"HOCH-GEHYPED UND FALSCH VERSTANDEN ???"

AKTUELLE PREDIGT (17.5. Unterbarmer Hauptkirche)

"HOCH-GEHYPED UND FALSCH VERSTANDEN ???"

Zum Sonntag nach Himmelfahrt


Foto cor



Es ist ein Phänomen, dass viele Künstler – seien es Maler oder Komponisten – erst nach ihrem Tod, manchmal lange nach ihrem Tod, berühmt werden und Anerkennung, ja Weltruhm finden.
Van Gogh z.B., dessen Originalgemälde heute Milliarden wert sind und dessen Motive an jeder Ecke in Postkartenform zu haben sind.
Zeitlebens war er zwischendurch so arm, dass er an seinem Essen sparte, um sich stattdessen Pinsel, Farben und Leinwände kaufen zu können.

Und manchmal kann es auch sein, dass Menschen lange nach ihrem Tod auf einen Sockel gehoben werden – ein Denkmal und Idol werden, zu dem viele aufblicken – obwohl der Betreffende es nie gewollt hätte oder im Nachhinein recht entsetzt wäre über das, was man aus ihm gemacht hat.

Wie aber ist das – frage ich an diesem Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – mit Jesus, diesem Mann aus Nazareth, arm geboren in einem Stall, Wanderprediger und Heiler vor 2000 Jahren auf einem kleinen Fleckchen Erde … und seit 2000 Jahren danach als Heiland, Erlöser, Messias bekannt und angerufen ... Grund, dass es weltweit Kirche und Kirchen gibt … Stifter einer Weltreligion … Grund, warum wir heute morgen hier sitzen, Gottesdienst feiern und taufen?

Hat er das so gewollt?
Ist das alles in seinem Sinne?
Oder haben Menschen Jesus erst nachträglich und vielleicht ohne oder gegen seinen Willen zu etwas gemacht, das er garnicht im Sinn hatte?

…...

Ich frage dies am Anfang der Predigt, weil dieser Sonntag heute im Ablauf des Kirchenjahres eine besondere Schnittstelle ist – zwischen dem anstehenden Pfingsfest, dem Geburtsdatum der Kirche und der Ausgießung des Geistes – und dem sog. Himmelfahrtstag am Donnerstag.

Himmelfahrt bildet so etwas wie den Abschluss der Osterzeit - 40 Tage danach - und bekräftigt nocheinmal das Bekenntnis und den Glauben, dass mit der Kreuzigung die Bedeutung und Wirksamkeit Jesu nicht zu Ende ist, sondern dass Gott ihn – so sagt es der Glaube – auferweckt hat und dass er lebt und präsent bleibt, anders als zu Lebzeiten, aber im Geist, spürbar und erfahrbar.

Die Geschichte dazu ist merkwürdig: Sie redet von den Jüngern, die ihm zuvor in Visionen und auf besondere Weise als lebendig begegnen, aber dann wird er – so heißt es bei Lukas und in der Apostelgeschichte „vor ihren Augen aufgehoben in den Himmel“ und „von einer Wolke aufgenommen“ …
Meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden würde ich jetzt – wie an vielen anderen Stellen in der Bibel – eintrichtern: Ihr hättet das nicht filmen können mit Euren Handys und Smartphones! Es ist ein Bild, eine bildhafte Rede – und keine Geschichte, als sei Jesus wie eine Rakete zum Himmel entschwunden!
Es ist ein Bild dafür, dass unsere physikalische, sichtbare, messbare, mit Händen, Augen und Ohren wahrzunehmende Wirklichkeit ihre Grenzen hat – aber es eine weitere, tiefere Dimension von Wirklichkeit gibt, die wir als Gottes Welt, Gottes Wirklichkeit oder eben Himmel bezeichnen.
Und in dieser weiteren, tieferen Dimension von Leben und Wirklichkeit ist und bleibt dieser Jesus – wir der christliche Glaube sagt – lebendig.

…..

Doch noch mal zurück zur Ausgangfrage dieser Predigt: Nach dem, was aus bestimmten Menschen – oft erst lange nach ihrem Tod – passiert, als später Ruhm oder auch gegen ihre ursprünglichen Absichten zu Lebzeiten.

Der Wochenspruch für diesen Sonntag berührt diese Frage.
Er steht im Johannes-Evangelium 12, 32 und lautet:
„Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, dann will ich alle zu mir ziehen!“

Genau das ja ist die Frage, der wir nicht ausweichen dürfen:
Wer hat Jesus erhöht?
Wer hat ihn zu dem gemacht, was er heute als Christus, Heiland, Messias und Erlöser geworden ist?
Und worin liegt seine Anziehungskraft, die seit 2000 Jahren anhält?

Radikale Kritiker des christlichen Glaubens sagen:
Der ganze christliche Glaube ist ein Bluff, die Auferstehung des Gekreuzigten eine Erfindung und Phantasie seiner frühen Nachfolger, die mi seinem Tod nicht umgehen konnten … Und erst im Nachhinein, angefangen mit Paulus, hat man diesen Jesus zu etwas gemacht, was er selbst nie wollte, nie beabsichtigt hat, nie im Sinn hatte.

All die Altäre, Kreuze, Christus-bilder und Christus-Statuen sind eine menschliche Konstruktion, eine Überhöhung und Erhöhung von Menschenhand und Menschengeist … etwas, das mit dem ursprünglichen Jesus nichts oder wenig zu tun hat.
Und der Gipfel ist – wenn man so will – die Himmelfahrtsgeschichte und das Himmelfahrtsfest vom vergangenen Donnerstag!
Aus dem hebräischen Kind wird am Ende der Heiland - nur weil Menschen sich das zusammenphantasiert und daraus eine Religion zusammengebastelt haben?

Wenn das so wäre, liebe Gemeinde und liebe Täuflinge und Tauffamilien, dann wäre all das, was wir heute morgen hier tun, ein ziemlicher Schwindel, oder?
Wir würden uns auf Jesus berufen und im Namen des Jesus seit 2000 Jahren bis heute etwas machen – Gottesdienst, Kirche, Taufe – was jeder ernsthaften Grundlage entbehrt.

….........

An dieser Stelle ist es gut, wenn wir eine Brücke schlagen vom Himmelfahrtstag vor drei Tagen hin zum Pfingstfest am kommenden Wochenende.
Denn da, wo Jesus – wie wir ihn als Christen glauben - nachösterlich in der Welt präsent bleibt und weiterwirkt, tut er es in der Kraft des Geistes der Liebe.
Des Geistes, der fortsetzt, was Jesus zu Lebzeiten gelebt und gepredigt hat – nämlich Heilung, Ermutigung, Versöhnung und Umkehr von falschen, kaputtmachenden Wegen.

Da finde ich es ganz wunderbar, dass wir gerade heute – an dieser Schnittstelle zwischen Himmelfahrt und vor Pfingsten – Eure und Ihre Taufen feiern.
Denn zu was für einem Zeitpunkt angesichts der Nachrichten und und des Weltgeschehens habt Ihr Kinder, hast Du Janine und haben Sie als Erwachsene eben die Taufe empfangen?
Schauen wir uns die Welt in diesem Frühsommer – ohne Schönfärberei – an.
Welche Geister regieren die Welt im Augenblick?
Welche Geister sind da am Werk in unserer globalisierten Welt, wo Kapital und Konsum die höchsten Götter sind?
In der die Kluft zwischen Reichtum & Wohlstand und Armut & Verelendung immer mehr wächst.
In der Gewalt und Terror zunehmen.
Und in der Menschen und Menschengruppen, Völker und Kulturen immer mehr aneinandergeraten.
Wo soll das, wo wird das alles noch enden?

Die Religion scheint dies oft noch zu verschärfen.
Aber eben nicht und niemals die Religion, die Jesus ernstnimmt und ihm zu folgen sucht.

Ich will das konkretisieren:
Da mögen Fundamentalisten egal welcher Konfession Hass predigen, Gewalt und Unversöhnlichkeit – Jesus Christus bleibt der Bergprediger, der die Ent-feindung gelebt und die hingebende Liebe verkörpert hat.
Da mögen in dieser Welt immerzu all die Applaus bekommen, die stark, gesund, clever und erfolgreich sind – Jesus Christus identifiziert sich mit den Opfern & Loosern und sagt: „Was Ihr denen Gutes getan habt, die auf der Strecke bleiben – das habt Ihr mir getan!“
Da mag es uns schütteln vor Angst, Schuld und Kummer – Jesus erleben Menschen seit 2000 Jahren als lebendigen Trost, Zuflucht und Beistand.
Und da wo das größte Elend herrscht und die größte Not auf dieser Welt, wo – da ist dieser Jesus bis heute derjenige, in dessen Geist Menschen Kranke und Verwundete pflegen, Witwen und Waisen trösten, Hungernde versorgen und kaputte Häuser wieder aufbauen ...

Verstehen wir?
Es geht nicht um die Frage: Welche Religion hat Recht?
Es geht auch nicht darum, Jesus einen Altar zu bauen und ihn nur anzubeten.

Himmelfahrt – dieser gerade hinter uns liegende Feiertag – sagt:
Geht hin und seid selbst für die Welt der Leib Christi!
Setzt seine Mission fort!
Er wird bei Euch sein!
Und Pfingsten – das Fest, das vor uns liegt – bedeutet:
Tut es in der Kraft und Vollmacht des Heiligen Geistes, der Euch dazu befähigt und erfüllt und und antreibt!
Lebt – in dieser verrückt spielenden Welt des 21. Jahrhunderts – die Gaben und Früchte des Geistes – nämlich Liebe, Frieden, Sanftmut, Barmherzigkeit und Versöhnung!

…..

Ich schließe die Predigt heute mit einem Wort von Mahatma Gandhi, der von seiner Religionszugehörigkeit ja kein Christ, sondern Hindu war.
Aber der von Jesus mehr verstanden hat als wir, die wir uns Christen nennen.
Gandhi sagt:
„Meine Zuneigung zu Jesus ist wirklich groß, auch wenn ich Hindu bin und bleibe … Seine Lehre, seine Einsicht und sein Opfertod bewegen mich zur Verehrung …
Ich möchte deshalb meine christlichen Freunde herzlich bitten, mich zu nehmen, wie ich nun einmal bin. Ich achte ihren Wunsch, daß ich denken und handeln sollte wie sie selber und lasse ihn gelten, wie ich den gleichen Wunsch achte und gelten lasse, den die Muslime mir gegenüber äußern. Beide Religionen sind für mich so wahr wie meine eigene. Meine eigene aber stillt alle meine inneren Bedürfnisse. Sie bietet mir alles, wessen ich zu meiner inneren Entfaltung bedarf. Sie lehrt mich beten, andere möchten sich zur Fülle ihres Wesens in ihrer eigenen Religion entfalten … So bete ich denn für einen Christen, daß er ein besserer Christ, für einen Muslim daß er ein besserer Muslim werden möge. Ich bin überzeugt, daß Gott dereinst nach dem fragen wird, was wir tun, nicht nach dem Namen, den wir uns beilegen. Bei ihm ist Tun Glauben und Glauben Tun.“

Kein schlechtes Wort an diesem Sonntag vor Pfingsten.
Ich höre daraus keine andere Stimme als die des Christus, dessen Größe wir mit dem Himmelfahrtstag bekannt haben.
Und dessen Geist – dessen Ausgießung wir nächsten Sonntag zu Pfingsten feiern - über alle Grenzen und Kirchtümer hinausgeht.

Amen

Thomas Corzilius