Heiligabendpredigt 2013

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Thomas Corzilius

Liebe Gemeinde, heute am Heiligen Abend!

Wieder geht ein Jahr zu Ende. Endlich – nach all den Vorbereitungen – sind die Weihnachtstage da. Überall läuten jetzt am Heiligabend die Kirchenglocken. Und Menschen kommen und füllen die Gotteshäuser.

Was bringen die Menschen in unserem Land mit, was bringen SIE mit heute Abend? Aus den vergangenen Stunden? Mehr noch aus Ihrem ganz persönlichen Leben und aus dem persönlichen Kalender- und Lebensjahr? Und was teilen wir - sozusagen als gemeinsame, kollektive Befindlichkeit zum Jahresende - weil es uns alle betrifft, unsere Gesellschaft und unser Land?

Bei der Vorbereitung der Predigt begegnete mir eine Karikatur. Da sitzen zwei Jugendliche in einem Café – Junge und Mädchen. Sie haben eine Verabredung, aber nun sitzen sie unbeholfen nebeneinander am Tisch, wissen nicht, was sie sich sagen sollen, schauen einander nicht ins Gesicht und nicht in die Augen. Bis einer von beiden das schweigsame Miteinander bricht und sagt: „Vielleicht sollten wir twittern“ ... Und sofort starren sie auf ihre Smartphones und tippen sich zu: „Was machst Du gerade?“ - „Ich sitze im Cafe“ - „Und was machst Du gerade?“ … „Ich auch“ … usw.

Diese Karikatur lässt uns schmunzeln, weil wir einen merkwürdiger Widerspruch erkennen, der Vielen zunehmend bewusst wird: Einerseits hat es noch nie eine Zeit und Kultur gegegeben, die so vernetzt und globalisiert war wie die unsere. Mit allem und Jedem stehen wir in Verbindung – mit Handys, Smartphones, Tablets, Facebook, Twitter & Co. Jeder Zweite bewegt sich mittlerweile telefonierend durch Einkaufsstraßen und Geschäfte,sitzt simsend im öffentlichen Verkehrtsmittel oder Café, verbringt Stunden am PC und im weltweiten Netz.  Man sollte meinen: Da wächst alles zusammen, da rückt alles näher, da wird wachsende Verbundenheit erlebt und kultiviert. Aber so ist es ja nicht.

Viel mehr – das ist der Widerspruch und meine Wahrnehmung – wächst die Entfremdung zwischen Einzelnen und ganzen Gruppen von Jahr zu Jahr.. Noch nie haben Menschen in der Summe so nebenher und aneinander vorbeigelebt wie in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft. Und noch nie gab es – trotz Vernetzung - soviel Beziehungslosigkeiten, Parallelwelten und Abschottungen wie heute.

Wir atmen die gleiche Luft, teilen die gleichen Alltäglichkeiten, bewegen uns auf gleichem Boden – und doch leben zuviele Menschen und gesellschaftliche Gruppen zunehmend aneinander vorbei. In der Karikatur mag das noch lustig sein und man schmunzelt über die Unbeholfenheit von Teenagern. Viel ernster aber wird es es, wenn wir uns zum Ende dieses Kalenderjahres bewusst machen, wie fortschreitend die Entfremdung, die Beziehungslosigkeiten und das Nebeneinander von uns Erwachsenen z.T. geworden ist – nicht nur von Einzelnen, sondern von ganzen gesellschaftlichen Gruppen und Mileus, deren getrennte Welten kaum noch Berührungspunkte haben.

Und damit sind wir – auch wenn es sich vielleicht nicht so anhört – direkt im Zentrum der alten, vertrauten, heiligen Weihnachtsgeschichte.

Denn mir ist in diesem Jahr bei der Vorbereitung der Predigt nocheinmal bewusst geworden, wie grundverschieden die Welten sind, die dort im Stall zu Betlehem und rund um die Krippe aufeinandertreffen.
Schauen wir in Gedanken und in unserer Phsantasie einen Augenblick hin:
Die Hirten in ihrer Armut und mit ihrem Schweißgeruch, vom Feld und von der Nachtschicht kommend, rauhe Gestalten, die fluchen können und Zoten erzählen - und die drei Weisen oder Könige, von weit her, gebildet, vornehm, gut gekleidet, hoch beritten und beladen mit Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Die anklopfenden, asylsuchenden Maria und Joseph, erschöpft, am Rand ihrer Kräfte - und die, die ihnen die Tür nicht öffnen und aus Unlust und mangelnder Solidarität und Besitzstandswahrung, sagen: „Kein Platz! Ihr stört! Sucht weiter, aber bitte nicht hier!“
Der Wirt, der sich ins Fäustchen lacht und noch seinen Reibach macht mit der Volkszählung, indem er noch seine letzte Hucke, den letzten Stall, vermietet – und die, gebeutelt sind, die schimpfen und fluchen über die da oben, die ja eh machen, was sie wollen.
Die Römer mit ihrer gnadenlosen Machtpolitik und Gewaltherrschaft – und die Engel, die so freundlich am Himmel erscheinen und vom „Frieden auf Erden“ singen.
Schließlich das anrührende, neugeborene Jesus-Kind – und die Unzähligen unter Zweijährigen, die Herodes – so die Legende – ermorden ließ.
Nichts passt da zusammen! Welten treffen da ganz unvermittelt und ganz und gar unromantisch aufeinander! Was da so schön andächtig, beschaulich und rührend aussieht bei jeder aufgebauten Krippe, so andächtig und besinnlich, ist beim genaueren Hinsehen ein Stell-Dich-Ein oder besser eine Kollision unterschiedlichster Menschen, Welten und Befindlichkeiten, wo nichts zusammenpasst:
Ein stinkender Stall und Gold, Weihrauch, Myrrhe. Schichtarbeiter und die vornehmen Herren Astrologen. Mit Blasen an den Füßen die einen und hochberitten auf Kamelen die Anderen. Kneipengegröhl von hinten und Engelsgesang von oben. Knallharte Realpolitik nach Römer-Art und die rührende Botschaft der himmlischen Gottesboten vom „Frieden auf Erden“.
Das alles trifft aufeinander am Stall zu Betlehem. Alle Parallel-Universen treffen sich an diesem einen Punkt im Universum, in dieser einen, besoinderen Nacht, wo der Stern von Betlehem zum Stehen kommt und alle Gegensätze überstrahlt.


Soweit, so gut, könnte man sagen. Ein schönes Fest. Ein anrührendes Fest. Ein Fest, das Sehnsüchte und Urbedürfnisse bedient.
Denn wie schön wäre es in der Tat, wenn Frieden würde – Frieden zwischen uns allen, die wir doch in der einen Welt in den unterschiedlichsten Welten zu Hause sind? Ja, das wäre schön und jede Sprache, jede Kultur, jede Religion hat ihre Worte dafür: Schalom und Salaam, Shanti und Pokui, Paz, Mir und Peace.
Aber sind es nicht gerade die Religionen in dieser Welt, die die Menschen eher auseinanderbringen als zusammenführen? Ist es nicht gerade der religiöse Glaube, die Berufung auf Gott und auf die jeweils geglaubte und verkündigte Wahrheit, die die Menschen entzweit, sie zu Fanatikern macht und dafür sorgt, dass Menschen eben nicht zusammenfinden, sondern dass sie sich heillos streiten und bekriegen?
Mit Jesus scheint das nicht anders. Natürlich feiern die Christen überall auf der Welt und quer durch die Kirchen das Weihnachtsfest. Aber was ist mit Juden und Muslimen, die so nicht an Jesus glauben? Und mit allen anderen Menschen, die keine Christen sind?
Gerade im Namen von Jesus gingen und gehen doch auch tiefe Gräben durch die Welt. Und es gab und gibt sie bis heute – die Kreuzritter, Jesusfanatiker, Unheil verbreitenden Heilandverehrer …
Ja, ist nicht sowieso die ganze Jesus-Geschichte – inklusive das Weihnachtsfest und mit ihm Christentum und Kirche – im 21. Jahrhundert eine Konkursmasse, ein Restposten, nichts für Aufgeklärte, salopp gesagt *etwas für die Tonne* der Geschichte?
Im Bilderrahmen der Weihnachtsgeschichte gesprochen: Auch die Hirten kehren wieder zurück nach der Heiligen Nacht. Die drei Sterndeuter reiten wieder nach Hause in ihre Welt. Und die Römer morden und unterdrücken und schikanieren weiter in der damaligen Welt als wäre nichts geschehen …
Nichts scheint sich also wirklich verändert zu haben. Der Stern von Betlehem scheint längst verglüht. Und die Botschaft von einem Kind, das uns in unseren Entzweiungen und Entfremdungen heilt und neu mit Frieden verbindet und uns aus unseren getrennten Welten von Ost, West, Nord und Süd zusammenführt bleibt eben nur ein Traum … Oder?
Die Antwort auf diese Frage heute am Heiligen Abend 2013 lautet: Ja und Nein.
Ja, es bleibt ein Traum und eine Sehnsucht – weil die Welt immer noch darauf wartet zu einem umfassenden, dauerhaften Frieden zu finden.
Nein aber, weil die verbindene und zusammenbringende Kraft dieses Jesuskindes seit 2000 Jahren auch unsere Menschheitsgeschichte durchzieht und wirksam ist.
Sie ist wirksam in der weltweiten Kirche und durch Millionen von Christen aller Konfessionen, die täglich ihren Glauben leben und praktizieren.
Und sie ist wirksam außerhalb der Kirche, wo immer Menschen (vielleicht ohne sich auf Jesus zu berufen, aber in seinem Geist) friedlich leben und Frieden verbreiten.
In den täglichen Nachrichten findet das keine Schlagzeilen und keine Erwähnung. Macht und Geld regieren die Welt scheinbar weiterhin zu Tode. Und die Coolen und Aufgeklärten haben die Welt längst aufgegeben und gießen über alles ihren Zynismus und ihre Comedysprüche.
Jedes Weihnachtsfest aber – auch das heutige – erinnert uns daran, dass Gottes Geist und der Geist dieses Kindes in der Krippe Tag für Tag durch diese Welt fließt wie jetzt gerade – mit jedem Herzschlag – das Blut durch unsere Körper.
Deshalb lasst uns fröhlich Weihnachten feiern und unsere Lieder singen. Den Anschluss suchen an die Lichtquelle von Weihnachten, Treibstoff tanken zu einem besseren Leben.
"Würde man mich auffordern,“ so schreibt Paul Tillich, ein Theologe der Neuzeit, einmal, „die christliche Botschaft für unsere Zeit in zwei Worte zusammenzufassen, so würde ich sagen: Sie ist die Botschaft von einer neuen Schöpfung, von einer neuen Wirklichkeit, von einem Neuen Sein, das mit Jesus erschienen ist – und wir sind aufgefordert, daran teilzuhaben.
Nichts ist kennzeichnender für das alte Sein als die Trennung des Menschen vom Menschen.  Nichts wird in der Geschichte leidenschaftlicher ersehnt, nichts brauchen die menschlichen Beziehungen dringender als eine Heilung der sozialen Verhältnisse. Aber die Menschheit ist noch am Leben, weil die Neue Schöpfung wieder und wieder geschieht.
Und wenn die Kirche eine Bedeutung hat, dann ist es die, dass man hier – wenn auch nur bruchstückhaft, schwächlich und verzerrt – die Wiedervereinigung des Menschen mit dem Menschen verkündet, bekennt und verwirklicht.

Eine neue Schöpfung ist also erschienen – und die Botschaft lautet: Nehmt sie an! Dringt in sie ein! Lasst Euch von ihr ergreifen!“(Paul Tillich. Religöse Reden. Das Neue Sein)
In diesem Sinne: Gesegnete Weihnachten uns und der ganzen Welt – weit über die Festtage hinaus!