Predigt am 16. November 2014 aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Rotter Kirche

Predigt am 16. November 2014 aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Rotter Kirche


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das mit dem Predigttext für diesen Festgottesdienst ist so eine Sache, liebe Schwestern und Brüder.
Aber hören Sie selbst.

Ich lese aus dem Evangelium des Johannes, Kapitel 14, die Verse 1 bis 6 in der Übersetzung Martin Luthers:
1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. 4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. 5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Als Predigttext für das 50-jährige Bestehen der Rotter Kirche ausgerechnet den Anfang der Abschiedsrede Jesu zu nehmen, ist möglicherweise etwas gewagt.
Stimmt.
Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt, weiß der Volksmund. Und wer mich kennt, weiß: Irgendwie bin ich ja ganz gerne Volksmund.
Prädikantinnen und Prädikanten, also ehrenamtlich Predigende, sind in unserer Kirche ohnehin als so etwas wie Volksmund gedacht.

Und überhaupt:
Etwas zu wagen, steht uns als Kirche gut zu Gesicht.
Aber ich schweife ab.
Meine Frau mahnt immer, ich soll nicht so langen Anlauf zur Predigt nehmen. Also, dann - wagen wir's!
Der Evangelist Johannes berichtet, dass Jesus von seinen Jüngern Abschied nimmt.
Er bereitet sie darauf vor, dass sie ohne seine - leibliche - Gegenwart werden auskommen müssen.

Auch wir müssen das.
Und das auch nicht erst seit die Rotter Kirche vor 50 Jahren in dieser Form in den Dienst genommen wurde.
Wir müssen ohne Jesus als leibhaftigem Zeitgenossen unter uns auskommen.
Das eint uns mit seinen Jüngern.
So können wir das, was Jesus hier sagt, auch heute für uns hören.

Johannes berichtet in diesen Versen, dass Jesus die Jünger in eine neue Zeit, entlässt; in eine Zeit der Eigenverantwortung.
Sie sind nun geistlich erwachsen und dürfen dementsprechend ihr Leben gestalten, müssen es aber auch verantworten und dürfen sich dabei verlassen, dass Christus ihnen den Weg weist.

Natürlich bleiben die Jünger in einer Welt, die zum Erschrecken ist.
Wir auch.
Das eint uns heute mit den Jüngern von damals.
Weil die Welt zum Erschrecken ist, stellt Jesus den Zuspruch an den Anfang:
„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Der Ermutigung folgt das wunderbare Angebot: Viele Wohnungen sind in Gottes Haus.
Da ist jede Menge Platz, den Jesus für uns bereithält.
Da dürfen ganz unterschiedliche Menschen hin.

In der himmlischen WG Gottes fallen Grenzen, die wir Menschen gerne aufrichten, weg.

Gottes Haus ist ein einladendes Haus.
Da, wo Jesus für die Menschen, die ihm nachfolgen, schon einmal Quartier macht, haben selbst Sie und ich gute Chancen auf Aufnahme!

Aber wie hinkommen?

Thomas fragt danach.
Thomas ist der, der auch an anderer Stelle nachfragt. Nach der Erscheinung Jesu, bei der er nicht dabei war, zweifelt er am Bericht seiner Brüder und wird deswegen von der Tradition gerne der Ungläubige genannt.

Ich glaube, diese Bezeichnung ist nicht richtig.
Dieser Thomas ist mir sympathisch. Er ist nicht der klassische Typ des frommen Christenmenschen, der alles akzeptiert, für den es keinen Widerspruch gibt.

Thomas braucht Vergewisserung.
Jesus nimmt ihm das nicht krumm.
Und, liebe Gemeinde, Jesus nimmt es niemandem krumm, dass er oder sie nachfragt, es genau wissen will.
Deshalb bekommt Thomas wie in der Auferstehungsgeschichte  auch hier eine Antwort, die ihm weiterhilft.
Die Ihnen und mir weiterhelfen soll.

Dieser berühmte Satz Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ ist eine Wegweisung, die einen Weg, die den einen Weg in die Zukunft weißt.

Jesus selbst bietet sich in diesem Satz an als Weg durch das Leben und als Wahrheit im Leben.

Mitten in der Welt, die ist wie sie ist, die zum Erschrecken ist, ruft Jesus seine Jüngerinnen und Jünger auf, sie sollen auf seinen Spuren weitergehen.
Nachfolge nennt man das, auch wenn das vielleicht arg fromm klingt.
Auch wir sind mit dieser Aufforderung gemeint.
Wir sollen Jesus auf dem Weg, den er gegangen ist,  nachfolgen.
In der Welt haben die Wege Jesu vom Frieden gekündet und von Gerechtigkeit.
Davon, dass Gott den Menschen nahe kommt.
Davon, dass Gott uns Menschen liebt.
Davon, dass wir wertgeachtet sind in seinen Augen - ganz unabhängig von dem, was wir können.
Sein Weg, sein Menschenweg, hat ihn ans Kreuz und in den Tod geführt.
Und er hat ihn durch den Tod hindurch in die Wirklichkeit Gottes geführt.
In die Obhut Gottes, in die bleibende Gemeinschaft mit ihm.
Das meint das Bild vom Haus des Vaters, in dem es viele Wohnungen gibt.
Die Wohngemeinschaft Gottes - das ist die himmlische Verheißung, die uns mit dem Predigttext gemacht ist.
Aber uns als Gemeinde ist mit dieser Verheißung auch eine Aufgabe mit auf unseren Weg gegeben:

Wir sollen den Himmel erden!
Den Himmel erden.
Das heißt: Von diesem Himmel sollen wir reden machen - hier, hier auf der Erde.
Von der Ewigkeit sollen wir in der Zeit, in unserer Zeit reden machen.

Wir sollen der guten Botschaft, dem Evangelium ein Zuhause geben,
eine Wohnung in dieser Welt.
Wie und wo schaffen wir Wohnraum für die gute Nachricht Gottes in unserer Welt?

Als 1993 der Berliner Dom, eine prachtvolle Kirche im Ostteil Berlins, nach umfangreicher Wiedererrichtung eingeweiht wurde, predigte dort der damalige Präses der rheinischen Kirche, Peter Beier als oberster Vertreter der Evangelischen Kirchen der Union. Ich zitiere:
„Die Wahrheit braucht keine Dome. Das liebe Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm. Die Evangelische Kirche braucht auch keine Dome. Und wenig Repräsentanz. Sie hat keinen Teil an Triumphen von gestern. Tunlichst. Bescheidenheit steht ihr an. Und Knappheit.“
Zitat Ende.

Wenn der verstorbene Peter Beier mit dieser Einschätzung Recht hat, dann kann sich die Jubilarin des heutigen Tages wirklich sehen lassen:

Von einem Dom ist die Rotter Kirche so weit entfernt wie der Nordpol vom Südpol.

Die Rotter Kirche hat die klare Ästhetik eines Schuhkartons.
Sie atmet Bescheidenheit - und was Sie, liebe Schwestern und Brüder, einatmen und riechen ist das neue Gestühl, das das alte aus der Wichlinghauser Kirche ist.

Und selbst auf die Pfeifen, die in anderen Kirchen und Gemeinden zur Grundausstattung gehören, verzichten wir: unsere Orgel tönt durch Elektronik.

Unsere Kirche ist schlicht und einfach.
Und wenn es gut ist, ist sie schlicht und einfach Kirche.

Wenn es tatsächlich gut ist, ist Kirche eine Wohnung Gottes in der Welt.
Verstehen Sie mich nicht miss, liebe Gemeinde:
Ich meine nicht, dass wir hier Gott im Sack haben.
Ich glaube nicht, dass wir hier - und anderswo - Gott in die Mauern unserer Kirchen zwingen können - nicht in die Mauern der Dome und nicht in die Mauern eines Gebäudes der Bauart „quadratisch, praktisch, gut“.
Aber ich bin sehr sicher, dass es gut ist, einen Wohnraum für die gute Botschaft zu haben, der mitten im Quartier steht.
In diesem Sinne möchte ich den Begriff „Wohnung Gottes“ verstanden wissen.

In diesen Zeiten, da Kirche sparen und kürzen muss, gehen wir verschwenderisch mit dem Bild von der Kirche mit leichtem Gepäck um.
Die Rede von der Kirche, die mobil sein muss, hat Konjunktur.
Beides ist sicher nicht falsch:

Wir sollten lassen, loslassen und aufgeben, was wir nicht oder nicht mehr brauchen.
Wir müssen aus unseren Mauern heraus und auf die Menschen zugehen. Wir müssen uns wieder neu auf den Weg zu ihnen machen.
Wir haben das eben bei der Taufe wieder einmal gehört; im Missionsbefehl Jesu: „Gehet hin ...!“
Jesus hat nicht gesagt: „Wartet in euren Mauer, egal ob sie 50 oder 500 Jahre alt sind, bis die Menschen zu euch kommen.“
Er hat eine Richtung, eine Bewegung hin zu den Menschen geboten.
In seinem Sinne bedarf tatsächlich der Mobilisierung.
Alles richtig.

Es ist also gut, dass wir mobil sind.
Es ist also gut, dass wir als Gemeinde an den Festen der Bürgervereine im Tal und im Schönebecker Busch teilnehmen.
Es ist gut, dass wir Menschen daheim besuchen.
Es ist gut, dass wir Alltagsorte jenseits unserer Kirchenmauern nutzen - so wie den Bahnhof Loh auf der Nordbahntasse als spannender Ort für eine Andacht an Heiligabend.

Es ist gut, dass wir an all diesen Orten und bei all diesen Gelegenheiten als Christenmenschen in Unterbarmen für die gute Botschaft stehen, dass uns eine Bleibe im Haus Gottes verheißen ist.

Aber es tut uns eben auch gut, dass wir einen Ort haben, den Menschen als Wohnung Gottes in der Welt, mitten in ihrer kleinen Welt, mitten in ihrem Quartier erleben.

Gott wohnt, wo man ihn einlässt. Das ist wahr.

Gott hält da Einzug, wo Menschen im Namen Jesu Christi zusammenkommen.

Unsere Kirchen und Gemeindehäuser können und sollen sichtbare und einladende Wohnungen Gottes sein.
Wohnungen, in denen Menschen sich wohlfühlen und sich beheimatet fühlen.

Wohnungen, in denen sie Gemeinschaft erleben.
Wie weh es tut, solche Heimat zu verlieren, haben viele Menschen in unserer Gemeinde schon erlebt.
Und sicher feiern manche von ihnen 50 Jahre Rotter Kirche mit gemischten Gefühlen mit.

Aber auch deshalb meine ich: Schätzt die Häuser nicht gering, die Wohnung Gottes und Heimat der Menschen sein können!

Egal, ob es nun die Dome oder die Schuhkartons des lieben Gottes sind:
Lasst uns in ihnen einen kleinen Vorgeschmack auf die verheißenen Wohnungen im Hause Gottes servieren.
So ein „Amuse-Gueulle“ der Ewigkeit.

Lasst uns auf die Straßen und an die Hecken und Zäune gehen, um Menschen hier- und dorthin einzuladen.

Lasst unsere Kirchen Orte sein, die von der Liebe Gottes künden.
Eine Wohnung Gottes in der Welt, in der das Mädchen mit einem IQ von 65 genauso willkommen ist, wie der Doktor der Physik.
Eine Wohnung Gottes in der Welt, in der Alte mittendrin  sind.
Eine Wohnung Gottes in der Welt, in der Kinder sich wie zu Hause fühlen dürfen, selbst wenn sie sich auch so benehmen.
Eine Wohnung Gottes in der Welt, in die Fragen der Jugendlichen ihren Raum haben.
Eine Wohnung Gottes in der Welt, deren Türe offen steht für die, die neugierig sind.
Eine Wohnung Gottes in der Welt, in der gemeinsam gekocht, gegessen, gestritten, zugehört, getrauert, getröstet, gestärkt, gespielt, gesungen, gepredigt, gelebt und geliebt wird.

Nein, die Wahrheit braucht keine Dome.
Aber es ist gut, wenn die Wahrheit Orte hat, an denen Menschen ihr begegnen können.
Orte der Gemeinschaft.
Gast- und Rasthäuser in der Zeit.

Orte, wo Gott schon hier und jetzt Gestalt gewinnt:
Im Wort, das die Seele speist;
im Lied, das von Hoffnung singt;
im Lied, das die Herzen kennt.
in Menschen, die auf den Spuren und im Geiste Jesu die Dome, Kirchen, Kapellen und Schuhkartons beleben - lebendig und kräftig und fröhlich.
Und die dem Zuspruch Jesu trauen, der mitten unter uns lebendig sein will.
Er spricht: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Jens Peter Iven