"Nicht ausweichen!" Aktuelle Predigt (22.2.) zu Beginn der Passionszeit

"Nicht ausweichen!"

Aktuelle Predigt (22.2.) zu Beginn der Passionszeit



foto cor.

Flecken versuchen wir in der Regel zu entfernen – mit Spucke, Wasser oder Seife, bei allzu hartnäckigen Spuren mit „Fleck Weg“ und chemischen Fleckentfernern - oder mit irgendeinem Hausmittelchen aus Omas alten Rezepten.

Von einem Flecken habe ich allerdings neulich gelesen, der nicht nur sorgsam gehütet, sondern immer wieder auch nachgepinselt wurde, weil er nicht verblassen sollte über die Jahrhunderte.

Das war ein Tintenfleck.

Und der befand sich in Luthers Studierstube auf der Wartburg in Thüringen, wo Luther im Winter 1521/22 mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen hat, den er in einer Ecke leibhaftig – mitten in der Übersetzung der Bibel ins Deutsche – auszumachen meinte.



Heute ist der Fleck längst weg.

Er war wohl auch nie echt, sondern Legende.

Und mit ihm sind – zumindest in unserem Teil der Welt und mit der geistesgeschichtlichen Neuzeit – für die meisten Menschen Teufel, Geister und Dämonen ebenfalls verblasst wie ein 500 Jahre alter, vermeintlicher Tintenfleck …



Ich lese nun den für heute vorgeschlagenen Predigttext – zum ersten Sonntag der Passionszeit – aus Matthäus 4, 1-11
Jesu Versuchung

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.

Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.

Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels

und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«

Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«

Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

........



Was für eine merkwürdige, fragwürdige, aber irgendwie – das spüren wir – auch tiefsinnige und bedeutungsreiche Erzählung ist das.



Sie steht im Evangelium des Matthäus ziemlich am Anfang in Kapitel 4 – zwischen den ersten drei Kapiteln, die von der Geburt Jesu und von seiner Taufe durch Johannes erzählen und dem Beginn seines öffentlichen Auftretens, der Berufung der Jünger und seinem Auftreten in den Synagogen.

Der Evangelist Lukas erzählt und platziert die Versuchungsgeschichte ganz ähnlich.

Während das älteste Evangelium des Markus – ebenfalls am Anfang – nur kurz erwähnt: „Und Jesus war 40 Tage in der Wüste und wurde vom Satan versucht.“ (1,13) - und Johannes, das jüngste Evangelium, diese Geschichte überhaupt nicht überliefert.

Soviel zur Einordnung.



Sehr häufig wurde über diese Erzählung von der Versuchung Jesu „christologisch“ gepredigt – das heißt: Sie wurde so ausgelegt, dass Christus derjenige ist, der den Teufel, den Satan, das Böse besiegt und überwunden hat.

Im Kampf zwischen dem Widersacher Gottes und dem Sohn Gottes unterliegt der Satan wie bei einem K.O. in der dritten Runde.

Und er kommt auch nicht mehr auf die Füße, wird ausgezählt und ist der eindeutige Verlierer.

Christus aber ist der Triumphator, der – im Ringkampf der Welt – den Sieg behält.

So, wie Luther – der mit dem Tintenfass nach ihm geworfen hat – die Kirche bis heute singen lässt, dass der „altböse Feind“ gerichtet und besiegt ist durch Christus.



Aber was hat's mit uns zu tun?

Mit unserem Leben hier und heute?

Was ziehen wir aus der Erzählung, dass Jesus vor Beginn seines Wirkens dem Teufel widerstanden hat und dem Bekenntnis, dass Christus heilsgeschichtlich der Sieger über alles Böse ist und sein wird?

Ja, ist der Teufel, das Böse, der Satan nicht etwas, wovon wir uns aufgeklärt und zu Recht, kopfschüttelnd oder schmunzelnd längst verabschiedet haben?



….



Ich denke, uns hilft ein Perspektivwechsel an dieser Stelle.

Und der besteht darin, nicht christologisch, sondern bei uns selbst anzusetzen – bei unserem Leben, unserem Menschsein, unserer Erfahrung von Alltag und Welt.



Und da begegnet uns Jesus zunächst einmal gar nicht entrückt mit der Krone des Überwinders, zu dem der Glaube aufschaut - sondern ganz erdnah und lebensnah als Mensch, so wie wir Menschen sind – angefochten, versucht und bedrängt.

Menschen, die nicht so leicht und unbeschwert, nicht so souverän und stark durchs Leben gehen, wie wir's selbst gerne hätten. Nicht so überzeugt und nicht so sicher, wir es uns selbst und Anderen häufig so gerne vormachen und vortäuschen.



Und an dieser Stelle wird es spannend.

Denn wir stehen mit diesem Sonntag am Anfang der vorösterlichen Passionszeit.

Der karnevalistische Trubel ist vorbei und Ostern dauert noch.

Statddessen legt uns das Kirchenjahr nahe, nun die nächsten 7 Wochen den Weg Jesu ans Kreuz mitzugehen.

7 Wochen, die benannt sind als Bußzeit – als Zeit der Besinnung, der Umkehr und Kurkorrekturen, des Hinschauens auf die dunklen Seiten der Welt und des Lebens.



Wollen wir das? Diese 7 Wochen bewusst und wach als eine solche Zeit wahr nehmen, vielleicht sogar mit einem bewussten Fasten in dieser oder jener Sache?

Zu Beginn unserer Erzählung heißt es:

„Jesus wurde in die Wüste geführt“.

Schon diese Ortsangabe ist symbolisch, denn die Wüste ist nicht das blühende, bunte, saftige Leben – nicht der Trubel und Rummel und die Geschäftigkeit städtischen Lebens – nicht das Eintauchen und Untertauchen und sich Bewegen in der Masse.

Wüste heißt: Rückzug, Beschränkung, Ringen mit dem Elementaren, kein Tam-Tam und keine Routine.

Und Wüste heißt in der Bibel auch: Der Herrschaftsbereich der Dämonen, des Dunklen, der Versuchung.

Dementsprechend fährt Matthäus fort und sagt: „Dort wurde er vom Teufel versucht.“



Wir dürfen uns darin einig sein, dass der Teufel hier ebenfalls ein Symbol ist, dass weder in der Bibel noch in der Wirklichkeit ein Gehörnter mit Pferdefuß, Schwefelgeruch und Dreizack ist – sondern dass er die Kräfte, Mächte und Versuchungen verkörpert, die uns durcheinanderbringen und einen Schatten auf unser Leben werfen.

Dass, was da in Form einer Geschichte erzählt wird, ist – wir spüren es, in Wahrheit ein inneres Geschehen.

Und das Dunkle, das Böse ein Teil in uns selbst, ein Blick in den Keller unserer Seele und Psyche.



Lassen wir den Teufel mal einen Augenblick als Figur, als Ausrede oder Aberglaube beiseite – dann geht es in der Versuchungsgeschichte um einen tiefen Blick unter die Oberfläche unserer Existenz und hinter die Kulissen unseres Welt-Theaters.



Und da begegnen uns in der Tat die verdrängten, dunklen, zerstörerischen Seiten unseres Dasseins, mit denen wir ringen wie Jesus mit dem Widersacher.


In der Wüste sehen wir die Bosheiten, Gemeinheiten, Verlogenheiten, Lügen und Schadenfreude, zu denen wir auch fähig sind und die zu uns gehören.


Wir sehen das Böse, dass wir in der Regel bei den Anderen sehen und einklagen und auf sie projizieren. Und für das wir im Zweifelsfall bei uns selbst genügend Ausreden und Gründe haben, warum wieso weshalb wir selbst so sind, wie wir sind …



Zugleich begegnen wir aber auch unseren Schwächen, unserer Bedürftigkeit und unseren Zerrissenheiten:


Das Gute, das wir oft tun möchten, tun wir dann doch nicht.


Der Versuchung, der wir zuvor noch tapfer ins Auge geblickt haben, wird uns doch wieder zu groß


Und unser guter Wille, unser Mut, unsere ehrlichen Absichten unterliegen einer Vielzahl von Faktoren, die uns wider besseres Wissen und Wollen, steuern.



Sich dem zu stellen, erfordert Mut und Ehrlichkeit.

Auch Demut und ein Sich Beugen, wo es uns näher liegt, uns aufzuplustern und in Gegenangriffe überzugehen, wenn wir konfrontiert werden.



Aber die Bußzeit – was für ein für viele Ohren altmodisches und belastetes Wort – lädt uns genau dazu ein.



…....



Doch warum sollten wir zu Beginn der Passionszeit die Geschichte von der Versuchung Jesu so hören und aufnehmen, dass auch wir uns den Seiten unseres Lebens und der Welt stellen, die dunkel und böse und lebensfeindlich sind?

Was sollte uns dazu bringen und motivieren?



In einer Umfrage in der Lokalzeit Wuppertal wurden am Aschermittwoch 400 Personen gefragt, ob sie die Passionszeit als Fastenzeit wahrnehmen und bewusst durchleben? - Nur wenige bejahten das, während über 75 % der Befragten als Antwort gaben: Das brauche ich nicht. Ich bin das ganze Jahr über gut unterwegs und mit mir und meinem Lebensstil im Reinen.

Nun bezog sich die Frage auf den fastenmäßigen Verzicht auf etwas, aber in einem erweiterten Sinne sagt der Großteil der Menschen vielleicht auch: Die Passionszeit als Besinnungs- und Umkehrzeit brauche ich und will ich nicht.

Weitermachen wie bisher.

Sich durchwursteln wie gehabt.

Die Mühe der ehrlichen Konfrontation – warum und mit welchem Antrieb sollte icgh mich darauf einlassen?



Sowohl aus biblischer wie auch aus psycholologischer und spiritueller Sicht lautet die Antwort darauf: Weil es heilsam ist und weil es dem Leben dient.

Denn gelingendes Leben, gelingendes Miteinander im Kleinen und im Großen, gelingendes Ich-Sein gibt es nur, wenn wir uns immer wieder den Dingen stellen, wie sie sind.

Das Dunkle und den Schatten nicht verdrängen, leugnen oder auf Andere projizieren.

Es wagen, uns immer mal wieder führen zu lassen in die Konfrontation und in die Klärung, wie Jesus in der Wüste.

Prüfungen standhalten.



Wenn wir das tun, mit Gottes Hilfe und im Licht seiner heilenden Liebe, mag es uns gehen wie Jesus am Ende der Geschichte, wo es heißt: „Da verließ ihn der Teufel und siehe, die Engel traten zu ihm und dienten ihm“.

Das heißt – wiederum auf bildliche Weise – ausgedrückt:

Das Resultat ist Gnade, Erlösung, Verwandlung.

Gnade, die uns befähigt, zurückzukehren ins Leben und ein Segen zu sein.



Nicht umsonst platzieren Matthäus und Lukas die Versuchungsgeschichte an den Anfang all ihrer Berichte vom Wirken Jesu.

So als wollten sie sagen:

Jedem Segen geht ein Hindurchgehen voraus!

Und Segenserfahrung gibt es in der Regel immer nach einer Phase des Ringens und Kämpfens.



Das finden wir überall in der Bibel als Motiv wieder:

Jakob ringt mit Gott, bis er den Segen bekommt.

Joseph erfährt sich als gesegnet nach einem kurvenreichen Leben voller Sackgassen und bösen Erfahrungen.

Abraham erfährt den tatsächlichen Segen nach einer Reihe von Prüfungen.

Petrus nach der Einsicht und dem Eingeständnis, ein Versager zu sein.

Und Paulus, nachdem es ihn zuvor zu Boden geworfen hat und er sein altes Leben abstreift.



So auch Jesus:

Dreimal weicht er dem Ort und der Stimme der Versuchung nicht aus.

Dreimal erträgt und widersteht er.

Dreimal setzt das Böse ihm verlockend zu.

Und erst danach heißt es, dass er seinen Jüngern zum Meister wird, das Evangelium in den Synagogen mit Vollmacht verkündigt und die Kraft hat, Menschen zu heilen und zurecht zu bringen.



…...



L.G.

Heute, am ersten Sonntag der Passionszeit, ermutigt uns die heutige Erzählung, uns in der vorösterlichen Zeit ebenfalls dem Dunklen, dem Schatten und der Konfrontation damit zu stellen – nicht auszuweichen, sondern standzuhalten.

Tintenfässer und andere Gegenstände müssen wir dabei nicht werfen.

Aber Luthers Vertrauen in die Güte und Liebe Gottes – die dürfen wir teilen.

Thomas Corzilius