"RELIGION - NEIN DANKE?"

HEILIGABEND-PREDIGT 2014

Unterbarmer Hauptkirche

"RELIGION - NEIN DANKE?"

Foto cor


Liebe Gottesdienstgemeinde!
Wieder einmal ist er da – dieser besondere Abend des Jahres, auf den wir zuvor wochenlang in der Adventszeit hinleben.
Und dann, alle Jahre wieder, gibt es den gleichen Endspurt vor dem Heiligen Abend … „Same procedure as every Year!“ – Das gilt nicht nur für den bald anstehenden Silvesterabend mit „Dinner for One“, das gilt auch für' s jährliche Weihnachtfest, alle 12 Monate aufs Neue.
Die Kinder rappelig, Mutti angespannt, Papa genervt mit Fluchtgedanken zwischendurch, Oma und die liebe Verwandschaft in voller Erwartung, der erste Streit längst passiert und die Stimmung zwischendurch im Eimer, auch der Kirchgang wiwe jetzt in einer breiten Skala zwischen Lust und Unlust.
Und über allem für jeden die Frage: „Bin ich denn nun – jetzt und hier und weil's erwartet wird – wieder mit einer Punktlandung in „Weihnachtsstimmung“??? …..

„Christ ist geboren!“ heißt die gute Nachricht.
Und die bleibt durch alle Jahrhunderte – wo und wie auch immer wir Menschen Weihnachten feiern in der Welt und in der Weltgeschichte.

Was also bringen wir auch an diesem Abend wieder mit in diese Kirche?
Da gibt es unter uns auch heute - wie in jedem Jahr- die Zufriedenen, Dankbaren und Frohgestimmten. Aber auch die Bedrückten, Trauernden, Einsamen und Geplagten, für die 2014 in dieser oder jener Hinsicht kein gutes Jahr war.

Aber über dieses Persönliche hinaus teilen wir auch alle so etwas wie eine kollektive Grundbefindlichkeit in unserer Gesellschaft, im Blick auf die politischen Ereignisse & Entwicklungen in dieser Welt und auf dem Hintergrund der täglichen Nachrichten …
Und Manches davon hatten wir definitiv nicht auf dem Schirm, als wir uns vor einem Jahr zu Silvester und zum Jahreswechsel 2013/2014 zugeprostet und uns ein Gutes Neues Jahr gewünscht haben:
Der Ukraine-Konfikt, ein neuer kalter Krieg und die Angst vor militärischer Eskalation in Europa nach 70 Jahren Frieden.
Die erneute Zuspitzungen im Nahost-Konflikt und die Frage nach der Bedrohung durch IS und Terrormilitzen auch hier bei uns.
Der Umgang mit den Flüchtlingen, ausländischen Mitbürgern und den Asylsuchenden, die uns zunehmend um Hilfe anflehen.
Das Gefühl, dass es zunehmend unromantisch, kälter, enger und bedrohlicher geworden ist in unserem Land und in unserer bis dato für die Meisten noch so „wohltemperierten“ Gesellschaft ...
Und nun wieder Heilig-Abend – das Fest, das auf diesem Hintergrund ( vielleicht nochmal mehr als in manch ungetrübteren Vorjahren) unser Bedürfnis nach Frieden, nach Heilung, nach Ent-Spannung und nach einer anderen, besseren Welt ausdrückt ….
„Es begab sich aber“, schreibt Lukas, „dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt sich schätzen ließe … und da machte sich auch auf, Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, mit seinem vertrauten Weibe, Maria, die war schwanger ...“

Deutlicher, nüchterner und unromantischer kann man die Weihnachtsgeschichte nicht verorten.
Und das ist zunächst wichtig für uns zu hören:
Denn das verschneite Weihnachtsdorf der Reklame, Jingle-Bells und bürgerliche Wohlstandsbehaglichkeit haben mit dem Geschehen in Betlehem damals wenig zu tun.
Der Kaiser in Rom befiehlt und alle – auch Maria und Joseph – sind Befehlsempfänger, die sich fügen.
Geschichte passiert, in den Machtzentren fallen die Entscheidungen, die Welt geht ihren Gang.
Gottes Kommen in dem Krippenkind – da ist die Bibel ganz nüchtern und unromantisch – passt deshalb eher zu den vom Terror getöteten Schulkindern, zu NSA und IS, zu den Grausamkeiten in Syrien und im Gaza und in Guantanamo ...
„Es begab sich aber, das ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging!“

Und trotzdem feiern wir auch jetzt und hier wieder Heiligabend in einer vollen Kirche.
Und ich lade sie ein, dass wir uns – beim Blick auf das Krippenkind - einer dringenden Frage widmen, nämlich:

Wozu – bitteschön – braucht es in unserer Welt des 21. Jahrhunderts eigentlich noch die Religion bzw. Religionen?
Egal welche …
Sie haben doch alle genügend Schaden in dieser Welt angerichtet und tun es heute – in unserer globalisierten, hochgerüsteten und vernetzten Welt - vielleicht mehr denn je!
Egal, ob fundamentalistische Christen, ultraorthodoxe Juden oder ein mobilmachender, militanter, auf Krieg gegen den Westen gebürsteter Islam.

Ich kenne jedenfalls nicht wenige Menschen, die mittlerweile die Nase gestrichen voll haben von allem, was mit Religion zu tun hat.
Egal ob Bibel oder Koran, Papst oder Ayatollah, Kreuz oder Scharia …

„Ich bin raus!“ sagen zunehmend mehr Menschen und verabschieden sich, zusammen mit John Lennon, der schon vor über 40 Jahren gesungen hat: „Imagine – Stell Dir vor: Es gibt keinen Himmel mehr und keine Hölle unter uns und keine Religion, für die gestorben wird, und die Menschen leben ohne all das, nur im Hier und Jetzt, und im Frieden miteinander ...“
Nun, John Lennon hat geahnt, dass es so einfach nicht ist, deshalb singt er weiter: „Du magst mich einen Träumer nennen … aber ich bin nicht der Einzige und eines Tages wirst Du vielleicht auch so denken und dazu gehören!“

Dazu passt ein Büchlein, dass mich vor kurzem von einem guten Freund bekommen habe.
Es heißt: “Was ist eine gute Religion?“ und enthält 20 Beiträge unterschiedlichster Autoren, die darauf ihre Antwort geben als Historiker, Psychologen, Philosophen und Theologen.
Und beim Lesen wird schnell klar, wie aufgeheizt die Frage nach der Religion zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder ist und wie herausfordernd uns das Thema Religion geworden ist – nicht weil wir sie für langweilig, überholt und uninteressant halten, sondern weil sie uns hier und da bedrohlich, unduldsam, intolerant, doktrinär, gewalttätig und herrschsüchtig begegnet …

Und mittendrin, seit 2000 Jahren, das Kind in der Krippe.
Und die Engel, die ausrufen: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Sollten wir vielleicht ein letztes Mal kopfschüttelnd an der Krippe vorbeigehen und dann sagen:
Danke, das wars.
Es hat sich was mit Frieden und Glaube, Hoffnung, Liebe.
Schluss, Ende, aus.
Vielleicht war das alles ja gut gemeint, lieber Heiland.
Aber wie Du selber siehst, ist ja nix draus geworden.
Im Gegenteil.
Und deshalb fassen wir uns jetzt alle an den Händen und sagen: Nein, danke! Ohne uns! Wir sind da raus!?

Bitte sagen Sie nicht, dass das jetzt frech ist, so zu reden und zu denken.
Es ist nicht frech, sondern eine offene Frage und eine Option, die Menschen zunehmend ergreifen und für sich in Anspruch nehmen.

Doch vielleich holen wir an dieser Stelle einen Augenblick Luft … und lassen uns doch nochmal zum Stall von Betlehem führen, um mit Maria und Josef, den Hirten und den drei Weisen das Kind, das da im Stall liegt, genauer zu betrachten.
Bitte schauen Sie mit mir nocheinmal hin.

Denn in diesem Kind schauen uns alle Kinder an, die eine Zukunft haben möchten in dieser Welt – ohne Gewalt, Todesangst und Hunger.
In diesem Kind sehen wir uns selber, wie wir selbst einmal waren und als Erwachsene immer noch sind – erwartungsvoll, bedürftig, empfänglich.
In diesem Kind aber kommt auch göttliche Wirklichkeit, kommt Gott, zu uns in die Welt.
Und zwar zunächst als Frage.
Denn er fragt uns: „Wo seid Ihr gelandet? Was macht Iht mit Euch und mit der Welt? Wohin habt Ihr Euch verrannt?“

Ich glaube nicht, dass John Lennon Recht hat, wenn er von einer Welt ohne Religionen träumt.
Die wird es nie geben.
Denn Menschen werden immer suchen, fragen, glauben, hoffen, vertrauen und beten – auf eine Weise, die über das Irdische und rein Diesseitige hinausgeht.
Menschen werden immer ihre Götter haben, vor denen sie sich niederwerfen – selbst wenn sie sie nicht Götter nennen.
Und Religion wird es immer geben.

Die Frage ist nur: Welche Religion?
Damit meine ich nicht, welche organisierte Religion – ob Jude, Christ, Moslem, Buddhist oder Hindu …
Sondern welche Art von Religion?
Eine, die dem Leben dient und der Liebe und der Einsicht in die Verbundenheit und der Barmherzigkeit und dem inneren und äußeren Frieden?
Oder die kaputt macht und unterdrückt?

Mit den Jahren bin ich mehr und mehr davon überzeugt, dass in allen religiösen Traditionen der Welt ein hohes Potential an Heilung, Licht und Liebe steckt.
Und dass es dringend an der Zeit ist, dieses Potential für uns wahrzunehmen und zu leben.

Dieses besondere Kind, dessen Geburt wir heute wieder feiern, der Christus unseres Glaubens, steht jedenfalls nicht für Gewalt und Fanatismus, nicht für Intoleranz und Ignoranz – all diese Dinge, die die Einen mit Religion verwechseln und die die Anderen dazu bringen, fluchtartig Abschied nehmen zu nehmen von der Religion
Das Kind in der Krippe hat keine Religion gegründet, keine Kirche, keinen Verein, keinen Exklusivclub.
Sondern uns den Weg zum Leben gewiesen – als Sohn Gottes, Prophet, Mystiker, Heiland und Menschenbruder.
Es gibt viele Namen für ihn, für dieses Kind in der Krippe.

Im Prinzip wissen wir's.
Oder auch nicht – weil es uns nie Jemand mal richtig vermittelt hat?
Vielleicht haben wir es nur vergessen.
Im Laufe der Zeit die Schultern gezuckt.
Nicht mehr richtig hingeguckt
Oder uns nie behaften lassen und uns dem ernsthaft gestellt ….

Wie auch immer –- Das Weihnachtsfest 2014 führt uns zu der Frage:
Wie wollen wir in den kommenden Jahren leben?
Welche Welt wollen wir unseren Kindern und Enkeln für kommende Jahrzehnte überlassen?
Und woher schöpfen wir unsere Werte, woraus unsere Prioritäten und Kräfte, wovon unseren Mut und unsere Liebe?

Was wir Menschen im weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts jedenfalls nicht mehr brauchen, das ist
Gott und Religion als etwas Trennendes, das die Gräben und den Hass und die Gewalt zwischen Menschen und Völkern noch mehr vertieft
als Gewalt und Ideologie, in der sich eine Glaubensweise „im Namen Gottes“ über andere erhebt und sie der Welt aufdrücken will.
Was wir auch nicht brauchen und was auch nicht hilft, das ist
eine abgestandene Religion, die wir von Generation zu Generation nur noch weitergeben als tote Tradition und bloße Folklore, ohne dass sie uns noch wirklich erfüllt und antreibt.
Und Kirchen, die wir nur noch wie fremdelnd besuchen oder wie Museen oder wie die Lebensorte unserer Eltern und Großeltern, zu denen wir als nachfolgende Generation erlebnis- und beziehungslos sind ...

Was wir aber brauchen – und das spüren wir an diesem Weihnachtsfest 2014 – ist Heilung für diese Welt und Gesundung.
Eine Religion, die uns Menschen neu miteinander und mit Gottes zurechtbringender Wirklichkeit verbindet.
Und aus der wir selbst Tag für Tag schöpfen und leben.

Jesus steht dafür, auch wenn christliche Separatisten ihn immer wieder missbrauchen.

Lasst uns also nicht ein letztes Mal kopfschüttelnd an der Krippe vorbeigehen und sagen:
Danke, das war's mit der Religion!
Sondern beim Krippenkind neu in die Schule des Lebens und des Glaubens gehen.

Vielleicht, so kam mir bei der Predigtvobereitung der Gedanke, müsste man das Kirchenjahr eigentlich auf den Kopf stellen:
Nicht vier Wochen Adventszeit begehen vor dem Weihnachstsfest, sondern vier Wochen Adventszeit nach dem Weihnachtsfest.
Am 1,. 2., 3. und 4. Sonntag im Januar des Neuen Jahres.
Denn Advent heißt ja Ankunft.
Und statt in den nächsten Tagen die Krippe wieder abzubauen, den Baum zu entsorgen und die Weihnachtssachen wegzupacken – müssten wir sagen:
Jetzt geht’s erst los.
Jetzt wird’s konkret.
Jetzt kommt an und realisiert sich, was uns am Heiligabend erreicht hat.

Amen

Thomas Corzilius