Einstimmen!

Einstimmen!
Predigt Dirk Frickenschmidt, Kantate 2015, Hauptkirche Barmen


Liebe Gemeinde,
das Evangelium für den Sonntag Kantate in der Neuordnung der Predigttexte, die sich gerade in Erprobung befindet, findet sich im Lukasevangelium im   19. Kapitel, V. 37-40 (Neue Genfer Übersetzung). Dort wird erzählt:


37 Als Jesus das Wegstück erreichte,
das vom Ölberg zur Stadt hinunterführt,
brach die ganze Schar der Jünger in Freudenrufe aus;
mit lauter Stimme priesen sie Gott
für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.


38 »›Gesegnet sei er, der König,
der im Namen des Herrn kommt! ‹ «
riefen sie.
»Frieden bei dem, der im Himmel ist,
Ehre dem, der droben in der Höhe wohnt! «


39 Einige Pharisäer aus der Menge erhoben Einspruch.
»Meister«, sagten sie zu Jesus,
»verbiete es deinen Jüngern, so zu reden! «
40 Doch Jesus gab ihnen zur Antwort:
»Ich sage euch:
Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien! «
Liebe Gemeinde,
die Jünger müssen einfach zum Ausdruck bringen, wie erfüllt sie von dem sind, was sie mit Jesus erlebt haben. Es bricht aus ihnen heraus.


So ist es mit jedem Gotteslob. Es muss einfach heraus. Es ist eine der kraftvollsten und wichtigsten Äußerungen, die es für unseren Glauben überhaupt gibt. „Wahrhaft würdig und recht ist es, dich Gott zu loben,“ sagen wir im Gebet vor dem Abendmahl. Würdig und recht, das heißt: es gibt nichts passenderes, nichts treffenderes, nichts angemesseneres für uns zu tun als genau das: einzustimmen in das Lob Gottes, von dem Himmel und Erde durchdrungen sind (Ps 19):
„2 Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
und die Erde verkündigt seiner Hände Werk.  
3 Ein Tag sagt's dem andern,
und eine Nacht tut's kund der andern,  
4 ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.  
5 Ihr Schall geht aus in alle Lande
und ihr Reden bis an die Enden der Welt.“
Es gibt einfach Vorgänge, die nicht ohne Reaktion bleiben können. Wir kennen so etwas aus vielen Alltagssituationen, angefangen von den schönen Nebensachen bis hin ins uns zutiefst Bewegende:

- wenn für unsere Lieblings-Mannschaft ein entscheidendes Tor in letzter Minute fällt
- wenn auf einen Heiratsantrag mit Ja geantwortet wird
- wenn wir ein Kind nach der Geburt zum ersten Mal im Arm halten  
- wenn wir knapp einer Gefahr entronnen sind und aufatmen können und einander wie neu geschenkt wahrnehmen
Immer und überall dann, wenn unser Leben und unser Miteinander sich fügen wie ein Wunderwerk und wir staunend innehalten und ganz übervoll davon sind, dann ruft das nach einer Reaktion.
- beim Tor in letzter Minute rufen wir einfach Toooor!
- mit einem neugeborenen Kind auf dem Arm lachen wir vor Freude oder weinen vor Rührung
Und wenn uns bewusst wird, dass nicht nur diese oder jene einzelne Lebenssituation, sondern unser gesamtes Leben, alles Gefüge von Glück und Seligkeit, jede Hoffnung und Verheißung, sich der Gegenwart und Güte Gottes verdankt, dann kann unser Überwältigt-sein uferlos werden.  Und dann brauchen wir Musik, als menschlichen Resonanz-Raum für die überfließende Gnade Gottes!


Was ist Resonanz?
- Wenn eine Taste auf einem Flügel angeschlagen wird und eine oder mehrere Saiten in Schwingung versetzt, dann schwingen mehr als nur die Saiten: dann schwingt der komplette Holzkorpus des Flügels mit. Das führt zu einer vielfältigen Wechselwirkung. Das Holz hat keine Wahl: es schwingt immer mit, wenn ein Ton angeschlagen wird und verstärkt und verschönert so den Saitenklang .
- Bei der Orgel wirkt es besonders spektakulär, wenn die Basspfeifen bis in unser Bauchgefühl spürbar sind. Aber auch jede andere Art von Register und Tonfärbung hören wir nicht nur, sondern spüren wir auch mit Körper und Seele.
- Und wenn wir Menschen singen, ein Chor oder die ganze Gemeinde im Gottesdienst, dann lassen unsere Kehlen und Zwerchfelle uns selbst auch zu Resonanzkörpern werden und lassen uns spüren, was wir singen, von Kopf bis Fuß.


Tatsächlich ist Musik für unser Menschsein etwas ähnlich Grundlegendes wie Sprache. Anthropologen und Archäologen, die sich mit früher Menschheitsgeschichte beschäftigen, haben den Eindruck gewonnen, dass sich Sprache und Musik sogar wahrscheinlich gleichzeitig entwickelt und dabei gegenseitig gestärkt haben. Und die Menschen waren sich dieser besonderen Gabe bewusst. Das Lob der Musik erklingt dann auch quer durch die geschichtlichen Jahrhunderte, von vielen Menschen immer wieder neu ausgesprochen. Ich reihe sonst nicht Zitate aneinander, aber heute tu ich’s mit einigen Kostproben, ernsten wie schmunzelnden:
- Die ganze Stimmung des Gemüts ändert sich,
wenn man verschiedene Arten von Musik hört.
(Aristoteles, 384 - 322 v. Chr., griechischer Philosoph)
- Die Wohnstatt der Musik ist der Himmel.
- (ein indisches Gesetzeswerk aus den ersten Jahrhunderten n. Chr.)
- In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorenen Paradies hinterlassen.
(Hildegard von Bingen, 1098 - 1179, deutsche Mystikerin, Äbtissin und frühe Naturwissenschaftlerin)
- Musik ist ein reines Geschenk und eine Gabe Gottes, sie vertreibt den Teufel, sie macht die Leute fröhlich und man vergisst über sie alle Laster.
(Martin Luther, 1483 - 1546, deutscher Theologe und Reformator)
- Es schwinden jedes Kummers Falten,
solang des Liedes Zauber walten.
(Friedrich von Schiller, 1759 - 1805, deutscher Dichter: »Die Macht des Gesanges«)
- Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter!
(William Shakespeare, 1564 - 1616, englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter: »Was ihr wollt«, um 1598-1600)
- Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann
und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.
Ich finde, das ist ein sehr theologischer Satz, wenn man ihn auf Gottes Tun bezieht! (Victor Hugo, 1802 - 1885, französischer Lyriker, Romantiker und Maler)
- natürlich gibt es auch mal ein Zuviel des Guten, und dann sagt ein Wilhelm Busch:
Es ist die Länge der Gesänge
zu lang für meines Ohres Länge.
(Busch Aphorismen, Reime und Sinnsprüche)
- und als letztes ein Satz speziell für Wuppertaler:
Aus dem Grautag, in welchen die Sorge öd weint,
Wird ein Blautag, sobald nur ein Lied hell erscheint.
(Max Dauthendey, 1867 - 1918, deutscher Dichter und Maler)


Auch in der Bibel muss man nicht lange warten, bis die Musik ins Spiel kommt.
- schon im 1. Mosebuch ist die Rede von Jubal, „von dem sind hergekommen alle Zither- und Flötenspieler“ (1. Mose 4,21): Instrumentalist als wichtiger früher Beruf!
- Exodus: Mirjams Befreiungslied hallt nach bis heute im „We shall overcome“ und in den Reggae-Befreiungsliedern von Bob Marley
- Musik spiegelt generell die Kraft zur Veränderung. Ob die Mauern von Jericho wanken, oder wenn es bei Plato heißt: „wenn sich die Musik ändert, erzittern die Mauern der Stadt“
- in der Schriftlesung haben wir vom berühmtesten Musiker der Bibel gehört, von David, wie seine Musik Balsam auf Sauls Seele ist. Sie sind sicher über die Stelle gestolpert, an der es von Sauls dunklen Gemütszuständen hieß, dass ihn „ein böser Geist von Gott“ plagte. „Ein böser Geist von Gott“ – wie kann das sein??? Hinter dieser Formulierung steht einfach die Grundauffassung, alles aus Gottes Hand anzunehmen, auch leidend in Beziehung zu Gott zu bleiben, auch wenn es sich um eine drückende Last handelt, die man nicht versteht. So erlebt Saul auch die depressive Stimmung, der er sich nicht entziehen kann, in Beziehung zu Gott, genau wie das Gegenmittel, die von David gespielte Musik.  
- Und die Psalmen lehren uns insgesamt: nicht nur das Lob Gottes, sondern auch die Klage haben Raum in der Beziehung zu Gott: Gott gibt auch der Klage über das Leiden, dem Lamentieren und Protestieren, in unserem anfälligen, zerbrechlichen, umkämpften und begrenzten Leben Stimme und Raum! Mit Klage und Lob fordern die Psalmen uns auf:
Stimmt an den Gesang, schlagt die Pauke, die liebliche Laute. (Psalm 81.3)
-Im Neuen Testament wird das aufgegriffen:
- Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in euren Herzen. (Epheserbrief 5,19)
Musik, so erzählt uns die Bibel, kann auf vielerlei Weise zum Resonanzraum der Gegenwart und Kraft Gottes in unserem Leben werden. Und dabei können wir uns nicht nur musikalisch, sondern zugleich geistlich neu einstimmen: auf Befreiung wie bei Mirjam, auf Heilung wie bei Saul und David, auf die Seele erleichternde Klage wie in den Psalmen oder auf  uns selbst ergreifendes und ermutigendes Gotteslob wie bis ins neue Testament hinein.
Sich einstimmen und mitschwingen, Lebenskraft und Lebenslust musikalisch neu finden, das sind aus der Sicht der Bibel also nicht nur schöne menschliche Möglichkeiten, sondern Grundformen lebendigen Glaubens.
Wann immer ein Mensch aufatmet und dann Luft zu Klang werden lässt und singt, wird darin auch der uns geschenkte Lebensatem gelobt, der uns als Gottes Gabe durchfließt. Und es wird darin auch die Heilige Geistkraft gelobt, die in diesem Singen und Aufatmen einen erweiterten Wirkungsraum findet, in dem sie wehen kann, wann und wo sie will.


Auch wenn wir Jesus Christus als Wunder Gottes für unser ganzes Leben besingen, werden wir darin auf eine erfrischende Weise selbst Träger seiner Lebensmelodie. Wir stimmen uns ein auf sein Lied, das Evangelium heißt: frohe Botschaft Gottes an uns alle. Wir können nicht nur daran glauben, mit klaren Worten, sondern zugleich darin bewegt und beschwingt mitleben wie in einer Melodie.  


Man sagt ja immer im Blick auf das Älterwerden, nichts sei so gesund wie Bewegung. Ich meine, dass gilt auch für die innere Bewegung, die durch Musik in unser Leben kommt. Und es gilt ganz besonders für die innere Bewegung, die aus dem gefühlten, gesungenen, gespielten und mit anderen geteilten Lob Gottes heraus entsteht.


Als Jens Peter Enk das erste Mal von seinem neuen Projekt erzählte, sogenannte Zungenregister in der Orgel zu restaurieren und einzubauen, haben alle gefragt: „Was sind denn Zungenregister?“ Jens Peter Enk wird das nach dem Gottesdienst noch genauer erklären.
Für mich hat das Wort „Zungenregister“ noch eine weitere Bedeutung: die Orgel verleiht unserem menschlichen Einstimmung auf Gott mit einer reichen Fülle an Färbung immer neu Stimme und Stimmung.
Wie die Orgel singen wir selbst mit vielen Stimmen und Zungen, die zusammenklingen. Die Orgel begleitet uns dabei weiter - auf unseren vielen Wegen in die Freude über die überfließende Gnade Gottes.


Als Jesus das Wegstück erreichte,
das vom Ölberg zur Stadt hinunterführt,
brach die ganze Schar der Jünger in Freudenrufe aus;
mit lauter Stimme priesen sie Gott
für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.
»›Gesegnet sei er, der König,
der im Namen des Herrn kommt! ‹ «
riefen sie.
»Frieden bei dem, der im Himmel ist,
Ehre dem, der droben in der Höhe wohnt! «


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

segne und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.