1. Mose 3, 1-7 "Sich zeigen"

Aktuelle Predigt (zu Beginn der Passionszeit)

foto cor.

1. Mose 3, 1-7  "Sich zeigen"

Liebe Gemeinde!
In diesem Jahr kam die Welt der Jecken kräftig durcheinander, denn in Mainz und Düsseldorf (und in anderen Städten) fand der alljährliche Karnevalszug nicht statt. „Röschen“ stand vor der Tür – und „Röschen“, der Kosename und die Verniedlichungsform von „Rose“, war (obwohl scheinbar passend zum „Rosenmontag“) kein willkommener Gast, sondern das angekündigte Sturmtief …
Gefeiert wurde trotzdem – in Köln sowieso – und letztlich ging alles ja auch noch recht glimpflich ab.

Dabei ist Karneval nicht Jedermanns Sache. Kinder lieben es, viele Erwachsene auch, weil es diese trüben Tage doch etwas bunter macht und Feiern & Lachen etwas Schönes ist. Aber prozentual sind viele rheinische Protestanten ja eher verhältnislos zu diesem Trubel. Und wenn die Kollegin in der Thomas-Kirche wie letzten Sonntag eine (wie ich gehört habe) schöne Büttenpredigt hält und die Gemeinde beim Kirchenkaffee hinterher Karnevalslieder singt, ist das ja eher eine Ausnahme ... Mancher tut sich eher schwer damit, auf Kommando lustig sein. Und Mancher findet den Trubel auch eher abstoßend, diese drei Tage im moralischem Ausnahmezustand – in denen schunkelnd davon gesungen wird *dass wir alle, alle in den Himmel kommen* und *alle kleine Sünderlein sind* …

Karneval, das heißt jedenfalls übersetzt aus dem Lateinischen: Fleisch, lebe wohl!
Dieser Ausspruch hat im Mittelalter die 40-tägige, fleischlose Fastenzeit eingeläutet. Am Karneval der so genannten fünften Jahreszeit, die namentlich aus diesem Spruch abgeleitet ist, mussten die letzten vorhandenen Fleischbestände in einem wildem Treiben und Feiern verzehrt werden, da sie andernfalls wegen des Fleischverbotes verdorben wären.
*Carne Valé“ – das bedeutet aber sicher auch im übertragenen Sinne eine Absichtserklärung, nämlich: „Fleisch lebe wohl, lass es Dir gut gehen, gib noch mal Gas, schlag noch mal über die Stränge, bevor die saure Fastenzeit kommt und Schluss ist mit lustig!“

Das, was sonst unmoralisch oder unschicklich ist, kommt nun – zumindest in den Schmuddelecken - in die Toleranz-Zone. Das, was man sich sonst nicht traut oder duldet, wird nun zu Karneval hier & da nicht ganz so eng gesehen.
Nd dabei spielt es keine unwesentliche Rolle, dass die Anonymität, Maske, die Verhüllung, das Versteckspiel, wesentich dazugehört.
Denn verkleidet zeigt Mancher mehr von sich als ohne Verhüllung ...

Ich lese den Predigttext an diesem Sonntag zu Beginn der Passionszeit aus 1. Mose 3 ------------ txt ----------------

Liebe Gemeinde!
Es ist der letzte Vers, um den es heute Morgen geht: „Da gingen den beiden die Augen auf, und sie wurden gewahr, dass sie nackt sind; und sie hefteten sich Feigenblätter zusammen und machten sich daraus Schurze.“

In diesem Vers geht es um die Frage der Scham.
Um das Sich Verhüllen und Verstecken.
Und darum, dass das offene, nackte, unbedeckte, entblößte Einander-Gegenüber-Treten für Adam und Eva plötzlich nicht mehr möglich ist.
Die Unbefangenheit ist weg und die Schutzlosigkeit wird zum Problem.
Von nun an begegnen sich Menschen nicht mehr offen und unverhüllt.
Sondern das Bedecken der Blöße gehört zum Menschsein.
Was man einander zeigt und was man voneinander sehen darf.
Wohinter man sich versteckt und wie viel man von sich preisgibt.
Das wird zur Frage.

Die biblische Urgeschichte spiegelt darin sehr treffend unsere Realität, denn wir sind die Adam und Evas.
Und zu unserer Realität gehört die Ambivalenz von dem, was wir einander zeigen und was nicht.

Fremd ist es uns, kulturell und religiös, wenn uns in der muslimischen Religion die Frage der *Verhüllung* noch einmal begegnet.
Kopftuch, ja oder nein? Gezwungen oder freiwillig? Modisch gestylt oder ins Extrem gesetzt mit Tschador und Burka?
Sport- und Schwimmunterricht für muslimische Mädchen?
Verblüffen mag uns, dass die Verhüllungsfrage uns emanzipatorisch auch begegnet bei muslimischen Frauen, als Zeichen selbstbewussten und sich abgrenzenden Auftretens in einer Kultur grenzenloser Scham- und Respektlosigkeit gegenüber Frauen.

Aber wir spüren natürlich, dass es dabei um viel mehr geht, als um die Frage nach der körperlichen Verhüllung.
Sondern darum, wie wir einander grundsätzlich gegenübertreten und einander wahrnehmen.

Es gibt eine Art des respektlosen Umgangs miteinander, die dem Anderen nicht zugesteht, dass er selbst bestimmt und entscheidet, was und wie viel er von sich zeigen will und kann.
Das ist eine Frage der Würde.
Und eine Grenze, die man übertreten kann.
Da gibt es Signale, die wahrgenommen und respektiert werden wollen.
Nicht mit Jedem muss und will ich „auf Du“ sein und zuviel von mir zeigen.
Aber es gibt auch die andere Seite, die wir alle kennen:
Mich nicht offener zeigen zu können, weil ich Angst habe vor Zurückweisung.
Mir keine Blöße geben zu dürfen, weil ich mich damit angreifbar mache.
Nicht zuviel von mir mitteilen zu dürfen, weil mich das verletzbar macht.

Im Berufsleben z.B. geht es oft gnadenlos zu: Schwächen darf ich nicht zeigen; nicht immer sagen, was ich denke; schützen muss ich mich – allenfalls nach Feierabend und am Wochenende kann ich mit der Arbeitskleidung auch meine Schutzhüllen ablegen …

Schon unter Kindern und Jugendlichen, auf dem Schulhof, in der Clique bin ich schnell *uncool*, wenn ich nicht mitmache, was alle machen. Der Druck ist da z.T. wohl ziemlich groß. Nicht Jeder, nicht Jede hat die Courage, nicht bei Allem mitzumachen – denn Niemand möchte als Außenseiter *nackt* dastehen und gehänselt oder gemieden werden …

Oder im sozialen Umfeld und in der gegenseitigen Wahrnehmung mit den Nachbarn Haus an Haus: Wie viel kriegen Andere mit von mir? Was wird geredet hinter Gardinen? Wie viel wird investiert in den schönen Schein nach außen?

Und schließlich: So und soviel Deutsche leiden unter Schlaflosigkeit, stand letzte Woche in der Zeitung. Und wenn sie dann schlafen, was träumen Unruhiges und Bedrängendes? Und wie steht es – am Tage und bei Licht betrachtet – mit all den psychischen Problemen, die auch der Schlaf nicht wegräumt?
Nichts schlimmer als wenn man tuschelt: „Der hat doch ne Macke! Die ist doch nicht mehr ganz dicht!“

„Da gingen ihnen die Augen auf, und sie wurden gewahr, dass sie nackt sind; und sie hefteten sich Feigenblätter zusammen und machten sich daraus Schurze.“

Nein, schutzlos treten wir einander nicht gegenüber.
Vieles verhüllen und verdecken wir.

Zu den guten Erfahrungen gehört, wenn es unter Christen, wenn es unter den Jesus-Leuten, wenn es in der Kirche und Gemeinde, anders geht.
Wenn ich erleben darf, dass in unseren Räumen und in unserem Miteinander bestimmte Schutzmechanismen nicht nötig sind.
Dass ich ein offenes Uhr finde und einen offenen Blick.
Dass sich Andere für mich interessieren, wenn ich von meinen Schwächen und Problemen rede – und nicht gleich auf’s Stichwort hin sofort von sich erzählen und meins unter einem Wortschwall begraben.
Schön ist es, wenn Kinder bei uns und unter uns ihren Platz haben und sich nicht schämen müssen.
Wenn Konfirmandinnen und Konfirmanden erleben: Im Unterricht darf ich offen sein und muss nicht den Coolen, die Coole spielen,
Wenn Erwachsene sich finden und ihr Leben teilen und sich nicht verbergen voreinander. Wenn mehr drin ist als Smalltalk und man einander entdeckt im Lachen und Weinen.
Und wenn Ältere und Alte ihre Stärken und Schwächen einbringen und ihren Platz haben.

Das gelingt nicht immer.
Und das geht immer wieder schief.
Aber die Berufung, die Einladung dazu bleibt, dass wir unsere unnötigen Verhüllungen und Schutzmäntel und Verkleidungen ablegen.
Und einander begegnen mit mehr von Gott gesegneter Offenheit.

Der einfühlsame Gott, so heißt es übrigens später in der Geschichte, hat schon bald Mitleid mit Adam und Eva und macht ihnen Röcke aus Fell und legt sie ihnen um.
Er ist barmherzig mit unserer Scheu vor Nacktheit und Blöße und unserem Schutzbedürfnis.
Und er ist der, zu dem wir sagen können: „Vor Dir kann und muss ich mich nicht verbergen in meiner Nacktheit, denn Du siehst und liebst mich auch in meinen schwächsten Augenblicken und an den schutzlosesten Orten!“

Dieser Gott, das ist ja gerade die Botschaft der Passionszeit, ist ja selber – wie der Franziskanerpater Richard Rohr in einem seiner Vorträge gesagt hat – zum *nackten Gott* geworden, Fleisch geworden, offen, nackt und bloß, schutzlos und wehrlos.
Wenn man so will: Der nackte, wehrlose Gott im Bild des Gekreuzigten, der uns schon als nacktes, wehrloses Krippenkind vor Augen steht im Stall zu Betlehem.

Vor diesem Gott und im Licht seiner Liebe dürfen unter uns falsche Feigenblätter fallen. Dürfen wir mehr Offenheit einüben und uns damit gut tun.
Sätze lernen wie: „Du, ich will Dir nichts vormachen!“
Blicke, die nicht mehr signalisieren: „Nimm Dich in acht“, sondern „Vertrau mir!“
Gesten verstärken, die dem Anderen vermitteln: „Ich will Dir nichts Böses!“

Ich schließe mit dem wunderschönen Satz von Adorno: „Geliebt wirst Du da, wo Du auch schwach sein kannst, ohne die ständige Angst zu haben, dass Deine Schwäche ausgenutzt und gegen Dich benutzt wird!“

Kein schlechter Satz auch zum heutigen Valentinstag … Amen

Thomas Corzilius