Pfingstpredigt 8.6.2014 Unterbarmer Hauptkirche


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Liebe Gemeinde!

Wo die beiden Türme gestanden haben, die uns als World Trade Center ein Begriff sind, befinden sich heute – der Grundfläche entprechend - zwei quadratische Brunnen mit fließendem Wasser und als Umrandung die eingravierten Namen der 3000 Menschen, die beim Terrorangriff am 11. September 2001 ums Leben gekommen sind. Statt der beiden Türme gibt es neu gepflanzte Bäume; einen ursprünglichen Baum, der das Desaster überlebt hat; ein soeben eröffnetes Museum; neue Hochhäuser und über allem den 540m hohen Freedom-Tower, der sich wie zum Trotz über allem erhebt …

Viele von Ihnen wissen, dass ich – zusammen mit Uwe Fischer-Rosier – gerade zurückgekehrt bin von einer knapp zweiwöchigen Reise nach New York und dort waren wir eben auch am eben beschriebenen „Ground Zero“ als Gedenkstätte und Mahnmal für das Ereignis, das die Weltpolitik und Weltwahrnehmung in den letzten 13 Jahren so spürbar mitverändert hat.

Bei der Vorbereitung zur heutigen Pfingstpredigt kam mir der Besuch am Ground Zero sofort in den Sinn, denn er ist ein Ort und ein Symbol für unsere kriegerische, unversöhnte und brutale Welt, in der es die Menschen nicht schaffen, friedlich miteinander zu leben.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe, sagt Jesus einmal.
Und wer Ohren hat zu hören, der höre.
Denn was passiert da gerade wieder weltpolitisch an Rückfall in den Kalten Krieg, an Mobilmachung, Scharfmacherei und Frontstellung zwischen Ost und West, den USA, Russland und der NATO?
Und welche Mechanismen kommen da wieder in Gang und verschärfen sich und spitzen sich zu – so dass es uns eigentlich alle ergreifen müsste zu einer neuen, massiven Friedensbewegung, zum Aufwachen und zu einem unüberhörbar kollektiven Nein …?!

Aber da greife ich jetzt gerade schon vor und lese erst einmal den Predigttext zum heutigen Pfingstfest:

Ratlos, mutlos, unsicher saßen die Freunde und Freundinnen des Jesus von Nazareth beieinander in einem Haus in Jerusalem, der Hauptstadt und Tempelstadt Israels – während um sie herum ein großes jüdisches Fest gefeiert wurde, zu dem Tausende von Menschen aus allen Himmelsrichtungen angereist waren.
Da geschah plötzlich etwas mit ihnen.
Vergleichbar mit einem frischen, kräftigen Wind, der ihnen in Kopf, Herz und Glieder fuhr.
Oder vergleichbar mit der Kraft des Feuers, das brennt und leuchtet und verzehrt.
Und sie wurden erfüllt mit der Lebens- und Liebeskraft, die wir den Heiligen Geist nennen – Gott selbst und seine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.
Und all diese Jesusleute, die zuvor noch kraftlos, ratlos und mutlos waren, wurden *Feuer und Flamme“ und teilten ihre Begeisterung, ihre Geistbegabung, sofort mit den Anderen.
Sie fanden Worte, die in allen Sprachen verstanden wurden.
Sie steckten Andere an mit der guten Nachricht des Evangeliums.
Und viele wurden berührt von dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, die von Gott kommt und die Kraft hat, die Welt zu retten und Dunkles hell zu machen.
Und als Petrus predigte, ging es den Menschen durchs Herz und Tausende öffneten sich dem heilenden und zurecht bringenden Lebensgeist.
Und das Reich Gottes nahm wieder ein Stück weiter seinen Lauf in dieser Welt.

….

Unter dem Eindruck des Besuches am Ground Zero und im Blick auf die aktuellen weltpolitischen Entwicklungen empfinde ich in diesem Jahr noch einmal sehr stark die Aktualität dieser Pfingstgeschichte.

Denn es ist ja nicht einfach eine alte Bibelgeschichte über ein kurioses, uns fernes Ereignis damals – sondern eine Geschichte, in der es um die Frage geht, welche Geister und Ungeister diese Welt regieren und in unseren Köpfen und Herzen welchen Raum finden.
Diese Welt, in der unsere Kinder und Enkel wie Lara und Elias eine Zukunft haben sollen.
In dem wir Erwachsenen Häuser bauen, Apfelbäume pflanzen und Kinder großziehen wollen.
Und in der die Alten in Frieden alt sein wollen, die bereits ein oder gar zwei Weltkriege erlebt haben …

…....

Wie also heißt es in dieser Pfingstgeschichte?

„Ratlos, mutlos und unsicher saßen die Freunde und Freundinnen Jesu beieinander“, so beginnt die Erzählung.
So wie auch wir manchmal ratlos, mutlos und unsicher in die Welt blicken.

Zuvor hatten sie erlebt, wie ihr Jesus verraten und getötet wurde.
Dann erfuhren sie das Osterwunder seiner bleibenden Lebendigkeit und anhaltenden Wirksamkeit, wie immer die Osterscheinungen zu deuten sind, die ihnen widerfuhren.
Und nun, wo Jesus nicht mehr physisch-leibhaftig bei ihnen war, warteten sie auf die Einlösung seines Versprechens, dass der Geist Gottes als Tröster und Begleiter zu ihnen kommen sollte.

„Und plötzlich geschah etwas mit ihnen – vergleichbar mit einem frischen, kräftigen Wind, der ihnen in Kopf, Herrz und Glieder fuhr.
Oder vergleichbar mit der Kraft des Feuers, das brennt und leuchtet.
Und sie wurden erfüllt mit Lebens- und Liebeskraft“
Das heißt: Inmitten unserer Welt, in der soviele bedrohliche, lebensfeindliche, zerstörerische Geister ihr Unwesen treiben und in der wir – wie die Jünger – oft ratlos, mutlos und unsicher sind, kommt zu Pfingsten der Heilige Geist, die Gottes-, Lebens- und Liebeskraft, die wir Menschen nicht aus uns selber haben.

Diese Ausgießung des Geistes schafft, so heißt es in der neutestamentlichen Geschichte ein Sprachwunder.
Denn in Jerusalem befinden sich zu diesem Zeitpunkt Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Sprache, Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen.
„Aber“, so heißt es, „sie fanden eine Sprache, die von allen Menschen verstanden wurde“.

Dabei sind es ja die verschiedenen Sprachen, auch im weiteren und übertragenen Sinne, die uns trennen und eine Verständigung scheinbar unmöglich macht – wenn sie denn überhaupt wirklich gewollt ist.
Das gilt in unseren persönlichen Beziehungen.
Im sozialen und gesellschaftlichen Kräftespiel.
In der Frage der Armut, der Weltwirtschaft und des Klimaschutzes.
Und jetzt gerade in einem Rückfall in einen neuen kalten Krieg, wo die alte Rhetorik wieder blüht, die Rollen von Gut & Böse wieder klar verteilt zu sein scheinen und die Heucheleien rund um die beschworene Verteidigung der Freiheit kaum zum Aushalten sind …

„Viele aber,“ so heißt es in der Pfingstgeschichte, “wurden berührt von dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, die von Gott kommt und die Kraft hat, die Welt zu retten und Dunkles hell zu machen.“

Das heißt: Neben den bedrohlichen, lebenszerstörerischen Kräften und Geistern in dieser Welt, ist noch ein anderer Geist am Werk – der Geist Gottes.
Er findet sich nicht in den Schlagzeilen.
Er wirkt oft im Verborgenen.
Immer wieder wundert man sich, wo und wie er wirkt.
Aber wo er das tut, heilen Beziehungen, geschieht Einsicht und Umkehr, wächst Mitleid und Mitgefühl, kommt Böses ans Tageslicht und kann nicht mehr so einfach so weitermachen, wird Liebe und Frieden zu einer neuen Erfahrung …

Der Geist Gottes ist es – und nicht der menschliche Geist, der auch im 21. Jahrhundert in manchen Dingen wenig dazugelernt hat – der zur Vernunft bringt, Gewalt dämmt und Kriege verhindert.
Der Geist Gottes ist es, der Gräben überbrückt und verhärtete Fronten aufbricht.
Damals, heute und durch alle menschliche Geschichte hindurch.

„Tja, schön wär's!“ könnte jetzt unsere Antwort sein.
Gottes guter Geist, das klingt gut.
Den haben wir nötig.
Der müsste mal mächtig in die Köpfe und Herzen der Mächtigen hineinfahren – ob sie nun in Washington oder Moskau, in Syrien oder in und rund um Israel sitzen, in den Chefetagen der Konzerne und der Militärs.
Aber es passiert nicht.
Und es wird nicht passieren, oder?

Auch in der Pfingstgeschichte damals beginnt das Pfingstwunder nicht beim Kaiser in Rom, dem damaligen Imperium, und bei seinen Generälen und Truppen.
Es erfasst auch nicht die Priester, die Tempel-Regenten und die religiöse Elite in Jerusalem.
Aber unter den Zuhörern – 3000 ganz normalen Menschen aus allen Herren Ländern – zündet der Funke des Geistes.
„Und als Petrus predigte, ging es den Menschen durchs Herz und Tausende öffneten sich dem heilenden und zurecht bringenden Lebensgeist.
Und das Reich Gottes nahm wieder ein Stück weiter seinen Lauf in dieser Welt.“

Geschah das automatisch?
Nein, es geschah nicht automatisch.
Sondern es hatte etwas zu tun mit der Empfänglichkeit der Zuhörenden.
Denn sie waren offen und empfänglich.
Mit einem Herzen, das Gottes Geist berühren konnte, und das ihnen sagte:
Wir wollen eine andere Wirklichkeit sehen und erleben.
Und öffnen uns dafür.

Und dies geschieht, so sagt die Bibel, bis heute, immer wieder:
Das Kommen und Wirken des Geistes.
Es geschieht, wo wir es herbei beten.
Es geschieht manchmal gewollt und manchmal überraschend.
In der Kirche und außerhalb der Kirche.
Da, wo die Vernunft und die Menschlichkeit siegt.
Hoffentlich auch jetzt gerade, bei denen, die die Weichen stellen auf der großen Bühne und hinter den Kulissen der Weltpolitik.

Und so bleibt auch das eingangs gesungene Kirchenlied – 1833 gedichtet – aktuell:
O komm, Du Geist der Wahrheit
und kehre bei uns ein
verbreite Licht und Klarheit
verbanne Trug und Schein.

Was, wenn nicht dies, ist die Hoffnung der Menschheit?!

Amen

Thomas Corzilius