Predigt zum 1. Advent

Pfarrer Thomas Corzilius

Predigt zum 1. Advent


In meinem Kalender für heute steht unter dem Datum des 1.Dezember eine Uhrzeit. Und die lautet 8.05. Das Symbol der Sonne daneben sagt mir: Zu diesem Zeitpunkt ist bei uns heute die Sonne aufgegangen.
8.o5 war die genaue Schnittstelle zwischen dem Ende der Nacht und dem Beginn des Tages.
Diese Zeitangabe des Sonnenaufgangs finde ich in meinem Kalender an allen Tage des Jahres – im Frühling, Sommer, Herbst und Winter – im Jahresverlauf von den langen, hellen Tagen im Sommer bis zum kürzesten Tag mitten im Winter.

Von unseren Sonnenaufgängen am Morgen bzw. vom ersten Moment, wo die Sonne auftaucht und die Schnittstelle von der Nacht zum Tag beginnt, bekommen wir in der Regel – besonders in der hellen Jahreszeit schon vor 5 Uhr früh - nichts mit.
Es sei denn, wir sind Frühaufsteher, Schlaflose oder Frühheimkehrer.
Aber bei Vielen sind die Vorhänge noch zu, die Rollos runter und wenn wir schon auf sind, umgibt uns künstliches Licht – am Nachttisch, im Badezimmer, in der Küche …

Im Tal hier ist der Sonnenaufgang sowieso schwer zu sehen, es sei denn wir wohnten auf den Höhen. Aber selbst dann verhängen Wolken und Dunst oft das Strahlen.

Wie anders dagegen im Urlaub, hin und wieder vielleicht schon selbst erlebt.
Im Gebirge, am Meer, in weiter Landschaft.
Ein unglaublicher, ja eigentlicher magischer Moment: Diese Schnittstelle vom Dunkel zum Licht.
So magisch, dass Völker, Religionen und Kulturen es ganz und garnicht als selbstverstädlich angesehen haben, dass die Sonne auch jeden Tag tatsächlich und selbstverständlich wieder aufgeht – als göttliche, strahlende Lebenskraft, die über das Dunkle der Nacht triumphiert.

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Heute, mit dem 1. Advent, beginnen wir die Zeit in unserem Kalender, die auch auf das Licht zugeht – auf das Licht der Welt, die Geburt des Christus, das Kind in der Krippe.

„Mache Dich auf und werde Licht!“ heißt es schon im 60. Kapitel des Jesjabuches.
„Denn Dein Licht kommt und über Dir geht auf die Herrlichkeit des Herrn!
Denn siehe Finsternis bedeckt die Erde und tiefes Dunkel die Völker.
Aber über Dir geht auf der Herr. Und Heidenvölker werden zu einem Licht kommen und zu dem Glanz, er über Dir erscheint!“

Und schon viele Kapitel vorher (9) heißt es:
„Das Volk, das im Finsteren wandelt, sieht ein großes Licht. Und über denen, die im Todesschatten sind, scheint es hell. Denn ein Kind ist uns geboren und die Herrschaft ruht auf seinen Schultern. Und sein Name ist: Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott, Ewig Vater, Friedefürst ...“

Von Anfang an haben die Christen diese Worte an das Volk Israel gedeutet und verstanden als Verheißung, die sich in Jesus erfüllt hat – für Israel und für alle Welt.
Das Kind in der Krippe ist uns die Schnittstelle des Tagesanbruchs.
Und die göttliche Sonne scheint hell in dem, der sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Und wer mit mir ist, bei mir ist, wem ich nahe bin und wer meinen Weg mitgeht, der ist nicht mehr in der Finsternis. Sondern vom Dunkel ins Licht gerückt..

In der frühen Kirche und dann in der weltweiten Kirche ist daraus der Zyklus der Advents- und Weihnachtszeit geworden, mitten in der dunkelsten Jahreszeit für uns in Europa, und bis zum 6. Januar, dem Licht- und Erscheinungssonntag Epiphanias, für viele Christen der orthodoxen Kirchen der Höhepunkt des eigentlichen Weihnachtsfestes.

Aber die Schnittstelle des Sonnenaufgangs ist für uns nun dieser 1. Advent.
Und es ist wirklich eine Schnittstelle: Denn eben noch, am letzten Sonntag, war der Totensonntag. Und davor der Volkstrauertag, der Buß-und Bettag, das Gedenken an die Reichsprogrom-Nacht.
Alles eingehüllt in den dunklen, tristen November, der sich sowieso wie kein anderer Monat bei Vielen aufs Gemüt legt und schwer zu ertragen ist.

Kann man da so plötzlich umschalten – vom Dunkel zum Licht?
In unseren Häusern und Wohnungen mit elektrischem Licht geht das, den Schalter an und schon wird’s hell – aber eben nur künstlich.
Ach in den bunten Schaufenstern und auf den Weihnachtsmärkten mit ihren Lichterketten geht das – den Schalter an und schon riechts nach gebratenen Mandeln, Glühwein und Reibekuchen. Aber das ist ja nur äußerlich, bei allen Jingle-Bells und Weihnachtsliedern rund um das, was Tausende da schiebend und drängelnd innerlich mit sich und aneinander vorbei tragen an bleibender Dunkelheit und Trostlosigkeiten.

„Mache Dich auf und werde Licht!
Denn Dein Licht kommt und über Dir geht auf die Herrlichkeit des Herrn!“
Geht das so einfach?
Auf Bestellung und per Knopfdruck?

….....

Wir vergessen häufig, dass die mit diesem Wochenende beginnende Adventszeit eigentlich eine Bußzeit ist, genau wie die Zeit vor Ostern.
Buße heißt:
Innehalten, Sich Besinnen und Umschauen.
Zur Vernunt kommen und zum Herzen und zur Seele zurückfinden.
Etwas Anderes wollen, ersehnen, erstreben.
Umkehren, anders sich verhalten, denken, reden.
Böses als Böse erkennen, benennen, bereuen.
Und jetzt und hier die Richtung ändern hin zu dem, was hilft und gut tut und heilt.

Das geht Lichtjahre über das hinaus, was aus der Advents-und Weihnachtszeit bei uns geworden ist.
Aber es führt zum Licht, wenn wir uns auf den Weg machen.

Ich weiß nicht, ob sie es hat stutzen, aufmerken und fragen lassen, dass es in Jesaja 60 heißt:
„Mache Dich auf und werde licht, denn Dein Licht kommt“
Moment, könnte man denken, das passt nicht ganz.
Ist es eine Ankündigung oder eine Aufforderung?
Kommt da etwas, dann lasse ich es doch kommen, dann geschieht es und passiert es.
Dann muss ich mich nicht bewegen, muss nichts tun, kann sitzen oder liegen bleiben oder was immer ich gerade tue.
Denn das Licht kommt ja.
Doch tatsächlich heißt es: Mache Dich auf und werde licht, denn Dein Licht kommt.
Eins also nicht ohne das Andere.
Mich selbst bewegen, mich öffnen, das Licht empfangen – ohne das findet die Lichtübertragung nicht statt.
Von alleine wird’s nicht einfach Advent und Weihnachten – auch wenn die Weihnachtsbeleuchtungen um uns herum immer greller und bunter werden.

Die Zeit, die jetzt mit dem 1. Advent beginnt, ist deshalb eine Einladung Gottes an uns:
Bewegt Euch, denn auch ich habe mich bewegt.
Ich, die göttliche Wirklichkeit, das Leben selbst, der Urgrund, bin Mensch geworden in Christus.
Ich, Schöpfer und Quelle des Lebens, habe Gesicht und Stimme, Gestalt und Ansehen angenommen in dem Kind von Betlehem.
Und das göttliche „Es werde Licht!“ soll heilend und rettend geschehen in all Euren Herzen und Beziehungen und Verhältnissen, die an sovielen Stellen so dunkel ist.

…....

Wenn die christliche Advents- und Weihnachtszeit diese Strahlkraft und diese scharfe Schnittstelle von Finsternis zum Licht nicht mehr hat, dann verliert sie sich.
Dann wird sie zu einer Kindersache, die wir als Erwachsene hinter uns lassen und vielleicht sogar leid werden im Älterwerden.
Dann wird sie zu einem Restbestand für Romantiker, Traditionalisten und Folkloreliebhaber.
Dann sammeln sich urmenschliche Sehnsüchte nach einer besseren Welt vielleicht noch in Erinnerungen an schöne Momente – aber klingelnde Kassen und zynische Weihnachtverdrossenheit werden diese Zeit mehr begleiten.

Aber wenn die Advents- und Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes wirklich wahr ist und wahr bleibt – dann ist das doch Grund sich zu bewegen.

Dann lasst uns fröhlich unsere Wohnungen und Häuser schmücken.
Zusammen mit unseren Kindern und Enkeln die Adventskalender öffnen.
Unsere Bräuche und Lieder und Traditionen pflegen.

Und in diesem Jahr mal wirklich bewusster durch die kommenden Tage und Wochen gehen.
Mit Gebet und Besinnung.
Und mit der Frage: Was will und werde ich jetzt und hier ändern?
Mit wem mich wieder vertragen?
Welche Aufgabe endlich angehen und welche dunklen Ecken in meinem Leben bereinigen?
Was saubermachen und wo aufräumen, damit es hell wird?