HEILIGABEND-PREDIGT 2016



HEILIGABEND-PREDIGT 2016

Unterbarmer Hauptkirche





Das Jahr 2016 geht mit diesem Weihnachtsfest in die Schlusskurve und in einer Woche zählen wir schon wieder die Stunden bis Mitternacht, wenn die Zeiger über die 12 rutschen und ein neues Kalenderjahr vor uns liegt … Und wir alle fragen: Was wird es uns bringen?

Nun aber ist erst einmal der Heilige Abend.

Und meine Ausgangsfrage heute Abend lautet:

Wie aufnahmefähig sind Sie, sind wir, sind Sie und ich eigentlich noch?

Damit meine ich nicht die Aufnahmefähigkeit nach all den Anstrengungen und Vorbereitungen für diesen Heiligabend und die Weihnachtstage – sondern die Aufnahmefähigkeit nach all den Ereignissen, Entwicklungen, Schreckensmeldungen und Katastrophen, die uns durch dieses Jahr 2016 begleitet haben?



Es war irgendwie kein normales Jahr, oder?

Oder zumindest ein Jahr, in dem sich bestimmte Dinge dramatisch zugespitzt haben, und ein Jahr, in dem die Angst, die Beklemmung, die Ratlosigkeit in unseren Köpfen und Herzen rasant angestiegen ist.

Fast keine Woche ohne neue, beklemmende Nachrichten oder gar „Eilmeldungen“.

Und eine Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät, wohin man auch schaut.



Da hat unsere Aufnahmefähigkeit definitiv ihre Grenzen.

Da kommen wir definitiv nicht mehr mit, sind erschöpft und an der Grenze unserer Aufnahmefähigkeit und gehen hier und da wohl auch in einen Abwehr- und Verdrängungsmodus – wir sind müde des Zeitunglesens und ertragen die Bilder und Neuigkeiten der Heute-Nachrichten und die Tagesschau kaum noch …



Und nun in diesen Stunden wieder das Weihnachtsfest – in der ganzen Bandbreite vom „Jingle Bells“-Gedudel der Weihnachtsmärkte und Kaufhäuser bis hin zum tiefgründigen „Welt ging verloren, Christ ward geboren“ in unseren Kirchen …



Und wieder die alte Geschichte, seit 2000 Jahren dieselbe:

Kaiser Augustus in Rom mit seiner Volkszählung und der Kindermörder Herodes, Maria und Josef auf Herbergssuche, die Hirten bei der Nachtschicht, ein Stern und ein offener Himmel über Stall und Krippe - und die Botschaft der Engel: „Friede auf Erden!“



….....

Diese Geschichte von der Heiligen Nacht und von Gottes Nähe, vom Kind und vom Frieden, rührt uns immer noch und immer wieder, über alle Zeiten hinweg, weil sie so sehr unsere tiefen, menschlichen Sehnsüchte berührt.

Unsere Trostbedürftigkeit.

Unsere Ängste.

Und unseren Schrei: „Gott, wo bist Du?“



Und mit diesem Jahr erleben wir (mehr als in vielen Jahren zuvor), dass das, was in der Welt vor sich geht, längst nicht mehr nur äußere Dinge sind, die wir wegschieben können, weil sie fern von unserem Leben und Alltag passieren – sondern, dass die Welt uns einholt und in Haftung nimmt und einbricht in unsere bis dato noch in Vielem verschonten, geschützten Lebensbereiche.

Und so hat dieses Jahr hat etwas mit uns allen gemacht, mit unseren Herzen, Köpfen und Seelen.

Es nagt an uns,bedrückt uns, und zunehmend ängstlich fragen wir, was uns die Zukunft in diesem Weltgetriebe wohl noch bringt …



All die flüchtenden Menschen aus den Kriegsgebieten und Armutsländern, der islamistische Hass und Terror, Donald Trump als gewählter US-Präsident, neben Erdogan, Putin und Assad … Wohin führt das Alles?



Und während alles rutscht, nach rechts und nach unten und gegeneinander – auch in Europa und in diesem Land - geht die Frage um die Welt:

Wo denn überhaupt noch ein fester Grund und Boden ist, der uns Menschen auf Gottes Erde guten Mut, Trost und Hoffnung gibt …?



…......



Auf einem kleinen Fleckchen Erde und zu einer Zeit, „als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“ – so sagt uns die Weihnachtsbotschaft über die Zeiten hinweg – gibt es einen Grund, den wir - auch am Ende dieses Kalenderjahres 2016 - suchen und brauchen:

Einen festen Grund zum Weiter-Hoffen, Weiter-Glauben und Weiter-Lieben – gegen alle Verzweiflung, gegen allen Zynismus und gegen alle Resignation!



Denn das ist wohl die große Gefahr, die sich mehr und mehr in den Köpfen vieler Menschen sich breitmacht:


Dass wir die Welt verlorengeben und abschreiben!


Dass wir nichts Gutes, Heilsames und Rettendes für die Gegenwart und Zukunft mehrerwarten!


Dass wir uns innerlich verabschieden von dem Glauben, dass auf dieser Erde die Dinge nocheinmal besser werden, dass Vernunft und Besinnung einkehrt, dass Engagement und Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit und ökologische Kehrtwenden sich nochlohnen …



„Die Menschen werden scheinbar nie vernünftig!“ hört man uns sagen, als redeten wir über eine andere Art von Lebewesen … Oder: „Hoffentlich kommt es am Ende doch nicht ganz so schlimm!“ heisst es im Schlussakkord manches Gespräches über die Weltlage … Oder: „Es wird längst nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Schließlich sind wir nicht die Zeugen Jehovas!“ sagen die Beruhiger, Beschwichtiger und Optimisten.



Doch was ist nun die Botschaft der Bibel an diesem Heiligen Abend?

Was sollen und dürfen wir hören als Zuspruch aus Gottes Wort und als Weihnachtsevangelium, das uns tröstet und aufrichtet und Frieden schenkt?



Auf dem Titelbild Ihres Gottesdienstprogramms lesen sie den Vers, den ich für heute Abend als Predigtvers ausgesucht habe. Er steht im Neuen Testament – im 2. Brief, den der Apostel Paulus im Jahr 56 n.Chr. an die christlliche Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth geschrieben hat.


Es war die Zeit, als der brutale und später wahnsinnige Kaiser Nero in Rom regierte, dessen Regierungszeit Krieg, Blut und Unterdrückung bis in die äußersten Provinzen brachte … und bald sollte Rom brennen und die Christen sollten verfolgt und getötet werden


Korinth selbst war ein internationaler Umschlagplatz für Waren, Ideen und Religionen, und zugleich Brücke zwischen Ost und West, zwischen Morgenland und Abendland.


Und die Christengemeinde war ein ziemlich chaotischer, zerstrittener Haufen – denen man zu Recht die Frage hätte stellen können: „Und Ihr wollt Christen sein?“



Und in diese Gemengelage hinein schreibt Paulus nun den Satz: „Siehe, JETZT ist die Zeit der Gnade; siehe, JETZT ist der Tag des Heils!“



Dieses Bibelwort hat mich gereizt und herausgefordert, weil es so konträr und provozierend ist gegenüber sovielen Untergangsstimmungen und apokalyptischen Szenarien, die sich z.Zt.in vielen Köpfen und Herzen breit machen.



Man könnte Paulus einen Zyniker nennen, damals wie heute.

Eine Träumer und Spinner, der nicht wirklich in gutem Kontakt ist mit der Realität.



Aber: „Jetzt, ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Zeit des Heils!“ ist ein Wort, dass uns gut tut und ermutigt, und uns an diesem Weihnachtsfest sagt:

Lasst Euch nicht lähmen, verfallt nicht in Resignation, geht nicht unter in Euren Ängsten!



Seit 2000 Jahren und jetzt gerade an vielen Orten, ist die Welt weit entfernt von der Heils- und Friedensbotschaft von Weihnachten.

Aber wo wir Menschen seit der Geburt des Christus uns selbst und die Welt immer wieder aufgeben, abschreiben, preisgeben – da tut Gott, wie er uns in der biblischen Botschaft begegnet, eben genau das NICHT!



Er selbst kommt zu uns in diesem Krippen-Kind.

Jedes Jahr, über die Generationen und Jahrhunderte hinweg, kommt er.

Unsentimental, ohne falsche Romantik und mittenhinein in die Grausamkeiten, Absurditäten und Abgründe unserer Lebenswahrnehmung und Weltgestaltung.

Er kommt liebend und uns suchend


In Opposition zu all den menschenverachtenden Regenten, Mördern und Mächten damals wie heute.


In Solidarität mit den Opfern, den Kleinen und Schwachen dieser Welt


und mit dem leidenschaftlichen Werben um uns – seine Menschen, seine Welt und seine Schöpfung.



Unseren freien Willen lässt er uns.

Das Gesetz von Säen und Ernten, Tun und Ergehen hebt er nicht auf, auch wenn wir's gern anders hätten.

Unter Schmerzen und Tränen müssen wir Menschen wohl wachsen und lernen.

Aber die Welt ist in Gottes Augen keine Konkursmasse.



…....



Die alten Griechen hatten jedenfalls wohl recht, wenn sie zwei verschiedene Zeitbegriffe hatten:

Einmal das Wort Chronos für die fließende, vergehende, linear erfahrene Zeit.

Und das Wort Kairos für den Augenblick und die Gegenwart als besondere Zeit, als Chance für Wandel, neue Möglichkeiten, das besondere Erleben und die Erfahrung einer neuen Tiefe und eines neuen Seins.

Und in diesem Sinne kommt Gott in die Welt in diesem Krippenkind, das uns in seine Nachfolge ruft.



Nein, Gott ist nicht groß und nicht groß zu preisen, wenn auf ein solches Bekenntnis gebombt, geschossen, gehasst und getötet wird.

Er ist klein in dem Krippenkind.

Und später groß und bis heute lebendig als der Christus, der sagt:

Kümmert Euch um die Armen, Schwachen, Bedürftigen.

Seid barmherzig, tut Gutes, teilt und gebt ab.

Werdet nicht müde, zu hoffen und zu lieben.

Erkennt einander als meine Kinder, die dazu berufen sind, sich über alle Grenzen von Sprache, Hautfarbe, Kultur und Nationalität hinweg zu finden.

Und lebt Euer Leben weiter und gestaltet die Welt nicht nur selbstbezogen – sondern in der Erkenntnis, dass es nichts Grösseres gibt auf der Welt als die Liebe!



….



Die Infragestellung solcher Sätze und der Zynismus gegenüber solchen Worten ist wohl die Herausforderung in diesen Zeiten und zum Jahresausklang.



Und so schließe ich meine Heiligabendpredigt in diesem Jahr mit einem Text von Wolf Biermann, der in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden ist und dessen Autobiografie ich gerade lese.

Er ist kein bekennender Christ und kein Kirchenverteter.

Aber sein Buch „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ ist eine lohnenswerte Lektüre.

Und in seinem Lied „Ermutigung“ heißt es – jeweils zum Strophenanfang:



Du lass Dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.

Du lass Dich nicht verbittern in dieser bittren Zeit.

Du lass Dich nicht erschrecken in dieser Schreckenszeit.

Du lass Dich nicht verbrauchen – gebrauche Deine Zeit.



Das ist kein Weihnachtslied, das er da – vor genau 50 Jahren – 1966 gedichtet hat.

Aber es passt heute und hier.

Zu unserem Blick auf das Kind in der Krippe.



Und so lasst uns gehen in die weiteren Stunden dieses Festes, zurück in unsere Wohnungen und privaten Gegebenheiten, und auch in ein neues Kalenderjahr – mit Mut und Vertrauen, dennoch und trotzalledem.



Amen

Thomas Corzilius