PREDIGT ZUM PALMSONNTAG - Beginn der vorösterlichen Woche

Foto cor


„Tochter Zion“ haben wir eben gesungen – ein Adventslied, passend zum heutigen Palmsonntag und an der Schwelle zur vorösterlichen Woche.
Und die Geschichte dazu haben wir vorhin in der Schriftlesung gehört – in der Version des Evangelisten Markus.

Was wohl mit Händen zu greifen und zu spüren ist, das ist die Spannung die in dieser biblischen Geschichte steckt – denn sie hat etwas Vordergründiges und etwas Hintergründiges.
Jesus zieht in Jerusalem ein – in Zion, der Stadt der Verheißung, des Segens und der Hoffnung im Glauben Israels.
Menschen erwarten ihn, jubeln ihm zu, breiten ihre Kleider aus und wedeln mit ihrem Palmzweigen – wie beim Einzug eines Königs.
Alles sieht vordergründig nach einem Triumph aus.
Aber auf einem Esel reitet er, demonstrativ.
Seine Feinde lauern hinter den Kulissen und giften und planen sein Ende.
Die Luft brennt hinter den Kulissen.
Keine Thronbesteigung und kein Triumph wartet auf ihn, dem sie da zunächst zujubeln – sondern seine Hinrichtung.
Und bizarre Dinge werden passieren:
Die intimste Geste von Nähe & Zuneigung – ein Kuss - wird ihn verraten.
Einer seiner Treuesten und Willigsten wird ihn 3 x verleugnen, bevor der Hahn kräht.
Der Heiler der Kranken wird verspottet mit einem. „Arzt, hilf Dir selber!“
Der Vorhang vor dem Heiligsten im Tempel wird zerreissen und der Himmel sich verfinstern.
Und der, der ein Leben lang so vertrauensvoll sein „Abba! Lieber Vater“ zu Gott sagte, wird mit dem Psalm 22 schreien: „Mein Gott, mein Gott – warum hast Du mich verlassen?“

Es ist diese Spannung, diese brennende Luft, diese Zerreissprobe, die an der Geschichte so faszinierend ist - die ja schon im Kindergarten und im Kindergottesdienst ihren Platz hat: Jesus zieht in Jerusalem ein!

Und nun möchte mit Ihnen und Euch hören auf diese Palmsonntaggeschichte.
…........

Wenn wir nicht wüssten, liebe Gemeinde, wie diese Geschichte vom Einzug in Jerusalem weitergeht und wohin sie ihn tatsächlich führt, würden wir denken:
Nun ist er am Ziel.
Was im Stall zu Betlehem und unter dem Stern der Verheißung seinen Anfang nahm, findet nun seiner Erfüllung – das Kommen des Messias und sein Erkennen, seine Krönung, sein Ankommen in den Herzen der Menschen – kurz vor der großen, messianischen Zeitenwende, in der die Welt sich verwandelt und Gottes Schalom alles in ein neues Licht taucht.
Die Bösen finden ihre gerechte Strafe, die Mächtigen werden entthront und Alles kommt ins Lot nach Gottes Plan ….

„Dicht dran, kurz davor“ – das denken seine Freunde und Anhänger.
Petrus, der Eifrige und der Immer-vorweg.
Judas, der den Zeloten nahe Römer-Hasser.
Die beiden Söhne des Zebedäus, deren Mutter zuvor darum bittet, das ihre Söhne auf der Ehrentribüne sitzen.
Und all die Anderen.
Ist es nicht toll, wie die Menge ihm zu jubelt?
Kommen nicht alle Sehnsüchte, Wünsche und Erwartungen jetzt ans Ziel?
Aber wir wissen es besser und kennen den Fortgang der Geschichte.

Vielleicht hat Petrus, als er den Jubel erlebte, sich erinnert, wie das einige Zeit vorher gewesen ist:
Jesus hatte ihn und zwei andere Jünger mitgenommen auf einen Berg.
Und dort hatten die Freunde Jesu eine Vision, ein Gesicht, eine verzückende und entrückende Einsicht:
Denn sie sahen Jesus verklärt und strahlend.
Und mit ihm Mose und Elia als Kronzeugen aus der Heilsgeschichte Israels.
Und eine Stimme, die Stimme Gottes, hörten sie, inwendig:
„Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“
Und Petrus war so begeistert, so erfüllt von dieser Eindeutigkeit der himmlischen Vision, dass er spontan ausfrief: „Hier ist es gut bleiben! Lasst uns Hütten bauen! Dir, Jesus eine und Elia und Mose auch!“

Aber vom Berg der Verklärung ging es wieder runter in die Niederungen, ins Tal und hinein in den Weg, an dessen Ende Jesus angespuckt, verhöhnt, geschlagen, verspottet und gequält wird.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“ wird er schreien.
Und nichts wird mehr bleiben von dem „Hosianna! Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“
„Gib den Barrabas frei!“ wird das Volk, das da gerade noch wedelt und psalmiert, rufen.
Und „Kreuzige ihn!“

Und so gehen die Jünger und Freunde Jesu mit diesem jubelnden Einzug in Jerusalem nicht Richtung Sieg, sondern Richtung Niederlage.
Denn von Gott und den Menschen verlassen wird er sein.
Sie werden mit ihm erleben und erleiden all den Widerspruch, die Dunkelheit, das Drama und Scheitern – obwohl es jetzt gerade, angesichts der jubelnden Menge, nicht danach aussieht.

Mit diesen Gedanken, liebe Gemeinde, sind wir am Palmsonntag schnurstracks bei uns und unserem Weg mit diesem Jesus.
Auch wir sind bleibend mit ihm unterwegs in dieser Welt – als Einzelne und als sein Leib, seine Kirche, seine Gemeinde unserer Berufung nach.
Und wir hören die vorösterliche Geschichte von seinem Einzug in Jerusalem in diesem Gottesdienst der Einführung des neugewählten Presbyteriums.
Mit diesem Jesus unterwegs sind wir – und berufen, „die Botschaft von der freien Gnade Gottes,das Evangelium, auszurichten an alles Volk“ (Barmen 6)
Hier in dieser Stadt, in der Mitte zwischen Barmen und Elbefeld, in einer Gemeinde, in der wir uns geschichtlich und demütig einreihen in die Zahl derer, die seit der Gemeindegründung hier Kirche gelebt und gestaltet, gebaut und gepflegt, geprägt und gelenkt haben.
Auch im Wechsel derer, die bereits hier waren Gemeindeleitung und im Pfarramt.
Über die Generationen und Zeiten, von der Frühindustrialisierung, durch zwei Weltkriege und zwei Jahrhundertwenden.

„Und die Menschen breiteten ihre Kleider aus auf dem Weg, hielten und streuten Palmzweige, unddie Menge rief: Hosianna! Gepriesen sei der, der da kommt, im Namen des Herrn!“ heisst es in unserem Text.
Das nenn ich mal einen Zuspruch der besonderen Art, eine Begeisterung und ein Menschenauflauf um Jesu willen, wie man ihn sich scheinbar nur wünschen kann zur Ehre Gottes.
Da scheint die Botschaft angekommen beim Volk und bei den Vielen.
Ihnen scheinen die Augen und Herzen aufzugehen.
In Scharen sind sie da und es scheint sich zu erfüllen, was sonst zu Advent und Weihnachten seinen Platz hat: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein!“

Doch wie ist es tatsächlich gewesen, damals – und auch hier in Unterbarmen, in dieser Kirchengemeinde, die es seit 1822 in diesem Tal gibt?
Wieviele unzählige Menschen, sind hier getauft, konfirmiert, getraut und beerdigt worden? Wieviele Predigten und Gottesdienste haben die Menschen erreicht?
Wieviel Seelsorge und Diakonie, Kirchenmusik und Katechismus, Kindergottesdienst und ist hier durch Unterbarmen und in die Biografien von Menschen hinein geflossen?

Solche Gedanken sind spannend, wenn man in den alten Gemeindechroniken liest und blättert, die alten Schwarz-weiss-Fotos sieht von den ersten Pfarrern und Presbyterien, den Kirchen vor und nach dem Krieg und den hinzugekommenen Gemeindezentren …

Ich glaube, tausendfach mehr, als wir wissen und ahnen, ist Jesus eingezogen und dagewesen in und bei den Menschen hier im Tal.
Tausendfach ist das Wort Gottes, wie es in der Bibel heißt, nicht leer zurückgekommen und auf guten Boden gefallen, hat gute Frucht gebracht im Leben von Menschen.
Tausendfach sind Menschen gesegnet worden und durften einander, durften Kirche, durften die hier Tätigen als Segen erleben.

Aber die Masse?
Die Anderen?
Die, die damals wie heute, nicht erreicht wurden?
Wann und wo blieben und bleiben Kirchbänke und Stühle leer?
Türen und Herzen verschlossen, wenn Kirche sich nähert?
In diesen Zeiten Gemeinde mitzugestalten und zu leiten, heißt:
Umgehen mit Traditionsabbruch und einer „nach-christlichen“ Gesellschaft, mit Entfremdung und Beziehungslosigkeit zu Kirche und christlichem Glauben ….

Er hat schon nicht Unrecht, der Publizist und Theologe Heinz Zahrnt, wenn er vor Jahren Folgendes schrieb:

„Was haben wir nach dem 2. Weltkrieg nicht alles neu angefangen! Wir haben uns zunächst um den Wiederaufbau der Kirche bemüht, neue Gemeinden errichtet und Kirchen gebaut, Akademien und Zeitschriften gegründet, die Liturgie erneuert und die Lutherbibel gleich zweimal revidiert. Wir haben nach neuen Wegen der Verkündigung gesucht … und sind den Menschen nachgegangen: In die Fabriken, Betriebe und Universitäten, Autobahnen und Campingplätze. Wir haben es mit Jazz, Kino, Rundfunk, Fernsehn und Theater versucht und haben Rock'n Roll sogar vor dem Altar getanzt … Bei all dem haben wir den Menschen nicht nur das ewige Heil gepredigt, sondern uns auch redlich um ihr irdisches Wohl gesorgt, haben alle politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme ratend und helfend mitbedacht: Wiedervereinigung und Wiederaufrüstung, Kriegsdienstverweigerung und Mitbestimmung, Atomkraft und Umwelt, Entwicklungshilfe und Asylantenproblem – Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Ich kenne keine andere Institution in der BRD, der nach dem Krieg soviel Neues eingefallen ist wie der Kirche. Dass sie trotzdem das gleiche Misstrauen terifft wie die politischen Parteien, zählt zu den Ungerechtigkeiten der Welt, die es zu ertragen gilt ...“ (leicht gekürzt, aus: Mutmaßungen über Gott)

Nun möchte ich diesem pessimistischen und etwas wehleidigen Ton von Heinz Zahrnt nicht das letzte Wort geben, deshalb habe ich zuvor, von dem Segen und Reichtum und den guten Früchten geredet.
Was Kirche getan hat und tut, wie Kirche erlebt wird, auch bei uns – das ist nicht „Nichts“, sondern ist begleitet vom Segen und Gelingen und guten Erfahrungen.
Da dürfen wir ruhig auch den neuen Gemeindebrief wieder zur Hand nehmen und dankbar sein, wenn wir Seite um Seite unser Gemeindeleben wahrnehmen.

Aber die Massen sind es nicht und sie waren es auch damals nicht, in unserem Predigttext, und auch nicht in der Gemeindechronik vergangener Zeiten, auch wenn es vielleicht den Anschein hat.
Schnell ist der Jubel vor den Toren Jerusalems wieder verklungen.
Auf einem Esel kommt er?
Was für ein komischer König will das sein?
Und seine Freunde, die er im Schlepptau hat, scheinen auch nicht zu taugen für einen guten Hofstaat?
Und spätestens als er kurze Zeit später da steht – bespuckt, verhöhnt, gefesselt – dreht sich die Stimmung.
Und er scheint von Gott und den Menschen verlassen …

Ich denke, es ist heute am Palmsonntag wichtig zu hören, dass es diesem Jesus Christus, dem zunächst Gekreuzigten, in dieser Welt gar nicht verheißen ist, dass er dauerhaft und umfassend zum „Jesus Christ Superstar“ wird, wie das Musical aus den 7oern hieß.
Nirgendwo im Neuen Testament finde ich die Verheißung, dass ihn jetzt in dieser Weltenzeit, alle verstehen, die Mehrheit ihn gutfindet, die Massen vor ihm niederknien und ihm folgen.
Warum?
Weil er eben nicht das kleine Kind in der Krippe geblieben ist, dass alle anrührt, sondern der Bergprediger wurde, der Infragesteller, der uns nicht nach dem Mund Redende und nach unserm Gefallen Agierende.
Ihm nachzufolgen ist und bleibt eine Herausforderung, oft eine Zumutung, immer wieder ein Ärgernis.

Deshalb wird keine Marketing-Strategie, kein Konzept, keine charismatische Überzeugungsarbeit es jemals hinkriegen, dass die Massen sich dauerhaft von ihm angezogen fühlen.
Und keine Mega-Kirche, die sich in Amerika und neuerdings über Kabelfernsehn auch bei uns etabliert mit gefüllten Hallen und zig Tausenden im siebten Lobpreis-Himmel, kommt darum herum, dass es der Gekreuzigte ist, der Menschen in die Nachfolge ruft - auf dem schmalen und nicht auf dem breiten Weg zum Reich Gottes.

Am Osterfest bekennt sich Gott zu diesem Gekreuzigten.
Und zu Pfingsten kommt sein Geist in die Welt.
Immer aber bleibt er in dieser Welt ein König, der auf einem Esel reitet.
Der nicht die Massen bedient.
Und dessen Herrschaft Liebe, Barmherzigkeit und Demut ist.

Amen

Thomas Corzilius