Engels, Luther & die Räuber - Gleichnis vom Barmherzigen Samariter



Aktuelle Predigt 21.8.



Engels, Luther & die Räuber - Gleichnis vom Barmherzigen Samariter

Predigt Barmherziger Samariter

Versetzen wir uns zurück in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, in die Zeit der Frühindustrialisierung: Auch hier in Wuppertal gab es große Fabriken, Fabrikherren und Industriellenfamilien kamen zu Reichtum und Wohlstand – während Tausende in den Fabriken, noch ohne Arbeiterrechte, Absicherung & Schutz, ihr Leben gaben und mit ihren Familien in Armut und Elend hausten …

Dabei war Wuppertal ja sehr geprägt durch Frömmigkeit und Pietismus. Und mittendrin hier im Tal, die Unterbarmer Hauptkirche.

Eine Industiellenfamilie, zu Reichtum gekommen mit großer Baumwollfabrik, hat sie mitfinanziert und war der Gemeinde verbunden. Einer ihrer acht Sprösslinge wurde sogar hier konfirmiert und wuchs auf zwischen dem Reichtum im eigenen Haus und dem Elend in den Hütten, zwischen Gotteslob und Armenfürsorge … Bis er als junger Mann mit seinem Elternhaus brach und sich irgendwann fragte: „Wie geht das zusammen – fromm sein und ausbeuten, warme Suppen spendieren und Menschen im Elend leben lassen? Was hat es auf sich mit der Gerechtigkeit, wo doch auch die Bibel der Pietisten voll ist von prophetischer Sozialkritik und Gottes Parteinahme für die Armen?“

Der Name dieses Mannes, wir wissen es, war Friedrich Engels – der Zweite im Gespann mit Karl Marx und Mitverfasser vom „Kommunistischen Manifest“.

Ich lese den Predigttext für diesen Sonntag aus Lukas 10:

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Dieser antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Da sagte Jesus: : Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.




Der Schriftgelehrte aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?




Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.




Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.




Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.




Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme...




Und Jesus fragte: Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!




….......................

Dieses Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist eine bekannte Geschichte.

Sie ist uns geläufig und vertraut – aber darin liegt bei Bibeltexten ja oft auch eine Gefahr: Denn im Allzuvertrauten steckt oft nichts Aufregendes mehr, und wir hören das Widerständige, Herausfordernde, Provozierende vielleicht gar nicht mehr, das uns da begegnet …

Das ist so wie mit dem Bild im Wohnzimmer, bei dem ein Besucher sagt: „Wow, das ist aber was Besonderes!“ … Und wir sagen: „Ja, das hängt schon ewig da!“ Und wir schauen gar nicht mehr hin, gehen seit Jahr und Tag dran vorbei … Und der Besuch sagt: „Ist Dir schon mal aufgefallen, dass da links unten ...“ und dann schauen wir hin und sagen: „Stimmt, hab ich so noch garnicht bemerkt ...“

Bei diesem so vertrauten Gleichnis steckt das Besondere zunächst in der Frage, die der Gesetzeslehrer Jesus stellt - nämlich: „Wer ist mein Nächster?“

Grundsätzlich würden wir wohl schnell antworten: „Unsere Mitmenschen, die Anderen, sind unsere Nächsten. Besonders die, die in Not sind und Hilfe brauchen. Auf die verweist uns Jesus!“

Wir stimmen zu – menschlich und christlich - , nicht nur an uns selbst zu denken, sondern immer wieder auch sozial zu sein – auch an Andere zu denken – Gutes zu tun – hier und da zu helfen …

Und so hängt das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter dann schön an seinem Platz, wie manch andere Bilder in unseren vier Wänden.

„Liebe Deinen Nächsten!“ - Wer mag widersprechen?

Aber - wo ist die Grenze???

Der Gesetzeslehrer, der Jesus gegenübertritt, hat seine Grenzen – denn sein Glaube, seine Frömmigkeit und sein Weltbild, lässt ihn sagen: Bis hierher und nicht weiter!

Ihm ist ein Rahmen abgesteckt – als geborener und frommer Jude.

Soll es denn plötzlich keine Rolle mehr spielen, welche Nationalität , Abstammung, Religion, Lebensweise und Lebenszuordnung der Andere hat?

Wo kommen wir denn hin, wenn wir grenzenlos barmherzig sein wollen?

Nicht jeder und nicht alle können vor uns stehen und sagen: „Hey, ich bin Dein Nächster – Hilf mir, kümmer Dich, tu was!“

Aber weil der Gesetzeslehrer Jesus so grenzüberschreitend erlebt – der sich als Sohn Israels den Zöllnern und Sündern, den Unreinen und Fremden so ungeniert zuwendet– fragt er nun zurück. „Wer ist mein Nächster?“

Im Text steht an dieser Stelle: „Er wollte sich selbst rechtfertigen.“

„Er wollte sich selbst rechtfertigen“ - dafür dass er mit Gott und der Welt und sich selbst im Reinen bleiben kann, wenn er der Liebe zum Nächsten Grenzen setzt.

Mit gutem Gewissen und guten Argumenten.

Nach dem Motto: Innerhalb der gezogenen Grenzen gilt die Barmherzigkeit, aber ohne Grenzen geht es nicht.



Aber nun erzählt Jesus seine Geschichte.

Von dem Ungläubigen, Fremdgläubigen, Fremdstämmischen, nicht dazu gehörenden Samaritaner, der sich erbarmt.

Und wenn wir sie nacherzählen, diese Geschichte vorbildlichen Handelns, z.B. schon im Kindergottesdienst, oder wenn wir darüber predigen, betonen wir, dass doch gerade der Priester und der Levit hätten handeln müssen.

Wir schütteln den Kopf und finden Konsens in der Empörung darüber, dass sie sich der Hilfe entziehen …

Und weiter hängt das erbauliche Bild vom Barmherzigen Samariter stimmig in unserem Wohn- und Lebensraum.



Doch nun kommt die Pointe: Denn Jesus kehrt die Ausgangsfrage seines Gegenübers „Wer ist mein Nächster?“ um in die Gegenfrage: „Welcher von diesen Dreien ist deiner Meinung nach dem unter die Räuber Gefallenen zum Nächsten geworden?“

Der Deutschlehrer würde hier sagen: Jesus vertauscht Subjekt und Objekt.

Aber es geht nicht um Grammatik.

Nicht „Wer ist mein Nächster? Und wo liegen die Grenzen?“ - sondern „Wem werde und wem bin ICH ein Nächster?!“

Darin liegt die Umkehrung Jesu in der Fragestellung.

Anders ausgedrückt: Wer Dein Nächster, wer unser Nächster ist, das entscheiden und bestimmen wir selbst – durch unser Verhalten, unsere Zuwendung oder unsere Verweigerung, durch unser Vorbeigehen und Augenverschließen – oder durch unsere Offenheit und Bereitschaft zu helfen.

Immer wieder werden wir Gründe finden für unsere Grenzziehungen.



Und es dürfte klar sein, dass über unseren Bibeltext heute nicht zu predigen ist ohne die aktuelle Politik, das Weltgeschehen und die Frage nach den Flüchtlingen, die es aus Krieg, Armut & Untertdrückung in den reicheren und friedlicheren und freieren Teil der Welt drängt, zu denen wir ja in Mitteleuropa gehören, oder etwas demütiger: Gehören dürfen.

„Moment“, heisst jetzt vielleicht bei Einigen der Widerspruch,“ da bin ich jetzt aber gar nicht mit einverstanden, das jetzt zu vermengen – den Barmherzigen Samariter und die komplizierte, schwierige, uns in Vielem ratlos und mittlerweile auch ängstlich und ratlos machende Frage nach den vielen Flüchtlingen!

Schließlich geht es im Gleichnis um so etwas wie Einzelfallhilfe!

Und nicht darum, dass plötzlich am Straßenrand links und rechts und ohne Ende Menschen um Hilfe schreien und verbluten!

Soviel Esel, soviel Wirtshäuser, soviel Denare zum Bezahlen hat's ja garnicht!

Und überhaupt: Wieso hat der von den Räubern Niedergestreckte sich überhaupt auf diesen Weg gemacht, auf diese gefährliche Route?

Mit welchen Erwartungen?

Warum ist er nicht in Jericho geblieben?

Was wollte er in Jerusalem?“

Und so hängt das Bild vom Barmherzigen Samariter, dieses erbauliche Motiv, plötzlich schräg an der Wand und droht runterzufallen …

Ja, das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter stellt unsere Grenzziehungen in Frage und unsere Selbstrechtfertigungen.

Ob es uns gefällt oder nicht.

Immer wieder.

Und so werden wir die Frage nach unserem Nächsten nicht los, es sei denn wir hängen das vertraute Bild ab oder reissen die Seite mit Lukas 10 aus unserer Bibel.



Bitte verstehen Sie diese Gedanken richtig:

Auch ich teile, wie sollte es anders sein, im Blick auf die Umbrüche, die zur Zeit in der Welt geschehen, die Ängste, Fragen und Ratlosigkeiten.

Schnelle, einfache und schmerzfreie Lösungen gibt es nicht.

Nicht Grenzen der Barmherzigkeit, aber Grenzen des Rechtes, sind ohne Zweifel nötig in der Gemengelage - klare Zurückweisungen vor Übergriffen, Gewalt und Verweigerungen.

Das Zueinander ist keine Einbahnstraße und die Gestaltungsprozesse & Konfliktzonen sind an manchen Stellen langwierig und schwierig.

Aber wir als Menschen auf dem Weg mit Jesus können und dürfen nicht einstimmen in den Chor der Barmherzigkeitsverweigerer, die sich gerade zu politischen Mehrheiten entwickeln, es sei denn wir verleugnen Jesus selbst.

…..

Aber jetzt komme ich nochmal zum Text und frage: Wer sind eigentlich die Räuber in unserer Erzählung?

Wenn wir die Geschichte vom Barmherzigen Samariter bedenken, konzentrieren wir uns in der Regel nur auf vier Personen – das Opfer, den Priester und den Leviten, und schließlich auf den Samariter.

Die Räuber dagegen sind ja nicht greifbar, sie kommen nur am Rande vor, werden sozusagen als Voraussetzung der Situation erwähnt und bleiben ansonsten konturlos im Nebel des Unbekannten …

in einem Bibliodrama (also einem Rollenspiel, dass biblische Geschichten umsetzt in ein Nachspielen, Sich Hineinversetzen in Situation und Figuren) wäre es interessant, die Räuber mit ins Licht zu holen und nach ihnen zu fragen …

Und wenn wir dann ganz in der Gegenwart ankommen, stellt sich die Frage:

Wer sind die Räuber?

Wer hat zu verantworten, dass am Straßenrand die Niedergeschlagenen und Ausgeraubten liegen und um Hilfe rufen?

„Sie werden eines Tages kommen und vor unserer Tür stehen“, haben kritische Stimmen schon vor Jahrzehnten gesagt, „wenn wir fortfahren mit dem Nord-Süd-Gefälle und unseren Wohlstand – durch ungerechte Weltwitschaftsdiktate, Rüstungsexpansion und Ressourcen-Diebstahl – meinen aufrechterhalten und sichern zu können ...“

Und genau das passiert jetzt im 21. Jahrhundert, wie auch immer die Verantwortung und Verstrickung sich auch aufteilt:

Wir haben geraubt und tun es immer noch.

Und beschweren uns nun über die am Wegrand Liegenden.



Martin Luther hat dazu einmal gesagt: „Du sollst nicht stehlen! Nun sollst Du aber nicht meinen, dass das allein 'gestohlen' heiße, wenn Du deinem Nächsten das Seine wegnimmst, sondern wenn Du siehst deinen Nächsten Not, Hunger & Durst leiden, keine Herberge, Schuh und Kleider haben, und hilfst ihm nicht, so stiehlst du gleich so wohl, als wenn einer dem anderen das Geld aus dem Beutel oder Kasten stehle; denn du bist ihm schuldig, zu helfen in seiner Not!“



Friedrich Engels jedenfalls – mit dem ich die Predigt begonnen habe – erinnert uns an eine biblische Grundwahrheit: Dass Sünde immer auch strukturelle Sünde ist, d.h. auch in größeren Zusammenhängen und den Ordnungen, die wir schaffen und an denen wir festhalten, werden wir Menschen schuldig …

Und recht hat er gehabt, aus einem christlichen Elternhaus kommend, wenn er irgendwann gesagt hat: „Almosen und warme Suppen reichen nicht aus, wenn es um Gerechtigkeit geht, die schon die biblischen Propheten einklagten!“

….

An dieser Stelle breche ich meine Gedanken ab … Und verstehe die Predigt heute so, dass wir reden sollten über das allzuvertraute Bild vom Barmherzigen Samariter, das da so selbstverständlich und vertraut an unseren Wänden hängt …

Barmherzigkeit heisst das Stichwort.

Es war schon leitend in der Eingangsliturgie heute morgen.

Barmherzigkeit von der wir selbst alle leben, Tag für Tag.

Gott ist barmherzig und Jeder, Jede von uns würde nicht leben und atmen und sich seines Lebens freuen können ohne die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

Jede Minute neu.

Das sollte die Brille sein, die wir aufsetzen, um das Bild neu zu betrachten.

Thomas Corzilius