Peinlich oder nicht?

Peinlich oder nicht?

Liebe Gemeinde,
von Reinhard Mey gibt es einen Liedtext zum Thema „Ist mir das peinlich!“. Der beginnt so:

Was ich sage, was ich anfang‘, ich mach‘ mir nur Schererein,
Und wo immer auch ein Fettnapf steht, da tapp‘ ich voll hinein,
Mach unpassende Bemerkungen mit sicherem Instinkt.
Situationen gibt‘s, da wünsch‘ ich, dass die Erde mich verschlingt.
Wenn sich wer wo falsch benimmt, bin ich‘s wahrscheinlich,
Und dann steh‘ ich da und sag‘: „Ist mir das peinlich!“

Ich erinn‘re mich zum Beispiel noch an einen Stehempfang,
Fade Schnäpse, fade Leute, und die Zeit wurde mir lang.
Und so sagte ich jemandem „statt hier dämlich rumzustehn,
Woll‘n wir in der nächsten Kneipe nicht ‘ne Runde flippern gehn?“
„Abgemacht“, sagte der, „aber komm‘se, geh‘n wir heimlich,
Ich bin nämlich hier der Gastgeber“ –
[und ich:] „ist mir das peinlich!“

Es gibt einfach Situationen, die dürfen nicht danebengehen. Dazu gehören besonders öffentliche Anlässe mit viel Publikum. Eine davon erzählt der Evangelist Johannes. Sie kennen bestimmt die Geschichte von der Hochzeit, bei der dem Gastgeber peinlicherweise der Wein ausging. Ich lese aus dem Johannesevangelium, 2. Kapitel.

Joh 2,1-11 (Übersetzung Neue Züricher Bibel)

1 Und am dritten Tag war eine Hochzeit in Kana in Galiläa,
und die Mutter Jesu war dort.
2 Aber auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit geladen.
3 Und als der Wein ausging, sagt die Mutter Jesu zu ihm:
Sie haben keinen Wein mehr. 4 Und Jesus sagt zu ihr:
Was hat das mit dir und mir zu tun, Frau?
Meine Stunde ist noch nicht da.
5 Seine Mutter sagt zu den Dienern:
Was immer er euch sagt, das tut.

6 Es standen dort aber sechs steinerne Wasserkrüge,
wie es die Reinigungsvorschriften der Juden verlangen,
die fassten je zwei bis drei Maß.
7 Jesus sagt zu ihnen:
Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis oben.
8 Und er sagt zu ihnen:
Schöpft jetzt und bringt dem Speisemeister davon.
Und sie brachten es.
9 Als aber der Speisemeister das Wasser kostete,
das zu Wein geworden war,
und nicht wusste, woher es war
- die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es -,
da ruft der Speisemeister den Bräutigam
10 und sagt zu ihm:
Jedermann setzt zuerst den guten Wein vor,
und wenn sie betrunken sind, den schlechteren.
Du hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.

11 Das tat Jesus als Anfang der Zeichen in Kana in Galiläa,
und er offenbarte seine Herrlichkeit,
und seine Jünger glaubten an ihn.

Es ist nicht schwer, sich in die spannungsvolle Situation hineinzuversetzen, von der diese Geschichte erzählt. Hochzeiten wurden und werden im nahen und fernen Orient noch prachtvoller und ausführlicher gefeiert als bei uns. Am dritten Tag, sagt Johannes, geht Jesus auf eine Hochzeit, zu der er wie seine Mutter eingeladen ist.
„Am dritten Tag“, das heißt zunächst einmal schlicht: am dritten Tag der Woche, also in der jüdischen Woche nach dem Sonntag als erstem und dem Montag als zweitem Tag der Dienstag. Ich habe mir sagen lassen, dass dieser Tag bis heute beliebter jüdischer Hochzeitstag ist, so wie bei uns der Freitag oder Samstag. Und das hat seinen Grund in der Schöpfungsgeschichte zu Beginn der Bibel.
Am dritten Schöpfungstag lesen wir im ersten Buch Mose nämlich gleich zwei Mal den Satz „Gott sah, dass es gut war“ - an allen anderen Tagen steht das nur einmal. Und das bezieht man dann auf die Eheschließung am entsprechenden Tag: doppelt gut hält besser!  Im Johannesevangelium wird dabei natürlich auch an einen anderen dritten Tag gedacht, an dem alles gut wird: an den der Auferweckung Jesu.

Wenn die Feier, die damals sieben Tage dauern konnte, auf halber Strecke im Weinmangel stecken geblieben wäre, wäre das extrem misslich gewesen. Nicht umsonst zitieren wir gern den Psalm 104, 15: „Der Wein erfreue des Menschen Herz“
Der Wein ist ja kein harter Alkohol, kein Schnaps, der schnell betrunken macht. Es ist ein Getränk zur Erheiterung bei Feiern. Menschen liebten und lieben es, gemeinsam beim Essen und trinken leicht angeheitert zu sein. Dann löst sich die sonst immer höflich gebremste Zunge, es wird lebhaft erzählt und ausgetaucht, es wird herzlich und etwas lauter als sonst gelacht, es wird gesungen und es gibt Musik. Solches Feiern lässt uns mitten im trockenen und von kleineren oder größeren Lasten bedrückten Alltag spüren, dass es eine leichtere, beschwingtere, unbekümmertere Seite des Lebens gibt, zu der wir nicht immer so einen guten Zugang haben.

Denn unser Leben ist sonst täglich auch eine Anstrengung, die jederzeit von Enttäuschung und Verwässerung bedroht ist. Immer wieder kommt etwas anders als wir erhofft oder erwartet haben. Vielleicht bekommen wir das, was wir wollten, aber finden dann die Zeit und Ruhe nicht, es auch zu genießen. Oder wir erleiden eine Krise, eine Kränkung, eine Krankheit. Immer wieder erleben wir etwas, was uns Wasser in den Wein gießt oder die Suppe versalzt. Psalm 90,10 fasst es ernüchternd zusammen:
„Unser Leben ist kurz, und wenn’s gut gelaufen ist, ist es immer noch in erster Linie viel Arbeit und vergebliche Mühe gewesen.“
Diese Nüchternheit sitzt uns tief in den Knochen, und so mischt sich in uns das pessimistische „Wird schon schiefgehen“-Lebensgefühl immer wieder neu mit dem beharrlichen rheinischen Pfeifen im Walde: „Et hätt noch emmer joot jejange“.

Das Feiern von ganzem Herzen aber sprengt diese Befindlichkeiten, die unser Leben so sehr prägen. Das Feiern von Herzen geht nämlich einfach davon aus, dass es noch was anderes gibt. Nicht nur Alltag, sondern auch Sonntag. Nicht nur Selters, sondern auch Sekt. Nicht nur Wasser, sondern auch Wein. Und dass man das nur im Vollzug des Feierns richtig feststellen kann.

Deshalb war es doppelt misslich, als auf der Feier in Kana der Wein ausging: es war nicht nur peinlich für die Familie der Gastgeber. Es hätte auch die Feier für alle aus der Bahn geworfen, sobald sich herumgesprochen hätte, dass es nur noch Wasser zu trinken gibt wie an jedem anderen Tag. Der Alltag wäre zurückgekehrt in die schöne Unterbrechung des Alltags, die alle miteinander genießen wollten.

Als Maria zu ihrem Sohn sagt: „Sie haben keinen Wein mehr“, klingt das wohl mit an.
Maria fordert ja nichts Bestimmtes von Jesus.
Sie lässt ihn nur deutlich wissen, dass die Situation etwas erfordert.
Die Situation ruft danach, gerettet zu werden.

Aber Jesus - sagt zunächst schlicht „Nein“.
„Was hat das mit dir und mir zu tun, Frau?“
Ziemlich brüsk weist er seine Mutter zurück.
„Meine Zeit ist noch nicht gekommen!“ übersetzt Luther.
Klaus Berger übersetzt den Wink, der damit verbunden ist, so:
„So weit ist es noch nicht, dass andere über mich bestimmen!“
Da bedrängt Maria ihn nicht mehr.
Aber sie sagt zu den Bediensteten: „Tut, was er euch sagt“.
Sie hört nicht auf, etwas von Jesus zu erwarten – ohne darüber bestimmen zu wollen, was das sein wird.

Ich glaube, es ist für uns alle wichtig,
dieses Nein Jesu in dieser Geschichte genau zu hören!

Jesus ist nicht der Lückenbüßer unseres Lebens.
Er ist nicht dazu da, immer genau dort einzuspringen,
wo wir in unseren Planungen Pannen entdecken,
wo wir beim Organisieren unseres Lebens Defizite ausgleichen
und Krisen bewältigen wollen.
Er ist nicht dazu da,
uns die Verantwortung für unser Leben einfach abzunehmen.

Jesus versteht sich anders:
Er will uns etwas geben und zeigen,
das wir gerade nicht - und zwar nie – selbst organisieren
und aus eigener Kraft bewältigen oder gar erzwingen können.
Jesus will uns die ganz andere Gegenwart Gottes begegnen lassen!
Und das soll genau dort geschehen können,
wo wir tagein tagaus unser Leben so gut wie möglich bewältigen
und das, was wir dazu brauchen, zu kennen meinen.

Jesus unterbricht das bloße Dahingehen unseres Lebens,
so wie ein Fest den grauen Alltag unterbricht.
Und so wie ein Fest in seiner eigenen Art und Sprache vermittelt,
dass Leben nicht nur grauer Alltag ist,
so unterbricht Jesus für uns das mangelnde Vertrauen
in die Gegenwart und Fülle Gottes in unserem Leben.

Jesus fühlt sich also nicht zuständig,
bloß Nachschub zu holen für die Art von Wein,
die uns selbst gerade ausgegangen ist.
Er will uns eine Fülle schenken,
die anders und mehr ist, als alles, was wir für uns selbst anstreben.

Erst wenn wir dieses Nein Jesu deutlich verstehen und akzeptieren,
können wir auch einen Zugang finden zum Ja in dieser Geschichte.
Doch wie geschieht dieses Ja?
Wie geschieht es, dass sich dann doch Mangel in Fülle wandelt
und dass das Fest trotz der Panne gefeiert werden kann?

Es geschieht auf geradezu komische Weise anders,
als Maria, die Gastgeber, die Diener und sicher auch wir uns das vorgestellt hätten.
Der Ernst des Lebens wird durch die Leichtigkeit und Heiterkeit
des von Gott geschenkten Lebens aufgehoben – aber mit einem Wink!
Jesus lässt die leeren Weinamphoren,
die doch das Problem zu sein scheinen,
komplett links liegen.
Stattdessen wendet er sich den Wasserkrügen zu,
Krüge, die eigentlich der Reinigung dienen. Alltagskrüge.
Die lässt er entsprechend mit Wasser füllen und – so heißt es –
sie füllten sie voll bis zum Rand.

Das Leichte und Fröhliche in der Gegenwart Gottes ist für uns oft das Befremdliche.
Denn erreicht uns oft in unerwarteten Gefäßen.
Wir stellen unsere besten Kristallkaraffen dafür bereit
und es kommt in Alltagstassen.
Ist es nicht so, dass das, was uns das wichtigste Anliegen ist,
immer wieder anscheinend von Gott unbeachtet bleibt?
Und dass der Punkt, für den wir eine Lösung erwarten,
oft gar nicht im Mittelpunkt dessen steht, was sich dann mit Gottes Hilfe ereignet?
Wie sollen wir damit umgehen?
Wir können – wie Maria - die Situation benennen,
die uns am Herzen liegt,
ohne Gott gleich die vermeintlich besten Wege für uns
vorzuschlagen oder sogar möglichst vorzugeben.

Und was tun wir,
wenn uns der Wein der Lebensfreude ausgegangen ist,
  der Wein der Lebenskraft.
  der Wein des Mutes und der Hoffnung,
  der Wein der Liebeskraft vielleicht sogar?
Dann  können wir uns  - wie die Diener –
von Jesus auffordern lassen,
die einfachen Wasserkrüge unseres Lebens zu füllen,
das einfache, was uns geblieben ist
zu füllen mit dem, was unseren Alltag bestimmt

Mit dem, was wir eben nun mal haben, was jetzt gerade da ist:
  Mit Enttäuschungen vielleicht, Anstrengung, Erschöpfung,
  Mit Hilflosigkeit, vielleicht auch Wut und Bitterkeit,
  mit rastloses Getriebensein oder Antriebslosigkeit
  mit Schmerz oder Gefühllosigkeit,
  mit dem Gefühl von Ungenügen oder mit Stolz
  - mit dem, was da ist, eben mit dem Wasser unseres Lebens
können wir die Krüge füllen – vielleicht auch mit Sehnsucht – bis zum Rand.
Das, was wir eben nun mal haben, können wir Christus hinhalten.
Und viel von ihm erwarten! Wie Maria.

Denn an der Bedürftigkeit, die wir für uns empfinden,
ist gegenüber Gott gerade nichts peinlich!
Das ist das, zweite Wichtige an dieser Geschichte, das große Ja!
Gott sieht unser bedürftiges Herz, unsere bittende Hand, unsere mutlose Verlegenheit an, ohne dass wir uns schämen müssen.
Wir sind bei Gott richtig damit!
Es ist für uns wichtig, dass wir uns zu dieser Bedürftigkeit bekennen!
Nur wer fragt, kann Hilfe bekommen.
Den Bedürftigen aber sagt Jesus Sätze wie diesen:
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid:
ich will euch erquicken.“

Das himmlische Erquicken widerfährt uns nicht wie das Austeilen von Erbsensuppe an Bedürftige, das ja nur das Nötigste bereitstellt.
Nein Gott, macht es, wie wir es von Müttern und Vätern, Großmüttern und Großvätern oft kennen, wenn sie zu Kindern oder Enkeln sagen: nimm doch noch! Soll ich dir was mitgeben? Soll ich dir was einpacken? Unsere Jungs schmunzeln schon immer, wenn das geschieht und ich dann Helge Schneider zitiere: „Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter!“ Ich hab grad keinen passenden Reim auf Vater, aber der würde genauso stimmen.

So und noch mehr will Gott uns auf den Weg geben, was wir am meisten brauchen und was uns das Grau des Alltags am stärksten unterbricht, aufhellt und erheitert, was das Schwere viel leichter macht und uns manchmal auch schwerelos, was uns zum Staunen und Freuen bringt und was das Leben mitten in all seinen Mühen gut und rund werden lässt. Denn all das lässt uns ja jedes Mal einen kleinen Schimmer aufgehen von der wirklichen Wirklichkeit über unsere jetzige und irdische hinaus, von der verheißenen Fülle!

Diese Fülle, die wir durch Gott schon in diesem Leben erfahren, ist für uns nicht ganz fassbar, nicht in einem und nicht in sechs Gefäßen. Das sagt uns auch die Fülle des guten Weins, die Jesus den feiernden Menschen schenkt: es ist viel mehr als sie verbrauchen können. Es soll jedes Gefühl von Knappheit vergessen machen. Es soll eine Gaumenfreude ohne Einschränkung sein: keine abgestuften Qualitätsstufen für fortgeschrittene Stunden, einfach nur wunderbare Qualität. Jetzt wird gefeiert! „Und Gott sah, dass es gut war!“

Später haben sich kluge Christen mit der Frage auseinandergesetzt,
ob dieses Wunder Jesu nicht etwas übertrieben und unbedacht war – also selbst womöglich etwas peinlich? Auch der Kirchenvater Hieronymus - so wird erzählt – wurde einmal von einem Spötter gefragt, was denn wohl mit dieser großen Weinmenge in Kana am Ende geschehen sein soll? Ob die Hochzeitsleute etwa den ganzen Wein aufgetrunken hätten – und entsprechend betrunken gewesen seien?  

Hieronymus soll darauf geantwortet haben:
„Nein – wir trinken alle noch davon.“
Amen.


Dirk Frickenschmidt