Aktuelle Predigt zum Ausklang der Sommerferien

Predigt Epheser 5, 8.9

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Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie!

Ich möchte heute morgen predigen über den Wochenspruch und der steht im Epheserbrief, Kapitel 5, die Verse 8 und 9 – und da heißt es: „Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit!“

Als ich mich Anfang der Woche daran machte, diese Predigt zu schreiben und nachzudenken über diesen Satz: „Lebt als Kinder des Lichts!“, da las ich in einem Zeitungsartikel der TAZ folgende Sätze über den Ausbruch des 1. Weltkriegs:
„In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.“ Dies sagte britische Außenministers Edward Grey am 3. August 1914 beim Blick aus seinem Ministeriumsfenster in London in der Abenddämmerung. Am Tag danach, dem 4. August, erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg, weil Deutschland im neutralen Belgien einmarschiert war.
Über zwei Millionen britische Soldaten marschierten danach in den Krieg, fast 900.000 kamen nicht mehr zurück. Und im September 1914 schrieb der Dichter Laurence Binyon sein Gedicht „Für die Gefallenen“, wo es heißt: Wenn das Licht der Sonne am Abend untergeht und wenn das Licht am Morgen wieder anbricht, werden wir nicht aufhören an diese Opfer zu denken!“


Das Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs gehörte jedenfalls zum Kalender der vergangenen Woche und unser Wochenspruch: „Lebt als Kinder Lichts!“ kollidierte für mich im Ansatz der Predigtvorbereitung mit dem zitierten Satz des damaligen britischen Außenministers: „In Europa gehen die Lichter aus!“
Und er kollidierte auch mit der im Augenblick wieder bangen Frage, die Viele umtreibt: Wohin werden sich die Dinge in den kommenden Monaten und Jahren wohl noch hin entwickeln, wenn man sich so anschaut, was sich gerade wieder zuspitzt in der Welt?!

Nicht Wenige gehen mit diesem Spannungserleben durch diese Tagen und Wochen: Einerseits Sommerferien, Urlaub & Reisen, 4 Wochen Fußballweltmeisterschaft, Sonne satt, Garten- und Grillpartys – und anderserseits die düsteren Nachrichten, die angespannte, verdunkelte Weltlage, die finsteren politischen Ereignisse in Israel und im Gaza, in der Ukraine und in der Konfrontation des Westens mit Russland …
...
Mit dem Wochenspruch werden wir jedenfalls darauf gestoßen, dass diese Welt in der wir leben, nicht mehr Gottes heile und leuchtende Schöpfung ist, sondern eine gefallene, in Vielem verdunkelte und von Finsternis geprägten Schöpfung.
So wie wir's ja eben auch Tauflied in der zweiten Strophe gesungen haben: „Kampf und Krieg zerreißt die Welt!“

Licht und Finsternis liegen in unserer Welt miteinander im Streit – das ist nicht nur Stoff für Fantasy-Filme und Romane wie „Herr der Ringe“ und „Harry Potter“, das ist auch ein Grundmotiv in allen Kulturen, Mythen & Religionen und es deckt sich mit dem, was in der Bibel an Welt- und Wirklichkeitsverständnis zu finden ist.

Gottes Schöpfung und unsere Zerstörung der Schöpfung.
Gottes Gerechtigkeit und unsere Ungerechtigkeiten.
Gottes Friede und unser Unwille zum Frieden.
Durch die ganze Bibel hindurch wird die Welt und unser Leben nicht schön - und weichgezeichnet, sondern ganz realistisch gesehen als ein Ringen um Erfüllung und Verfehlung, um Gelingen oder Misslingen des Lebens.
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„Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts aber ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit!“ heißt es also auch in unserem Bibelwort.
Es stammt aus dem sog. Epheserbrief – wahrscheinlich der Brief eines Schülers des Apostel Paulus, so um 80 nach Christus geschrieben und adressiert an die frühen Christen und Gemeinden in Kleinasien.
Diese ersten Christen und Gemeinden haben damals den Glauben an Jesus erlebt als einen Riesenlichteinfall in ihr Leben und in diese Welt.
Ihr Glaube hat sie frei und froh gemacht.
Ihr Leben war durch und durch erhellt und erleuchtet worden.

Aber wie verhält sich der Lichteinfall zu dem Rest der Welt und zu der Welterfahrung, die von Dunkelheit und Finsternis geprägt ist?
Von Hoffnungslosigkeit, Armut, Krieg und Hass?

Es gibt damals wie heute eine bestimmte Art von Religion, die erfreut sich an der eigenen, persönlichen Erleuchtung und teilt sie vielleicht noch mit einer kleinen Schar von Auserwählten, die diese Erleuchtung ebenfalls kennen – aber in scharfem Kontrast dazu steht die böse, finstere Welt, aus der man sich mehr und mehr zurückzieht – mit der man nichts mehr zu tun haben möchte – von der man sich zu trennen hat – und die man sowieso für verloren hält.
Und häufig erwartet man auch gar nichts Wesentliches von diesem irdischen Leben und von dieser Welt, sondern freut sich auf den Himmel, ein Paradies nach dem Tod, ein Nirvana in einem anderen Dasein.

Biblisch und neutestamentlich ist solch ein Glaube und solch eine Religion nicht.
Sondern hineingestellt sind und bleiben wir in diese Welt und in dieses Leben – ohne falsche Flucht in die reine Innerlichkeit, in ein sektenhaftes „Wir lassen die Welt vor der Tür!“ oder „Wir stehen das hier noch irgendwie durch und dann kommt die große Glückseligkeit im Himmel!“
Nein, biblisch und neutestamentlich ist die Verbundenheit mit Christus, dem Licht der Welt, und sein Wort: „Ihr seid das Licht der Welt. Darum lasst Euer Licht leuchten vor den Menschen und Eure guten Werke sehen, damit sie Gott loben!“
Das heißt:
Lebt Euren Glauben, tut Gutes, macht es heller um Euch herum!
Zündet im Glauben an Jesus und in der Nachfolge Jesu Kerzen an, wo es finster ist.
Drückt auf den Lichtschalter, wo man sich an die Dunkelheiten gewöhnt und darin eingerichtet hat.
Öffnet die Fensterläden und zieht die Vorhänge beiseite, damit – in einer Welt, in der die Menschen einander das Leben so vielfältig verdunkeln – es heller und wärmer wird!
Und so sagt es auch unser Wochenspruch, den wir mitbekommen für die neue Alltagswoche, wenn dieser Gottesdienst und dieser Sonntag vorbei ist: „Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts aber ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit!“
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Nun besteht der „Knackpunkt“ aber eben darin, dass uns Kindern des Lichts das Licht zwischendurch immer wieder ausgeht!
Da brennen zwar am Sonntagmorgen die Altarkerzen als Zeichen der Nähe Gottes vor unsern Augen, aber im Alltag flackern oder verlöschen unsere kleinen Lichter von Glaube, Hoffnung und Liebe.
Soviel Dunkles um uns herum nimmt uns den Mut und zieht uns runter.
Finsternis macht sich hier und da in uns breit und verdüstert unseren Blick und unser Gemüt.

Und um bei der Aktualität des Predigtanfangs zu bleiben:
Da sehen wir aufs Neue im Nahen Osten den Krieg und die Unversöhnlichkeit, rund um die Ukraine den Rückfall in die Fronten des Kalten Krieges zwischen Ost und West, die Verquickung von Armut, Terror &Hass in Teilen der islamischen Welt …
Wir sehen, dass sich wenig ändert an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen von Wasser, Luft & Erde.
Wir erleben Lug und Trug, wohin man schaut.

Und in alldem scheint unser Wochenspruch für manche Ohren und für alle Zyniker und Pessimisten deshalb plötzlich klein und lächerlich:
„Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts aber ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit!“
Güte – also „gut zu sein“, Gutes zu wollen, Gutes zu tun - scheint was für Doofe, wie der Spruch von den sog. „Gutmenschen“ ja signalisiert.
Gerechtigkeit scheint etwas zu sein, was es nie geben wird, zumindest nicht auf dem Planeten Erde.
Und Wahrhaftigkeit, Wahrheit, ebenfalls.
...

An dieser Stelle der Predigt ist es gut, wenn wir uns in der Jahresmitte noch einmal an die Osternacht erinnern bzw. an die Ostermorgen-Liturgie, wie wir sie auch hier in der Kirche wieder gefeiert haben …
Sie fing an mit einer stockdunklen Kirche, am Morgen zwischen 5 und 6.
Zwei Tage vorher, am Karfreitag, stand uns die Kreuzigung Jesu vor Augen, sein Leiden, sein Sterben. Und im Kreuz sahen und spürten wir die dunkle Seite dieser Welt und ihre scheinbare Gottverlassenheit. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich, uns, die Welt verlassen?“
Nicht drastisch genug können wir uns die Traurigkeit, die Resignation und die Anfechtung vorstellen, mit denen die Jünger und Jüngerinnen Jesu vor dem Kreuz standen.
Und diese Dunkelheit empfing uns auch noch am Ostermorgen, wo jeder sich im Dunklen hier seinen Platz suchte und erstastete und dann da saß, in einer stillen Kirche, noch vor dem Morgengrauen.
Dann aber begann die Liturgie mit dem Einzug des einen Lichtes, der getragenen Osterkerze, hier in den Kirchraum.
Und an dieser Osterkerze wurden dann unsre kleinen Lichter entzündet und weitergereicht, Licht vom Licht, bis hin zur Osterbotschaft – zum Jubelgesang – zum Tagesanbruch – zur Feier des Lichtes über alle Finsternis damals wie heute: „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Und auch drei Stunden später im Familiengottesdienst wie in allen Kirchen & Gemeinden am Osterfest rund um die Welt wurde die großartigste Botschaft dieser Welt verkündigt und gefeiert:
Dass sich nämlich eine neue Schöpfung, ein Neues Sein, in dieser alten Welt Bahn gebrochen hat!
Dass – was immer die Katastrophen und Dramen auf dieser Welt noch sein werden – Gott uns und seine Schöpfung zu sich zurückholen und verwandeln wird.
Und dass jeder geteilte Becher Wasser, jedes geteilte Stück Brot, jede geteilte Decke – sprich jede Tat der Liebe – Gewicht hat im Karma der Welt und unseres Lebens!
...

Wenn wir nun also heute morgen den Wochenspruch hören: „Lebt als Kinder des Lichts!“ dann ist das wie eine Einladung, nocheinmal und immer wieder unsere kleinen, flackernden, verlöschenden Lebens- und Glaubenslichter an dieser Osterkerze zu entzünden!

Tun wir's jetzt, in Gedanken, im Inneren, in unserem Herzen.
Beten wir:
„Ja, Herr,
Mein Licht ist schwach und ich bin oft keine große Leuchte.
In mir ringen Hell & Dunkel
und in meinen dunklen Momenten und Stunden fehlt mir jeglicher Glaube, fehlt mir die Hoffnung, habe ich keine Liebe.
Aber an Dir, Christus, Licht der Welt
will ich mich neu entzünden lassen
mein inneres Licht neu entfachen
und dann hingehen und meinen Teil dazu beitragen, dass es für die Welt und unsere Kinder und Enkel ein bisschen heller wird!“

„Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts aber ist Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit!“

Thomas Corzilius