Lukas-Evangelium 17

Lukas-Evangelium 17
20       Als Jesus aber von den Pharisäern gefragt wurde:
Wann kommt das Reich Gottes?,
antwortete er ihnen und sprach: 
Das Reich Gottes kommt nicht so,
dass man's beobachten kann;
21       man wird auch nicht sagen:
Siehe, hier ist es! oder: Da ist es!
Denn siehe,
das Reich Gottes
ist mitten unter euch.

Liebe Mitchristen,
wie steht’s mit dem Neandertaler oder Frühmenschen in Ihnen?
Mit der Frage haben Sie vielleicht nicht gerechnet nach einem Pre-digttext, bei dem es um das Kommen des Gottesreiches geht. Aber haben Sie sich schon mal gefragt, zu wem das Gottesreich denn kommen soll, von dem Jesus da spricht, und mitten unter wem es schon gegenwärtig ist?
Was sind wir für Geschöpfe, die Jesus in diesen Worten genau wie die frommen Pharisäer und die Jüngerinnen und Jünger mit der Präsenz des Gottesreiches konfrontiert?

Auf die Frage, wie viel Neandertaler oder Frühmensch oder gar Krokodil in uns allen steckt, antworten uns heute Biologen: eine ganze Menge!  Angriffs- und Fluchtreflexe aus Urzeiten, Besitzangst, Selbstbehauptungswille, ein ganzes Arsenal von tiefsitzenden Verhaltensweisen, die wir nicht so schnell los werden, auch wenn sie sich heute nicht in freier Wildbahn, sondern eher auf der Autobahn und in all den anderen Zonen unseres heutigen Alltags zeigen.
Der amerikanisch-israelische Verhaltenspsychologe und Ökonom Dan Ariely hat in seinem Buch „Denken hilft, nützt aber nicht“ an vielen Beispielen anschaulich beschrieben, wie sich scheinbar kluge Menschen ganz selbstverständlich von solchen tiefsitzenden Verhaltensmustern leiten und auch irregeleiten lassen.

Ich kann das Vorhandensein dieser instinktiven und emotionalen Ebene nur bestätigen, wenn ich auf mich selbst schaue. Manchmal, wenn ich mich mit dem Roller mal wieder leicht ungeduldig und auch gelegentlich etwas schwungvoll durch die städtischen Blechlawinen schlängle, denke ich: Wenn jetzt hinten auf dem Roller stände „Notarzt im Dienst“, dann würde das wohl klargehen. Aber wenn da hinten auf meinem Roller stände: „Pfarrer im Dienst auf dem Weg zu einer besinnlichen Andacht“? Mmhh...

Diese Art von Selbst-Erkenntnis ist nicht neu. in früheren Zeiten gab es vielleicht nicht so viel Wissen über Anthropologie und Evolution, wohl aber über die Sache selbst. Luther sprach immer wieder vom „alten Adam“, der in uns steckt, und er bezweifelte nachdrücklich gegenüber dem Humanisten Erasmus von Rotterdam, dass wir wirklich Herr über unsere Verhaltensweisen und frei sind in dem, was wir tun. Dazu kannte er sich und seine Pappenheimer, die alten Adams und Evas in allen, einfach zu gut. Und schon der Apostel Paulus klagt im Römerbrief: ich weiß eigentlich, was ich tun sollte (letzten Sonntag hat Pfarrer Albat uns erinnert: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“). Aber, so Paulus, ich ertappe mich dabei, dass ich das Gegenteil tue.
Röm. 7,15:  „Ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.“ Ja, noch mehr: jede Grenze, die mir gesetzt wird oder die ich mir setzen soll, reizt mich immer auch zur Übertretung.

Das ist wie wenn der Polizist ans Auto tritt und jemand sagt: haben Sie das Stopp-Schild nicht gesehen? In der Regel ist das Übersehen nicht das Problem gewesen, sondern eher das Ignorieren. Wir alle tragen das in uns: die Freude an der Übertretung, am kleinen wilden Freiraum. Auf der Autobahn 10 Kilometer schneller fahren als angegeben: das ist nicht viel – aber es fühlt sich gut an! Ich weiß, wir könnten uns damit trösten, dass diese Art von Verhaltensmustern halt in uns allen stecken und vielleicht nicht so sehr in der Verantwortung des Einzelnen liegen. Ich bin kleinlich? Das liegt halt am Vorsorgeinstinkt der Evolution!

Doch Jesus hat sich mit dieser Dimension des menschlichen Status Quo nie zufrieden gegeben. Er hat sie ironisch wahrgenommen, aber sich und uns jenseits dieses Horizontes mehr zugetraut. Er war davon überzeugt, dass wir über den so genannten alten Adam oder die alte Eva hinauswachsen können.
Dabei hat er das, was an Instinkten in uns steckt, nicht unterschätzt. Er hatte vor Augen, was uns alles an alten Verhaltensmustern hindert, in Gottes Sinn reifere Menschen und Gottes Kinder zu werden.
-          die Angst, zu kurz zu kommen
-          die Hartherzigkeit, mit der wir uns vor Nöten anderer ver-schließen
-          das unflexible Festhalten an alten Standpunkten, gleich wie richtig oder falsch sie sich erweisen
-          der Kleinglaube, der den begründeten Zweifel an uns selbst hineinträgt in unsere Beziehung zu Gott, als Glaubenszweifel und Kleinglauben, und deshalb Gott nicht zutraut, uns aus unserer eigenen Programmierung oder aus unseren scheinbar festgelegten Verhaltensmustern zu befreien
Jesus sah die Kraft dieser Bindungen und wusste: daraus befreien wir uns nicht einfach mal so selber! Sich selbst zum Glauben ertüchtigen, das ist eher wie konsequent mit Rauchen aufhören oder vielen anderen festen Angewohnheiten und Süchten: von zehn Versuchen führen neuen bald wieder zum alten Zustand. Und das entmutigt, und es stärkt die Selbstzweifel.
Also wie aus der Nummer rauskommen?

Es gibt drei Varianten, damit umzugehen, von denen schon die Bibel erzählt:
Das erste ist die Resignationsvariante:
Im Großen und Ganzen bringt alles nichts. Wir sind wie wir sind. Das Leben ist halt ein bisschen schräg, da kann man nichts machen. Auch einer der Predigttexte des heutigen drittletzten Sonntags übersetzt diese resignative Herbststimmung des Menschseins perfekt in eine kurze Daseinsanalyse: Hiob klagt (14, 1-6):                                    
1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2  geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du (Gott) tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind  seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du  ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich  wie ein Tagelöhner freut.
Abgekürzt heißt das: Lasst mich doch alle zufrieden! Auch Du, Gott! Ein Reiner kommt nicht von Unreinen, ich kann es oder mich eben auch nicht ändern und mich vor Dir rechtfertigen, Gott! Glücklicherweise ist irgendwann Ruhe, wenn dieses Leben zu Ende ist, dessen Spielregeln ich nicht verstehe und nicht beherrsche.
Diese Sichtweise ist heutzutage durchaus wieder erstaunlich verbreitet, nur ohne Glauben an Gott: sie ist Grundauffassung unter modernen Skeptikern und Zynikern, und auch unter denen unter den Wissenschaftlern, die Menschen für vollkommen unfrei gesteuert halten. 

Die zweite Variante war und ist stets die beliebteste. Denn neben der ernüchternden Resignationsvariante gibt es ja noch die weniger deprimierende „kleine-Brötchen-backen-Variante“. Die sagt auch, im Großen und Ganzen kann man nichts machen. Aber! Jetzt kommt der entscheidende Unterschied:
Im Kleinen geht doch noch was! 
Heute ein schönes Frühstück, morgen ein schöner Spaziergang, übermorgen gewinnt meine Lieblingsmannschaft und nächste Woche kommt der neue Großbild-Fernseher. Das Leben hat auch schöne Seiten. Auch diese Reaktion begegnet uns schon in der Bibel, vor allem beim Prediger Salomo (5,17): 
So habe ich nun das gesehen, dass es gut und fein sei, wenn man isst und trinkt und guten Mutes ist bei allem Mühen, das einer sich macht unter der Sonne in der kurzen Zeit seines Lebens, die ihm Gott gibt; denn das ist sein Teil.
Das Glück im Kleinen kann unsere enge, instinktgesteuerte Seele sogar großzügig stimmen, wenn alles ganz gut läuft. Und so ist auch gelegentlich eine gute Tat drin. Ich habe natürlich etwas zugespitzt bei der Beschreibung dieser Variante, aber Sie verstehen, was ich meine.
Das sind die beiden gängigen Reaktionen auf die Vorgaben unseres Daseins und unserer Gene.

Jesus verweigert seinen Jüngerinnen und Jüngern beide Alternativen. Man kann das gut am Beispiel unserer Vergebungsbereitschaft verdeutlichen:
-          die Resignationsvariante sagt: komm du mir blöd, und du erlebst dein blaues Wunder. Ich vergebe nix! Ich will mein Recht, auch wenn es Unrecht ist. Die oberste Lebensregel heißt: jeder muss zusehen, wo er oder sie bleibt. So ist halt das Leben, und so sind wir Menschen nun mal von Natur aus.
-          die kleine-Brötchen-Variante sagt: Auge um Auge, Zahn um Zahn: ich will nicht gleich mehrfach und übermäßig vergel-ten, aber ich will doch einen gerechten Ausgleich.
Die gehobene Kleine-Brötchen-Variante ist sogar noch großzügiger und wird Jesus einmal von den Jüngern angeboten: wir sind guten Willens und hin und wieder bereit, zu vergeben, vieleicht in guter Form, sagen wir mal: insgesamt sieben Mal.
Die Jünger haben damals nicht dazugesagt, wie sie das meinen. Sieben Mal im ganzen Leben? Oder im ganzen Leben gegenüber einem bestimmten Menschen? Oder sogar in einer bestimmten Konfliktsituation? Letzteres  wäre schon großzügig.

Doch Jesus gibt sich mit keiner der beiden bekannten Reaktionsweisen zufrieden. „Sieben mal siebzig Mal“, sagt er den gutwilligen Jüngern. Und dabei wird nicht gezählt „321, 322, 323“, sondern das ganz Andere als Möglichkeit eingeübt.
Denn Jesus ist davon überzeugt, dass das Reich Gottes nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich nahe ist: dass es mitten hineinreicht in das menschliche Leben mit all seinen Wenns und Abers! Das Reich Gottes ist mitten unter Euch! Es kommt nicht erst irgendwann, auch wenn es dann viel klarer ist. Es ist mitten unter euch!
Das heißt in unser heutiges Leben übersetzt:
Wo wir gehen und stehen, haben wir nicht nur Gene und Reflexe in uns, die so alt sind wie die Evolution. Wir bestehen nicht nur aus dem Krokodil-Schnapp-Hab-Reflex, nicht nur aus dem Weglaufen bei Gefahr, die besser andere erwischen soll u.s.w., u.s.w.

Nein, aus der Zukunft des Reiches Gottes und aus seiner über unsere Dimension hinausgehenden umfassenden Gegenwart her sind wir hier und jetzt umgeben, umfangen von einer anderen Wirklichkeit, die unserer Menschwerdung voraus ist und unserem gesamten Leben einen Rahmen und ein Ziel gibt. Ihre Wirklichkeit zieht uns genauso in etwas hinein wie all unsere alten Prägungen! Aber sie zieht uns nicht nach hinten, sondern nach vorn, und sie lässt uns nicht in unseren Grenzen und Prägungen versacken, sondern darüber hinaus wachsen.

Aus Jesu Sicht können all unsere Rückfälle angesichts dieser Wirklichkeit nicht mehr das letzte, das bestimmende Wort über unser Leben bleiben. Jesus will uns helfen, dass wir endlich anfangen, zu begreifen, in welchem himmlischen Lebensraum wir uns bewegen, nicht erst eines Tages umfassend, sondern auf wichtige und nach-haltige Weise schon jetzt!

Deshalb kann er den Jüngern zumuten, nicht siebenmal, sondern sieben mal siebzig mal zu vergeben, sich nicht zu sorgen, nicht nur Freunde zu lieben, sondern sogar Feinde. Wir dürfen uns mit unserem Gottvertrauen lösen von der Schwerkraft der berechtigten Selbstzweifel, wir können uns aufraffen zu dem, was Gott uns ermöglicht, weil er selbst als weiter tätiger Schöpfer unseres Lebens uns dafür uns den Ermöglichungsraum schafft! Und dieser Ermöglichungsraum heißt „Reich Gottes“ oder „Himmelreich“ und eröffnet sich im Glauben.

Wenn ich das an mich heranlasse, kann ich zwar nicht garantieren, dass mich in Zukunft keiner mehr mit einem Roller in der Stadt erwischt, dessen Fahrweise man Zeichen von Ungeduld anmerkt. Ich werde sicher nicht über Nacht perfekt.
Aber trotzdem ändert sich etwas ganz Wesentliches für mich!
Ich kann nun doch darauf setzen, dass sich in die übliche Hektik viel mehr Zeichen von Geduld und Gelassenheit mischen werden: Ampelmeditationen, Augenblicke der Abkehr aus der inneren und äußeren Unruhe und Ungeduld. Das alte Muster wird durchbrochen. Das ist es, was Jesus uns allen ermöglicht: einen gangbaren Weg aus unserem „alten Adam/alter Eva“: jederzeit, überall! Denn wo wir gehen und stehen, sind wir umgeben von Gottes Raum der Freiheit, der uns mehr möglich macht, als wir uns zuzutrauen wagen.

Im Vaterunser gibt es für die Dimension des Gottesreiches, das nahe ist, nicht nur die Bitte: „Dein Reich komme“, sondern am Schluss auch die wunderbare Ergänzung
„Denn dein ist das Reicht und die Kraft und die Herrlichkeit!“
Das heißt, wir dürfen z.B. spüren
-          Gottes Kraft strahlt wahrnehmbar in unser Leben aus und macht uns zu Dingen stark, ertüchtigt uns
-          Gottes Ermutigung lässt uns Dinge wagen, die wenig Aussicht auf Erfolg zu haben scheinen
-          Gottes Gegenwart schenkt uns Geduld und Ausdauer auch im Leiden und Erdulden – u.s.w.


Wir Christen sind Leute dieses Weges (so werden Christen in der Apostelgeschichte genannt), eines Weges, den das Evangelium uns eröffnet. Wir sind nicht Leute des „Status Quo“. Wir sind keine Vertreter der Resignations-Variante oder der Kleine-Brötchen-Backen-Variante. Wir glauben, dass das Reich Gottes uns als Ermöglichungsraum nahe ist:
Denn siehe,
das Reich Gottes
ist mitten unter euch. Amen.


Dirk Frickenschmidt, Predigt Hauptkirche Unterbarmen 8.11.2015