Ich bin so frei .... ?

Pfarrer Thomas Corzilius
                                             13.10 Unterbarmer Hauptkirche


                                                            Gottesdienst mit Tauffamilien
                                                                               
                                                                                 
Foto Cor.

"Ich bin so frei .... ?"


Bevor ich den Predigttext für heute lese, möchte ich eine Bemerkung wiedergeben, die ich immer wieder höre, wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die evangelisch getauft und Mitglieder der evangelischen Kirche sind.



Und diese Bemerkung lautet: „Ich bin ja froh, dass ich evangelisch bin, denn bei uns Evangelischen geht es ja doch viel freier zu als bei den Katholiken!“

Vielleicht kennen und teilen und empfinden Sie es auch so, wenn sie evangelisch sind.

Oder Sie horchen auf – stirnrunzelnd, zurückfragend, zustimmend oder widersprechend - wenn sie katholisch sind.


Es stimmt doch“, sagen meine Gesprächspartner auf Nachfrage, „ bei uns ist es doch viel weniger streng. Wir müssen nicht jeden Sonntag in die Messe, wir müssen nicht zur Beichte, Geschiedene dürfen natürlich zum Abendmahl und ohne Probleme wieder heiraten, kein Bischof oder Papst schreibt uns unsere Sexualmoral vor … usw. usw.!“
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Mit dieser Frage nach der Freiheit im Glauben lese ich jetzt den Predigttext, der für diesen Sonntag vorgeschlagen ist und versuche dann den Eingangsgedanken nochmal aufzugreifen …

An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Seine Jünger fingen unterwegs an, Ähren abzureißen und die Körner zu essen. Die Pharisäe sagten zu Jesus: »Da sieh dir an, was sie tun! Das ist nach dem Gesetz am Sabbat verboten!«
Jesus antwortete ihnen: »Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er und seine Männer hungrig waren und etwas zu essen brauchten? Er ging in das Haus Gottes und aß von den geweihten Broten damals, als Abjatar Oberster Priester war. Nach dem Gesetz dürfen doch nur die Priester dieses Brot essen – und trotzdem aß David davon und gab   es auch seinen Begleitern!«
Jesus fügte hinzu: »Gott hat den Sabbat für den Menschen geschaffen, nicht den Menschen für den Sabbat.

Das ist eine Geschichte die uns wohl spontan gefällt und bei uns Anklang findet, weil sie eine herrliche Freiheit atmet!
Streng, einengend und bis in die kleinsten Dinge reglemetiert war das jüdische Gesetz, wie die frommen Pharisäer es verstanden und predigten.
613 Einzelgebote, die im Detail genau vorschrieben, was man tun darf und was nicht.
Auch für den jüdischen Ruhetag – den Schabbat – gibt es genaue Anweisungen.
Wieviele Schritte man tun darf, was im Haushalt ab Verrichtungen erlaubt ist und was nicht, welche Einschränkungen und Unterlasssungen zu beachten sind …
Schon das Ausreißen der Ähren im Vorbeigehen, dieser Eingriff und Verzehr, fiel unter das Verbotene.
Und unserem Befremden kommt entgegen, dass Jesus da nicht mitmacht.
Dass er die Pharisäer sogar noch provoziert mit einer Geschichte, in der erzählt wird, wie der große König David – fromm und frei – sogar die geweihten, sakralen Brote aus dem Tempel nimmt, um seinen Hunger und den seiner Begleiter zu stillen.
Das ist ein bisschen so, als würden wir sagen: „Wir geben das Brot oder die Oblaten, die ja eigentlich gleich fürs Abendmahl bestimmt sind, mal der Frau, die da draußen vor der Kirche steht und friert und wartet und nichts zu essen hat!“

Der Sabbat – der von Gott geschenkte Ruhetag – ist schließlich ein Geschenk von Gott, das dem Menschen gut tun soll in seiner Mühe und Erschöpfung und Bedürftigkeit. Und keine Gesetz, das dem Menschen auferlegt ist, um sich damit freudlos abzumühen und rumzuquälen ...“
Das ist der Schlüsselsatz unserer Geschichte.
Und er rührt an ein grundsätzliches Verständnis von Glaube und Religion.
Denn Glaube und Religion können dem Menschen gut tun – ihm helfen, ihn stärken und ermutigen und freier machen.
Aber Religion begegnet uns immer wieder auch als Unterdrückung, Unfreiheit, Bevormundung und macht Menschen klein und gefügig und unglücklich …
Wofür wir sind, ist klar.
Und hier könnten wir dann die Predigt schon schließen und sagen: „Wir fühlen uns bestätigt. So ist es!

Doch ist das alles?
Werden wir der jüdischen Tradition damit gerecht?
Wie ist das mit meiner Ausgangsfrage, dass Evangelische sich im Vergleich zur katholischen Kirche viel behaglicher fühlen mit ihrem „Bei uns ist es viel weniger streng und das ist gut so?“
Und welche Freiheit verkörpert Jesus in unserer Erzählung?

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Ich setze nocheinmal an und möchte zunächst erlären, wie der jüdische Glaube die Sabbat-Bestimmungen positiv versteht – denn es hilft nicht, wenn wir einander nur oberflächlich und mit Klischees begegnen.
Zunächst:
Der Sabbat – ein freier Tag in der Woche - ist wohl das größte Geschenk der Juden an die Welt. Zur Erinnerung an Gottes Ruhetag während der Schöpfung und an die Befreiung Israels sollen Juden den Sabbat heiligen. Das Sabbatgebot ist eines der Zehn Gebote, die Mose von Gott empfing und hat daher für alle jüdischen Richtungen eine bindende Bedeutung, auch wenn der Grad, in dem man die einzelnen Sabbat-Regeln befolgt, sehr verschieden sein kann. Im geistigen Sinne dient der Sabbat der inneren Ruhe, der Einkehr und der Harmonie mit der Umwelt. Er ist Kern der Woche und des Lebens, ein Zentrum zu dem man immer wieder gerne zurückkehrt.
"Nicht die Juden haben den Sabbat gehalten, sondern der Sabbat hat die Juden gehalten", schrieb im 19. Jahrhundert der jüdische Schriftsteller Achad Ha’am. Dieser wichtigste, wöchentlich wiederkehrende Feiertag wurde in der wechselvollen Geschichte des Judentums der zentrale Identifikations- und Sammlungspunkt. An diesem Tag wird durch viele Rituale und Regeln ein Abstand zum Alltag erreicht. Es wird ein Raum geschaffen, in dem ein Jude frei wird, um sich seiner Religion und seines Volkes zu vergewissern. Der Sabbat ist vor allem ein Schutz gegen die Auflösung der eigenen Identität und das Vergessen der eigenen Wurzeln.
In den verschiedenen Gesellschaften, in denen Juden lebten, mussten sie immer wieder dafür kämpfen, ihren Sabbat heiligen zu dürfen und nicht arbeiten zu müssen. Bis zur Einführung des Sabbats war es völlig unüblich, Menschen einen Ruhetag zu gönnen. Der römische Philosoph Seneca verspottete die Juden, "da sie etwa den siebten Teil ihres Lebens mit Nichtstun verlieren".
Am Sabbat ist die "Melacha", das Werk oder die Arbeit, verboten. Die Definition von Arbeit im Sinne der jüdischen Religion ist das Schaffen einer neuen Situation, die vorher noch nicht existierte. Deshalb fällt darunter auch das Reisen. Bis zur Synagoge darf man in der Stadt nur 1000 Meter laufen. Im Grunde sind alle Tätigkeiten verboten, die in den Lauf der Dinge eingreifen und die äußere Umwelt beeinflussen. Mit dieser generellen Regel lassen sich Sabbat-Verbote erklären und bekommen einen Sinn.Diese zu deuten und in Einzelregeln für ein Leben in der Moderne umzusetzen, führt im Judentum allerdings auch immer wieder zu heftigen Diskussionen.
(zitiert nach: Planet Wissen. Der Sabbat)

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Vielleicht – liebe Gemeinde – helfen uns diese Sätze schon ein bisschen, den Predigttext und auch die Ausgangsfrage der Predigt – nämlich die nach unserer evangelischen Freiheit – etwas differenzierter zu verstehen.
Denn Jesus lädt uns in der Tat ein – damals wie heute – unseren Glauben an Gott menschenfreundlich und in Güte zu leben.
Er lädt uns ein zu einer großen Freiheit.
Und er hat sich zeitlebens nicht gescheut, den Zorn derer zu wecken und zu provozieren, die dem Menschen Lasten auflegen wollten, die Gott gar nicht gefallen.
Andererseits – und damit bin ich nochmal beim Anfang der Predigt – ist die Einstellung vieler evangelischer Kirchenmitglieder, dass wir ja fröhlich entlassen sind in eine große Freiheit des Tun oder Lassens auch eine ganz oberflächliche, manchmal unehrliche und gleichgültige Melodie, die sich „fröhlich pfeifen lässt“, aber wenig Substanz hat.
Unser Umgang mit dem Sonntag – unserem Ruhetag - macht das deutlich.
Natürlich ist er in unserer anstrengenden Welt und in unserem druckvollen Welt für Viele oft der einzige Tag, wo es sich mal ausschlafen lässt.
Wo man die Party vom Vorabend verdaut, im Bett frühstückt oder früh joggen geht, Fünfe gerade sein lässt und sich bis in den Mittag gerne auch mal ungewaschen und ungekämmt der Welt entzieht …
Und Gott gönnt uns – um im Bild des Textes zu bleiben – viele Felder, durch die wir uns am Ruhetag, entspannt bewegen dürfen.
Die Glocken unserer Kirchen aber erinnern uns aber ebenso wie die jüdische Tradition - jeden Sonn- und auch jeden Feiertag daran, dass Ausschlafen und Joggen (oder was auch immer) noch nicht die Tiefe des göttlichen Geschenkes berühren.
Dass wir gerufen sind, uns auch regelmäßig geistlich und spirituell neu zu verbinden mit Gott, der Quelle unseres Lebens.
Und dass es nicht reicht zu sagen „Ich habe auch meinen Glauben“, sondern dass wir unseren festen Platz haben in der Gemeinschaft und im Miteinander des Betens und des Hörens.

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