Heilung eines Taubstummen MK 7



Heilung eines Taubstummen MK 7



Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilien!

Die Sommerferien gehen in die Schlusskurve.

Und normalerweise verbinden alle Medien in diesem Land mit dieser Zeit das sog. „Sommerloch“ - d.h. es passiert wenig, und deshalb braucht es normalerweise ein paar Storys, die das Sommerloch füllen: Tagelange Berichte über einen Bären, der aus dem Zoo ausgebrochen ist … oder die Frage, ob das Ungeheuer von Loch Ness wieder gesichtet wurde ...

Doch in diesen zurückliegenden Sommerferienwochen war es anders.

Denn zwischendurch war man ja richtig froh, wenn es mal einen Tag ohne „Eilmeldung“ gab – von Terroranschlägen, Amokläufern, Gewalt und Unglück in einer zur Zeit so verrückt spielenden Welt.

Und dazu noch – am Horizont für die zweite Jahreshälfte - dieser unsägliche Donald Trump für die anstehenden Wahlen im November in den USA, Erdogan und die Türkei, Putin … und und und …



Was macht das mit uns?

Und wie gehen wir, in diesem Sommer 2016, damit um?



Im Blick auf den für heute vorgeschlagenen Prediggtext, den ich gleich lesen werde, kommen mir dazu die drei Affen in den Sinn, die sie als Bild sicher kennen:

Sie sitzen nebeneinander – der eine hält sich die Augen zu, der andere die Ohren, und der dritte den Mund.

Nichts sehen, nichts hören, nicht sagen.

Denn so geht es uns vielleicht auch in diesen Wochen und Monaten angesichts der Welt:


Ich kann und will es nicht mehr sehen, am liebsten nicht mehr hingucken.


Nichts mehr hören von alldem und die Ohren verschließen.


Und wenn Du mich fragst, was ich dazu sage – dann fällt mit nichts mehr ein, dann bin hin- und hergerissen ...



Doch nun zum Predigttext des heutigen Sonntags (Markus 7,32-37):

„Und sie brachten einen Menschen zu Jesus, der war taub und der Sprache nicht mächtig, und sie baten ihn um Handauflegung.

Da nahm Jesus ihn beiseite, abseits der Volksmenge, berührte seine Ohren und seine Zunge, blickte auf zum Himmel, und sprach dann zu ihm: Ephata! Das heisst: Tue Dich auf und öffne dich!

Und sogleich wurden seine Ohren aufgetan und seine Zunge gelöst, und er konnte hören und sprechen.

Und die Menschen staunten, und sprachen: Die Tauben macht er hörend und den Stummen gibt er die Sprache wieder!“



…..



L.G.

Diese Wundererzählung von der Heilung eines Taubstummen reiht sich ein in so manch andere Wunderzählung, die von Jesus überliefert ist … Und wenn wir bei Markus ein Kapitel weiterlesen, begegnet uns die Heilung eines Blinden.

So dass der Chor der Staunenden sagen kann: Er heilt die Tauben, die Blinden und die Stummen.



Wenn Jesus, an den wir glauben und an dem unser Herz hängt, Menschen begegnet als Heiler – wie in unserem Predigttext – , wenn er ihnen das Hören und Sehen und die Fähigkeit, den Mund aufzumachen, wiedergibt, wenn er Gekrümmte aufrichtet, Gelähmte wieder auf ihre Füße stellt, Aussätzige wieder vom Rand in die Mitte holt – dann sind das im Neuen Testament und in den Evangelien HEILUNGSERFAHRUNGEN, die von von Gott kommen – in denen Leib & Seele nicht zu trennen sind – und in denen etwas aufscheint von Heil & Heilung & Zurechtbringung, die mit Jesus in die Welt gekommen ist.



Hat er diese Wunder tatsächlich getan?

Noch Größeres wird ja von ihm erzählt, der angeblich einen Sturm stillt, Wasser in Wein verwandelt, auf dem See wandelt und Lazarus aus dem Grab holt?

Wie soll das zugehen?


„Märchen“, sagen die Einen … fromme Phantasie, Legendenbildung, nichts davon ist tatsächlich passiert.


„ER war und ist Gottes Sohn!“ sagen die Anderen … wie sollte Gott durch ihn keine Wunder getan haben … selbst, wenn er die Naturgesetze einmalig und zauberhaft auf den Kopf stellt.


„Man muss es nicht wörtlich so glauben!“, sagen die Dritten – sondern auf die bildhafte Deutung kommt es an, den symbolischen Gehalt, wenn Jesus Augen und Ohren öffnet, Zungen löst, Lebensgeister weckt und in den Stürmen des Lebens Vertrauen schenkt …



Tatsache ist wohl, nach unserem Wissenstand, dass Jesus tatsächlich ein Heiler war, heilende Kräfte hatte, und zwar so, dass es die Menschen in Erstaunen versetzte.



Doch was nützt es uns, wenn er vor 2000 Jahren irgendwo in den Dörfern Israels Kranke gesund gemacht hat?

Warum sitzen wir hier, im Taufgottesdienst einer christlichen Kirche, und hören uns eine solche Geschichte an und denken darüber nach?

Was ist der Bogen zu uns und unserem Leben und unsere Gegenwart?

….



In einem Buch des Gestalt-Therapeuten Bruno Paul de Roeck las ich im Urlaub folgende Sätze:

„Manchmal scheint es so, als könne man die Welt in zwei Hälften teilen: Die gesunde Hälfte und die kranke Hälfte.

Aber so einfach ist es nicht … Sind die ausdruckslosen und gelangweilten Gesichter, die tagaus tagein ihrer Arbeit nachgehen, die Gesunden oder die Kranken?

Ist jemand, der unerträgliche Situationen nicht mehr ertragen kann, krank oder gesund?

Zu welcher Hälte gehören die immer Tüchtigen, die immer reibungslos Funktionierenden?

Wohin gehören all die klugen Leute, die scheinbar alles im Griff haben, aber innerlich nicht mehr lebendig sind, nicht mehr glücklich und spontan sein können?

Bedeutet Heilung, dass Menschen wieder gesellschaftlich angepasst, bequem und brauchbar gemacht werden?“



De Roek spricht hier nicht als Mediziner und Arzt über organische Befunde.

Aber die Grenzen zwischen Krankheit & Gesundheit sind immer wieder fließend.

Und längst wissen wir um den Zusammenhang von Körper und Geist, organischer und seelischer Verbindung.

Wir können äußerlich funktionieren, aber innerlich taub und stumm geworden sein.

Wir können körperlich beeinträchtigt und krank sein, aber wir haben auch einen Geist und eine Seele.

Wir können mit guten Blutwerten vom Arzt kommen und doch tief im Herzen krank, taub, stumm und blind, gelähmt und lebendig tot.



Und wo also sind wir, Sie und ich, in alldem?

Brauchen wir auch Heilung?

Wo und wie?



…..



Heute – diesem Sonntagmorgen – feiern wir wieder das Leben mit der Taufe von Minna & Flora, Zoey & Lennox und entlassen sie mit Gottes Segen in diese Welt und in die Zukunft.

Wir wünschen Ihnen Gesundheit und Bewahrung, Glück und Gelingen.

In was für eine Welt und in was für eine Zukunft werden sie gehen?



Eingangs sprach ich davon, dass der Sommer 2016 kein Sommerloch hat, sondern uns in Atem hält mit all den sich verdichtenden, düsteren Ereignissen.

Das macht etwas mit uns.

Das greift unser Menschsein an.

Unsere Herzen, unsere Seelen und auch unsere Sinne.


Da sind unsere Ohren: Worauf sollen wir hören in all dem Wirrwarr? Wo halten wir uns die Ohren zu? Wo hören wir längst weg und schon garnicht mehr hin? Wo sind wir taub geworden für das was uns anschreit? … Und wo, auch das steckt ja in unseren Ohren, verlieren wir das Gleichgewicht und die Balance und uns wird uns ganz schwindlig?


Da sind unsere Münder: Sprachlos, ohne Worte für sovieles, verstummt … nicht in der Lage oder nicht mutig genug, sich zu öffnen …


Da sind unsere Augen:… Ohne Durchblick, getrübt …



Ahnen wir bei diesen Sätzen, wie die heutige Geschichte von der Heilung eines tauben, gehörlosen und damit auch in seiner Sprachfähigkeit beeinträchtigten Menschen – und dazu all die anderen Heilungsgeschichten der Blinden und Gebeugten – etwas mit uns und der Gegenwart zu tun haben?



Klar ist:

In diesen Wochen und Monaten nehmen wir wahr, wie krank und heilungsbedürftig unsere Welt ist.

Wieviel kaputtes und krankes Menschsein es gibt.

Und wie alles schreit nach Liebe, Vernunft, Gerechtigkeit und Umkehr.



In alldem hat auch die Religion zwei Seiten – jeder Religion – eine zerstörerische und eine heilende.



Jesus, das ist die Botschaft unseres Predigttextes heute morgen, verkörpert und bringt uns die heilende Dimension.

Sein Geist bringt Menschen zurecht und zueinander, statt gegeneinander.

Sein Wirken zielt auf Gesundung an Körper, Seele & Geist.

Seine Präsenz gibt Menschen Kraft und Mut und Vollmacht, Licht zu sein und Licht zu bringen, wo Hass und Unvernunft und Bosheit regieren.



Darauf haben wir Minna & Flora, Zoey & Lennox heute getauft.



Und wir alle, das ist der Sinn eines jeden Gottesdienstes am Sonntag zwischen zwei Alltagswochen, werden eingeladen, uns Ohren, Augen, Mund und Herz wieder heilen und öffnen zu lassen.

In einer Welt, die zunehmend auf Konfrontation, waghalsigen Eigensinn und Entfremdung zusteuert



Martin Luther King schrieb einmal: „Mehr als je zuvor sind Menschen aller Rassen und Völker aufgerufen, miteinander zu leben … Wir können uns nicht länger den Luxus erlauben, einander zu ignorieren. Wir können nicht lange überleben, wenn wir in einer geographisch zusammengerückten Welt geistig und materiell voneinder getrennt bleiben. Der Andere, Fremde ist ein Teil von mir – und ich bin ein Teil von ihm. Sein Todeskampf schwächt mich, seine Rettung erhebt mich.“




Haben wir Ohren, das in diesem Sommer mit Ernst zu hören – gegen all die Stimmen, die uns uns was anderes predigen und einreden wollen?


Haben wir einen Mund, der sich öffnet – damit alle Kinder dieser Welt eine gemeinsame Zukunft haben mit Minna & Flora, Zoey & Lennox – und mit allen Eltern und Großeltern, die überall auf der Welt ihre Kinder so lieben wie wir?



Denn nicht die irren Machthaber und unsere Verstrickungen darin sollen in dieser Welt das letzte Wort behalten, sondern Gottes Verheißungen und die Seligpreisungen Jesu, der die Friedens- und Gerechtigkeitssucher selig preist!



Was also HÖREN wir und was SAGEN wir in dieser kranken Welt?



Und Jesus blickte auf zum Himmel, und sprach dann zu ihm: Ephata! Das heisst: Tue Dich auf und öffne dich!

Und die Menschen staunten, und sprachen: Die Tauben macht er hörend und den Stummen gibt er die Sprache wieder!“



Amen

Thomas Corzilius