Aktuelle Predigt 22.11. Totensonntag

foto COR 2013



Liebe Gemeinde!
Manchmal gelingt es uns nicht, zwei Dinge zueinander zu bringen und in ein richtiges Verhältnis zu setzen.
Da haben wir das Eine zur Linken, das Andere zur Rechten – und fragen uns: Wie soll das passen?
Das können technische Dinge sein, die irgendwie nicht zueinander passen und sich nicht fügen.
Aber auch ganz andere Dinge – Dinge die wir erleben oder denken … Wie passt das Eine zum Anderen?
 
Heute, an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr, mögen wir uns das auch fragen im Blick auf zwei große Worte – und die heißen: Zeit und Ewigkeit.
Unser begrenztes Leben - mit allem, was da zugehört an Licht und Dunkelheit, Glück und Verzweiflung, Erfüllung und Scheitern.
Und der Horizont, der über Raum und Zeit unseres irdischen Daseins hinausgeht – und den wir die Ewigkeit, den Himmel, das Leben bei Gott nennen …
 
Ist dieses irdische, leibliche, in Raum und Zeit begrenzte Leben, das wir in unseren vergänglichen Körpern und mit unserem oft so schwankenden „Ich-Bewusstsein“ haben, letztlich Alles?
Gibt es nichts darüber hinaus – außer Erinnerungen und Gewesen-Sein?
Und zu Lebzeiten allenfalls die Möglichkeit – aber eben oft auch Unmöglichkeit! – das Beste daraus zu machen?
 
Oder gibt es einen größeren Horizont, der unser kleines Dasein einbettet in eine Perspektive von Ewigkeit, Zurechtbringung, Trost und Gerechtigkeit?
Ist der Tod vielleicht eben nicht das letzte „Aus & Vorbei“ - sondern vielmehr eine Tür und eine Brücke hinein ins Licht und in eine andere, größere Wirklichkeit, die tröstlich und hoffnungsvoll ist?
Dann könnte es sogar sein, was Einige sagen: Dass nämlich unsere Toten uns – im guten Sinne – etwas voraus haben!?
 
Zeit und Ewigkeit also.
Wie kriegen wir diese beiden Dinge zusammen?
Zusammen gedacht.
Ja besser noch: Zusammen bringend gelebt.
 
…...
 
Zum Monat November und heute zum letzten Sonntag in unserem Kirchenjahr gehört das Totengedenken.
Unsere Teelichter brennen heute Morgen für all die, von denen wir Abschied nehmen mussten – im Laufe des Jahres oder auch – weil die Trauer keine Kalender kennt – über Jahre und längere Zeiträume hinweg.
Sie symbolisieren unsere Herzensverbindung mit den uns Lieben, uns Nahen, so sehr Vermissten – in all der schmerzlichen Begrenztheit von Raum & Zeit, die uns irgendwann auseinander reisst.
Und sie stehen für unsere tiefe Sehnsucht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Und dass unser Glaube, unser Vertrauen zu Gott doch bitte, bitte, wahr sein möge.
 
Die Bibel drückt dies in Worten aus wie diesen:
„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten!“
„Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“
„Vertraut auf Gott und vertraut mir: Ihr werdet den Tod nicht sehen auf ewig!“
„Und siehe: Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde … und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Alte ist vergangen!“
 
….
 
Und so geht der Horizont unseres Hoffens & Sehnens noch weiter:
Dass nämlich nicht nur unsere Lieben, die uns Nächsten, die von uns schmerzlich Vermissten über den Tod hinaus geborgen und zurechtgebracht und im Licht sind.
Sondern dass alle Menschen dieser Welt und dieser Weltgeschichte eine Hoffnungsperspektive haben bzw. in einem größeren Horizont von Gerechtigkeit stehen:
Zurechtbringung und Gerechtigkeit, Geborgenheit und Ausgleich für die unzähligen Opfer, zu Kurz Gekommenen, Gequälten, Gescheiterten, abrupt ihres Lebens beraubten Existenzen auf diesem Planeten.
Und eine ausgleichende Gerechtigkeit im Blick auf all die Tyrannen & Mörder in der Menschheits- und Völkergeschichte ….
 
So gesehen, verlangt Vieles in uns - trostbedürftig und sich sehnend nach höherer Gerechtigkeit - nach einer Perspektive über das irdische Leben auf dieser Welt hinaus.
 
…..
 
Aber – und das ist die andere Seite:
Ist das nicht alles ein längst durchschautes Wunschdenken?
Psychologisch durchschaubar als Illusion, weil wir kleinen Menschen uns irgendwie flüchten müssen in helle Bilder und billigen Trost?
Erklärbar als Konstruktion – ganz egal, welche Religion sich was wo wie ein Leben über den Tod hinaus denkt?
 
…..
 
Und wie zwiespältig ist die Spekulation auf eine selige Erfüllung im Jenseits auch in folgender Hinsicht:
Immer wieder wurde sie von den Herrschenden der Welt benutzt zur Vertröstung und Ausbeutung der Leidenden, die zwar auf der Erde nicht bekamen, was ihnen zustand, aber die hoffen sollten auf ein Ausgleich im Jenseits!
Immer wieder war sie auch ein falscher Rückzugsort für alle, die – statt zu dulden! - hätten kämpfen können und sollen für ein besseres Diesseits und für ein Leben, das Gott für sie auf Erden bereitet hat!
Und wie pervers und unbegreiflich – und damit sind wir mitten in der Gegenwart – sind all die kranken Seelen, die sich selbst und Andere in den Tod reissen – als vermeintliche Märtyrer – mit dem Frohlocken über das Himmlische Paradies, das sie als Belohnung erwartet!
 
Nein, so leicht kriegen wir es dann doch nicht zusammen – was wir Zeit und Ewigkeit nennen!
 
…..
 
An dieser Stelle kann uns heute morgen wieder einmal bewusst werden, wie sehr die biblische Botschaft uns - auch in der Zuordnung von Zeit und Ewigkeit - eine Lebenshilfe und in diesem Falle ein Verbindungsstück für die rechte Zuordnung sein kann.
Und das will ich jetzt benennen.
 
Dabei ist als Erstes wichtig, dass es zunächst – im Glauben Israels und in den frühen Schichten des Alten Testamentes – die Hoffnung auf ein Weiterleben des Einzelnen nach dem Tod gar nicht gab.
Dieses Leben, das wir haben, unser irdisches Dasein vom ersten bis zum letzten Atemzug, wird als Gottes Gabe gesehen – und im guten Fall als gesegnet und erfüllt erlebt. So wie es von Abraham heisst: „Er starb alt und lebenssatt“.
 
Und es ist gut, sich diese Diesseitigigkeit immer wieder bewusst zu halten!
Nicht zu früh auf den Himmel zu schielen!
Und schon garnicht, wie es die verblendeten, durchgeknallten Selbstmordattentäter und Mörder tun, das irdische Leben zu verachten in der Erwartung einer himmlischen, wie auch immer gedachten Belohnung.
Und auch Bonhoeffer, der durchaus wusste, dass wir uns auf der Erde im „Vorletzten“ bewegen, konnte augenzwinkernd und zugleich ganz ernst sagen: „Sich in den Armen eines geliebten Menschen nach dem Himmel zu sehnen, ist eine fromme Unverschämtheit!“
 
Aber im Laufe der Zeit wurde auch für den Glauben Israels die Erfahrung von Leid, Unglück, Trauer und schreiender Ungerechtigkeit ein Problem.
Wie kann es sein, dass der Gerechte leidet, während der Gottlose triumphiert?
Wie kann es sein, dass die Geschichte der Völker und die Geschichte des eigenen Volkes oft scheinbar allen Segensverheißungen Gottes Hohn spricht?
Wo ist Gott, der Gerechte?
 
Es ist also nicht die Frage nach einer unsterblichen Seele oder die Spekulation, wie wo und unter wechen Umständen ich mir eine Wiedergeburt meines Ichs vorstellen kann – sondern die Erfahrung, dass in diesem Leben von Raum & Zeit die Rechnung nicht aufgeht und so Vieles nach Gott schreit, was auf Erden unerfüllt, grausam und ungerecht bleibt.
Und erst an diesem Punkt erscheint am Horizont der Blick über das irdische Dasein und über die irdische Geschichte hinaus.
Und es heißt: Gott wird zurechtbringen, aufrichten und heilen in einer Dimension, die unendlich größer ist als das, was wir in Raum & Zeit das Leben nennen und als Leben erfahren.
 
In diesem Rahmen steht dann auch unser Glaube an den Gekreuzigten und Auferstandenen, von dem es am Ostermorgen heißt: „Was suchet Ihr den Lebendigen bei den Toten?“
In diesem Rahmen steht das, was Paulus im 1. Korintherbrief 15 von der Auferstehung der Toten redet und sagt: „Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg? Christus ist auferweckt als der Erstling unter den Entschlafenen und das Vergängliche wird anziehen das Unvergängliche.“
Und in diesen Rahmen gehört auch das bereits zitierte Bild aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, vom neuen Himmel und der neuen Erde und von Gott, der abwischen wird alle Tränen, und vom Tod, der nicht mehr sein wird …
 
…..
 
Liebe Gemeinde heute am sog. Toten- und Ewigkeitssonntag!
Zeit und Ewigkeit dürfen wir also heute morgen so zusammenkriegen, dass wir dankbar sind und dankbar bleiben für unser irdisches Leben – und es als Gabe und Aufgabe annehmen, im Leichten und im Schweren, ohne uns vorschnell nach einem Jenseits zu sehnen.
Und dass wir zugleich – für uns und für die, um die wir trauern, und für die Opfer der Weltgeschichte, ein Grundvertrauen in Gott haben, dass über den Tod hinaus geht.
 
Nicht nur in unserer jüdisch-christlichen Tradition, sondern in allen Kulturen und Religionen gibt es dieses Hoffen über den Tod hinaus.
Und die Menschen haben dafür ganz unterschiedliche Bilder, Symbole, Rituale und Vorstellungen entwickelt.
In früheren Jahren hätte ich mich sehr berufen gefühlt, mich davon abzugrenzen und streng zu behaupten, was jüdisch-christliche Eschatologie (also die Lehre von den Letzten Dingen) vom Rest der Welt unterscheidet.
Heute habe ich dieses Bedürfnis immer weniger und entwickle immer weniger Leidenschaft für die behauptete Notwendigkeit strikter Unterscheidungen.
Heute übe ich mich eher darin, offen zu lassen, was letztlich wohl auch offen bleiben muss in den letzten Fragen.
Aber ich entdecke zugleich die Kraft und den Trost wieder meines der z.B. in Luthers Worten steckt, die ich jetzt zum Abschluss der Predigt lese:
„Im Sterben beginnt die enge Pforte. Die ist sehr enge, aber nicht lang.
Und es geht hier zu, wie wenn ein Kind aus der kleinen Wohnung in seiner Mutter Leib mit Gefahr und Ängsten geboren wird in den weiten Himmel und die weite Erde unserer Welt.
Ebenso geht der Mensch durch die enge Pforte des Todes aus diesem Leben. Und obwohl der Himmel und die Welt, darin wir jetzt leben, als groß und weit angesehen wird, ist es doch gegen den zukünftigen Himmel so viel enger und kleiner …. „
 
Gehen wir, gehen Sie, heute aus diesem Gottesdienst mit diesem Trost und diesem Zuspruch zum Totensonntag.
 
Amen

Thomas Corzilius