Ein Gott, der "eingreift"???


Aktuelle Predigt  

10.5.  Unterbarmer Hauptkirche

Ein Gott, der "eingreift"???

foto cor.
Glauben Sie, glauben wir an einen „eingreifenden Gott“?
Ich denke, wir alle wünschen uns von Zeit zu Zeit einen Gott der eingreift und dazwischenfährt und von außen in unsere Welt und in unser Leben hinein außergewöhnliche Dinge tut!
Gott möge eingreifen und geben, was wir uns so leidenschaftlich wünschen, wenn es nicht in unserer Macht steht, dass Ersehnte zu erreichen.
Wenn wir im Angesicht einer Erkrankung nichts sehnlicher wünschen als Heilung.
Oder wenn wir mit ansehen müssen, wie Menschen Opfer einer Katastrophe werden oder die Machthaber und Strippenzieher dieser Welt über Leichen gehen.
Ich fürchte, wir Christen haben hier immer wieder ein dickes Problem, denn nach unserem Verstehen redet die Bibel doch wiederholt von einem sozusagen von außen oder von oben „eingreifenden Gott“, der das rote Meer teilt und am Ostermorgen den Stein vom Grab rollt, der durch Jesus Kranke heilt und Wasser in Wein verwandelt, der für Petrus Gefängstore öffnet und in der Offenbarung des Johannes am Ende einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft.
Aber wie gehen wir damit um, dass wir diesen „eingreifenden“ Gott eben nicht oder zumindest so selten sehen und erleben?
Als Kind der 60er habe ich Supermann und Batman Comix geliebt, wo der Held immer wieder – schupps zur Stelle war – um rechtzeitig herbeifliegend einen Zug vor dem Entgleisen zu retten oder ein Haus vor dem Einsturz.
Als Jugendlicher in den 70ern habe ich Jesus kennengelernt und bin pietistisch geprägt durch meinen Alltag gegangen – vor Klassenarbeiten und Zeugnissen betend oder um die Bekehrung meiner Eltern bei einer Evangelisation oder um ein Mädchen.
In den Studentenjahren der 80er habe ich vor Allem darum gebetet, dass die Menschheit zur Vernunft kommt im Blick im Blick auf Krieg und Aufrüstung, Hunger und Gerechtigkeit, Atomkraft und Umweltzerstörung.
Und seit den späten Achtzigern bin ich dann Jemand geworden, der einerseits das Beten und Vorbeten beruflich, seelsorglich, liturgisch, öffentlich vor und mit Anderen praktiziert – und anderseits für sich immer wieder auf dem Kniebänkchen oder Sitzkissen meditierend das Gebet über Worte hinaus oder jenseits der Worte sucht.
In Allem erlebe ich, wie tief in uns allen – als Internetmenschen – das „Amazon – Gebetsverständnis“ steckt: Eröffne bei einem Netzanbieter ein Konto, bestelle etwas per Mausklick, sende es ab – und dann warte entspannt auf die Lieferung ...
So hat Jeder seine Gebetsgeschichte und sein Gebetsverständnis.
Doch zurück zur Frage: Glauben Sie, glauben wir an einen „eingreifenden“ Gott??
So einfach, wir wissen es ja, kann es – trotz hartnäckigem Beharren in uns, es möge so sein – NICHT sein.
Denn wenn Gott von oben und außen dazwischenfährt und eingreift, warum tut er es dann in einer so seltenen und beliebigen und selektiven Weise?
Welche Kriterien leiten ihn?
Warum sollte er einem Gehetzten noch schnell vor Ladenschluss eine Parklücke organisieren - oder die Zahnschmerzen (trotz unbehandeltem Eiterherd) verschwinden lassen - oder am kommenden Wochenende im eigenen Stadtteil für Sonnenschein sorgen, wenn die Gemeinde draußen auf dem Kirchenvorplatz ein Fest plant?
Entschuldigung, sagt da der Zyniker und Satiriker – er sollte seine göttliche Zeit und Energie wohl eher darauf verwenden, einen Tsunami abzuwenden oder ein Erdbeben, Hungersnöten wehren, dem misshandelten Kind helfen oder in den Sekunden zur Stelle sein, wenn ein unschuldiger Mensch vom Auto erfasst wird …
Trotzdem, trotzdem … wie wir's auch drehn und wenden: Die Bibel redet von der Wirklichkeit Gottes – eben seinem Wirken, Tun und Handeln – in der Welt, inmitten der Welt, mittendrin im Getriebe und Geschehen unseres Lebens.
Sie lädt ein und ermutigt zum Beten.
Und sie gibt denen nicht recht, die alles Beten belächeln und alle Beter für zurückgebliebene Träumer halten …
…..
Vielleicht kommen wir einen Schritt weiter, indem wir uns fragen, was wir eigentlich mit „eingreifen“ meinen?
Und was wir uns vorstellen, wenn wir von einem von „eingreifenden“ Gott reden und dieses „Eingreifen“ verbinden mit der Vorstellung „von außen und oben“???
Grundsätzlich hat es immer zwei sehr gegensätzliche Modelle gegeben, Gott und Welt zusammenzudenken und in Beziehung zu setzen:
Das eine Modell nennen wir „“Pantheismus“ - d.h. Alles ist Gott. Alles, was ist und geschieht in unserer Weltwahrnehmung, ist eins und identisch mit Gott.
Dieser Gleichsetzung von Gott und Welt setzt biblischer Glaube die Unterscheidung entgegen, dass Gott eben nicht aufgeht und nicht so einfach gleichzusetzen ist mit allem, was wir sehen und erleben.
Gottes Wirklichkeit ist eine „transzendente“ Wirklichkeit.
Juden, Christen und Muslime sind hier anders unterwegs als indisches und asiatisches Denken.
In extremer Form wird daraus allerdings leicht ein Auseinanderfallen und eine Trennung, die man nicht mehr recht zueineinander kriegt, dieses Hier wir und die Welt – und dort Gott.
Das andere Modell ist das völlige Gegenteil, nämlich dass Gott etwas ist, dass nichts mit dem Geschehen in der Welt und den Dingen, die passieren, zu tun hat.
Vielleicht gibt es einen mysteriösen Anfang der Welt, den wir ur-sächlich Gott nennen, vielleicht ist er sowas wie der „Uhrmacher“, der das Ganze erfunden und in Gang gesetzt hat.
Aber im weiteren Weltgeschehen und im Leben ist Gott keine Wirkmacht.
Unser Leben läuft ohne ihn.
Wenn wir nur in diesen Alternativen denken, kommen wir beim Thema dieses Sonntags – dem Beten – wohl nicht recht weiter.
Aber weiterführend ist aber vielleicht die Vorstellung, dass Gott zwar nicht identisch ist mit Allem – aber dass Gott auf geheimnisvolle Weise IN ALLEM und dass ALLE DINGE auf geheimnisvolle Weise IN Gott sind.
Das heißt: Gottes Wirklichkeit geht zwar nicht eins zu eins mit der Welt, aber Gott als der kosmische Geist, die liebende und heilende Wirklichkeit, die lebensmächtige Energie und die Lebenskraft ist in allem.
Mit dieser Perspektive würden wir die Vorstellung eines göttlichen Wesens, das eingreift von außen und oben in die Welt hinein, ersetzen durch ein göttliches Wirken IN, MIT und UNTER den Dingen.
Gott wäre dann nicht so etwas wie ein himmlischer Regisseur, der nach Laune und Belieben von oben die Schalthebel bedient, die Fäden zieht oder Blitze schleudert.
Sondern wir würden Gott verstehen als die Lebens- und Liebeskraft IN Allem.
Verwoben, verbunden, interaktiv MIT und IN allem Leben und im ganzen Universum.
Gott wäre dann das Herz und der Herzschlag allen Lebens.
Die Wirklichkeit, die liebt und leidet, belebt und erduldet, begeistert und begnadet IN ALLEN DINGEN.
Diese Wirklichkeit stünde allerdings nicht gegen die Naturgesetze, denn sie haben ihren Ursprung in Gott.
Gott wäre nicht gegen die Schwerkraft, wenn etwas fällt.
Nicht gegen die Zeit, die uns altern lässt.
Nicht gegen die Naturelemente und Kräfte – wie das Feuer, das Wärmen und Verbrennen kann. Oder das Wasser, das tränken und ertränken kann.
Diese Wirklichkeit hätte auch ihre Grenze immer wieder darin, dass wir Menschen
Böses tun und Fehler machen.
Und dass wir uns dem Guten und der Liebe verschließen können.
Selbst die sogenannten Zufälle, diese unendliche Vernetzung von Kausalketten, aus der sich unser Leben von Augenblick zu Augenblick zusammensetzt - z.B. warum Menschen in dem Flugzeug sitzen, das abstürzt, oder in letzter Minute umbuchen oder genau diesen Flug verpassen - - selbst diese sogenannten Zufälle bleiben für immer einer Deutung offen ….
…....
Ist damit aber nicht unser ganzes Beten hinfällig und sinnlos?
Ich denke nein.
Wir werden weiterhin unsere Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte haben
und Grund haben, Gott – dem Grund unseres Lebens – tausendfach zu danken für all das Gute, Erfüllte, Geglückte – für manche Bewahrung und manche Wendungen zum Guten.
Fürs Leben danken.
Wir werden weiterhin für Menschen beten und sie dabei in unserem Herzen tragen und für sie Gutes hoffen und ihnen Gutes wünschen.
Und tatkräftig für Sie da sein.
Wir werden weiterhin Worte und Ausdruck finden für Weinen und Klagen und für unser Nichtverstehen.
Mit Worten, Kerzen, Liedern und Tränen.
Wir werden weiterhin uns vor Gott besinnen mit Worten und Gedanken.
Aber wir werden auch lernen – und das ist alternativlos – illusionsloser, nüchterner und realistische mit dem Leben, wie es ist, mit Leiden, Schmerz & Vergänglichkeit umzugehen.
So wie jedes Kind sich im Laufe des Lebens trennen muss von allzu kindlichen Vorstellung eines lieben Gottes und allzu behüteten Vorstellungen vom Leben.
Beten werden wir auch weiterhin in dem Sinne, dass Gott zwar nicht von außen und oben mit Zauberhand engreift – aber uns in unserem Inneren, unserem Herzen, unserer Seele, unseren Gedanken Kraft und Mut gibt, innere Stärke und den Antrieb zum „Dennoch“ und „Trotzdem“.
All das ist Beten – auch ohne die Vorstellung eines himmlischen Wesens, das von oben und von außen eingreift und ständig Wunder und Zeichen tut, damit wir weiter an ihn glauben können.
…..
Manchmal aber – das sage ich heute zum Schluss in der Predigt zum Sonntag „Rogate!“ - werden wir auch mal nicht beten.
Weil es angemessener ist, zu schweigen.
Uns dem Beten zu verweigern.
Das Beten nicht zu missbrauchen – zur falschen Beruhigung oder für falsche Ziele.
So wie vor einigen Monaten – ich kann das erzählen, weil die Anonymität und Schweigepflicht gewahrt bleibt und niemand von Ihnen es einordnen kann – als ich ein Gespräch hatte, in dem ich als Seelsorger vermitteln wollte zwischen frommen Eltern und ihrem erwachsenen Kind, das sich geoutet hat als homosexuell.
Zwei Stunden haben wir geredet.
Zwei Stunden wurden die Gräben und Verletzungen immer tiefer.
Die Bitte um Akzeptanz und Anerkennung stieß auf biblizistische, naiver, uneinsichtiger Abwehr – gepaart mit einer auf diesem Hintergrund schier unerträglichen Beteuerung des „Wir lieben Dich trotzdem!“
Verstehen Sie? - Trotzdem … mit dem Vorbehalt und der Einschränkung: Du bist nicht ok!“
Als ich am Ende dann von den Eltern gebeten wurde, all das im Gebet vor den Herrn Jesus zu bringen und um Heilung zu bitten , da blieb mir nur die Verweigerung, ein Nein, eine tiefe Empörung und ein paar Tränen auf dem Nachhauseweg …
Haben wir also den Mut, auch mal nicht zu beten.
Uns bestimmten Gebeten nicht anzuschließen.
Und stattdessen ins Schweigen zu gehen – dazuzulernen ohne fromme Ausflüchte - Gebete nicht per se für gottgefällig zu halten.
Auch das gehört für mich zur Besinnung am Sonntag „Rogate“.

Thomas Corzilius