"OHNE UNS!"

Aktuelle Predigt 19.11. Buß- und Bettag (im ökumenischen Gottesdienst in *Köbner's Kirche*)

"OHNE UNS!"

Foto cor


Wieder steht heute der Buß- und Bettag im Kalender unseres gemeinsamen Kirchenjahres und wir setzen die Tradition der letzten Jahre fort, einen ökumenischen Abendgottesdienst zu feiern.
Dabei leitet und bedrückt uns wohl alle die Frage:
Was passiert da gerade in der Welt?
Wohin entwickeln sich die Dinge?
Wie geht 2014 zu Ende und was bringt das neue Jahr?

Was ist das im Augenblick?
Manchmal schauen wir zum Himmel und sagen mit einem unguten Gefühl: „Da braut sich was zusammen!“
Ist das im November 2014 auch so im Blick auf die weltpolitischen, ökonomischen und militärischen Entwicklungen?

Und wie geht es uns als Christinnen und Christen, als Kirche und Gemeinden damit?

Als Schriftlesung haben wir eben eine Passage aus Matthäus 10 gehört und einen Text von Wolfgang Borchert, der wie kaum ein Anderer das Grauen und den Albtraum des 2. Weltkriegs in Worte gefasst hat …
Ich greife zunächst den biblischen Text auf und lese daraus noch einmal folgende Verse: „Wenn Ihr in ein Haus eintretet, so grüßt es mit dem Friedensgruß. Und wenn das Haus es wert ist, so komme euer Friede über dasselbe. Wenn Euch aber Jemand nicht aufnimmt und Eure Worte nicht hören wird, so geht fort aus diesem Haus oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von Euren Füßen!“ (V.12-14)

Dies ist eine der befremdlichen Stellen im Neuen Testament und ich vermute, es wird nicht häufig drüber gepredigt.
Der Kontext ist der, dass Jesus seine Jünger aussendet mit dem Satz: „Geht hin und verkündet: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“
Das ist der Kern des Evangeliums Jesu: Das Reich Gottes – die verwandelnde, zur Umkehr rufende, Menschen und Verhältnisse heilende Liebe Gottes.
Die Ansage und Einladung, Gottes „Schalom“ Raum zu geben – falsche und zerstörerische Wege zu verlassen – umzukehren und sich für Gottes Heilshandeln zu öffnen.

Also: Kein Rückzug aus der Welt.
Kein „Wir pflegen unseren Glauben und überlassen die Welt da draußen sich selbst!“
Keine fromme Abkehr und keine falsche Vertröstung auf den Himmel und das Jenseits.
Sondern hineingehen in die Welt, sich engagieren, sich einbringen und mitmischen.
So soll es sein und so haben wir es gelernt.

Aber nun redet Jesus vom Gegenteil – von der Abkehr, vom Sich-Verabschieden, vom Staub abschütteln und vom – damit sind wir beim Motto dieses Gottesdienstes – „Ohne uns!“

An dieser Stelle lauert das Missverständnis, dem ich gleich wehren will:
Denn weder als Christen noch als Mitglieder unser Gesellschaft und als Bürger gibt es ein „Sich raushalten!“
Wer meint, unpolitisch zu sein, ist hochpolitisch!
Denn, wie Gustav Heinemann einmal sagte: „Wer schweigt, fördert, was im Gange ist!“
Die schweigende, unbeteiligte Masse ist den Machthabern – egal welcher Coloeur – stets hochwillkommen.
Und alle Entwicklungen und Prozesse – auch ökonomisch – werden befördert und befeuert durch die, die sie geschehen lassen.
Und wenn wir nicht nur Jesus, sondern auch die prophetische Tradition unseres jüdisch-christlichen Glaubens ernstnehmen, dann wissen wir: Gottes Wirken zielt auf die Welt hier und jetzt und Gottes Volk hat seine Berufung in der Welt hier und jetzt, auch politisch und sozial in der Frage nach Gerechtigkeit, Frieden und Parteinahme für die Armen und Unterdrückten.

Aber – und das glaube ich, ist die herausfordernde, provokative, diskussionswürdige Botschaft heute am Buß- und Bettag – es gibt auch Situationen, wo Christen und wo die Kirche aufgefordert ist, klar und deutlich zu sagen:
Ohne uns!
Nicht mit uns!
Nicht in unserem Namen und nicht im Namen unserer Kinder und Enkel!
Wir verweigern uns, wir sind nicht dabei, wir sind raus!

Oder im Bild unseres biblischen Textes gesprochen: Wir verlassen dieses Haus, diesen Raum, diese Örtlichkeit – und schütteln den Staub von unseren Füßen.
Nicht weil wir beleidigt oder gekränkt sind.
Nicht weil wir hinterher sagen können: Siehste, hab ich ja gleich gesagt, dass das nichts bringt!
Sondern weil das Reich Gottes und Gottes Schalom uns dazu nötigt, „Nein!“ zu sagen und uns abzuwenden mit einem „Ohne uns!“

Dieses Kalenderjahr 2014 gibt uns ja in dieser Hinsicht genügend Stoff zur Besinnung am heutigen Buß- und Bettag:
Da ist das Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs, der mit seinem Schrecken und Leid und mit dem zeitlichen Abstand in unserem Land eher in den Hintergrund gerückt ist. Aber so eine Ausstellung wie die mit dem Titel „Menschenschlachthaus“im Von der Heydt-Museum hat uns auch noch einmal vor Augen geführt, wie Kirche und Christen versagt haben und schuldig geworden sind, weil sie Anteil hatten an der großen Mobilmachung, die schließlich zu den Schlachtfeldern von Verdun und anderswo geführt haben.
Da ist das Gedenken an die Barmer Bekenntnis-Synode 1934 und die bis heute bindende und verpfichtende Barmer Theologische Erklärung – die sagt: Wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es neben Jesus Christus noch andere Mächte und Gewalten, denen wir Gehorsam schuldig wären. Was nichts anderes heißt und hieß als ein: „Ohne uns!“ angesichts all der Heil Hitler – Rufe und – darüber wäre eben nachzudenken – Mächte und Gewalten, die uns auch heute in die Pflicht nehmen wollen und sich als alternativlos präsentieren.

Als wir im Vorbereitungskreis für diesen Gottesdienst zusammensaßen, hat uns die Frage bewegt, dass es heute in unsrem Land sicher viele im Endeffekt belanglose Gottesdienste zum Buß- und Bettag geben wird.
Langweilig und belanglos, weil Predigten und Liturgien niemandem wehtun und niemanden ärgerlich machen oder gar empören.
Und unsere Frage war, ob unser Gottesdienst heute auch in diese Kategorie fallen wird …?

Deshalb spitze ich in diesem Teil der Predigt jetzt bewusst etwas zu und lenke ich unsere Aufmerksamkeit auch nocheinmal auf den Vers 15, wo es heißt: „Wahrlich, ich sage Euch: Es wird dem Land Sodom & Gomorrha erträglicher gehen als dieser Stadt (die ihr zurücklasst und von der Ihr Euch abkehrt!“ (V.15)
Sodom und Gomorrha – da klingelt es bei den Meisten und wir wissen: Genau, das war doch die Geschichte, in der es darum ging, dass die Menschen dort moralisch völlig verkommen waren – in moralischer und sexueller Hinsicht. Da war Unzucht, Hurerei, Homosexualität und Partnertausch.
Und nun sage ich mal:
In dieser Hinsicht fühlen sich viele Christen und Kirchen und konservative Kreise ja durchaus berufen zur Verweigerung und zur Entrüstung und zum Wächteramt in unserer Gesellschaft. Da werden sie rigoros und lebendig, da wird klare Kante gefordert, der Bekenntnis-Notstand ausgrufen und dazu aufgefordert, ein kräftiges „Ohne uns!“ vor sich her zu tragen.
Sex vor der Ehe? Homosexualität? Eine Relativierung des traditionellen Familienbildes?
Da heißt es durch die Reihen: „Wo ist unsere Gesellschaft bloß gelandet!“

Was aber ist mit den Themen Weltwirtschaft, Kapitalismus und Konzerne?
Was ist mit den Machtinteressen, der Meinungsmache, den Manipulationen, die die Banken und Großkonzerne verfolgen - und mit uns. die wir mit den alltäglichen Börsen-Nachrichten kurz vor Acht zu leben lernen und mit der lustigen Abendunterhaltung im Fernsehen nach der Tagesschau handzahm und gleichgültig gehalten werden ???
Was ist mit den Lügen derer, die gerade dabei sind, wieder strategisch mobil zu machen und uns in einen „Kalten (oder wenn es soweit ist auch „heißen“) Krieg“ zu ziehen?
Sollte sich Geschichte nach ein paar Jahrzehnten doch wiederholen, weil alte Feindbilder wider besseres Wissen und voller Heuchelei neu beschworen werden und immer noch taugen?

In diesem Jahr habe ich jedenfalls oft gedacht und denke es immer noch:
Was muss eigentlich noch passieren, bis es ein flächendeckendes Aufwachen und „Ohne uns!“ gibt und bevor uns am Ende alles erschrocken um die Ohren fliegt?

Die große Gefahr sehe ich heute darin, dass wir wie ein Mantra“ sagen: Es ist alles so kompliziert! Da blickt doch keiner mehr durch! Das muss man differenzieren!
Und in mancherlei Hinsicht ist das auch so: Die Welt ist in den letzten 30 Jahren komplizierter und komplexer geworden.
Aber auch dies wird auch leicht zu einem Instrument der Bestimmer und Machthaber und zu einem Nebelwerfer.
Denn es gibt nachwievor Dinge, die ihre Eindeutigkeit und Wirkkraft behalten:
Konzerne reagieren empfindlich, wenn wir bestimmte Produkte verweigern.
Bestimmte Dinge und Automatismen funktionieren nicht, wenn wir sagen „Nein danke! Ohne mich!“ - bitte auch am Stammtisch, im Gespräch mit der Nachbarin, in der Frühstückspause mit den Kollegen.
Bestimmte Angebote, die immer mit Bedarf und Nachfrage gerechtfertigt werden, versiegen, wenn wir nicht mehr nachfragen.
Marktschreier werden schreien heiser, wenn ihnen niemand mehr zuhört.
Menschenrechte bleiben Menschenrechte – für die sich Menschen außerhalb der Kirche oft viel radikaler einsetzen und sich riskieren als wir es tun.
Und bestimmte Mechanismen gibt es von dem Augenblick an nicht mehr, wo Menschen sich diesen Mechanismen verweigern und den Staub von ihren Füßen schütteln …

Und wenn Sie JETZT, an dieser Stelle unruhig werden oder widersprechen und eden Kopf schütteln oder diskutieren möchten – dann st es genau das, was wir im Vorbereitungsteam mit diesem Buß- und Bettagsgottesdienst wollen …
Lasst uns – bitte gerne - streiten!
Wach werden!
Beten und diskutieren!
Lasst uns aufgewühlt werden, fragen, Schmerz empfinden und die Dinge weiterdenken.
Das ist uns als Christen tausendmal angemessener als all die Selbstberuhigungen, die wir oder Andere uns verabreichen.
Denn was die Welt in Gottes Namen braucht, sind nicht nachträgliche Schuldbekenntnisse, wie sie auch 2014 wieder zu hören und zu lesen waren sondern Schuldbekenntnisse, die jetzt und hier zu Umkehr und Heilung führen.

…....

Das Schlimmste jedenfalls, was Christen zun können, ist das Einverständnis mit der Unausweichlichkeit der Dinge.
Mir ist das Anfang der 80er Jahre oft begegnet, mitten im damals wie heute wieder hochgekochten „Kalten Krieg“ und in der Diskussion um die Nachrüstung.
Heute wissen wir, dass die Welt damals in mehreren Situationen – die top secret gehalten wurden - haarscharf an einem nuklearen Kriegsausbruch vorbeigeschrammt ist … Aber in vielen Diskussionen mit Christen hörte man: Die Nachrüstung ist alternativlos und im übrigen hat ja schon Jesus gesagt: Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschei, Kriege wird es also immer geben, da machen wir garnichts gegen und wenn es soweit ist, verfügt Gott in seinem Fahrplan sowieso das Ende der Welt mit Harmageddon und allem Drum & Dran.

Ist das nicht schrecklich?
Hat Jesus, unser Herr, das gewollt und gesagt und ist es sein Geist, der Christen so reden lässt?
Da sage ich: „Nein, danke, ohne mich!“

Da finde ich mich und uns alle heute am Buß- und Bettag eher wieder in einer Szene, wie Günther Grass sie in seinem Buch „Die Blechtrommel“ erzählt und wie sie auch verfilmt wurde:
In ihr sehen wir einen Versammlungsplatz mit einer Tribüne.
Der Nationalsozialismus – auch von dem Großteil der Kirche damals als Gottes Fügung betrachtet, der die Menschen gefügig macht - inszeniert sich selber.
Auf der Bühne spielt eine Militärkappelle zackige Marschmusik.
Und vor der Tribüne stehen die Menschen stramm.
Männer und Frauen sind ganz bei der Sache.
Nur unter den Bühne, über ihm die Militärpappelle, steht der kleine Oskar mit seiner Blechtrommel.
Er versteht nicht, wie die Menschen sich so faszinieren und ergebungsvoll machen lassen – Marschmusik als Richtungsanzeige in den Untergang.
Und dann fängt er trotzig an, gegen die Kappelle über ihm, einen lauten Walzertakt zu trommeln.
Die Musiker über ihm lassen sich dadurch mehr und mehr aus dem Takt bringen, das Volk schaut sich verwirrt an …
Und nach kurzer Zeit verfällt die Kappelle – nach einigem Durcheinander – in den Walzertakt –- und die Männer und Frauen, Jungen und Mädchen schnappen einander und beginnen sich zu drehen und zu tanzen.

Günther Grass, der die „Blechtrommel“ geschrieben hat, ist von seinem Selbstverständnis her kein Christ.
Aber mit Oskar, dem Blechtrommler, der sich der Marschmusik verweigert und der Militärmusik den Walzer entgegentrommelt, hat er durchaus ein Bild gesetzt, in dem wir Christinnen und Christen uns wiedererkennen dürfen.

Ohne uns.
Nicht mit uns.
Nicht in unserem Namen.

Heraustreten, uns abkehren und den Staub von unseren Füßen schütteln.
Lasst uns weiterreden und darüber beten, was das für uns heißt.

Thomas Corzilius