AKTUELLE PREDIGT vom 5.Februar (Unterbarmer Hauptkirche)



AKTUELLE PREDIGT vom 5.Februar (Unterbarmer Hauptkirche)



2. Mose 3,14 / Mischtechnik/Collage COR 2007



Predigt 2. Mose 3


„Zieh bitte Deine Schuhe aus!“ sagen wir unseren Kindern, wenn sie zur Tür reinkommen und im Begriff sind, gedankenlos ihren Straßendreck in die Wohnung zu tragen … und wir selber ziehen unsere Schuhe aus, beim Nachhausekommen und zum „Feierabend“, als Zeichen der häuslichen Entspannung ins Private hinein ...


Unsere Schuhe ausziehen – oder was immer wir an den Füßen tragen -, das tun wir auch, wenn wir am Meer entlang gehen und den Sand, die Wellen, hautnah mit unseren Zehen spüren wollen … oder den weichen Rasen, das frische Gras, unter unseren Sohlen.


In religiöser Hinsicht gibt es das Schuhe ausziehen auch beim Eintritt in eine Moschee oder einen Tempel – da geht man nicht einfach so rein, wie man von der Straße kommt, da wird ein Raum „geheiligt“ - und einen Augenblick können sie mal überlegen, wie das wäre, wenn es das auch in unseren Kirchen gäbe – was uns ja eher komisch und befremdlich vorkommt, zumal uns Protestanten, weil wir ja etwas wie heilige. geweihte, sakrale Räume nicht kennen …



In dem für heute vorgeschlagenen Predigttext jedenfalls begegnet uns diese Aufforderung „Zieh Deine Schuhe aus!“ und ich lese aus 2. Mose 3 folgende Geschichte:



Mose aber hütete die Schafe seines Schwiegervaters, trieb sie in die Wüste hinaus und kam an den Gottesberg, den Horeb.

Da sah er einen brennenden Dornbusch und hörte die Stimme Gottes, die ihn rief.

Und die Stimme sagte: Tritt hinzu! Und ziehe Deine Schuhe aus von Deinen Füßen, denn dies ist heiliger Boden!

Und die Stimme sprach weiter: Ich bin der Gott Deiner Väter und ich habe das Geschrei und die Schmerzen und das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und gehört – und ich werde sie erretten!

Du aber gehe hin zum Pharao und führe mein Volk heraus aus der Knechtschaft!

Mose aber sprach: Wer bin ich denn? Und was soll ich ihnen sagen von dem, der mit mir spricht? Und wenn sie mich fragen: Was ist sein Name? - Was soll ich ihnen dann sagen?

Und Gott sprach zu Mose: Ich bin, der ich bin! So sollst Du es sagen: Der „Ich bin“ hat mich zu Euch gesandt!“



…..



Soweit unser Predigttext, der uns zurückversetzt ins 13. Jahrhundert vor Christus – also über 3200 Jahre zurück – und geographisch, kulturell, religiös in eine ganz andere, uns ferne und fremde Welt.

Über alle Zeiten und Fremdheiten hinweg aber ist und bleibt diese Berufungs- geschichte des Mose ein grundlegender Text der hebäischen Bibel und des jüdisch-christlichen Glaubens.

Und im Hören und Bedenken möchte ich heute morgen drei Gedanken dazu mit Ihnen teilen – für uns, heute und hier:



1. Die Unverfügbarkeit Gottes

Wenn ich mit meinen Konfirmanden über das Thema „Gott“ spreche, dann sage ich oft: Das Wort „Gott“ hilft uns eigentlich wenig, auch wenn (oder gerade: weil ) Menschen es so oft im Munde führen. Es ist wie mit den Einkaufswagen im Supermarkt: Von außen sehen sie alle gleich aus. Aber wenn all die Einkaufswagen am Ende zur Kasse kommen, dann sind die Inhalte und das, was drin ist, alle ganz unterschiedlich. Denn Jeder packt rein, was er braucht, was ihm schmeckt, was er möchte.

Was also ist gemeint, wenn wir das Wort „Gott“ benutzen?

Unser jüdisch-christlicher Glaube beruft sich auf das Prinzip der Offenbarung, d.h. wir Menschen können von uns aus (d.h. von unserer beschränkten Natur, unserem begrenzten Verstand und den Uneindeutigkeiten des Lebens und der Natur her) Gott nicht wirklich erkennen. Wir werden ihn immer wieder verfehlen, nicht begreifen und nicht an ihn rankommen. Da aber, wo Gott sich selbst zu erkennen gibt – also offenbart und zeigt -, da bekommen wir Zugang zu ihm.

Und wir Christen sagen manchmal: „In Jesus hat Gott endgültig und umfassend ein Gesicht, eine Gestalt, eine Stimme bekommen. Denn ER ist in Jesus, dem Christus, Mensch geworden! In ihm und durch ihn dürfen nun alle Menschen Gott auf sehr persönliche, intime, umfassende Weise kennenlernen – und ihn, wie Jesus das tat, „Abba“ nennen – Papa, lieber Vater.



Doch der heutige Predigttext ist – und das ist mein erster Gedanke zum Text – in gewisser Weise auch ein „Stop-Schild“. Denn es gibt eine Art christlicher Frömmigkeit, die mir mit Gott allzusehr vertraut und allzusehr auf „Du“ zu stehen scheint.

Wie Gott ist, wo er zu finden ist, was er denkt und will – oder oft umgekehrt: Wie und wo und was er nicht ist – das wissen bestimmte Christen manchmal ganz genau, da sind sie sehr schnell in Diskussionen und mit den immer zu allem passenden Bibelstellen, sehr bestimmend gegenüber Anderen! Da möchte ich manchmal regelrecht „in Deckung“ gehen!



Deshalb scheint es mir wichtig, dass unser Text heute zunächst von dem „Heiligen Boden“ redet, den Mose betritt, und von dem „Schuhe ausziehen“.

Ja, Gott sagt sogar „Tritt nicht näher heran!“

Und als Mose Gottes Stimme hört, lesen wir: „Da verbarg Mose sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen!“

Und bei aller Glaubenszuversicht, die wir in und durch Jesus haben dürfen, ist es gut, immer mal wieder daran erinnert zu werden, dass Gott immer noch auch für uns der unserem Zugriff Entzogene ist und der Welt in Vielem ein Geheimnis bleibt!



In einem Text über die christliche Praxis der sog. ZEN-Meditaton las ich dazu: „Als die Römer 70 n Chr. in den jüdischen Tempel eindrangen, betraten sie auch das innere Heiligtum – und sie erwarteten dort Silber, Gold, Schmuck und Statuen zur Verehrung des jüdischen Gottes. Aber zu ihrer großen Überaschung fanden sie – bis auf die Bundeslade mit den 10 Geboten – nur einen leeren Raum vor. Für die Juden, die selbst Scheu vor der Aussprache des Gottesnamens haben – war dies der Wirklichkeit Gottes, die letztlich durch nichts zu fassen und abzubilden ist – angemessen.

Und so ist auch unser Zen-do, der in der Mitte leere, schmucklose und nicht salopp zu durchquerende Meditationsraum, in dem wir sitzen, in gewisser Weise „heilig“ und symbolisiert die Präsenz göttlicher Wirklichkeit, die mit Inhalten, Bildern und Vorstellungen nicht angemessen erfasst werden kann. Und wir ziehen vor dem Betreten unsere Schuhe aus – eine Geste, die uns daran erinnert, wie auch Mose auf Gottes Geheiss hin seine Schuhe ausziehen musste, bevor er den heiligen Boden göttlicher Gegenwart betraf.“



2. Die Verheißung Gottes

Als Mose von Gott beauftragt wird, das Volk der Israeliten aus Ägpten zu führen und als kleiner, nomadischer Vieh-Hirte vor den großen Pharao zu treten – da wird der Boden, auf dem er gerade barfuß stand, wohl ordentlich gewankt haben – zumindest in seiner Wahrnehmung – Schwindel, Schweissausbruch und alles dreht sich, so stelle ich mir das vor.

Nicht nur den Pharao sieht er vor sich, sondern auch die Israeliten.

„Alle mal herkommen, ich habe einen Auftrag, sozusagen eine höhere Berufung – und das Kommando, das ich ausgebe, auf höheres Geheiß, lautet: Wir gehen weg, und ich führe Euch!“

So fragt Mose zurecht: „Was soll ich Ihnen sagen, wenn sie fragen: Wer hat denn da mit Dir geredet und Dich beauftragt!“

Und die Antwort vom Gott der Väter, vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, ist und bleibt bis heute ein Mysterium:

Vier Buchstaben stehen da im hebräischen Text, das sogenannte Tetragramm, von den Juden nicht ausgesprochen, sondern mit Adonaj „der HERR“ oder „HaSchem“ (der Name) benannt.

Und in den Deutschen Übersezungsvarianten heißt es: „Gesandt und mit Dir geredet hat der „Ich BIN“, der „ICH BIN, der ich BIN“ oder „Ich bin für Euch da, werde für Euch dasein, werde für Euch erfahrbarsein in Zugewandheit und Treue.“



Wie immer die Diskussion über die Bedeutung, die Aussprache oder die Nicht-Aussprache dieses Namens und dieser Gottesvorstellung geführt wird – klar ist, was Gott nicht tut:

Er breitet vor Mose keinen „Masterplan“ aus.

Er geht mit ihm nicht die Zukunft und alle Details durch, Punkt für Punkt und Schritt für Schritt, bis alle Fragen geklärt sind.

Er breitet vor Mose nicht die große Landkarte der Zukunft aus und zeigt ihm nicht mit göttlichem Finger, wann was wo und wie passieren wird.

Sondern er entlässt Mose und sein Volk nur mit dieser einzigen Zusage:

Ich bin für Euch da.

Ihr werdet mich erfahren.

Ich werde mich Euch zeigen und erweisen.



Wüssten Sie gerne, was die Zukunft Ihnen und ihren Lieben im Detail bringt?

Was das Leben für Sie und mich noch bereit hält in einerm Jahr, in fünf oder zehn?

Sagen Sie nicht, wie Einige das jetzt vielleicht tun, zu schnell „Ja“.

Selbst wenn Sie es wissen dürften, würde es helfen?

Oder ist es auch für uns gut, nicht in die berühmte Glaskugel schauen zu dürfen?

Und nur mit der Zusage von Gottes Liebe, Fürsorge, Nähe und Präsenz ins Morgen und Übermorgen zu gehen?



„Befiel Du Deine Wege und was Dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt, der Wolken, Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, die Dein Fuß gehen kann!“ singen wir.



Oder als Liedvers: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht – Christus meine Zuversicht. Auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht. Auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht!“



Mehr ist uns nicht gegeben, so wie dem Volk Israel und dem Mose damals auch nicht. Aber damit können und dürfen wir leben.

Und auch mit Dietrich Bonhoeffer sagen:

Ich glaube, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will.

Und dass er uns in jeder Notlage die Kraft gibt, die wir brauchen

nicht im Voraus, nicht vorweg

sondern wenn es soweit ist!



3. Unsere Berufung

Mit unserem heutigen Predigttext werden wir mithineingenommen in die frühe Geschichte des Volkes Israel und in den Beginn des Geschehens, das für den Glauben Israels bis heute zentral ist: Der Auszug aus Ägypten.

Und über die Zeit hinweg kommt diesem Mose im jüdischen Glauben besondere Bedeutung zu. Dieser Mose, über den die Forschung sich viele Gedanken gemacht hat: Wer er wohl war und woher er kam und was an ihm, in der Überlieferung, historisch und was Legende ist? …



Die Geschichte heute ist seine Berufung, sein Auserwählt sein, seine besondere Lebensaufgabe.

Was aber ist meine, Ihre, unsere Berufung im Leben?



Manche Menschen fragen da garnicht nach, sondern leben einfach ihr Leben.

Für Andere ist die Frage ein Stressfaktor.

Manche sind sich dieser oder jener Berufung gewiss – ob zu Recht oder zu Unrecht.

Und Manche halten diese Frage für viel zu groß in ihrem kleinen, scheinbar unbedeutenden Leben.



Aber einen Sinn soll es schon machen, unser Leben, oder?

Und unser Leben zu verbringen, wie ein „Geschätz“ - Psalm 90, Vers 9 – das soll es wohldoch nicht sein.



Und so schließe ich die Predigt heute mit zwei Impulsen:



In einem jüdischen Sprichwort heisst es: Am Ende der Tage wird Gott Dich nicht fragen, ob Du wie Mose gewesen bist oder wie Elia oder wie einer der Großen aus unserer Tradition – sondern Gott wird Dich fragen, ob Du Du selbt gewesen bist – nicht mehr und nicht weniger! Also mache Dich daran, Du selbst zu sein, und frage danach, was das heißt!



Und in der Fülle anregender Facebook-Sprüche las ich in der vergangenen Woche:

Jeder sollte dort ein guter Mensch sein, wo er es kann.

Die einen essen weniger Fleisch, die anderen haben immer ein offenes Ohr für ihre Freunde.

Die einen essen nur bio, die anderen erziehen ihre Kinder zu angenehmen Menschen.

Es muss garnicht jeder alles richtig machen.



Dies, liebe Gemeinde, ist heute mal ein Kalenderspruch zum Predigtende.

Wir können ihn – in der Frage nach unseren Berufungen – beliebig ergänzen.

Und dann, mit den Schuhen an unseren Füßen, in die neue Woche gehen.

Thomas Corzilius