AKTUELLE PREDIGT zum 3. Advent




Menschen warten aufeinander und verfehlen sich.

Oft in harmlosen Alltagssituationen.



Da steht der Eine irgendwo und schaut seit geraumer Zeit, von Minute zu Minute, auf die Uhr, zunehmend nervös, genervt und ungeduldig.

Und zur gleichen Zeit wartet der Andere, an einer anderen Stelle.

„Hatten wir uns nicht hier verabredet?

Wollten wir uns nicht hier treffen treffen und hatten eine Uhrzeit ausgemacht?

Verflixt nochmal, wenn ich etwas nicht ausstehen kann, ist es diese Unpünktlichkeit!“

In diesen Tagen und Wochen der vorweihnachtlichen Einkäufe mag das wohl verstärkt vorkommen:

Achten Sie mal auf die Männer, die erst überhaupt keine Lust haben, mit ihren Frauen von Geschäft zu Geschäft zu laufen, Rolltreppe rauf, Rolltreppe runter, links herum und rechts herum … also heißt es: „Geh Du mal! Wir treffen uns dann und dann da und da“… und dann stehen sie da, überpünktlich, zunächst noch entspannt, dann ständig auf die Uhr schauend, genervt und böse guckend, minutenlang vor irgendwelchen Eingängen, auf und ab gehend … und warten und warten …

Wenn sie dann doch irgendwie zueinanderfinden, Mann und Frau, inmitten des Einkaufstrubels, nach einer halben Stunde, obwohl beide pünktlich, nur an verschiedenen Stellen, gewartet haben … dann ist die Misstimmung da, dann geht es los mit dem Geschimpfe, den Vorwürfen und der schlechten Laune …

„Du hörst mir ja nie zu!“

„Und ich hab noch extra gesagt …„

Usw. usw.



Menschen warten aufeinander und finden doch nicht zu-einander.

Das kann auch etwas sein, was gar nicht so harmlos und humorig ist – wenn unter Gefahr, in brenzligen Situationen, unter schicksalhaften Umständen, das Zueinanderfinden oder das Einanderverfehlen eine Frage auf Leben und Tod wird… Etwa auf der Flucht und unter Gefahr für Leib und Leben.



Heute, am dritten Advent, aber lautet meine Leitfrage für die Predigt:

Können Mensch und Gott einander auch verfehlen?

Wer wartet auf wen, wann und wo?

….



Johannes 11, 2-3

Johannes der Täufer saß im Gefängnis und hörte von den Werken des Christus.

Da sandte er zwei seiner Gefolgsleute zu Jesus

und ließ ihn fragen: Bist Du derjenige, der kommen soll, der Messias und Erlöser?

Oder sollen wir auf einen anderen warten?



Eine Frage also steht im Raum an diesem 3. Advent.

Und ein Stichwort: Warten.



Jede Vorweihnachtszeit ist ja, ihrem Wesen und Sinn nach, eine Zeit des Wartens und der Erwartung.

Und die christliche Religion, unser christlicher Glaube, richtet den Blick auf das Christus-Fest am 24. Dezember oder den 6. Januar – je nachdem wie wir katholisch, evangelisch, orthodox beheimatet sind.

Gott kommt, so lautet das Evangelium, die Frohe Botschaft, seit 2000 Jahren, in diesem Kind, dass da im Stall zu Betlehem geboren wird.



Und ganz selbstverständlich singen wir:

„Wir warten Dein, o Gottes Sohn, und lieben Dein Erscheinen.“

„Wie soll ich Dich empfangen und wie begegn ich dir“

„Sei willkommen, o mein Heil“

Und wenn es soweit ist: „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, Du mein Leben“



Ganz selbstverständlich also warten wir und er-warten wir das Kommen Gottes in Christus, diesem Jesus-Kind.


Der, der später der Bergprediger und der Freund der Zöllner und Sünder sein wird, der zur Feindesliebe Aufrufende und dann der Gekreuzigte.


Der, den das Volk Israel und der jüdische Glaube willkommen heißt als ihr Bruder Jesus – aber nicht willkommen heißen kann als den Messias, weil sie weiterhin mit der Welt warten auf sein Kommen und die sichtbare Wende.


Der, von dem Manche zu Recht fragen: Wie es wohl wäre es denn tatsächlich, wenn er heute zu uns käme, in unsere Welt, unsere Kirche, hier jetzt sitzen würde unter uns? Und wenn er anschließend beim Kirchencafé mit uns ins Gespräch käme über unser Leben, unsere Meinung hören wollte zu all den aktuellen Politik- und Gesellschaftsfragen, unserem Lebensstil, mit uns reden würde über unsere Kirche, unsere Gemeinden, unser Christ-Sein …?



„Wir warten Dein, o Gottes Sohn, und lieben Dein Erscheinen!“

Stimmt das?

Erwarten wir ihn?

Und was erwarten wir von ihm, wenn wir sagen, dass wir ihn erwarten?

….



Der Schriftsteller Arnim Juhre schreibt in einem seiner Gedichte:

Worauf warten wir?

Jahr um Jahr?

Kennen wir ihn?

Oder

wartet er

auf uns?

Seien wir ehrlich:

Auch wir fragen uns weiterhin und auch in diesem Jahr, wie beides zusammengeht und zueinander findet – unsere Lebens- und Weltwirklichkeit und diese Advents- und Weihnachtszeit.

Unsere Weihnachtslieder und die Nachrichten.

Unser Glaube und das Weltgetriebe.



„Bist Du derjenige, der kommen soll, der Messias und Erlöser? Oder sollen wir auf einen anderen warten?“ fragen die Jünger des Johannes Jesus.

Fragen sie zu Recht oder zu Unrecht?

Und wissen wir es besser?

Und wenn ja: Worin besteht unser besseres Wissen?



Mein Predigteinstieg heute war die Beschreibung, wie Menschen aufeinander warten und sich doch verpassen, verlieren und verfehlen können.

Einer wartet auf den Anderen.

Nur am falschen Ort, am falschen Treffpunkt, manchmal auch mit einer unterschiedlichen Zeitansage.



Arnim Juhre jedenfalls kehrt die Frage des Wartens um.

Und spricht davon, dass Gott uns erwartet.

Dass Gott auf uns wartet.

Und dass die Erwartungshaltung sich umdreht!



Und damit bringt er wohl eine gute biblische Perspektive in unsere Adventszeit des Wartens und der Erwartung hinein: Denn Gott, wie er uns im Zeugnis der Bibel begegnet, wartet auf uns!

Spüren wir das?

Sehen wir das?




Er wartet darauf, sich in uns (unseren Herzen, Köpfen und Seelen) und unter uns und in der Welt zeigen und wirken zu können – denn wie schon Angelus Silesius provozierend sagt: „Wäre Christus tausendmal in Betlehem geboren, doch nicht jetzt hier und immer wieder neu in uns – was wäre es damals mit seiner Geburt“?


Er wartet darauf, dass die Menschen umkehren von falschen Wegen – wir kleinen Leute und die Machthaber und Stippenzieher dieser Welt. Wir mit unseren Möglichkeiten, unseren Berufungen, unserem Wirkungsfeld – und all die, die uns täglich in den Nachrichten begegnen.


Er wartet darauf, dass wir uns ihm zuwenden und seinen Bund, seine Gnade, seine Wegweisung unser Licht und unsere Gnade sein lassen – und uns befreien lassen von alldem, was uns nicht glücklich und frei macht!

Wenn man sie so lesen will, kann die ganze Bibel – angefangen von der Frage „Adam, wo bist Du?“ über die Propheten bis hin zum Ruf Jesu in seine Nachfolge verstanden gelesen und verstanden werden als Gottes Warten auf uns.



Wo bist Du?

Wo bleibt Ihr?

Fragt uns der Gott der Bibel.

Und diese Umkehrung der Frage ist die Botschaft dieses 3. Advent.



Der Ort, wo wir Gott in diesen Tagen und Wochen treffen und ihm begegnen sollen, ist der Stall von Betlehem.

Da hat er sich mit uns verabredet.

Da ist das Licht, an dem die Welt hell und wir selbst Licht werden dürfen.

Da beginnt die Lebensspur des Mannes, den wir unseren Herrn und Heiland, unseren Bruder und Erlöser, unseren Meister und Freund nennen dürfen.



Wir, die Welt und die Menschen, können Gott verpassen und verfehlen – das ist der Ernst dieser Adventszeit, die ja streng genommen (genau wie die vorösterliche Zeit) „Bußzeit“ ist, Besinnungszeit, Umkehrzeit.

Aber wir dürfen Gott begegnen.

Er wartet auf uns.

Das ist das Evangelium.



Deshalb lasst uns zur Krippe gehen - und Gott DORT treffen, wo er sich in diesen Tagen mit uns verabredet hat.

Und dann lasst uns WEITERGEHEN mit diesem Kind, unserem Herrn, Meister und Erlöser.



Durch das neue Kirchen- und Kalenderjahr.

Und durch unser ganzes Leben.

Thomas Corzilius