HOLK-Projekt, Religion???, Segen!

Liebe Konfis,
liebe Eltern und Familien,
liebe Gemeinde heute morgen!



Welche Erinnerungen haben Sie – die Erwachsenen – noch (sofern es Sie betrifft) an Ihren Konfirmandenunterricht?
Wenn Sie zur mittleren Generation gehören, ging es vielleicht hier und da schon lockerer zu.
Wenn Sie zur älteren Generation gehören, erinnern Sie sich vielleicht noch an einen traditionellen, strengen Unterricht mit Bibel, Katechismus und Konfirmandenprüfung.
Und wenn Sie den Konfirmanden-Unterricht selbst nicht erlebt haben – aus welchen Gründen auch immer: Was stellen Sie sich vor, was die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer und die Gruppe der Jugendlichen im Alter von 12, 13, 14 einmal die Woche nachmittags – für ein knappes Stündchen – im Unterricht so machen, hinkriegen und womit sie sich beschäftigen?
„Sie reden über den Glauben!“
„Sie lernen etwas über den Glauben!“
„Sie lernen die Bibel, das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote!“

Ja, aber wie und in welcher Form?
Das will ich für die zurückliegenden 1 ½ Jahre mit Euch gerne kurz beleuchten:
Benne, Niko, Maggi, Leonie und Anna heißen die Jugendlichen, die uns als Konfirmandengruppe in den letzten 1 ½ Jahren begleitet haben – nicht leibhaftig, aber in Buch, Text, Bildern und Filmausschnitten.
Auf dem Titelblatt des Programms sehen wir sie nochmal.
Jugendliche, wie Ihr sie seid – mit all dem, was auch zu Eurem Leben gehört: Der Alltag in der Schule und der Stress hier und da Zuhause, Freundschaften und Verliebt sein, Mit Sich und manchmal mit Anderen nicht klar kommen, Achterbahnenen der Gefühle, hoffnungsvolle oder pessimistische Gedanken an die Zukunft …
Und dazu ein Engel namens Holk, der diese Jugendlichen eine zeitlang begleitet mit der Frage: Was hat unser Leben mit Gott zu tun? Wo und wie haben unsere Freuden, Ängste, Sorgen, Erfahrungen und Gefühle etwas mit Gott zu tun?

Das sog. „Holkprojekt“ ist jedenfalls ein Unterrichtskonzept, das wir mit Euch neu ausprobiert haben: Selbstgedrehte Videoclips von Jugendlichen für Jugendliche – und dazu biblische Bezüge, Glaubensbekenntnis, Psalm 23 und die 10 Gebote.
Immer nah dran an der Welt, die Eure ist.
Und immer mit dem Versuch, Nachdenklichkeit und Einsichten, Aha-Erlebnisse und Wissenszuwachs in Richtung Evangelium zu vermitteln.
Manches davon war gut – manches hätten wir und die vom Holk-Projekt auch anders und besser machen können.

Das kleine Unterrichtsbuch dazu jedenfalls habt ihr in der vorletzten Stunde mit nach Hause bekommen …
Und vielleicht zeigt Ihr es Euren Familien und lest, blättert, erinnert ih Euch auch in Zukunft noch mal daran …

….

Aber bleiben wir bei der zentralen Frage:
Was hat unser Leben und unsere Welt mit Gott zu tun?
Wo und wie ist der christliche Glaube, der uns hier in einer Kirche sein lässt, wichtig und gut, relevant und heilsam für uns und unsere Welt?

Wenn Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden heute den großen Tag Eurer Konfirmation erlebt, dann bleibt diese Frage offen.
So, wie sie auch für uns alle, die wir heut morgen in der Kirche sitzen, eine offene, lebenslange Frage ist.

Machen wir uns nichts vor an diesem Morgen frommer Worte und einer fortgesetzten kirchlichen Tradition:

In Eurer Lebenswelt und Lebensphase als Jugendliche, gibt es ne Menge, was Euch beschäftigt, begeistert, in Bewegung setzt, starke Gefühle auslöst, was Eure Herzen und Köpfe füllt … Gott, Jesus, Kirche und die Bibel gehören zunächst mal nicht dazu …
Und was uns Erwachsene angeht, ist das ja auch so eine Sache: Die Älteren unter uns haben da vielleicht noch ihre Bezüge, aber beim großen Teil der Generation der 20, 30, 40jährigen aufwärts sind Gott & Glaube, Kirche und Gottesdienst doch ganz stark etwas Fern- und Fremdgewordenes.

Und doch sitzen wir auch in diesem Jahr wieder hier und setzen die Tradition von Konfirmandenunterricht und Konfirmation fort.
Warum?

Vielleicht hat es fundamental etwas zu tun mit dem Bibelwort, dass ich für diese Konfirmation mit auf das Deckblatt gedruckt habe – aus 1. Mose 12,2:
„Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein!“
Dieses Wort sagt aus einer göttlichen Wirklichkeit heraus zu Abraham – nach der jüdischen Überlieferung – bei seiner Berufung: „Mache Dich auf und geh Deinen Weg, einen neuen Weg! Leb nich einfach weiter in dem Dir Bekannten und Vertrauten – sondern geh hin, suche und lass Dich von mir führen in ein Land, einen neuen Lebensraum, den ich Dir und Deinen Kindern und Kindeskindern schenken will!“
Und dann kommt dieser Satz: „Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein!“

Segen – und den bekommt Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden ja gleich auch, jeder Einzelne persönlich und auf den Kopf zugesprochen – heißt: Gelingendes Leben.
Gutes Leben.
Erfülltes Leben.
In der Ich-Form.
Im Miteinander.
Und im kollektiven, globalen Wir.

Diesem gesegneten Leben als gelingendem Leben sind wir alle bleibend auf der Spur, egal ob alt oder jung, kirchennah oder kirchenfern, offen oder skeptisch …
So wie auch Benne, Niko, Maggi, Leoni und Anna vom Holk-Projekt sich ihren Weg suchen zu einem gesegneten, gelingenden Leben – mit sich selbst und mit ihrer Umwelt.
In dieser so amvilanten Welt – zwischen himmlischen Glück und dunklen Abgründen.

Auch Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden habt nun – wie die Jugendlichen im Holk-Projekt - das weitere Leben noch vor Euch.
Ganz unterschiedlich haben wir Euch erlebt: Forsch und still, selbstbewusst und schüchtern.
Mit unterschiedlichen Begabungen, Interessen und Verhaltensweisen.
Manchmal sehr offen, freundlich und „gut drauf“.
Manchmal auch im Stress und unlustig … so wie das Leben halt ist.
Und wie Ihr Gudrun Haarmann und mich auch erlebt habt.

Wohin wird die Welt sich entwickeln?
Und was wird aus Euch?

….

„Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein!“
Das sagt eine Stimme heute zu Euch, von der wir sagen: Es ist die Stimme Gottes – die von Abraham damals bis in die Gegenwart präsent bleibt.

„Ich will Dich segnen!“ heißt nicht, dass Euch im Leben Anstrengendes, Schweres und hier und da vielleicht auch Leidvolles erspart bleibt.
„Ich will Dich segnen!“ heißt auch nicht – dass haben wir hoffentlich gelernt – dass Gott (Ihr erinner Euch an eine Geschichte mit dem Titel „Gott ist hiergewesen“) ein Art himmlischer Zauberer ist, der hin und wieder mal ein Wunder tut – und z.B. geklaute Fahrräder wieder auftauchen lässt …
Aber „Ich will Dich segnen!“ heißt: Du sollst und darfst mutig, liebevoll und selbstbewusst durchs Leben gehen!
Stark und charmant Du selbst sein als ein Kind Gottes!
Und ein Urvertrauen haben, dass es einen göttlichen Grund gibt, der Dich liebt und trägt!

Und dann darfst Du „ein Segen sein“ für Andere.
Entdecken, dass es gelingendes Leben nur im Miteinander gibt.
Und Dich fragen: Was ist mein Beitrag, was wird mein Beitrag sein, mit meinen Gaben und Talenten, um die Welt ein bisschen heiler, heller und schöner zu machen?!

…..

Religion, sagen manche heute, ist nichts, was hilft, die Menschen fröhlicher und die Welt besser macht.
Religion bringt Krieg, Gewalt, Unterdrückung und Unfreiheit.
John Lennon – fragt Eure Eltern, wer das ist ;-) - hatte Recht, empfinden Viele, wenn er er in dem Song „Imagine“ von einer Welt ohne Religion träumte …
Daran ändert auch der Pfarrer nichts, wenn er jetzt gerade an diesem Sonntagmorgen so stimmungsvoll vom Glauben redet …

Aber ich widerspreche.
Denn natürlich gibt es den Missbrauch von Religion – die zerstörerische, fanatische, menschenverachtende, fundamentalistische Variante jeder Religion – egal ob Christ, Muslim, Jude oder was auch immer.

Aber gerade deshalb haben wir in den letzten 1 ½ Jahren ja versucht, Euch einen menschenfreundlichen und lebensdienlichen christlichen Glauben nahe zu bringen.

Und den braucht die Welt im 21. Jahrhundert mehr denn je.
Einen offenen, toleranten, ökumenischen Glauben – quer durch alle Kulturen das Gemeinsame suchend - einen Glauben, der Liebe, Frieden und Solidarität in der Nachfolge Jesu lebt und in der Welt vermehrt.

Und den wünschen wir Euch heute morgen – wachsend und weiter lernend.
Auch wenn der Dienstagnachmittag nun wieder für Euch frei ist.
Und wenn Ihr jetzt nicht mehr danach gefragt werdet, ob Ihr Psalm 23 korrekt und die 10 Gebote fehlerfrei in der richtigen Reihenfolge aufsagen könnt ;-)

Thomas Corzilius