nach der Gerechtigkeit Gottes:
Gott wird sich erweisen als der Gerechte und der Treue – und am Ende können wir nicht tiefer fallen als in seine Hände, die uns bergen!

…..

Doch wie sollen wir uns die Auferstehung denken?
Leiblich – konkret?
So, dass wir uns als Einzelne wiederfinden, wie man nach einer Bootsfahrt am anderen Ufer aussteigt?
Auf einer Wolke sitzend und Harfe spielend, wie es in Witzen und Karikaturen oft erzählt und gezeichnet wird?
Von Jimi Hendrix und anderen verstorbenen Rockstars sagt man ja im Scherz: „Nun machen sie da oben gemeinsam eine himmlische Jam-Session.“
Und auf die Frage, ob wir im Himmel unsere Lieben wieder sehen, antwortete Karl Barth einmal: „Ja, aber die Anderen auch!“
Wir merken: So oder so, humorig oder ernst, haben wir so unsere Vorstellungen und fragen nach dem „Wie“ genauso wie die Korinther damals.

Die Antwort des Paulus darauf ist ziemlich klar:
„Was wir jetzt sind im Leib, das ist vergänglich. Alles Vergängliche aber wird verwandelt werden und in eine unsterbliche, andere Form übergehen.
Deshalb spekuliert nicht darüber mit irdischen Maßstäben!“
Denn alles, was wir von uns aus denken und uns vorstellen können, bleibt letztlich in den irdischen Grenzen von Raum und Zeit, Ich und Du, Gedanke und Gefühl gefangen – und so wie die Ameise zu meinen Füßen nichts weiß vom Himmel und der Größe der Erde, über die sie krabbelt, oder wie die Raupe noch kein Schmetterling ist, so sprengt auch die Auferweckung all unser Vorstellungsvermögen.

Den Unterschied im Lebensvollzug aber macht nicht die Vorstellung vom Wie, sondern das Hören auf den grundsätzlichen Zuspruch des Osterfestes:
„Euer Herz erschrecke nicht!
Vertraut auf Gott und schaut auf Christus!
Denn durch, mit und in ihm haben wir das Leben, das am, Ende größer ist als unsere irdisch erlebte Endlichkeit!“

…...

Und so gehört an diesem Sonntag nach Ostern heute morgen beides zusammen:
Die fröhliche Taufe, die Freude am Frühling und die Feier des Lebens.
Und der Zuspruch von Auferstehung und ewigem Leben in einer endlichen Welt.

Thomas Corzilius