Predigt zu Jak. 5, 7 + 8, 6.12.2015, HK Unterbarmen

Predigt zu Jak. 5, 7 + 8, 6.12.2015, HK Unterbarmen

Liebe Gemeinde,

Kennen Sie ihn? Ich denke schon, jedenfalls diejenigen von Ihnen, die Kinder oder Enkelkinder haben. Ja, Sie werden ihn kennen, den schönen und grundgescheiten und gerade richtig dicken Mann in seinen besten Jahren. Ja, klar, Karlsson vom Dach heißt er, und der kleine Lil­lebror in Astrid Lindgrens wunderbaren Karlsson-Büchern erlebt die schönsten und seltsamsten und aufs Wunderbarste moralfreien Abenteuer mit ihm. Allerdings: Geduld gehört nicht zu Karlssons hervorstechenden Ei­genschaften. Den Pfirsichkern, den er in einen Blumen­topf gepflanzt hat, reißt er regelmäßig heraus, um nach­zusehen, ob und wieviel er schon gewachsen ist. Gar nicht natürlich, denn so kann das nicht funktionieren mit dem Wachstum des Pfirsichbaums.

So wird das auch nicht funktionieren mit dem Kommen des Gottesreiches, sagt uns Jakobus. Offenbar hatte er es mit Menschen zu tun, die ungeduldig auf das Kom­men Jesu warteten und darüber nachdachten,wie sie es beschleunigen, es herbeizwingen könnten. Eine Unge­duld ist das, die uns nicht fremd sein dürfte: „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ haben wir am vergangenen Sonn­tag gesungen. „Nun komm, der Heiden Heiland!“ war heute unser erstes Lied. „Ach, dass du den Himmel zer­rissest“ schreit Jesaja zu Gott – offenbar war und ist auch Israel eine gewisse Ungeduld nicht fremd...

Ja, das wäre schön, wenn es endlich einmal losginge mit dem Gottesreich. Und ja: Es gibt tausend Gründe, unge­duldig darauf zu warten

Bei Jakobus sind es zum Beispiel Geschäftsleute, die ihre Handelsreisen auf Jahre planen, als gäbe es den Tod nicht - „Wenn Gott will und wir leben“ sollten sie statt dessen sagen. Es sind Reiche, die in „diesen letzten Ta­gen“ verfaulten Reichtum, verrottendes Gold und Silber sammeln, die schlemmen und prassen auf Kosten ande­rer, die für gekaufte Gerichtsurteile sorgen, die ihren Ar­beiterinnen und Arbeitern den Lohn vorenthalten. Es sind üble Gerüchteverbreiter und Nachrednerinnen, die sich nicht klarmachen, was für ein gefährliches Ding die Zunge ist.
Beim dritten Jesaja sind es die, die „Frau Zion“ übel mit­spielen, sie ins Exil verschleppt haben und sie auch nach der Rückkehr knechten. Es sind aber auch diejeni­gen in Zion, die sich haben entmutigen lassen und das Vertrauen in Gottes Hilfe verloren haben. Und es sind die, die ostentativ fasten und schöne Gottesdienste fei­ern – die aber den Hungrigen das Brot verweigern, den Vertriebenen und Obdachlosen keine Unterkunft geben und die Nackten nicht mit Kleidung versorgen.

Schwerst aktuell, das alles. Eben noch bestimmte Ange­la Merkel mit ihrem wunderbaren „Wir schaffen das“ den Ton – und schon quillt die braune Soße von AfD und Pe­gida und Konsorten wieder durchs Land und wird von bayrischen Feinschmeckern mit angerührt, während sich die hoch motivierten Mitarbeitenden der Sozialämter und all die fabelhaften Ehrenamtlichen halb tot arbeiten. Wie sollen sie sich da gesellschaftlich getragen fühlen? Wie wird da den Flüchtlingen zumute, die oft Schreckliches, mindestens aber furchtbare Strapazen hinter sich ha­ben?

Und wie verrottet ist in der Tat der Reichtum der soge­nannten ersten Welt (und das ist bei allen Schwierigkei­ten auch unser Reichtum!) in den Augen der Bewohne­rinnen und Bewohner der Malediven oder der Marshallin­seln, die sich ausrechnen können, wann sie ins Exil ge­hen müssen, weil ihre Inselländer bald im Meer versin­ken? Nebenbei: Von den Nöten der Menschen im letzt­lich auch von der Troika ruinierten Griechenland hat hier­zulande noch nie jemand gerne gesprochen...
Und wie steht es mit unserem Mut und unserem Vertrau­en in die Hilfe Gottes und mit unserem Willen, uns zu wehren gegen die entsetzlichen IS-Verbrecher, die ihre hasserfüllte Ideologie religiös verbrämen und für so et­was wie Theologie ausgeben? Was dürfen die Men­schen in Syrien, im Irak und in Frankreich von uns erwarten?

Ja, wir haben – ebenso wie all die in der ganzen römi­schen Welt, an die der Jakobusbrief gerichtet ist – allen Grund, ungeduldig auf das Kommen des Herrn zu war­ten.
Und trotzdem. Trotzdem sagt Jakobus: „Übt euch in Ge­duld, liebe Brüder und Schwestern.“ Denkt an die, die den Acker bestellen; die warten auch geduldig, bis sie die Früh- und die Späternte einfahren können.

Ja, möchten wir da wohl gerne sagen, und was sollen wir inzwischen tun? Die Hände über unserem gerade richtig dicken Bäuchlein falten und mit unseren grundge­scheiten Augen ergeben vor uns hinblinzeln? Wir sind ja nicht Karlsson vom Dach, der auch dann, wenn er nicht gerade den Pfirsichbaum am Wachsen hindert, immer noch allerlei Schabernack auf Lager hat, mit dem er sich und anderen die Zeit vertreiben kann.

Nun, auch Jakobus hat einiges in petto, das während des Wartens zu tun ist. An dieser Stelle, um die es heute geht, verweist er uns auf Geduld und Gottvertrauen, wir könnten auch sagen: auf den Glauben, der darauf setzt, dass Gott die Welt zurechtbringen wird. Aber einen Glauben, der leer und untätig vor sich hinglaubt, und ein Gottvertrauen, das nichts tut, als auf Gott zu warten und dabei die Hände untätig in den Schoß zu legen, das gibt es bei Jakobus nicht. Das ist bei ihm anders als bei Paulus, bei dem das Tun des Gerechten sozusagen eine von selbst keimende und wachsende Frucht des Glaubens ist. Ich vermute einmal, dass es Jakobus gelegentlich ähnlich ergangen ist wie dem Verfasser des 2. Pe­trusbriefes, der ja davon spricht, dass manches in den Briefen des Paulus schwer zu verstehen ist...

Jakobus liebt die Tora, die Weisung Gottes. Für ihn ist sie vollkommen, sie ist das Gesetz der Freiheit, in das wir uns vertiefen und bei dem wir bleiben sollen, das wir nicht nur hören und wieder vergessen, sondern das wir tun sollen um unserer Seligkeit willen (1, 25). Für ihn ist ein Glaube ohne die Werke der Gerechtigkeit nicht nur wirkungslos (2, 20), sondern tot (2, 26). Das Tun des Gerechten ist ist die Messlatte des Glaubens, es macht den Glauben überhaupt erst sichtbar und in seinem Ausmaß erkennbar.

Das ist, wie gesagt, ein deutlich anderer Akzent, als Paulus ihn gesetzt hat, dem es ja darum ging, die Völker außerhalb des Gottesvolkes Israel mit auf dessen Heils­weg zu bekommen, weshalb er die Tora durchaus auch abgewertet hat. Jakobus tut das nicht, deshalb hat ihn auch Luther nicht besonders geschätzt und seinen Brief eine „stroherne Epistel“ genannt.
Ich kann das nicht finden. Denn Jakobus käme nie auf die Idee, dass Menschen durch ihr Tun das Reich Gottes herbeiführen könnten. Es geht ihm darum, während des Wartens in aller Geduld und Langmut das Richtige zu tun und auf diese Weise die Welt zu verwandeln, sie vor­zubereiten auf den großen Tag. Das ist das, was der zweite Jesaja meint, wenn er ruft: „Bahnt den Weg des Herrn in der Wüste, in der Steppe macht die Straße ge­rade für unseren Gott (40, 3)!“ Wüste und Steppe gibt es wahrhaftig genug, auch heute, besonders heute.

Bereitet alles vor – aber kommt nicht auf die Idee, dass das Reich Gottes euer Werk ist. Das ist Gottes Werk, und es gehört ihm. Deshalb übt euch in Geduld. Arbeitet, wie Bauer und Bäuerin ja auch arbeiten – und wartet. Er kommt, es kommt.

Und, möchte ich ergänzen: Während ihr wartet und ar­beitet und arbeitet und wartet, macht euch keinen Stress – der kommt nämlich von der Ungeduld und tut euch überhaupt nicht gut. Ihr sollt aber auch euch selbst Gu­tes tun, sonst haltet ihr in Zeiten wie diesen nicht durch.

Für unsere jüdischen Geschwister beginnt heute Abend das Chanukkafest, das an den Mut und den Sieg der Makkabäer über griechische Eroberer und Tempel­schänder. Acht Tage lang wird nach Einbruch der Dun­kelheit immer ein Licht mehr angezündet (auch in den Fenstern unserer Bergischen Synagoge hier in Barmen), und während es leuchtet, ruht alle Arbeit. Das wiederum ist eine Erinnerung daran, dass mit dem Fest nicht die tapferen Kämpfer verehrt werden. Verehrt wird, wie es sich gehört, Gott, dem allein Dank und Ehre für den un­erwarteten Sieg der kleinen kämpfenden Schar gebüh­ren. Die ruhige Zeit mit dem Licht und das fröhliche Fei­ern sind das Gute, das sich die Menschen tun – zur Ehre Gottes.


Wenn Sie heute Nachmittag oder Abend mit der zweiten Kerze am Adventskranz dasitzen, dann denken Sie doch daran: Übt euch in Geduld, arbeitet und – wartet. Er kommt, es kommt. Amen.

Sabine Zoske