PREDIGT ZUR JAHRESLOSUNG (11.1.)







Liebe Gemeinde & liebe Tauffamilie!

Zwei Themen der vergangenen Woche bringen wir heute morgen alle - auf bedrängende Weise - mit in die Kirche:
Zum Einen die Diskussion um die Protestbewegung „Pegida“, die sich als „Stimme des Volkes“ ausgibt mit ihren Parolen und ihrer Stimmungsmache gegen ausländische Menschen in unserem Land – und die zu Recht ein deutliches, klares und von Vielen getragenes „Nein!“ entgegengehalten bekommt, von Bürgererinnen und Bürgern, den Parteien und sogar vom Kölner Kardinal, der den Dom demonstrativ unbeleuchtet lässt.
Und zum Anderen der schreckliche Terroranschlag in Paris, diese hässliche, bedrohliche, teuflische Fratze eines pervertierten, vermeintlichen Islam hin zu Terror & Krieg – und der Anschlag auf Pressefreiheit und unsere demokratische Gesellschaftssysteme ..

Eigentlich wollte ich damit die heutige Predigt gar nicht beginnen.
Aber es muss sein.
Es gehört hier und heute in die Kirche und auf die Kanzel.
Und auf besondere Weise bekommt damit die biblische Jahreslosung für 2015 eine Aktualität und Dramatik – wo das neue Jahr noch nicht einmal zwei Wochen alt ist …

Jahreslosung heißt:
Uns Christen ist für das neue Kalenderjahr ein biblisches Leitwort mitgegeben, so eine Art Überschrift und Motto, das wir präsent halten sollen durch die kommenden 12 Monate.
Und diese Jahreslosung stammt in diesem Jahr aus dem Brief, den der Apostel Paulus an die damalige Gemeinde in Rom geschrieben hat (wohl im Jahr 58 n.Chr.) und wo es im vorletzten Kapitel heißt: „Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob!“ (Rö 15,7).

Das klingt auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders aufregend.
Und man könnte dieses „Nehmt einander an!“ karrikieren mit einem belanglosen: „Seid mal ein bisschen netter miteinander, wie es sich für Christenmenschen doch gehört!“ - oder - „Lasst uns doch ein bisschen harmonischer miteinander umgehen, was sollen denn die Anderen sonst von uns denken!“

Doch die Jahreslosung so harmlos und oberflächlich zu verstehen, ist defintiv zu wenig!

Der Apostel Paulus schrieb diesen Satz „Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat!“ , wie eben gesagt, im Jahr 58 an die Christengemeinde in Rom.

Rom war Metropole und Machtzentrum des damaligen Weltreiches und Sitz der regierenden Kaiser, aktuell damals herrschte der berüchtigte Kaiser Nero, der die Christen 64 nach Christus – also 6 Jahre später - verantwortlich machte für den Brand Roms und sie dafür scharenweise hinrichten ließ.
Wie jede Metropole – damals wie heute und in allen Teilen der Welt – ging es auch in Rom um das Zusammenleben der unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen, Nationalitäten, kulturellen und religiösen Milieus.
Und wie in jeder Metropole gab es in Rom damals Armut und Reichtum, römische Bürger und Ausländer aus allen Teilen der Welt, Soldaten, Beamte, Sklaven und Kaufleute, das bunte Gemisch.
Und auch in der christlichen Gemeinde gab es die unterschiedlichsten Menschen, was Herkunft und Status anging – Judenchristen und Heidenchristen, Wohlhabende und Arme, Gebildete und Ungebildete, Starke und Schwache.

Der Apostel Paulus verkündigt in diese Situation hinein sein Evangelium von Jesus Christus.
Er spricht davon, dass alle Menschen auf dieser Welt – ohne Ansehen der Person – vor Gott gleich sind. Alle Menschen – egal welcher Abstammung und Zugehörigkeit – sind Gottes geliebte Kinder, Gottes Geschöpfe, Gottes Kreaturen.
Aber alle Menschen erleben sich auch im Zustand des Unfriedens und der Entfremdung mit sich selbst, mit Anderen, mit der Welt.
Durch Gottes gute Schöpfung und durch das an sich gute Leben geht ein Riss, eine Entzweiung, eine Spaltung, unter der die Welt – so sagt es Paulus - „stöhnt und leidet und sich nach Erlösung sehnt“.
Die Bibel nennt diesen Riss „Sünde“ und „Verlorenheit“ - und wenn uns das zu fromm und unverständlich klingt, brauchen wir doch nur Zeitung zu lesen und Nachrichten zu gucken und uns selbst und unser Leben anzugucken.

Gott aber bricht heilend, zurechtbringend, verbindend ein in diese unsere entfremdete und zerrissene Welt.
In diesem Jesus Christus, so die Botschaft des Paulus, öffnet er die Arme weit nach links und rechts und schafft eine neue Wirklichkeit des Verbundenseins, der Versöhnung und der Erinnerung, dass alle Menschen auf dieser Welt seine Kinder und einander Geschwister sind, egal welcher Hautfarbe, Abstammung und Beheimatung.

Kein Gott, kein Allah, keine Religion also, in dessen Namen gebombt und geschossen, getötet und gemordet werden darf.
Kein Gott, kein Allah, keine Religion für Heilige Kriege und Kreuzzüge – egal welcher Coloer in Geschichte und Gegenwart.
Sondern ein Gott, der sich in Jesus Christus versöhnend, verbindend und heilend offenbart hat – das ist die Botschaft des Paulus im Römerbrief.

Und dann schreibt er der Christengemeinde in Rom: „Wo, wenn nicht an Euch, bei Euch, unter Euch, soll diese Frohe Botschaft nun sichtbar und spürbar werden?
Also redet nicht nur fromm, sondern lebt es!
Betet nicht nur für Frieden und Versöhnung, sondern praktiziert es!
Betet nicht nur für die Anderen, sondern sucht einander – über Gräben und Grenzen hinweg.
Ja, nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat zum Lob Gottes!“

…..

Und damit bin ich nocheinmal bei den politischen Ereignissen dieser Tage und Wochen.
Sie lassen uns erleben, wie die Welt -trotz vielbeschworener Globalisierung – immer mehr auseinanderdriftet.
Menschen erheben sich gegen Menschen.
Der Riss zwischen Arm und Reich, zwischen Gewinnern und Verlierern struktureller Ungerechtigkeit vertieft sich dramatisch, in unseren Gesellschaften und zwischen den Völkern und Machtblöcken.

Die einen rufen Heilige Kriege aus und stellen unser freiheitlich-demokratisches Werteverständnis inclusive Presse- & Meinungsfreiheit auch als Satire in Frage.
Die anderen suchen Sündenböcke und machen Stimmung gegen Ausländer, Fremde, den Islam als Ganzes.
Und beide bedienen sich gegenseitig, weil sie profitieren und Zulauf bekommen durch verhärtete Fronten.

„Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat!“ ist deshalb keine harmlose Aufforderung, sondern eine hochbrisante Jahreslosung für 2015, mit der wir Christen aufgefordert werden, uns beiden Konfrontationsseiten zu verweigern.
Nein zu Pegida und Co. und allen Tendenzen, Fremde und Fremdes anzufeinden.
Aber auch nein zu jeder Art von religiöser Intoleranz und Gewalt und zu jedem Missbrauch von Religion.

Denn in was für eine Zukunft sollen Amy und all die Kinder, die jetzt gerade da oben ihren Kindergottesdienst feiern, unsere Kinder und Enkel, und z.B. auch all die ausländischen Kinder, die zu uns in den wöchentlichen Kinderteller kommen und uns ans Herz gewachsen sind, hineingehen?

„Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat zum Lob Gottes!“ ist jedenfalls nicht nur ein frommer Spruch, sondern eine enorme Herausforderung und global und gesellschaftlich wohl eine Überlebensfrage im 21. Jahrhundert, das ja gerade erst begonnen hat …
…..

Schließen möchte ich die Predigt heute mit dem Blick auf das Bild zur Jahreslosung, das sie mit dem Tauflied auf der Rückseite alle in der Hand halten:
Eine vielfarbige Erwachsenenhand, in deren Handteller der Abdruck einer Kinderhand zu sehen ist.

An dieser Stelle muss ich jetzt mal ironisch werden.
Denn als ich letzte Woche in eine christliche Buchhandlung ging, um ein Poster für die Jahreslosung und für den Schaukasten zu suchen, wusste ich nicht so recht, ob ich lachen oder weinen sollte, als ich mir all die Motive zum „Nehmt einander an!“ angeschaut habe – denn unter dem Text der Jahreslosung sah ich allen Ernstes in Postergröße z.B. das dämliche Foto bunter, aneinandergereihter Gummibärchen - oder ein kitschiges, weichgezeichnetes Foto von Hund- und Katzenbaby, wie geschaffen zur Dekoration über einer Wickelkommode neben der Spieluhr - und (allen Ernstes!) auch das Foto einer Banane, die halb geschält, eine Möhre umarmt …

Da fand ich unser Bild doch mit Abstand am Besten.
Und sie dürfen es nach dem Gottesdienst gerne mitnehmen und sich vielleicht sogar, wenn Sie möchten, irgendwo hinhängen:
Diese farbige Hand mit dem Abdruck einer kleinen Kinderhand in der Mitte.

Sie lädt uns ein - an diesem Taufsonntag von Amy – zu fragen, wie wir`s mit der Jahreslosung halten wollen … denn:

In einer Zeit, in der Viele anderen die Faust bieten, den Stinkefinger zeigen, abwinken oder Drohgebärden annehmen, sind offene Hände gefragt.

Da wo die Welt nur scheinbar bunt ist, weil zu Viele die Buntheit menschlichen Lebens nicht ertragen oder tolerieren oder gestalten wollen, sind wir erinnert, dass die Buntheit dieser Welt Gottes Wille und Schöpfung ist.

Und da, wo Kinder ihre Hände vertrauensvoll in unsere legen, bleibt die Frage, welche Eriehung und Bildung wir ihnen geben, damit sie weltoffen und ganz im Geiste von Jesus Christus liebende Menschen werden.

Amen

Thomas Corzilius