Heilungsgeschichten als Medizin für heute


Liebe Gemeinde,

ein Ire, ein Däne und ein Deutscher gehen in eine Kirche, in der Heilungsgebete mit Handauflegen praktiziert werden.
Der Ire geht gleich nach vorn: "Hier mein Tennisarm". Der Heiler legt seine Hand eine Weile auf den Arm - und? "Super", sagt der Ire, "der Schmerz ist fast weg". Tritt der Däne vor: "Dauerschmerz im Nacken". Gesagt getan. Auch ihm geht es bald viel besser. Der Deutsche wird bleich, weicht einen Schritt zurück und sagt: "Fass mich bloß nicht an, ich bin noch 6 Wochen krank geschrieben ..."

Was hier so flapsig als Witz daherkommt, legt den Finger in unsere Wunde. Wir tun uns aus vielen Gründen schwer mit Heilungsgeschichten. Durch schmerzliche Erfahrung haben wir gelernt, dass Leid und Krankheit Teil menschlichen Lebens sind. Das hat alles seine eigene Ordnung. Selbst etwas so einfaches wie eine Erkältung kann man nicht überspringen, höchstens ein paar Symptome unterdrücken. Wenn man ein Bein gebrochen hat, folgt eine OP, Schiene und Gips, und eine längere Zeit, bis man wieder gehen kann. Allergien fordern Beachtung, genau wie Stoffwechselkrankheiten. Meine Brille trage ich seit meiner Kindheit: ich habe mich längst daran gewöhnt. Und so weiter und so fort. Die Krankschreibung hat ihren festen Platz im Leben: das alles kann man nicht einfach mit einer heilenden Hand durcheinanderbringen.

Aber genau so eine heilende Hand begegnet uns wiederholt in den Evangelien. Auch im heutigen Predigttext im Markusevangelium, Kapitel 8:


22 Und sie kamen nach Betsaida.
Und sie brachten zu ihm einen Blinden
und baten ihn, dass er ihn anrühre.
23 Und er nahm den Blinden bei der Hand
und führte ihn hinaus vor das Dorf,
tat Speichel auf seine Augen,
legte seine Hände auf ihn
und fragte ihn: Siehst du etwas?
24 Und er sah auf und sprach:
Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.
25 Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen.
Da sah er deutlich
und wurde wieder zurechtgebracht,
sodass er alles scharf sehen konnte.
26 Und er schickte ihn heim
und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf! 
Die Heilungsgeschichten der Evangelien, in denen Jesus Menschen von schweren Leiden befreit, gehören aus meiner Sicht zu den wunderbaren Zumutungen der Bibel, die reine Medizin für uns sind. Ich bestreite nicht, dass sie uns etwas zumuten, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir diese Zumutungen brauchen, auch wenn die Medizin uns bitter schmeckt und wir lieber ausweichen würden.

Fragen wir zunächst: was stößt uns denn besonders auf an diesen Heilungsgeschichten?

Natürlich fragen wir als erstes: Können sie überhaupt Teil unseres Verständnisses von Realität sein? Wir sind da im Zweifel. Einerseits werden die meisten Krankheiten heute durch die Kunst der Medizin behandelt. Es gibt Zweifel, ob es daneben andere Formen von Heilungen gibt, oder ob das nicht nur unbeweisbare Gerüchte sind. Andererseits haben wir inzwischen gelernt, dass Menschen nicht nur auf physische Behandlung reagieren, sondern der Einfluss dessen, was seelisch in uns vorgeht, dabei eine erstaunlich große Rolle spielt (Psychosomatik). Und manche traditionelle Methoden wie Akupunktur werden erfolgreich angewendet, obwohl es noch keine verlässliche wissenschaftliche Erklärung für ihre Wirkung gibt. Also: wir sind im Zweifel: wir wollen keinen Quatsch glauben und bleiben in der Regel lieber beim uns Bekannten. Aber wir wissen auch von Situationen, in denen wir selbst oder andere Heilung überraschend und ohne triftige Erklärung erlebt haben. Ich kenne einen gebildeten Menschen, der eine extrem aggressive tödliche Form von Hautkrebs hatte. Dieser Mensch hat in seiner Not als Christ intensiv gebetet und eine Heilung erlebt, für die es keine ärztliche Erklärung außer „seltene Spontanheilung“ gab. 

Damit ist aber zugleich der zweite Stolperstein angesprochen: Ich kenne genauso und viel mehr umgekehrte Fälle, in denen Menschen – auch betende Menschen – ihr Leiden nicht überwinden konnten. Dass beides unerklärt nebeneinander steht, ist ein großer Stachel bei allen Heilungsgeschichten. Bedeutet die Heilung eines Menschen nicht zugleich einen Affront für alle nicht Geheilten?

Heute geht es um eine Blindenheilung, und ich kenne mehrere Menschen in unserer Gemeinde, denen Einschränkungen des Augenlichtes sehr zu schaffen machen.
Ich kann diese Spannung nicht auflösen. Ich kann nur für mich selber sagen: Wenn ich zusammen mit anderen als Leidender bete, und mein Leiden bleibt bestehen, aber irgendwo wird jemand dabei auf erstaunliche Weise geheilt, ich würde mich trotz meines eigenen Problems darüber freuen. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll: jedes Zeichen, dass Leid und Krankheit auf wunderbare Weise überwunden werden können und sollen, wäre mir ein Hoffnungszeichen mitten in den Begrenzungen dieses Lebens, mit denen wir alle leben müssen, auch wenn es jetzt noch nicht flächendeckend Wirklichkeit würde.

Der dritte Stolperstein in diesen Geschichten ist das Verhalten Jesu. Ist es nicht zum Teil merkwürdig und manchmal schwer verständlich oder schwer zu glauben? Jesus folgt keinem Schema, das es uns leichter macht. Mal spricht er und etwas Erstaunliches geschieht – fast als wären wir Zeugen bei der Schöpfung, als Gott mit seinem Wort Leben schafft. Da passiert für unser Empfinden dann zu viel zu schnell. Wie können wir uns darauf einlassen? Oder es geht zu wie in unserer heutigen Geschichte, und wir fragen uns, was macht er da: raus aus dem Dorf, weg von den anderen, Spucke aufs Auge, allmähliche Heilung in Schritten: ganz anders. Wie sollen wir uns beides zusammenreimen? Dann wieder ist Jesus plötzlich machtlos und kann nichts tun, nur weil Menschen es ihm nicht zutrauen. Ein anderes Mal stellt er überraschende Fragen wie „Was ist leichter, Sünden zu vergeben, oder als Gelähmter geheilt aufstehen und weggehen zu können? Oder er beabsichtigt gar nicht zu heilen und jemand fasst ihn voller Vertrauen an. Etwas gerät in Bewegung, und er konstatiert nur noch: dein Glaube hat dir geholfen. Ein anderer muss bekennen: Mir fällt Vertrauen schwer, mir ist es kaum möglich. Ich glaube, Herr hilf meinem Unglauben. Mal kommt jemand selbst, um geheilt zu werden, mal bringen andere einen Menschen zu Jesus. Wohin man auch schaut und hört: hier gibt es kein Schema F. 

Aber dieser dritte Stolperstein, das nicht glatte und oft schwer verständliche Verhalten Jesu, ist es uns nicht gerade so eine Hilfe? Sagt es uns nicht, dass Wunderbares geschehen kann, auch wenn es kein Schema und keine Regel dafür gibt, auch wenn sonst Regeln und Regelmäßigkeiten unser Leben bestimmen? Sagt es uns nicht, dass mitten in unserer geregelten und im doppelten Wortsinn vermessenen Welt der Geist immer noch weht, wo er will, und sich Spielräume verschafft, die sich von uns nicht eingrenzen und ausgrenzen lassen?

Angesichts unserer Probleme und Zumutungen mit Wundergeschichten gibt es zwei naheliegende Reaktionen, dieser Spannung auszuweichen, statt sie auszuhalten. 

Das eine ist die Flucht in einen übernatürlichen Triumphalismus: der Sohn Gottes wird aus dieser Sicht zu einer Art geistlichem Supermann, der alle Bedingungen überspringen kann, die unser Leben all den Sorgen, dem Kummer und Leiden aussetzen. In amerikanischen fundamentalistischen TV-Shows wird aus meiner Sicht genau dieser Triumphalismus zelebriert, wenn die sprichwörtlichen Krücken weggeworfen werden und vor einer großen Menge jemand unter tosendem Applaus das ebenso sprichwörtliche „Ich kann wieder gehen!“ ausruft.

Im Markus-Evangelium dagegen wird immer und immer wieder erzählt, wie Jesus die Bedienung der öffentlichen Lust am Wunderbaren rundum ablehnt. Damit wird nicht verhindert, dass die Menschen, die davon etwas mitbekommen haben, es in Windeseile weitererzählen. Aber es scheint Jesus ungeheuer wichtig zu sein, um keinen Preis in der Welt seine Heilungen einer aus seiner Sicht total verdrehten und irreführenden Perspektive zu überlassen. In Mk 8 wird zwei Geschichten vorher von genauso einem Konflikt erzählt: „Die Pharisäer forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel“ (Mk 8,11). Da steht dann nicht ein leidender Mensch, sondern ein bohrendes Fragen nach dem übernatürlichen Supermann und seinen Möglichkeiten im Mittelpunkt. Der Evangelist Mk brandmarkt das scharf, indem er sagt: sie taten das, um ihn zu versuchen. Damit kennzeichnet er eine Perspektive, die aus seiner Sicht vom Teufel kommt.
Jesus leidet fast körperlich unter dieser Sichtweise: „Und er seufzte in seinem Geist und spricht: Was fordert dieses Geschlecht ein Zeichen? Amen, ich sage euch: diesem Geschlecht wird niemals ein Zeichen gegeben werden“ (V. 12). 

Jesus meint mit mit „dieses Geschlecht“ nicht diese Menschengeneration oder dieses Volk oder alle Pharisäer, von denen andere ja aus seiner Sicht dem Reich Gottes nicht fern stehen. Er meint „diese Sorte Mensch“: Menschen, die so denken und für sich etwas wollen und brauchen, damit ein angeblicher Glaube bedient wird, der in Wahrheit keiner ist. Es geht nur um die Überwindung der eigenen schwachen Menschlichkeit, der eigenen Unsicherheit, durch den Vertreter einer Macht, den man als Versicherung gegen das dem Leid unterworfenen Leben sucht. Aber das Leid ist nicht aufgehoben. Es ist Teil dieser Welt und unseres Lebens. Das Leid wird nicht flächendeckend aufgehoben, sondern unterbrochen. So wird deutlich, dass es nicht das letzte Wort hat und haben wird, dass es Teil unseres Weges, aber nicht unsere Bestimmung auf Dauer ist!

Die Sucht nach dem Triumph über das Leiden, der unsere Lebensbedingungen wie mit einem Fingerschnippen außer Kraft setzt, versteht das nicht. Die Anhänger eines vermeintlich siegreichen Supermanns wollen etwas überspringen, das zu unserem Leben gehört, auch wenn es nicht das letzte Wort haben soll.
 
Die andere Standard-Reaktion auf die Zumutungen der Heilungsgeschichten ist eine, die mir heute eher von modernen Menschen begegnet, die mit Fundamentalismus nicht viel am Hut haben, von Laien bis hin zu vielen Theologen. Auch hier wird der Spannung der Geschichten vorschnell ausgewichen, diesmal aber durch Flucht in übertragene Bedeutungen.
 
Aus dieser Sicht haben die Geschichten nicht in erster Linie mit dem Leiden eines konkreten Menschen und seiner tatsächlichen Heilung zu tun, die gerade so in einem vielsagenden Zusammenhang mit dem steht, was Jesus sonst in den Evangelien sagt und tut.
Nein, da das Wunderbare an diesen Geschichten so viele offene Fragen ohne fertige Antworten aufwirft und uns deshalb schnell irritierend bis unzumutbar erscheint, ist es heutzutage vielen Menschen angenehmer, die Heilungen in einem allgemeinen, erbaulichen Sinne als Geschichten zu verstehen, die unser Vertrauen in Gottes Güte und Nähe stärken sollen, ohne sie allzu konkret zu nehmen.
Dann sind die Geschichten so etwas wie gutgemeinte Erzähl-Symbole für Gottes Heilswillen, auch wenn wir uns eher nicht zumuten wollen, einer tatsächlichen Heilung wirklich zu trauen. Die entsprechenden Auslegungen und Predigten enden meist mit der ja nie falschen Aufforderung, auch im Leiden auf Gott zu vertrauen oder ähnliches.  Mir kommt das zu kurz gegriffen vor, und mir sagen und bedeuten solche sehr allgemeinen, aus meiner Sicht ins Nebulose flüchtenden Deutungen nicht viel. Sie sind für mich eher Ausdruck eines Kleinglaubens, an dem wir alle wie schon wie die Jünger unseren guten Anteil haben.

Damit kommen wir zum entscheidenden Punkt: was könnte das denn für ein Glaube sein, der den Geschichten traut, ohne sie entweder als religiöse Supermanngeschichten mißzuverstehen oder sie zu metaphorischen Symbolgeschichten zu verflachen? Was könnte "großer Glaube" anstelle von kleinem sein?

Diese Frage finde ich wirklich spannend, und darauf gibt unsere Heilungsgeschichte zusammen mit anderen in den Evangelien wichtige Hinweise.
- 1. Großer Glaube ist nichts was man hat oder nicht hat, sondern ein riskanter Weg, auf den man sich begibt oder nicht begibt (in der Geschichte: Gang aus dem Dorf, Heilung in Schritten, Weg nicht ins Dorf zurück, sondern „nach Hause“). Auch das schon erwähnte "Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben" bringt zum Ausdruck, wie unperfekt "großer Glaube" sein kann. Eine syrophönizische Frau veranlasst in einer anderen Geschichte auch den Heiler zu einer neuen Wegrichtung: er wollte eigentlich gar nicht heilen. Heiler und Heilungsbedürftiger lassen sich dort auf Gott ein und darauf, dass sein Geist weht, wo er will: auch heilend. Großer Glaube ist nichts, was man hat oder nicht. Es ist die Bereitschaft, sich auf einen Weg mit Gott zu begeben wie Abraham. Und dabei ist es egal, ob es um verheißenes Land, Verheißung, Vergebung oder Liebe geht. 
- 2. Großer Glaube ist selbstverständlich ein Glaube voller Zweifel, der dennoch (unter Zweifeln) zu vertrauen wagt. Glaube ganz ohne wenigstens vorübergehende Zweifel ist selten groß, sondern hat meist schlechte Gründe. Sich weifelnd auf Gott einlassen ist größerer Glaube als der, der meint, sich seiner Sache sicher zu sein. 
- 3. Großer Glaube ist nicht ein Ausdruck von Quantität (mehr glauben), sondern von Qualität (tiefer glauben) 
- 4. Großer Glaube kann und soll nie erzwungen werden. Unglaube hat die Macht, Gottes Handlungsspielraum zu begrenzen (Jesus konnte an bestimmten Orten nichts tun: ein Prophet gilt nichts bei denen, die ihn fälschlicherweise zu kennen glauben und sich deshalb auf keinen Weg mit ihm einlassen wollen): Großer Glaube ist ein machtloser Glaube, der dennoch von Gottes Kraft lebt: „meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, wie Paulus es von Gott gehört hat. 
- 5. Großer Glaube ist nie bloß innerlich, sondern er berührt, wird handfest, betrifft den Alltag.

-        diakonisch (barmherziger Samariter)
-        verzeihend (da geht es um Vergebung von etwas, das wirklich vorgefallen ist, und nicht bloß um irgendeine innere Freundlichkeit und Vergebungsbereitschaft)
-        heilend an Leib und Seele (auch da wieder geht es um wirklichen Umgang mit Leiden und Verletzungen, nicht um ein allgemeines „es wird schon wieder“)
So ist jede Heilungsgeschichte eine Erinnerung daran, dass mit Gottes Hilfe mehr möglich ist als nach unseren Lebensregeln und –Erfahrungen vorgesehen scheint. Beharren wir nicht auf unserem Krankenschein, sondern lassen wir uns auf diese Dimension des Glaubens ein, statt davor zurückzuschrecken!

Hören wir am Schluss noch einmal das Bespiel und begeben uns auf den eigenen Weg:

22 Und sie kamen nach Betsaida.
Und sie brachten zu ihm einen Blinden
und baten ihn, dass er ihn anrühre.
23 Und er nahm den Blinden bei der Hand
und führte ihn hinaus vor das Dorf,
tat Speichel auf seine Augen,
legte seine Hände auf ihn
und fragte ihn: Siehst du etwas?
24 Und er sah auf und sprach:
Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.
25 Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen.
Da sah er deutlich
und wurde wieder zurechtgebracht,
sodass er alles scharf sehen konnte.
26 Und er schickte ihn heim
und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!