2011 Vor Sparhaushalt-Gemeindeversammlung - Zoff in der "Heiligen Familie"?



Liebe Gemeinde,
da versammeln wir uns zu einem Gottesdienst mit Abendmahl und anschließender Gemeindeversammlung, in der es um unseren gemeinsamen, möglichst nicht zerstrittenen Kurs in den nächsten Jahren unter erschwerten Bedingungen gehen soll, und worum geht es im vor-geschlagenen Predigttext für den heutigen Sonntag? Auf den ersten Blick schlicht um Familienzoff.
Und das auch noch ausgerechnet in der sogenannten heiligen Familie.


Markusevangelium 3, 31-35                                     

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder
und standen draußen,
schickten zu ihm und ließen ihn rufen.

32 Und das Volk saß um ihn.
Und sie sprachen zu ihm:
Siehe, deine Mutter und deine Brüder
und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

33 Und er antwortete ihnen und sprach:
Wer ist meine Mutter und meine Brüder?

34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen,
und sprach:
Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
35 Denn wer Gottes Willen tut,
der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Liebe Gemeinde, steht Familie nicht stellvertretend für alles, was uns vertraut ist? Meine Mutter ist schon älter und manches fällt ihr schwerer als in früheren Jahren. Aber in einem ist sich die Familie einig: Omas Marmelade ist und bleibt die beste und findet regelmäßig ihren Weg zu Kindern und Enkeln.
Ähnliches erzählen mir Menschen von anderen vertrauten Geschmäckern: von der Hühnersuppe, von der es zwar ein Rezept gibt, so wie die jeweilige Mutter oder Großmutter - viel-leicht ja demnächst auch der ein oder andere Vater und Großvater – sie  kocht. Aber wenn andere nach Rezept dasselbe machen, ist es trotzdem nicht dasselbe. Es sind Kleinigkeiten, die den Unterschied machen, aber genau diese Kleinigkeiten bescheren uns in ihrer Summe diese wohltuenden Vertrautheits-Gefühle. Wenn alle zusammensitzen und die Suppe wieder schmeckt wie immer, dann stimmt die Welt, als könnte sie nichts erschüttern.

Solche Gefühle von Vertrautheit gibt es nicht nur in Familie und unter Freunden und Bekannten. Es gibt sie an bei vertrauten Umgebungen und Abläufen am Arbeitsplatz. Es gibt sie in Landschaften, die wir kennen und immer wieder gerne aufsuchen. Sie finden sich in tausenden von kleinen Ritualen, vertrauten Gerüchen, liebgewordenen Gesichtern, Fensterblicken, Melodien und wer weiß was noch. All das ist einfach wunderbar und gibt uns ein gutes Gefühl.

Und dennoch gibt es auch manchmal Probleme mit genau dem, was unser Leben so selbst-verständlich prägt. Das Vertraute hilft uns nicht nur, es bindet uns auch – und manchmal bindet es uns zu sehr an die Vergangenheit, an das was – realistisch betrachtet – noch keine Ewigkeit da war, aber gefühlt – irgendwie wie schon immer ist.

Jesus begegnet der stärksten dieser Bindungen: der eigenen Familie. Sie hat ihn stark ge-macht. Durch sie ist er geworden, was er nun ist. In dieser Umgebung ist er groß geworden und hat unter anderem Menschenkenntnis und Bibelkenntnis erworben. Nur weil hier ein Grundstock gelegt wurde, kann er sagen: ich aber sage euch.

Aber hier drängt sich die Familie genau mit dieser großen Vertrautheit in das das, was er gerade tut. Muss sie nicht immer an erster Stelle stehen? Muss sie nicht Basis für alles bleiben? Hat sie nicht Vorfahrt?

Jesus sieht das nicht so. Er löst sich aus dieser wunderbaren Bindung, wo sie ihn hindert.
Er lässt Familie Familie sein, wo sie das, was Gott in der Gegenwart ermöglicht, zu überdecken oder beiseite zu drängen droht. Das kann sehr krass wirken: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ (Lk 9,60). Das Vertraute hindert Jesus nicht am Aufbruch. Die Vergangenheit hält ihn nicht ab, jetzt ganz da zu sein für das, was ansteht.

Er weist um sich auf das, was jetzt da ist: geschenkte Schwestern und Brüder über die vertraute Struktur hinaus. Vertrautes  wird dann zu etwas Hinderlichem, wenn es uns den Blick verstellt für die Gegenwart und Gottes Wirken in ihr.
Es wird zu etwas hinderlichem, wenn es uns den weiteren Horizont verstellt, der uns auch täglich neu geschenkt wird.
Es wird dann zu einer Falle, wenn wir uns einigeln und festklammern. Das kann nicht gelingen.

Deshalb verweist Jesus seine an ihm festhaltende Familie mit so großem Nachdruck auf den weiteren Horizont, in dem er jetzt tätig ist. Und er verweist auf die Bereicherung durch diese andere, gegenwärtige Situation.
Er sagt: sie bringt mir Menschen nahe.
Ich bekomme so etwas wie zusätzliche Schwestern und Brüder.
Mir begegnen Gemeinschaft und Freude in diesem gegenwärtigen, neuen Zusammenhang.
Die Frage an uns alle ist:
müssen die beiden Aspekte, das Hängen am Vertrauten und das Leben in der spannenden anderen, weiteren Gegenwart dann unversöhnt nebeneinander stehen?

In unserem Predigttext wird diese Spannung nicht aufgehoben. Die Frage bleibt im Raum stehen. Die Reaktion der stehen gelassenen Familie, zu der Jesus sich nicht rufen lässt, wird nicht geschildert.

Aber am Ende, unter dem Kreuz Jesu, wird beides von Jesus auf anrührende Weise neu miteinander in Beziehung gesetzt und tröstlich versöhnt. Als Jesus einen Jünger und seine Mutter aufeinander verweist als Sohn und Mutter, die nun in diesem Sinn füreinander da sein sollen,  da geht es nicht mehr um Familie ODER Fremde, Vertrautheit ODER größeren Horizont. Da geht es um Familie IM neuen Horizont, um Vertrautheit IN einer Gegenwart voller unbekannter Risiken und Chancen.

Ich erkenne in dieser Geschichte ein Modell für unser Gemeindeleben. Denn wir haben ja nicht nur Verwandte im engen Sinn, Wir haben auch ein vertrautes Umfeld, das sich wie eine Familie um uns schließt. Und wir reagieren empfindlich auf jede Veränderung und Schwächung dieses vertrauten Umfeldes. Jesus zeigt uns: gerade indem wir dieses Umfeld neu in Beziehung setzen zum größeren Ganzen, zu Menschen, die uns neu begegnen, zu einem Alltag mit neuen Möglichkeiten und Gemeinsamkeiten, versöhnen wir unsere innere Sehnsucht nach Vertrautheit mit dem Willen, die Gegenwart an uns heranzulassen und sie so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist, auch wenn sie sich anders und fremd anfühlt. Weil Gott in ihr gegenwärtig ist, ist jede Gegenwart eine Gegenwart voller Potential und Verheißung. Und genau darin sollen wir neu vertraut leben können, sobald wir uns bewegen lassen und uns bewegen.

Unsere Gemeinde vibriert vor Leben.
Denn das bringen ja schon alle mit, die in ihr leben.
Unsere Aufgabe ist es, dieses vibrierende, von Gott überreich geschenkte und immer wieder überreich mit guten Gelegenheiten erfüllte Leben miteinander in eine lebendige Form zu bringen, die etwas von Gottes Freude an der geschenkten Fülle in uns widerspiegelt.

Kann das auch gelten und stimmen, wo wir uns mit Sparhaushalten beschäftigen? Nach dem eben gesagten würde ich meinen:
Sparhaushalte sind eine genauso gute Gelegenheit, Spielräume auszuloten und zu gestalten, wie gute Zeiten. Sie machen bei aller Mühe sogar oft erfinderischer, lassen uns näher zusammenrücken, als die vermeintlich guten Zeiten das können.

Wichtig bleibt für uns, dass wir uns neu beschenken lassen: Siehe, das sind meine Schwestern und Brüder. Siehe, das sind unsere im Zusammenrücken entstehenden Spielräume und Möglichkeiten. Siehe, das ist die Kraft der Gottesgnade, wie sie in neueren, anderen Horizonten in den Blick kommt, auch da, wo man es zunächst nicht vermutet. Siehe, das ist Leben voller gegenwärtiger Verheißung und Erwartung. Jesus löst sich und geht hinein in diese Landschaft Gottes, die geschenkte Gegenwart heißt.

Er geht uns voran. Wer Gottes Willen tut, der und die ist sein Bruder und seine Schwester in dieser Art, zu leben. Folgen wir ihm hinein in spannende Landschaften des Lebens, in der Gott in unserer Gemeinde gegenwärtig ist!