Predigt zum Sonntag Kantate (29.4.) zum hebräischen Psalm 32

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Heute ist im Ablauf des Kirchenjahres der Sonntag „Kantate“ und wir hören die Einladung zum Singen. Anlässe zum Singen gibt es viele – Gesänge im Fußballstadion, Geburtstagsständchen, Freude am gemeinschaftlichen Singen im Chor, das morgendliche Singen unter der Dusche, das Mitsingen am Radio, der Gesang unterm Fenster von denen, die mittnächtlich aus der Kneipe kommen … Und natürlich gibt es fröhliche und traurige Gesänge.

Heute ergeht die Einladung zum Singen für uns nachösterlich. Und der Predigttext ist der Psalm 32, der auch einlädt zum fröhlichen Gotteslob.

Vorgestern, am Freitag, war ich wieder mal eingeladen beim CVJM-Adlerbrücke, um die Bibelstunde dort zu halten. Die Vorgabe für mich war der Psalm 32. Und im Nachklang zu dieser Bibelstunde möchte ich auch heute – am Sonntag Kantate – nocheinmal über diesen Psalm predigen. Bevor ich das tue, möchte ich Sie heute bitten, dass wir diesen Predigttext jetzt einmal gemeinsam sprechen:

 

1

Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist!

2

Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet, in des Geist kein Falsch ist!

3

Denn da ich's wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein täglich Heulen.

4

Denn deine Hand war Tag und Nacht schwer auf mir, daß mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird. Sela.

5

Darum bekenne ich dir meine Sünde und verhehle meine Missetat nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretung bekennen. Da vergabest du mir die Missetat meiner Sünde. Sela.

6

Dafür werden dich alle Heiligen bitten zur rechten Zeit; darum, wenn große Wasserfluten kommen, werden sie nicht an dieselbigen gelangen.

7

Du bist mein Schirm; du wollest mich vor Angst behüten, daß ich errettet, ganz fröhlich rühmen könnte. Sela.

8

Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.

9

Seid nicht wie Rosse und Mäuler, die nicht verständig sind, welchen man Zaum und Gebiß muß ins Maul legen, wenn sie nicht zu dir wollen.

10

Der Gottlose hat viel Plage; wer aber auf den Herrn hoffet, den wird die Güte umfahen.

11

Freuet euch des Herrn und seid fröhlich, ihr Gerechten, und rühmet, alle ihr Frommen!

 

Die erste Frage, die ich uns stellen möchte, lautet: Mit welchen Ohren hören wir, mit welchen Augen lesen wir den Text dieses alten, hebräischen Psalms?

Von Schuldbekenntnis und Vergebung ist da die Rede, von Befreiung von einer Schuldenlast und der Barmherzigkeit Gottes … und im Rahmen eines evangelischen Gottesdienstes hören wir, sprechen wir, lesen wir den Psalm aus christlicher Sicht. Jesus ist auch für meine Sünden gestorben, sagt der Christ, und wenn ich auf das Kreuz schaue, darf ich der Vergebung meiner Sünden gewiss sein.

Ja, sei gewiss, sagt uns Martin Luther, dass nicht das Gesetz und unsere Werke uns selig machen, sondern allein der Glaube, allein Gottes Liebe in Christus, allein die uns in Jesus geschenkte Gnade.

Zunächst jedoch scheint es mir wichtig, dass wir den Psalm nehmen als das, was er tatsächlich ist: Nämlich ein jüdisches Gebet und Bekenntnis – verortet in der hebräischen Bibel und im jüdischen Glauben und in der jüdischen Gottesbeziehung, die sich da kundtut. Von Christus, vom Kreuz, von protestantisch verstandener Gnade ist da nicht die Rede – ja etwas überspitzt könnte man sagen: Der Psalm gehört uns nicht! Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht leichtfertig und zu schnell einen solchen Psalm vereinnahmen und „verchristlichen“. Natürlich dürfen auch wir ihn lesen und einstimmen in das Bekenntnis und das Gotteslob, aber wir müssen es behutsam tun und zur Kenntnis nehmen, wo und wie uns andere Perspektiven jüdischen Glaubens begegnen, anstatt gleich alles mit christlichen Augen zu sehen und zun lesen ….

Soviel bitte zunächst als Vorbemerkung. Doch nun zum Psalm selber.

Wir erfahren nicht, wer da betet und seine Schuld bekennt und wieder aufatmet und am Ende Gott lobt. Und wir erfahren nicht, was es ist, dass ihn da zuvor beschwert und belastet. Wir hören und lesen nur: "Als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine und Deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir. Mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird. Darum bekannte ich Dir meine Sünde und meine Schuld verhehlte ich nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekenne. Da vergabst Du mir die Schuld meiner Sünde!“elbstvorwürfe.

Diese Sätze sind der Kern und die Mitte des Psalms: Nämlich um die Frage, was passiert, wenn etwas Dunkles und Belastendes, wenn verkehrtes Leben, böses Tun, Schuld & Verfehlung verdrängt, verschwiegen und verleugnet wird. Modern kommt es uns ja vor, so von psychosomatischen Zusammenhängen zu reden. Körper und Seele im Zusammenhang. „Als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gemeine. Mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird.“ - Plastischer, anschaulicher, nachvollziehbarer kann man es kaum ausdrücken.

Ja, es gibt auch falsche Schuldgefühle und unangebrachte Selbstvorwürfe, Menschen, die sich zu Unrecht quälen mit Gewissensbissen und Selbstgeißelung. Aber das ist hier nicht gemeint. Sondern die Erfahrung: Ich stehe tatsächlich im Unrecht, ich bin tatsächlich auf verkehrtem Wege, ich bin tatsächlich verstrickt in ein Schuldig-geworden sein. Und da, wo ich mich dem stelle – es nicht verdränge, ignoriere, verleugne, sondern vor Gott ausspreche – es Gott hinhalte – es vom Dunkel ans Licht hole – fromm gesprochen: Gott beichte mit Aufrichtigkeit – da erfahre ich Befreiung und im wahrsten Sinne des Wortes Erlösung ….

Psycholgen und Therapeuten würden hier viel zu sagen können. Aber in unserem Kontext hören wir auf einen jüdischen, biblischen Psalm. Und es geht um die Korrespondenz von Lebens- und Gotteserfahrung. Jeder von uns höre dies auf seine Weise – die Einladung zu einer befreienden Erfahrung, die darin liegt, die dunklen Dinge anzuschauen, wahrznehmen und sich ihnen zu stellen – vor Gott und in der Erfahrung der Gnade & Barmherzigkeit als letztem Lebensgrund.

Doch an dieser Stelle haben wir Grund, im jüdisch-christlichen Dialog auch genau hinzuhören. Kennen Sie die Liedstrophe: „Es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben!“? Jüdischer Glaube wird uns an dieser Stelle heftigst widersprechen. Denn Gott gibt dem Menschen die Gabe der „Teschuwa“ - der täglich möglichen Umkehr zum Tun des Gerechten. Gott gibt seine Weisungen zum Leben – die Thora und die Gebote. Erbsünde im Sinne von grundsätzlicher Verdorbenheit unserer Natur und grundsätzlicher Unfähigkeit zum Guten kennt das jüdische Menschen- und Lebensverständnis so nicht. Und jedes Bekenntnis der Schuld und jeder Empfang des befreienden, erlösenden Zuspruchs von Gott, hat letztlich und immer wieder das Ziel, ihn zurückzuführen auf den Weg gelingenden Lebens, wie Gottes Weisungen sie eröffnen. Zugespitzt: Ja, es gibt für den jüdischen Glauben die grundsätzliche Möglichkeit vor Gott „gerecht und gut“ zu sein – oder wie es in Vers 2 heisst, ein Mensch zu sein „in dessen Geist kein Trug ist.“

Wenn Bonhoeffer in seinem Buch „Nachfolge“ von der „Billigen Gnade“ geredet hat, dann meinte er wohl auch das: Gnade als Schleiderware und billige Bedeckung der Sünden für eine Welt, die eine Veränderung garnicht erstrebt.

Hinter dem Psalm 32 steht jedenfalls nicht nur die befreiende Erfahrung des Beters, seine Schuld und sein falsche Tun nicht länger zu verschweigen, sondern auch die Dankbarkeit, wieder zuückzufinden auf den Weg des Gerechten, den Weg des Frommen, den Weg der Weisungen. Und das Gotteslob am Ende „Freuet Euch des Herrn und sein fröhlich, Ihr Gerechten, und jauchzet, alle ihr Frommen!“ ist genauso gemeint:  Mir ist nicht nur vergeben, sondern ich darf mich auch wieder einreihen in den Weg derer, die Gott täglich suchen in seinen Geboten und Weisungen und darin mit ihm verbunden bleiben – wieder und weiterhin …

Und noch ein letzter Gedanke: Was passiert, wenn Schuld, Verfehlung und böses Tun verdrängt, verschwiegen und verleugnet wird – ist eine Frage, die der Psalm uns stellt. Das sollen und dürfen wir individuell verstehen, als Frage an jeden Einzelnen. Aber im biblischen Sinne ist und bleibt es ganz sicher auch bezogen auf ein Volk, eine soziale Gemeinschaft, eine Gesellschaft.

Gerade die alttestamentlichen Propheten haben dazu ihre Stimme erhoben, wenn sie soziale Anklage laut werden ließen im Namen Gottes: „So spricht der Herr – tut weg von mir das Geplärre Eurer Lieder und Gesänge - wohlgemerkt: Heute ist der Sonntag „Kantate!“- Ich bin Eurer Gottesdienste gram … es fließe und ströme aber die Gerechtigkeit, wie ein nie versiegender Strom!“ Das heisst: Der Umgang mit Reichtum und Armut, Gerechtigkeit, den Schwachen, den Bedürftigen – das ist Gottes Maßstab auch für ein Land und eine Gesellschaft. Und das „Verschmachten“ und „Dürrewerden“ kann auch eine gesellschaftliche, soziale & globale Erfahrung werden – d.h. auch Sozialsysteme, Gesellschaften, Regierungen, Völker gehen daran zugrunde, wenn sie sich nicht an die Weisungen Gottes halten! „Gerechtigkeit erhöht ein Volk,“ heißt es schon in den Sprüchen, „aber Sünde ist der Völker Verderben.“ Aber auch hier gilt – ganz im Sinne unseres Predigtwortes als Evangelium, als Frohe Botschaft – die Möglichkeit der Umkehr zurück. Und die Umkehr, das Umdenken, als Weg zum Heilsamen und zum Heilwerden.

Margareth Mischerlich, die Psychoanalytikerin, sprach jedenfalls in der deutschen Nachkriegszeit von der „Unfähigkeit zu trauern“ und eine Hannah Ahrendt und Andere taten das auch - und sie meinte den Unwillen, die Unfähigkeit Vieler zu verarbeiten und sich dem zu stellen, was an deutscher Schuld- und Schuldentstehungsgeschichte da war …  Und die „Alt 68er“, die ja in diesem Jahr – 50 Jahre später – ein großes Thema sind und die zum Teil heute wieder belächelt oder verärgert zurückewiesen werden, weil eher – wie es heißt – eine konservativ-bürgerliche Wende nötig sein gegen die linke Meinungsdikatatur – diese 68er stellten zumindest den Wunsch und Willen und den Aufbruch da, den Fehler des Psalmbeters nicht zu machen: „Und als ich es wollte verschweigen ...“

Dass Gott uns allen, der Welt, uns Einzelnen jederzeit, an jedem Tag und zu jeder Stunde die Möglichkeit zur Umkehr und zum Tun des Gerechten gibt, das ist jedenfalls die Botschaft und das Evangelium, die Frohe Botschaft, an diesem Sonntag Kantate. Und als Nicht-Juden, Heiden, sind wir hinzugerufen und mithineingenommen und eingeladen, dem Gott Abrahams, Isaaks & Jakobs, der für uns der Vater Jesu Christi ist, fröhlich zu singen! Mit unseren Lippen. Und mit gelebtem Leben im Alltag.

 Thomas Corzilius