2012 Reformationstag - Zur Freiheit hat uns Christus befreit



Liebe Gemeinde,
ich möchte heute über nur einen Vers des vorgeschlagenen Predigttextes zum Reformationstag sprechen. Galaterbrief 5,1
Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
So steht nun fest
und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen

Auf der Titelseite des Chrismon-Magazins zum Reformationstag 2012 lese ich: „Vielen Dank für ein Stück Freiheit“. „Ein Stück Freiheit“? Das hört sich an wie „ein Stückchen Kuchen“ oder „vielen Dank für das Käse-Häppchen“ und nicht wie:  vielen Dank für die Befreiung des Christentums von falschen Herren,
hin zu seinem ursprünglichen Herrn
und von fragwürdigen sekundären Traditionen
hin zu seinen jüdisch-christlichen Wurzeln.

Ich gestehe, ich kann die weichgespülte Sprache der modernen Häppchenkommunikation, deren einzige Zumutung der Mangel an klaren Konturen ist, ungefähr so wenig ausstehen wie ein ausgespucktes Kaugummi auf dem Bürgersteig, in das man treten könnte. Und ich empfinde schon allein in Bezug auf sprachliche Klarheit und gelegentlich auch Deftigkeit den 500 Jahre vor uns lebenden und redenden Luther im Vergleich geradezu als Wohltat. Auch wenn es nur eine typische neudeutsche Formulierung ist: Sich an die Reformation erinnern, das bedeutet nicht, sich an ein sogenanntes „Stückchen Freiheit“ zu erinnern. Es bedeutet, sich an die grundlegende Freiheit eines Christenmenschen zu erinnern,  mit der das christliche Glaubensgefüge steht und fällt.

Die Herausforderungen an diese Freiheit sind heute anders als zu Luthers Zeiten. Deshalb nützt es uns nichts, die Worte der Reformatoren einfach nur zu wiederholen. Aber diese Freiheit als Größe wirklichen prallen Lebens im christlichen Glauben aufrechtzuerhalten, so wie schon Paulus es im Galaterbrief mit klarer Ansage formuliert hat, das ist für Christen nicht verzichtbar und verhandelbar, weder nach 500 noch nach 2000 Jahren.
Sie spüren es mir vielleicht an, ich rede hier nicht von der Last der Reformation und des reformatorischen Erbes, sondern von der aufmüpfigen Lust der Reformation – denn das ist in meinen Augen nichts anderes, als eine durch das ganze christliche und kirchliche Leben durchbuchstabierte Lust am Evangelium.
Wie viel Freude es macht, in diesem Sinn evangelisch zu sein, das will ich an den vier Punkten verdeutlichen, mit denen Luther die Freiheit des Christseins begründet hat. Sie sind alt formuliert, ursprünglich auf Latein. Aber sie sprühen vor Energie und Lebendigkeit.

Allein Christus
Stellvertreter Christi? Ja. Das sollen wir im Sinn des Evangeliums sein.  „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ so benennt es Paulus in 2. Kor. 5,20.
Papst im jetzigen Sinn: Nein! Und der Papst ist nur ein Beispiel für das, worum es auch sonst geht. In Krisenzeiten wird immer nach starken Menschen und mächtigen Ämtern Ausschau gehalten. Die Bibel erzählt uns, wie Israel in Krisenzeiten zu einer solchen vermeintlich starken Lösung greift, um sich in feindlicher Umgebung besser durchzusetzen, obwohl diese Lösung von Anfang an fragwürdig war.
Zunächst bedeute das Erfolg, ein starkes Israel, einen starken Staat.
Aber es bdeutete dann auch die Krise Israels dann durch das Königtum und falsche Formen von Herrschaft. Es bedeutete Nachfolgestreitigeiten, Teilung, Machtmissbrauch, Verderben bringende Politik bis zur Zerstörung des Tempels und Verschleppung Israels nach Babylon und später erneut die Katastrophe unter BarKochba.

Später sind Christen durch Jesus abgerückt von diesem Königs- und Herrschaftsverständnis, hin zur anders gearteten Christologie. Denn schon Jesus sagt unmissverständlich: unter euch soll es NICHT zugehen wie unter den weltlichen Herrschern, und Johannes d.T. war glücklicherweise NICHT wie die in den Palästen, mein Reich ist NICHT geprägt von dieser Welt etc.

Das kann aus evangelischer Sicht nicht rückgängig gemacht werden durch eine neue kirchliche Königststradition in Gestalt des Papsttums. Christus hat nur eine einzige legitime Stellvertreterin mit Führungsanspruch: das ist die Heilige Geistkraft Gottes, die allein Christen richtig leitet. Auch weiter unten geht es nicht ohne Führungsstrukturen, aber es geht nur mit gemeinsamen, kollegialen Führungsstrukturen starker Personen, so wie es die Ortsbischöfe der frühen Christenheit eine lange Zeit gelebt haben, bevor die Römer auf die skurrile Idee kamen, das alte Cäsaren-Unwesen in Gestalt eines angemaßten Primats der Christenheit und des Papsttums neu zu beleben, bei dem sie dann zufällig erneut im Mittelpunkt der Macht stehen. Seither steckt womöglich mehr heidnisch-römisches Staatsverständnis und Kultverständnis in römischen kirchlichen Ämterstrukturen als urchristlicher Geist – das ließe sich aus meiner Sicht an vielen Beispielen belegen. Es kann für alles einen Vorsitzenden oder eine Vorsitzende geben – aber keinen christlichen Machthaber im Gefolge römischer imperialer Herrschaftsstrukturen!

Es ist aber nicht nur theologisch geboten, sondern auch wohltuend und erfrischend, alles Kirchliche allein auf Christus und den in seinem Sinne leitenden Heiligen Geist zu bauen. Gerade weil wir als evangelische Christen dem Papsttum und dem römischen Amtsverständnis nicht die geforderte Autorität zumessen, können wir unseren katholischen Mitchristen in liebevoller Freiheit begegnen – als Menschen, die (Papsttum hin oder her) wie wir Christus als ihren Herrn bekennen. Mit Menschen, die das tun, wollen wir gern gemeinsam unterwegs sein!

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen

Allein durch Gnade
die moderne Gnadenwirtschaft ist die des Geldes und der Massenmedien.
-        die des Geldes: da dürfen Politiker in Deutschland und Europa sich gnädig von großen Konzern-Lobbyvertretungen Gesetze vorformulieren lassen, die sie dann entweder leicht verändert als ihre eigenen ausgeben oder gleich von den Lobby-Verbänden übernehmen. Und wir wundern uns dann, dass das Volk in der Demokratie gar nichts mehr zu sagen hat und seine ureigensten Interessen weder gegenüber Energie-Konzernen noch der Pharma-Lobby noch der Lebensmittelindustrie oder wem auch immer zum Zug kommen. Die Geld-Demokratie macht nicht nur die Reichsten auf unverschämte Weise immer reicher, sondern sie sie nimmt auch grundlegende Freiheit weg und ersetzt Demokratie durch Demokratur.
-        die Gnadenwirtschaft der Massenmedien: da werden Menschen mal ins grelle Rampenlicht auf hohe Sockel gehoben, um dann im nächsten Augenblick durch die Boulevard-Presse, Fernsehen oder Internet in der Hölle der öffentlichen Verachtung hinuntergestoßen zu werden, wie’s gerade passt und unterhaltsam scheint. Und wer von alldem noch nicht genug hat, kann sich seinen persönlichen „Shitstorm“ – das übersetze ich lieber nicht – im Internet abholen.

Die christliche Freiheit aber sagt uns: ihr seid nicht, nie und nimmer, Menschen von jemandes anderen Gnaden, weder gnadenlos von Reichen und Konzernen abhängig, noch von denen, die den Marktplatz der Meinungen beherrschen. Ihr seid Menschen von Gottes Gnaden – und das macht euch einerseits demütig und hält euch davon ab, euch über andere zu erheben, und macht euch andererseits in hohem Maße unabhängig von weltlichen Mächten, denen ihr schlicht nicht das schuldet, was sie von euch fordern.  
Ich finde, es ist eine Lust, als evangelischer Christ mit dieser Mischung aus mitmenschlicher Demut und königlicher Unabhängigkeit zu leben.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
So steht nun fest
und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen

Allein im Glauben.
Dieser Satz hat in den letzten Jahren eine zusätzliche Bedeutung für mich bekommen. Er erinnert mich nicht nur daran, dass meine Beziehung zu Gott glücklicherweise nicht auf dem Maß meiner eigenen Gerechtigkeit, Fähigkeit und Makellosigkeit beruht, sondern allein darauf, dass ich im Glauben auf das vertraue, was Gott für mich tut. Er sagt mir auch heute, in einer Zeit, in der sich viele Menschen öffentlich über Glauben lustig machen, als sei er etwas grundlegend Unvernünftiges oder gar Irres, dass ich ihn öffentlich gegen solchen Unfug zum Ausdruck bringen kann und soll.

Das Buch „Gotteswahn“ von Richard Dawkins ist wie viele ähnliche Pamphlete einer neuen selbsternannten Priesterkaste von Pseudo-Aufklärern voll von billigen Klischees, die den Glauben aus atheistische Sicht in die Ecke geistig Unmündiger zu stellen versuchen. Heute verbreitet sich im immer noch wohlhabenden, lange Zeit christlich geprägten Westen in manchen sich für besonders gebildet haltenden Kreisen zunehmend eine solche Grundeinstellung, als sei Glaube etwas für die Uninformierten und Schwachen, die sich an etwas festhalten müssten, während die Klugen und Gutverdienenden das nicht nötig haben.

In Wahrheit gibt es überhaupt kein Leben ohne Glauben, ohne nicht beweisbare oder falsifizierbare Grundannahmen über das Ganze der Welt, in der wir leben. Und ich halte den Glauben daran, dass durch einen zufälligen, unerklärlichen Urknall und eine endlose Kette von weiteren Zufällen ein Universum banaler Zufälligkeit entstanden ist, das weitere Fragen erübrigt und sich sinnfrei ausbreitet, für wenig überzeugend, auch wenn die uns bekannte Geschichte mit diesem Urknall begonnen hat.  Und dass man, wie Dawkins es in einer Fernsehsendung gesagt hat, den Sinn des Lebens darin findet, als Bauer Kühe zu halten oder sonst etwas Schönes zu tun, bis man stirbt, das halte ich nicht nur für reinen Zynismus gegenüber denen, für die es so glatte, angeblich zufriedene Lösungen nicht gibt, weil sie nicht auf der Sonnenseite des Lebens leben. Ich halte es auch als Grundannahme zum Verstehen des eigenen Lebens für mindestens so armselig und wahnsinnig, wie es ein Glaube an einen blinkenden Pfannkuchen oder das rosa Krümelmonster wäre.

Wie wunderbar ist es, sich über den eigenen Glauben – einschließlich der Tatsache, dass es ein Glaube ist! – klar zu sein und eigenverantwortlich dazu zu stehen! Ich möchte nicht der Knecht eines Lebenshorizontes sein, in dem alles trivial und sinnfrei da ist, ohne über sich hinauszuweisen.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
So steht nun fest
und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen

Allein durch die Schrift
seit einiger Zeit wird dieses Leitmotto der Reformation doppelt infrage gestellt. Man sagt einerseits
- alles ist irgendwie Tradition und nivelliert so den Unterschied des Wirkens Jesu und der frühen Christenheit zur späteren kirchlichen Tradition bis zur Unkennlichkeit 
Und man insistiert andererseits auf 
- postmodernem Interpretationsverständnis: Schrift sei nicht begreifbar in irgendeinem ursprünglicher Sinn, den es ansatzweise zu verstehen gilt, sondern eher als bloßer Anlass einer kontinuierlichen Neuinterpretation, bei der Leser oder Hörer etwas mit dem Text machen und ihn so neu erschaffen: eine starke Betonung von „relecture“ und Neuionterpretation.

Um Calvin das Wort zu geben: „Es ist besser auf dem Weg der Schrift zu hinken, als auf einem anderen Weg in den Abgrund zu rennen.“
Selbstverständlich haben evangelische Christen kein fundamentalistisches Schriftverständnis. Sie haben stattdessen ein fundamentales, das schon Luther umschrieben hat als ein Hin- und Herlaufen durch die Schrift. Evangelische Christen lassen die Schrift nicht zum toten Buchstaben werden, den man aus dem Zusammenhang reißt und ohne ganzheitlichen Sinn und Verstand befolgt. Statt dessen heißt „nur die Schrift“, dass wir immer wieder hinhören auf das, was jüdischen und christlichen Glauben geprägt und begründet hat, und zwar in diesem Buch so grundlegend wie nirgends vorher und nachher, nicht rechts oder links, oben oder unten im Inventar unserer Kultur.

Die Worte späterer Kirchenlehrer und -lehrerinnen stehen deshalb nicht nur nicht auf Augenhöhe mit den Worten Jesu, sondern auch nicht mit der Gesamtheit der Evangelien, der Paulusbriefen, der Mosebücher, der Prophetenbücher oder der übrigen Schriften beider Testamente, kurz, mit der Schrift als Ganzer, so wie sie ist und geworden ist,  genau so wenig wie man bei deinem Hausbau Fundament und Dach sinnvoll umkehren kann, und genauso wenig, wie dabei alles vom Keller bis zum Dach beanspruchen kann, in gleicher Weise Fundament zu sein.

Das gilt auch für die Rolle der Interpreten beim Lesen oder Hören der Schrift. Es gehört zu den Verdiensten postmoderner Sprachforschung, herausgearbeitet zu haben, wie sehr alles Lesen und Hören eine intensiver Akt des Neuschaffens durch Leser und Hörer ist, so sehr, dass jedes Lesen fast wie ein Neuschreiben eines Buches ist und jedes Hören eine Botschaft in beträchtlichem Maße neu erschafft. Wir lesen und hören immer mit unserer ganzen Lebenserfahrung und bringen sie ein.

Aber: gerade wenn wir das ernst nehmen, wird die Aufgabe, von der Luther spricht, um so dringlicher. Damit wir nicht immer nur uns selbst, unsere gewachsene Tradition oder unsere Zeitgeist-Lieblingsthemen aus unserer privaten Lieblingsperspektive hören und dabei immer nur das verstehen, was wir ohnehin schon wissen und wollen und fühlen, ist es am besten für uns, wenn die Schrift mit ihrer ganzen Fremdheit und Andersartigkeit von uns immer wieder hin und her gelesen wird. Dann – und nur dann – hat ihre Andersartigkeit, die sowohl in der Sache liegt als auch durch großen zeitlichen Zwischenraum verschärft ist, eine faire Chance, Teil unseres Lebens (als intensive Interpreten) zu werden und unsere Art von relecture, von Lesen und Interpretieren in Zusammenhängen, lebendig zu prägen, statt nur billig vereinnahmt und verwurstet zu werden.

Sola scriptura:
das ist dann kein Sockel, auf den wir die Schrift heben und sie da lassen, sondern unser tägliches Fitness-Programm, ein nicht endender Vorgang, der essentieller Teil unseres Lebens wird. Wie das im Zeitalter der Lesearmut und Multimedia-Überflutung unter nachwachsenden Generationen möglich ist und bleibt, das ist eine spannende Frage. Aber wir wollen diesen Reichtum, der aus dem Lesen der Schrift entsteht, nicht verlieren und nicht zu Knechten vieler vorhersehbarer Klischees unserer Alltagskultur werden.

Sola scriptura ist unsere 3D-Brille für den spannenden Film des Lebens, und diesen Blick wollen wir uns nicht auf 2D verkürzen und verflachen lassen. Wir sind nicht Knechte einer flachen Weltsicht, welcher Prägung sie auch immer ist.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
So steht nun fest
und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen

Ist es nicht wunderbar, Reformation zu feiern und evangelisch zu sein?
Ist es nicht wunderbar, das Knackige, Fremde, Wunderbare, nicht zu Vereinnahmende, das in Bewegung bringende, mit Liebe und Lust erfüllende am christlichen Glauben zu leben und zu pflegen?
Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
So steht nun fest
und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!