Aktuelle Predigt 31.8.

foto COR 5/2014





















Wenn wir das Wort „Konfrontation“ hören, verbinden wir damit in der Regel etwas, das es zu vermeiden gilt.
Wir denken vielleicht aktuell an die Ukraine und hoffen, dass diese Konfrontation nicht weiter eskaliert und irgendwie noch friedlich zu lösen ist.
Wir denken an die amerikanische Kleinstadt Ferguson, wo der farbige Junge erschossen wurde und es in der Folge zu einer gewalttätigen Konfrontation zwischen Bürgern und der Polizei kam.
Oder wird denken – jetzt wo die Bundesligasaison begonnen hat – wieder an die Gewalt und Randale in Stadien und Städten, wo gewaltsuchende Vereins-Hooligans einander Schlägereien liefern.
Konfrontationen sind also in der Regel zu vermeiden.

Allerdings gibt es auch eine andere Art von „Konfrontation“, die manchmal nötig und unvermeidbar ist, auch wenn sie schmerzhaft sein und wehtun kann.
Und damit meine ich, wenn Jemand „mit etwas konfrontiert“ wird – nämlich einer Wahrheit, die ans Licht muss und die man Jemandem nicht ersparen kann …

Davon handelt auch der für heute vorgegebene Predigttext aus 2. Samuel 12:
Gott sandte Nathan, den Propheten, zu David, dem König Israels.
„Und Nathan erzähle David eine Geschichte: Es waren zwei Männer, die waren Nachbarn, ein Reicher und ein Armer. Der Reiche besaß große Herden an Schafen und Rindern, der Arme aber nur ein Schaf, das ihm und der Familie lieb und teuer war und das ihn nährte mit Milch und Wolle. Als der Reiche nun Besuch bekam, wollte der Reiche ein köstliches Essen bereiten, aber von seinen eigenen Herden wollte er nichts hergeben. Da nahm er das Schaf des armen Nachbarn, schlachtete es und bereitete daraus ein köstliches Mahl für sich und seinen Gast.
Da entbrannte der Zorn Davids sehr über diesen Mann und er sprach zu Nathan: So wahr der Herr lebt, der Mann, der dies getan hat, ist ein Kind des Todes! Er soll das Lamm vielfältig bezahlen!
Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! Und so sprich Gott, der Herr Israels: Ich habe Dich zum König gemacht und Dich mit Reichtum gesegnet!
Du aber lässt Urija, Deinen Untergebenen, erschlagen, um ihn zu beseitigen und seine Frau zu nehmen.
Nun wird Dich selbst Unglück treffen!“
(V.1-11 in freier Übersetzung)

Fragen wir uns zunächst, bevor wir zum König David und zu dieser alttestamtlichen Erzählung kommen:
Wie ist es bestellt mit unserer eigenen Bereitschaft, Schuld einzugestehen?
Wann sind Sie und ich das letzte Mal mit etwas konfrontiert worden, dass wir falsch gemacht haben – mit einem Schaden und einem Leid, den wir angerichtet haben – mit einer Lüge, einer Gemeinheit, einer Bosheit?
Es muss ja nicht gleich etwas so Großes sein, wie beim König David, der einen seiner Untergebenen in den Krieg schickte und umbringen ließ, um sich dann seine Frau zu nehmen?
Und es geht auch nicht darum, dass wir alle unsere Fehler haben und nicht perfekt sind.
Nein, es geht um unsere Reaktion auf eine konkrete, handfeste Schuld, die böse Folgen hatte für Andere oder einen Anderen ...

Wenn wir damit konfrontiert werden, greifen in der Regel reflexartig all unsere Abwehrmechanismen:
Wir streiten ab.
Wie geben Anderen die Schuld.
Wir verharmlosen.
Wir finden tausend Gründe, warum das, was wir getan haben, verständlich oder gar notwendig war.

Vor allem aber: Wir messen mit zweierlei Maß!
Ist ihnen das auch nicht auch schon aufgefallen?
„Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe!“ sagt der Volksmund.
Wenn mein Nachbar, mein Kollegin, mein Verwandter oder XY etwas tut, kann ich mich aufregen, Grundsatzreden führen, wild werden und mich reinsteigern bis zum Abwinken …
Wenn ich es tue, ist es – nun ja, wie soll ich sagen – doch nochmal was Anderes.
Dann kann man das nicht einfach so vergleichen.
Dann hat das ja einen ganz anderen Zusammenhang und ganz andere Beweggründe … usw. usw.
Ein Phänomen: Zweierlei Maß!

Nathan beginnt seine Mission, David zu konfrontieren, deshalb sehr klug und weise mit einer Geschichte, einem Gleichnis:
Der Reiche nimmt dem Armen das Wenige, das er hat.
Ist das o.k?
David kann nicht anders als zustimmen: Nein, das ist nicht ok!
Ja mehr noch: „Da entbrannte der Zorn Davids sehr gegen den Mann: So wahr der Herr lebt; der Mann der dies getan hat, ist ein Kind des Todes!“
O Mann, zweierlei Maß: Zorn, sogar Berufung auf Gott und ein Todesurteil im Namen der Gerechtigkeit!

Wer würde nicht so reagieren wie David?
Wer würde nicht verurteilen, was in jedem Augenblick links und rechts von uns an Unrecht geschieht, an Lug und Trug, Bosheit und Gemeinheit, Schaden und Vernichtung?

Und dann kommt der eine, entscheidende Satz:
„Du bist der Mann! Du bist es! Guck in den Spiegel, nenn Dich selbst beim Namen, fass Dich selbst an!“

…..

An dieser Stelle können wir ruhig sagen, dass uns Manches trennt von der Erzählung aus dem 2. Samuelbuch und dass uns Manches an ihr fern und fremd ist:
König David war damals – so um tausend Jahre vor Christus – König in Israel.
Seine Welt und die von damals ist nicht mehr unsere.
Gott selbst – so heißt es – hat ihn berufen zum König über dieses kleine Land und Volk.
Und sein Segen bestand unter Anderem darin, dass er nicht nur eine, sondern viele Frauen hatte, die sozusagen zu seinem Besitz gehörten wie Gold, Vieh, Sklaven und Soldaten.
Religion und Kultur, Alltag und Weltbild von damals sind 3000 Jahre von uns getrennt.
Und auch wenn man die Davidsgeschichte weiterliest nach seiner Begegnung mit Nathan, stoßen wir uns an Manchem: z.B. daran, dass Gott zwar David selbst am Leben lässt, aber in der Folge den Sohn todkrank werden und sterben lässt, den Bathseba zur Welt bringt.
Fremd ist uns auch, wie schnell David wieder zur Tagesordnung übergeht, nach dem dieses Kind tot ist, aufs Neue mit Bathseba schläft und wie dieses nächste Kind namens Salomo ausdrücklich benannt wird mit einem „Gott liebte ihn“ und später der dritte König ins Israel wird …

…..

Trotzdem bleibt für uns – über alles Trennende zu dieser Geschichte hinweg – die Frage nach unserem eigenen Umgang mit Schuld, wenn wir damit konfrontiert werden.

Individuelle Schuld, die zu mir gehört und zu meinem Leben und die mir keiner abnehmen und die ich vielleicht auch nicht mehr ungeschehen machen kann.
Aber auch eine kollektive Schuld, wie sie z.B. die Psychoanalytikerin Margarete Mitcherlich thematisiert hat, als sie im Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte von der „Unfähigkeit zu trauern“ sprach, d.h. von der Unfähigkeit oder dem Unwillen der Deutschen, sich den Greueltaten des Nationalsozialismus und der eigenen Mitschuld wirklich zu stellen.

Beeindruckt hat mich jedenfalls die Aussage einer bekannten Person - ich weiß nicht mehr, wer es war – die sagte: „Ich weigere mich, jemals eine Autobiografie zu schreiben. Weil Autobiografien in der Regel, so unterhaltsam und interessant sie sein mögen, letztendlich immer eine Art Selbstrechtfertigung sind, in der man sich zuviele Dinge nachträglich zurechtbiegt und schönredet“.
Dahinter steckt wohl die Einsicht und Erfahrung, dass es für Niemanden ein „ungebrochenes Leben“ und eine „ungebrochene Existenz“ ohne Schuld und ohne dunkle Schatten gibt!
So wie Paul Auster es in seiner Autobiografie „Winterjournal“ zu Beginn schreibt:
„Du denkst, das wird dir niemals passieren, du seist der einzige Mensch auf der Welt, dem von alledem nichts passieren wird, und dann geht es los, und eins nach dem anderen passiert dir, all das genauso, wie es jedem anderen passiert.“

….....

Doch warum sollte man sich, warum sollte ich mich, der eigenen Schuld überhaupt stellen?
Ist Vertuschen, Verschweigen, Verbergen nicht einfacher und sogar klüger?

…..

Wenn wir die Evangelien lesen, hat auch Jesus sich nicht gescheut, Menschen „zu konfrontieren“ mit den wunden Punkten ihres Lebens:
Er konfrontierte die Heuchler mit ihrer Heuchelei, Gierige mit ihrer Gier, Lügner mit ihrer Lüge.
Er konfrontierte den reichen Jüngling damit, dass sein Herz besetzt war mit dem für ihn unverzichtbaren Reichtum.
Den Zöllner Zachäus mit seinem unehrlichen Beruf als Ausbeuter.
Und das Großmaul wie Petrus mit seiner Feigheit und seinem Verrat.

Aber wo immer Jesus Menschen konfrontiert, auch wenn es wehtut, steht es bei ihm unter einem positiven Vorzeichen.
Seine Botschaft ist nie: „Du bist durch! Rien ne vas plus! Das war's für Dich!“
Sondern seine Botschaft ist immer: „Stell Dich Deinem Schatten und Deiner Schuld!
Verdränge und leugne nicht, was zu Dir gehört! Und tue dies in dem Wissen, dass bei Gott Heilung und Vergebung, Umkehr und Erneuerung möglich ist!“


So wie für David, der seiner Schuld nicht mehr ausweichen kann, sondern sagt: „Ich habe gesündigt!“ und Nathan ihm sagt: „Du sollst nicht sterben, weil Du einsiehst und Gott Dir vergibt!“

…..


So ist die Geschichte von Nathan und David auch eine Einladung an uns, uns unserem Leben ohne Beschönigung und Verdrängung zu stellen.
Uns nicht rauszureden, wo wir genau wissen, das ist nicht ehrlich.
Und uns konfrontieren zu lassen mit dem, wofür wir verantwortlich sind!

Thomas Corzilius