Aktuelle Predigt 19.9. Zauberwort "GNADE"





foto Cor.

Liebe Gemeinde!
Im Umgang mit Kindern und in der Erziehung unserer Kinder kennen wir zwei „Zauberworte“: Das eine heisst „Bitte“ und das andere „Danke“.
Wir nennen sie „Zauberworte“, weil sie uns etwas aufschließen – nämlich Wohlwollen und Zuneigung.
Heute morgen möchte ich über ein anderes „Zauberwort“ predigen, dass für uns – glaubensmäßig, lebensmäßig & spirituell – sehr zentral und wesentlich ist – und dieses „Zauberwort“ heisst GNADE.

In der Bibel begegnet es uns vom Anfang bis Ende immer und immer wieder.
Denn sie bezeugt uns den gnädigen Gott, der schon in der Erzählung von Adam & Eva gnädig ihre Blöße bedeckt und am Ende abwischen wird aller Tränen von unseren Menschenaugen ….
Und um es gleich zu sagen:
Es ist nicht rechtens, wie es immer mal wieder versucht wurde, Altes und Neues Testament gegeneinander zu stellen, als würde uns in der Hebräischen Bibel der zornige, strenge, zu fürchtende Gott begegnen und in Jesus ein Gott der Liebe.
Trotzdem ist mein Leitwort für diese Predigt über das Zauberwort „Gnade“ heute Morgen ein Vers aus dem Johannesevangelium, Kapitel 1, Vers 16. Dort ist von Christus die Rede und es heisst:
„Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“

Ich liebe dieses Wort – weil es dieses Überfließende, nicht Versiegende, Übermäßige hat … „Von seiner Fülle genommen … Gnade um Gnade“.
Und weil es uns – sozusagen als Overtüre zu den folgenden 21 Kapiteln des Johannesevangeliums – gleich sagt, was in der johanneischen Theologie der Kern und die Essenz der Offenbarung Gottes in Christus ist!
…..
Aber überlegen wir bitte einen Augenblick, was wir beim Wort „Gnade“ empfinden.
Es steht ja nicht im Zentrum unserer Lebenswahrnehmung – wie etwa die Worte Gesundheit, Selbstverwirklichung oder Lebensfreude …
Gnade kommt eher am Rand vor – als juristischer Begriff für die, die auf Gnade angewiesen sind, mit einem „Gnadenersuch“ um Strafmilderung oder Straferlass bitten. Dass „Gnade vor Recht“ ergehe, das ist ein geläufiger Begriff und im Prinzip weiss Jeder, dass er mal in die Situation kommen kann, auf Gnade angewiesen zu sein.
Aber da liegt auch schon das Problem: Denn im Begriff „Gnade“ liegt auch etwas, das uns widerstrebt: Es hat etwas zu tun mit Herablassung, Abhängigkeit, Unterwürfigkeit und Schwäche – und deshalb begnen wir der Gnade mit gemischten Gefühle …
Ob wir Jemandem Gnade gewähren, der uns nicht am Herzen liegt, das überlegen wir uns dreimal oder sagen u.U. konsequent Nein.
Und selber um Gnade bitten zu müssen, das möchte keiner …
….
Für den christlichen Glauben und das Evangelium, die „Frohe Botschaft“, die sich an Jesus festmacht, ist der Begriff der Gnade zentral.
Und wir finden wohl ein besseren, lebensnahen Zugang, wenn wir uns bewusst machen, was das Gegenteil von Gnade – nämlich Gnadenlosigkeit – ist.
Denn es gibt so unendlich viel Gnadenlosigkeit in der Welt, in unserem Leben, im Umgang miteinander, in der Berufswelt, auch in Familie und Bekanntenkreis, im öffentlichen Leben, auch im Umgang mit uns selbst.
Und diese Gnadenlosigkeit macht krank und kaputt, und die Welt, die wir teilen, kalt und dunkel …
Wenn wir nicht selbst betroffen sind, zucken wir vielleicht die Schultern und sagen: „So ist die Welt nun mal“ und haben unsere Sprüche wie: „Das Leben ist kein Ponyhof“, „Von Nix kommt nix“ oder „nur die Harten kommen durch“ …
Und die ganz Klugen bemühen den Lauf der Evolution, die über Jahrmillionen halt den Fortschritt aller Entwicklung und allen Lebens in der gnadenlosen Auslese und dem letztlich gnadenlosen Zurücklassen des Schwachen begründet sehen …
Und da hinein nun heute morgen unser Predigtwort: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“.
......
Das Erste, was mir dazu einfällt – und vielleicht finden Sie, findet Ihr euch darin wieder – ist die Tatsache, dass ich die göttliche Gnade ohne Wenn & Aber für mein Leben brauche, wenn ich daran denke, einmal vor Gott zu stehen.
Ich drücke das bewusst so schlicht aus – in dem Wissen, das die Vorstellung eines göttlichen Gerichts Manchen Schwierigkeiten macht bzw. es heutzutage angeblich für Viele keine Rolle mehr spielt.
Aber das glaube ich nicht.
Jedes Nahtoderleben macht auch den coolsten Zyniker und Selbsttäuscher demütig, denn es ist verbunden mit schmerzhaft-intensivem Lebensrückblick.
Das Wissen um meine Dunkelheiten und mein Schuldiggeworden Sein, die Unumkehrbarkeit meines Tuns im Augenblick des Todes, das angehäufte Karma aus indisch-asiatischer Sicht oder das Nahekommen zu Gott, wie Moses vor dem brennden Dornbusch, ist und bleibt ein Faktum …
Und ich glaube, dass in der Verdrängung des Todes ganz tief auch eine metaphysische Angst steckt – wie auf- und abgeklärt auch immer unsere Neuzeit sich gibt ...

Kurt Marti hat das Wissen darum, das einen quälen kann, so ausgedrückt:
Manchen bin ich einiges, einigen bin ich vieles schuldig geblieben.
Und die Zeit läuft davon.
Wessen Liebe kann das noch gut machen?
Die meine nicht.
Nein, die meine nicht.
Und deshalb werfe ich mich – ich kann es nicht anders ausdrücken – immer und immer wieder auf die Gnade Gottes und seine zurechbringende, heilende, tröstende und mich bergende Liebe, die mir Christus verbürgt, und aus dessen Fülle ich nehme Gnade um Gnade.
Oder wie Luther es im Sermon vom Seligen Sterben schreibt:
„Nun sieh, was soll dir dein Gott mehr tun, damit du en Tod willig annimst, nicht fürchtest und überwindest? Er zeigt und gibt dir in Christus das Bild des Lebens, der Gnade und der Seligkeit, damit Du dich nicht überwältigen lässt vom Bild des Todes, der Sünde und des Gerichts ...“

Doch noch leben wir ja, jetzt und hier.
Und haben soeben gesprochen von der Gnadenlosigkeit in unserer Welt- und Lebenserfahrung.
Diese Gnadenlosigkeit hat viele Gesichter:
Sie kann z.B. unser ureigenes Problem sein, weil wir gnadenlos mit uns selber sind: Schwer können wir uns verzeihen, wenn uns etwas nicht gelingt, wenn wir nicht den Idealen & Maßstäben entsprechen, die wir selbst (oder die vermeintlich Anderen oder Gott) an uns haben … „Ich kann mir dies oder das nicht verzeihen!“ sagen wir dann. Oder:„Ich bin mir selbst das größte Problem !“ oder „Ich mache mir selbst den größten Druck!“
Gnadenlos können wir werden in unseren Beziehungen, Partnerschaften und im familiären Umfeld z.B. zwischen Geschwistern: Beinhart, stur und unverrückbar werden da Positionen verteidigt, Fehler des Anderen unverzeihlich wahrgenommen & aufgelistete Verletzungen zum Argument gnadenloser Entfremdungen und Kämpfe … Obwohl wir uns in den einsichtigen & milden Momenten nichts sehnlicher wünschen als geheilte Beziehungen und die Erfahrung von Gnade!
Gnadenlos mögen wir auch sein oder werden gegenüber bestimmten sozialen Gruppen – siehe die Gewalt in Bautzen aktuell oder Frauke Petry, die wieder das Wort „völkisch“ verharmlosen will … Ohne jeden Verstand ist die Volksseele wieder bereit, in die Muster einer Gnadenlosigkeit zu verfallen und sich agitieren zu lassen – und da braucht es längst keine Springerstiefel und Glatzköpfe mehr, Anzugträger verrichten längst geföhnt, geheuchelt und unschuldig ein Werk, das mit dem Geist Christi nichts, aber auch garn nichts zu tun hat …
Dabei liegt das Gefährliche unserer Gnadenlosigkeiten darin, dass sie etwas Gefährliches mit uns machen:
Sind wir selber gnadenlos mit Anderen unterwegs, steigert und stärkt es unser Ego, und das fühlt sich gut an.
Erleben wir selber aber die Gnadenlosigkeit Anderer, macht es uns tief im Herzen und in der Seele kaputt – in demütigenden Erfahrungen, die tief in uns sitzen, und dauerhaft ….
Ich breche hier mal ab und bitte Sie und Euch, die Erfahrung aller Gnadenlosigkeiten mal weiterzudenken --- und sie in ein Verhältnis zu setzen zu der tiefen Sehnsucht einer jeden Menschenseele und eines jeden Menschenherzens, geliebt und anerkannt und gewürdigt und gewertschätzt – sprich: Mit Gnade angesehen – zu werden …..
…..
Das Evangelium dieses Sonntags aber ist nun der Zuspruch der göttlicher Gnade, die uns in Christus begegnet – und von der Johannes redet wie von einer unerschöpflichen, sprudelnden Quelle:
„Aus ihr haben wir genommen und tun es immer noch, täglich, Gnade um Gnade“
Ich verstehe dieses Wort als einen Türöffner für unsere Herzen und Seelen.
Und als Einladung, gnädiger & barmherziger mit uns selbst und mit Anderen umzugehen.
Wie sehr haben wir das nötig.
Wie sehr sehnen wir uns danach auf den verschiedensten Ebenen
Und wie wunderbar wäre es, wenn wir die Gnade, von der wir alle leben – ohne Unterschied – als Zauberwort neu entdecken!
Natürlich müssen wir auch hier und da streiten, ringen, kämpfen, zurückweisen und „Nein!“ sagen - und natürlich ist die Gnade kein Freibrief für Alles und Jeden, sich der Selbstverantwortung zu entziehen.
Aber Gnade bleibt das Zauberwort, das wir an tausend Stellen vergessen haben und das Vieles in an neues und wärmendes Licht tauchen würde ...
Brennan Manning schreibt dazu: „ Das Wort Gnade bewegt uns nicht mehr so, wie es die frühen Christen bewegte und es hat seine Strahl- und Sprengkraft kraft und Faszination leider eingebüsst … Im Großen und Ganzen wird das Evangelium von der Gnade weder verkündet noch verstanden noch gelebt. Viel zu viele Christen leben in der Furcht und nicht in der Liebe!“
Würden wir es tun – in Verbindung mit Jesus aus der Gnade leben – leben, käme viel vom Heil und von der Heilung bei uns an, die Gott für uns bereit hat.
Nocheinmal Brennan Manning: „Ich bin ein Bündel von Widersprüchen. Ich glaube und zweifle, ich hoffe und bin entmutigt, ich liebe und hasse, ich fühle mich schuldig dafür, dass ich mich nicht schuldig fühle. Ich bin vertrauensvoll und misstrauisch. Ich bin ehrlich und wende immer noch meine Tricks und Spielchen an … Aus der Gnade leben heisst, meine gesamte Lebensgeschichte anzuerkennen, die helle wie die dunkle Seite … und fröhlich und getrost von der Vergebung zu leben!“
Ich wünsche Ihnen und mir – immer wieder aufs Neue – ganz viel davon.
Das Abendmahl, das wir gleich gemeinsam feiern, lässt es uns schmecken im Brot, Saft & Wein.

Thomas Corzilius