HEILUNG ?!

(25.10. - in der Unterbarmer Hauptkirche - Sonntagsgottesdienst mit drei Taufen)

foto Cor 5/2014


Heute morgen möchte ich predigen über einen einzigen Satz aus der Bibel – nämlich über den Wochenspruch für die kommende Woche – aus dem Propheten Jeremia 17,14:
„Heile du mich, Herr, so werde ich heil!“
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Manchmal nehmen wir etwas in die Hand, drehen und wenden und betrachten es – und sagen dann: „Ach, nee – das hat seine Zeit gehabt. Das brauch ich nicht mehr. Das ist nicht mehr modern. Das steht mir nicht mehr. Davon kann ich mich trennen!“ Und dann kommt es ab in die Tonne, auf den Sperrmüll, in die Altkleidersammlung …
An diesem Sonntagmorgen und in der bunten Zusammensetzung als Sonntagsgemeinde heute reizt mich die Frage: Ob das mit der Religion, mit der Frage nach Gott, mit Glaube & Kirche nicht ähnlich ist?
Drei Kinder haben wir heute wieder getauft.
Feiern nach dem Glockengeläut einen Gottesdienst, wie in vielen Kirchen jetzt gerade auch.
Bewegen uns im vertrauten Milieu.
Haben bald wieder Buß- und Bettag, Reformationstag, Totensonntag und dann Advent & Weihnachten ...
Aber wie ist die Stimmung, wie weht der Wind im Herbst dieses Jahres außerhalb unserer Kirchen und Kirchräume – in den Straßen und Häusern, Köpfen und Herzen der Menschen?
Geht es da nicht auch immer mehr Menschen so, wie mit den Sachen, die wir ausrangieren, beiseite legen oder gar wegschmeißen?
Die Menschen in unserer Gesellschaft haben aufs Ganze gesehen immer weniger Bezug zu Kirche und Christentum – und es wird auch schon garnicht mehr groß differenziert, wenn über DIE Kirche geschimpft wird und Menschen sich innerlich und äußerlich von ihr verabschieden ...
Das Thema „Islamische Staat“ und Islamismus bewirkt, dass alle Berufungen auf einen Gott und alle Religion zunehmend auf Abneigung und Überdruss stoßen. Und mancher kann die Talkshows und Zeitungsartikel zu diesem Thema schon nicht mehr sehen
Ein neuer Atheismus gebärdet sich klug und aufgeklärt, um – wie Herr Dawkins – die Menschheit endlich mal zur Vernunft zu bringen.
Die große Weltpolitik passiert auch 2014 scheinbar, ohne dass da ein lenkender Gott oder Gebete eine Rolle spielen.
Was also ist es mit dem Glauben, der Religion und der Anrufung Gottes?
Gehen wir auf eine Zeit zu, in der es auf der einen Seite nur noch religiösen Fantatismus und Fundamentalismus gibt – und auf der anderen Seite die Religion den Menschen abhanden kommt und die aufgeklärte Seite der Menschheit die Sache mit Gott entsorgt, so wie wir – eingangs beschrieben – uns auch von Dingen trennen, die ihre Zeit gehabt haben?
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Unser Wochenspruch, zu dem ich jetzt was sagen will, steht beim Propheten Jeremia.
Der lebte und wirkte in Jerusalem so in der Zeit von 625 bis 586 v. Chr. - das heißt in der für das kleine Volk Israel spannenden, politisch turbulenten Zeit vor der erlebten Katastrophe des Babylonischen Exils.
Jeremia war ein Mann Gottes mit einer starken Botschaft – aber er litt zeitlebens an seinem Glauben, seinem Amt, seinem Auftrag.
Luther schrieb einmal: „Er war ein elender, betrübter Prophet gewesen, der zu jämmerlich bösen Zeiten gelebt hat und viel Plage hatte!“
Und in einer solchen Situation, wo er den Eindruck hatte: Es hat ja doch alles keinen Zweck! Es geht ja doch seinen Gang! Betet er diesen einen Vers:
„Heile Du mich Herr, so werde ich heil!“
Abgesehen davon, dass Jeremia hier seine persönliche Situation vor Gott bringt als angefochtener, verwundeter Mensch, gibt er uns ein wichtiges Stichwort – nämlich dass der Heilung.
Ich weiß nicht, wieviele von Ihnen und von Euch im Augenblick etwas mit diesem Wort verbinden – aus einer Situation des Krankseins, der Krankheit heraus.
Denn wenn unser Körper, unser Organismus, nicht gesund ist – wenn wir mit einer Krankheit, mit Schmerzen, mit dem Nicht-Richtig- Funktionieren beschäftigt sind – dann schreit alles in uns nach Heilung, nach Gesundung, nach Wieder-Herstellung.
„Heile Du mich, Herr, dann werde ich heil!“
Gerne würde ich dieses Wort vom Ich zum Wir erweitern.
Nicht:“Lass mich Heilung erfahren!“ sondern: „Lass uns Heilung erfahren!“
Denn Jeremia bittet ja nicht, weil er ein körperliches Gebrechen hat, sondern seelische und existentielle Not.
Und er bringt eigentlich vor Gott sein Volk, sein Land, die ganze Situation, politisch, sozial, religiös und in der er ja nicht nur als Einzelner steckt, sondern mit seinem Volk und im Horizont der damaligen Welt in und um Israel.
„Gott, schenke Heilung, lass uns Heilung erleben!
…......
Und damit komme ich auf meine Einleitung zurück und zu der Frage: Wozu Gott, wozu Glaube, wozu Religion?
Und wohin wird sich die Welt, in der wir auch Euch drei – Robin, Lukas und Grischa - heute hineingetauft haben, noch entwickeln zu Euren Lebzeiten?
Was wir Menschen im weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts nicht mehr brauchen, das ist Gott und Religion
als etwas Trennendes, das die Gräben und den Hass und die Gewalt zwischen Menschen und Völkern noch mehr vertieft.
als Gewalt und Ideologie, in der sich eine Glaubensweise „im Namen Gottes“ über andere erhebt und sie der Welt aufdrücken will.
Aber was wir auch nicht brauchen und was auch nicht hilft, das ist
Religion, die wir von Generation zu Generation nur noch weitergeben als tote Tradition und bloße Folklore, ohne dass es uns noch wirklich erfüllt und antreibt.
Kirchen, die – von innen gesehen - nur um sich selber kreisen und denen man sich von außen nähert wie einem Museum, das Zeugnis gibt von gestern und vorgestern, wo unsere Eltern und Großeltern noch ihr Zuhause hatten ...
Was wir aber brauchen – und das spüren wir alle im Herbst 2014 – ist Heilung für diese Welt und Gesundung.
Denn unsere Welt – nun bald 15 Jahre nach dem großen Jahrtausendwechsel – schreit, blutet und windet sich unter Schmerzen.
Und deshalb ist dieser Ruf des angefochtenen Jermia so aktuell – für uns als
Einzelne, aber auch als Gesellschaft und Menschheit auf diesem Planeten:
„Lass mich, lass uns, lass unser Volk und die Welt Heilung und Gesundung erfahren!“
…..
An dieser Stelle erinnere ich mich an die Schilderung folgender Gesprächsszene:
Sie spielt in der Großstadt New York, die nach dem 11. September 2001 ja so etwas ist wie ein Sinnbild unserer kranken, blutenden Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Und sie spielt mitten in der Nacht zu fortgeschrittener Stunde, wo der Sonnenaufgang schon wieder näher ist als der Sonnenuntergang am Abend.
Irgendwo in einem der riesigen Wolkenkratzer, die alles überragen, in einem der obersten Stockwerke, von wo aus man tief unter sich die Stadt sieht, findet ein Interview statt.
Der Theologe Paul Tillich, dessen Leidenschaft und Anliegen die Vermittlung unseres christlichen Glaubens in der modernen Welt war, wurde von einem kritischen Journalisten gefragt: „Glauben Sie wirklich und allen Ernstes noch daran, dass dieses alte Buch, die Bibel, und dass dieser überkommene Kirchen- und Christenglaube noch irgendeine Bedeutung hat für unsere Zeit, in der die Menschen doch längst all das nicht mehr brauchen?“
Und Tillich antwortete: „Denken Sie doch bitte jetzt mal an all die unzähligen Menschen, die jetzt gerade in dieser modernen Weltstadt, unter uns ruhen und schlafen oder sich noch vergnügen oder geschäftig sind … Was treibt diese Menschen denn bis zu ihrem letzten Atemzug um? Es sind doch immer noch die gleichen Fragen, die die Menschen durch alle Zeiten hindurch bewegt haben und immer noch bewegen: Die Frage nach der Liebe und nach Glück & Unglück, die Frage nach dem Sinn und nach dem Umgang mit der Endlichkeit unseres Daseins, die Frage nach Gerechtigkeit und Frieden, die Frage nach Trost und dem Mut zum Leben und Dasein.“ Und Tillich fügte nach einer kurzen Pause hinzu : „Und, ja, ich glaube, dass der christliche Glaube und dass unsere Religion uns bis heute und auch weiterhin Antworten geben auf all diese Fragen. Und dass eine heilsame, heilende, rettende Kraft für den Einzelnen und für die Welt in all den Worten, Bildern und Riten liegt, auch wenn wir mittlerweile den Weltraum erobern, Herzen verpflanzen und die Welt in Vielem erklären können ...“
….
Das Gebet des Jeremia um Heilung und Gesundung ist jedenfalls – über all die Zeiten hinweg – auch ganz aktuell das Gebet, in dem wir uns gut wiederfinden können.
Denn auch wir brauchen Tag für Tag und über im Durchgang durch unsere Lebensjahre die Dimension der heilenden Kraft, eine nicht versiegende Quelle für Glauben, Hoffen & Lieben und ein Fundament, das hält, wenn die Stürme kommen und der Boden unter uns wackelt ...
Lasst uns also das Taufversprechen, unsere Kinder im christlichen Glauben zu erziehen, ernstnehmen.
Und lasst uns bewusst mit der Bitte um Heilung und Gesundung durch die Novembertage des zu Ende gehenden Kirchenjahres gehen und dann durch das neue Kirchenjahr, das mit der Adventszeit beginnt.
„Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“, heißt es dann in genau 2 Monaten, „denn Euch ist heute der HEILAND geboren!“
Heiland? - Ein altmodisches, kaum noch gebräuchliches Wort.
Aber ein Wort, in dem das Wissen steckt, dass der Geist und das Wirken von Jesus ein HEILENDER, gesundmachender Geist ist.

Thomas Corzilius