4. Advent 2014, Hauptkirche Unterbarmen

Predigt zu Luk. 1, 46 – 55 (4. Advent 2014, Hauptkirche Unterbarmen)

Liebe Gemeinde!

Vor 14 Tagen hat Herr Dr. Frickenschmidt zu den Bibel-texten der Adventszeit gesagt, sie seien nicht gemütlich. Nun, für den heutigen kann ich diese Einschätzung gut un-terschreiben. Es handelt sich nämlich um das Magnificat, heißgeliebt, oft vertont und in seiner revolutionären Kraft nicht immer erkannt, weil die Sängerin, Maria, einfach auf die demütige Magd des Herrn reduziert wurde – wohlweis-lich, vermute ich.
Das Magnificat also.
Maria ist bei ihrer Verwandten, bei Elisabeth angekommen und freudig begrüßt worden: „Siehe, als dein Gruß in mein Ohr hineinkam, da hüpfte das Kleine in meinem Bauch vol-ler Jubel (1,44, BigS).“ Und Maria antwortet mit einem wunderbaren Freudenausbruch. Den haben wir eben in der Version Martin Luthers zusammen gesprochen, hier ist er noch einmal in der Übersetzung der BigS:

Lesung Luk. 1, 46-55 (BigS)

Maria singt ein Lied davon, wie Gott ihr Leben und die Welt zurechtrückt. Ich weiß nicht, ob Ihnen schon einmal aufgefallen ist, dass die ganze Vorgeschichte der Geburt Jesu bei Lukas ein einziges Zurechtruckeln alter und auch gerade passierender Geschichten ist. Die Weih-nachtsgeschichte selber übrigens auch – da wird der Kai-ser Augustus in seiner Bedeutung gehörig auf seinen Platz verwiesen...

Und hier, in der Vorgeschichte?

Früher einmal, da lachte Sara, als ihr ein spätes Kind an-gekündigt wurde, und Abraham schwieg zu der unerhörten Nachricht. Nun amüsiert sich Zacharias, wenn er sinnge-mäß sagt: „Ha, das wüsst‘ ich aber“ – und Elisabeth er-kennt die Einwohnung Gottes in dem Erzengel Gabriel und verhüllt ihr Gesicht, wie es sich in der Gegenwart Gottes gehört. Und als der Engel Maria erscheint, da sagt sie eben nicht dieses „Das wüsst‘ ich aber“, sondern: „Sag mir doch mal, wie das gehen soll.“ Und lässt sich darauf ein, dass Gott ihr Leben auf den Kopf stellt.

Nun also sind die beiden Frauen beieinander, und Elisa-beth erkennt in der so viel jüngeren Verwandten die große Schwester im Schicksal, erkennt sie an als „die Mutter meines Herrn.“

Und Maria? Die hat plötzlich so gar nichts mehr an sich von der lieblich-demütigen „Magd des Herrn“ mit Herzge-sicht und vornehmer Blässe, als die sie so oft in der Aus-legung und in der bildenden Kunst dargestellt worden ist – erstens von Männern und zweitens von Auslegern und Künstlern, die im Dienste der Herrschenden auslegten, malten und skulptierten. Magd des Herrn = Magd Gottes bedeutet aber eben nicht Dienerin von Männern und Skla-vin von Herrschenden – auch Jahrhunderte interes-sengeleiteter Auslegung konnten das letztlich nicht weg-interpretieren. Das Magnificat bleibt, was es war und ist: ein revolutionärer Gesang.
In einem gewaltigen Ausbruch wird Maria zur Prophetin wie Jahrhunderte zuvor ihre Namensschwester Mirjam und wie ihr großes poetisches Vorbild Hanna. Sie besingt Gottes Umsturz, das ganz große, dramatische „Zu-rechtruckeln.“

Zunächst sieht und besingt sie es bei sich selbst. Großes hat Gott an mir getan, seiner niedrigen Sklavin: Gott hat mich angesehen. Schon mit diesem einen Satz sagt Maria Unerhörtes. Denn sie weiß ganz genau: Kein Mensch kann es überleben, Gott anzusehen, nicht einmal Mose durfte das. Wenn aber – umgekehrt – Gott Menschen an-sieht, dann bedeutet gerade das – Leben! Maria erfährt das, was der Segen verspricht, den Aaron und seine Nachkommen auf Israel legen und mit dem auch wir uns der Hoffnung Israels anschließen: „Gott erhebe sein An-gesicht auf dich ... Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir.“ Dieser Segen gilt nicht (nur) den Reichen und Schönen, dem König und den Hohepriestern, er gilt den Armen und Erniedrigten, gilt Maria, der blutjungen Zim-mermannsfrau, die vor der Zeit schwanger ist. Die erlebt das Wunder, auf das sie mit all denen gehofft hat, die schwach und ohnmächtig sind in ihren eigenen Augen und in denen der anderen: Gott hat sie angesehen, hat sich ihr zugewandt – warum auch immer gerade ihr, es ist egal, es ist passiert.

Maria jubelt, vereint ihre Stimme mit der ihrer Verwandten Elisabeth, vereint sie mit der Stimme all derer, die vor ihr gehofft und gebetet, gewartet und – triumphiert haben.

Denn Maria bleibt in ihrem Lied nicht bei sich selbst ste-hen. Ihr Blick weitet sich, weil sie aus der Geschichte ih-res Volkes weiß: Gott schaut nicht nur einzelne Menschen wie sie an. Gott rückt nicht nur ein einzelnes Men-schenleben zurecht, stellt nicht nur die privaten Verhält-nisse auf den Kopf. Immer wieder hat Gott auch die öf-fentlichen Verhältnisse, das Machtgefüge von oben und unten durchgerüttelt. Er hat Ross und Reiter ins Meer ge-stürzt. Er hat Saul die Krone genommen und den viel zu jungen David an seine Stelle gesetzt. Er hat Belsazar ge-wogen und zu leicht befunden, und er hat Hamans Pläne durchkreuzt.

Maria weiß das, und sie weiß: Was Gott getan hat, kann und wird Gott wieder tun. Gott kann und wird wieder die auseinandertreiben, die sich über andere erheben, kann und wird wieder Mächtige von den Thronen stürzen, kann und wird wieder Hungernde mit Gutem füllen und Reiche leer wegschicken. Die Hoffnung darauf, dass das ge-schieht, teilt Maria mit den Entrechteten ihrer Zeit und, die begeisterte Aufnahme ihres Liedes in den Befrei-ungstheologien Afrikas und Lateinamerikas zeigt es, sie teilt sie mit den Geknechteten aller Zeiten. Gerechtigkeit, dieses Hauptwort der Bibel – das ist die Hoffnung, der Ma-ria mit ihrem Lied Stimme verleiht, die sie an sich selbst erfüllt sieht und die sie nun für die Welt herbeisingt. Und für Israel, für das sie steht und das unter römischer Mili-tärherrschaft seufzt. Auch die wird fallen. Den Anfang da-zu fühlt Maria buchstäblich in sich heranwachsen. Ihr Lied nimmt vorweg, was Lukas etwas später in seiner Weih-nachtsgeschichte erzählt. Der mächtige Kaiser Augustus im großen Rom kann weltweite Volkszählungen anordnen und sämtliche  Wohnverhältnisse durcheinanderbringen. Das eigentliche Weltereignis geschieht in dem kleinen Dorf Bethlehem, als ein Kind geboren, in Windeln gewi-ckelt und in eine Futterkrippe gelegt wird.

Maria nimmt ihr eigenes Schicksal und macht es zum Bild für die umstürzende Veränderung der Verhältnisse, die sie sich für die ganze ihr bekannte Welt von Gott erhofft und erwartet. Gott kommt zur Welt, und die bleibt nicht, wie sie ist. Das liest sie aus ihrer eigenen Geschichte ab. Das sehen wir an Weihnachten erfüllt.

Manchmal geschieht es ja, dass wir aus Krisen heraus und in Krisen große Kraft entwickeln. Wie groß diese Kraft sein kann, das zeigt uns Maria mit ihrem Lied. Sie entfal-tet diese Kraft in einer tiefen persönlichen Existenzkrise. Prophetisch kündigt sie an, dass die nur scheinbar geord-nete, in Wirklichkeit aber in sich krisenhafte Welt einer Mi-litärherrschaft und dass die kritische Masse der Unge-rechtigkeit zwischen Arm und Reich, Oben und unten die Kräfte des Umsturzes wecken werden. Ihn erhofft sie sich von Gott, sein Anfang ist das Kind, das in ihr wächst. Mit unbändiger Freude singt sie ihn herbei.

Mitten in der Krise kann Maria sich freuen, wild, unbe-zähmbar, ansteckend. Ab Mittwoch, liebe Gemeinde, fei-ern wir Weihnachten – immer noch und schon wieder in der Krise. In der Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre  haben wir schon einiges davon zu sehen bekom-men, wie es ist, wenn das Geld der Reichen und Super-reichen wie in einem Erdrutsch vernichtet wird, wenn die Hochmögenden von ihren hohen Rössern herabsteigen und den Staat um Hilfe angehen müssen, den sie im Überschwang geradezu widerwärtig übermäßiger Gewinne zu verachten gelernt haben. Wir haben aber auch gese-hen, wie sich die Verursacher dieser Krise – Banken und andere Unternehmen –  wieder nach oben gemogelt ha-ben. Hinzu kommt der furchtbare Anblick, den die Welt bietet im Irak und in Syrien, in der Ukraine, in (fast ver-gessen, aber dennoch da) Ägypten und Libyen, in Israel und Palästina. Krieg und Bürgerkrieg, Terror, Mord und Totschlag, Unterdrückung und Folter, Not, Armut und Ver-zweiflung. Und mittendrin dieses merkwürdige Deutsch-land, wie auf einer Insel, beschäftigt mit sich selbst und (leider zu Recht) PEGIDA, mit Kulleraugen auf die Welt blickend und die Hände in Unschuld waschend. Hoch be-friedigt über die „schwarze Null“ und darüber, dass es Frau Merkel und Herrn Schäuble gelingt, alle unter ihre Sparknute zu zwingen, ohne Blick dafür, dass es genau das ist, was ganze Volkswirtschaften abwürgt – wie es zwischen 1930 und 1932 schon einmal die deutsche Wirt-schaft abgewürgt hat, mit den bekannten Ergebnissen. Und natürlich auch moralintriefend zufrieden, weil WIR ja keine Waffen in Krisengebiete liefern – was aber dum-merweise, dazu führt, dass sich leider, leider die nicht wehren können, die das so bitter nötig hätten, weshalb nun wiederum viel Platz ist für IS und Konsorten. Und SO schnell einig darin, dass im übrigen sowieso immer Israel an allem Schuld ist...
Weihnachten in einem merkwürdigen Land und Weih-nachten in der Krise eben. Da fällt es manchen vielleicht ein wenig schwer, sich zu freuen. Ich kann das verstehen. Aber wofür, denke ich (andererseits, wofür wenn nicht ge-nau für solche verfahrenen Situationen sind die Texte der Bibel denn gesungen und erzählt und aufgeschrieben wor-den, diese – ungemütlichen Texte!? Sie sorgen ja gerade dafür, dass wir es uns nicht nur mit Kerzen und Plätzchen und dergleichen gemütlich machen. Sie erinnern uns da-ran, dass es über all dieses Schöne und über die Depres-sion hinaus, die der Anblick der Welt wahrhaftig auslösen kann, etwas gibt, worauf wir warten dürfen und sollen: dass nämlich der Tag kommt, an dem Gott wirklich die Welt zurechtrückt.
Und wenn ich das denke, dann fange ich leise an, mich mit Maria zu freuen.

Ja, dank Maria dürfen wir auch diese Krise mit der Hoff-nung sehen, dass Gott zur Welt kommt, dass er uns an-sieht, wie er sie angesehen hat, und dass er sich unser annehmen wird, wie er sich ihrer angenommen hat. Mit dieser Hoffnung gehen wir in die Weihnachtswoche, ko-chen unseren Rotkohl und Gänse und Enten und Wild und packen unsere Geschenke und machen es uns schön; das darf mitten in Krise und Revolution nämlich auch sein – ich bin ja sowieso eine Weihnachtsfreuerin, die sich davon nicht so schnell abbringen lässt... Und/aber wenn es dann an Weihnachten ein wenig in Ihrem Herzen ruckelt und zuckelt, dann denken Sie daran: Gott rückt diese Welt zu-recht. In Jesus Christus, dem Kind, das in Bethlehem ge-boren, in Windeln gewickelt und in eine Futterkrippe ge-legt wird.

Sabine Zoske