"Schau mal, was ich kann!"

Mt 5, 13-16          

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

16 So lasst  euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie  eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen

Liebe Gemeinde,

vielleicht kennen sie das von Kindern: in bestimmten Lebensjahren rufen sie einen plötzlich mit den Worten: „Schau mal, was ich kann!“ Und dann kommt ein Handstand, eine ulkige Grimmasse, ein Sprung aus einiger Höhe oder später ein vorgeführter Zaubertrick, der Erwachsenen den Mund offen stehen lassen soll. Vielleicht haben Sie das als Kind selbst mal Mama, Papa oder Freun­den zugerufen: „Schau mal, was ich kann!“

Als Erwachsene sind wir vorsichtiger mit solchen Äußerungen ge­worden. Zum einen hat uns die Erfahrung gelehrt, dass wir vieles nicht oder nicht so gut können. Kein Mensch ist eine Leuchte auf allen Lebensgebieten. Dass ich als Schüler eine Leuchte in Mathe­matik gewesen wäre, kann ich jedenfalls nicht behaupten. In ande­ren Fächern ging es besser. Kein Mensch kann alles. Aber jede und jeder hat Gaben.

So ist unser Selbstvertrauen im Lauf der Jahre zu einem Gemischt­warenladen geworden: manches tun wir gut und gerne. Wir trauen es uns zu und stellen es gern ins Schaufenster unseres Daseins. Aber bei anderen Dingen halten wir uns lieber zurück, um uns keine Blöße zu geben, und lassen es unauffällig in den hinteren Regalen unseres Lebens verschwinden.

Selbst mit dem, was wir gern und gut tun und zeigen, machen wir es dann nicht mehr wie die Kinder. Wir rufen nicht mehr „Schau mal, was ich kann!“ Denn wir hoffen nicht mehr auf die Begeisterung der anderen. Wir fürchten eher, dass sie uns für überdreht und einge­bildet halten. Erwachsene spielen das Spiel lieber aus sicherer De­ckung und provozieren dezent oder weniger dezent, dass doch bitte andere sie würdigen und ihnen bestätigen, wie wie wunderbar sie sind oder etwas hingekriegt haben. „Fishing for compliments“ nennt man das: das Netz nach positiver Aufmerksamkeit auswerfen. Und dieses Spiel prägt einen großen Teil des öffentlichen Lebens.
Zwischen kindlicher Spontanität und erwachsenem Fischen nach anerkennender Aufmerksamkeit geht uns unterwegs allen leicht etwas verloren, was Jesus in seinem Doppelwort von Salz und Licht zum Thema macht. Das fröhliche, direkte, nicht verschämte Ausle­ben der Gaben Gottes, die in uns stecken, die sich im Miteinander mit Gott und Menschen entwickeln. Jesus will, dass sie sich nicht nur in uns selbst entwickeln, sondern dass sie sich im Miteinander offen entfalten!
Ist es nicht verblüffend: wenn man direkt auf die eigenen Gaben und Begabungen angesprochen wird, traut sich kaum jemand, sie ohne Umschweife und kraftvoll zu benennen. Die klassische Bewer­bungsgesprächsfrage: „wo sehen sie Ihre eigen Stärken?“, sie führt in der Regel nicht zu einem fröhlichen Herausplatzen dessen, was wir mit Freude und Geschick tun können, sondern zu einer mög­lichst kontrollierten, abwägenden Äußerung über uns, die etwas benennen soll, ohne uns zu sehr aus dem Fenster zu lehnen.

Eigentlich ist den meisten die Frage sogar unangenehm. Denn das, was wir an uns selbst gut finden, sagen wir nicht gern spontan Drit­ten. Wir fürchten, dass sie das mit ihrer Reaktion sofort relativieren, mit unseren Fehlern verrechnen, in Distanz bleiben. Wir fühlen uns verletzlich, wo wir zu sehr im Blick sind.
Und nun sagt uns Jesus ausgerechnet: tritt heraus aus aller Unauf­fälligkeit, aus aller Deckung! Zeig dich! Sei würzig wie das Salz in der Suppe! Sei so gut sichtbar wie die Stadt auf dem Berge, die sich we­der verstecken kann noch will: sie liegt einfach bei bestem Licht mit­ten im Blick! So direkt sollst auch Du dich zeigen!
Aber womit sollen wir uns zeigen? Mit dem, was Jesus „gute Werke nennt“. Wir leben von Gottes Gnade. Sie ist die Basis für unser Le­ben und all unsere Beziehungen. Aber diese Gnade ist überfließend. Sie ist nicht dazu gedacht, in uns steckenzubleiben. Sie soll sich er­gießen in himmlische Lebensfreude und Tatenlust. Damit ist auch klar, womit wir uns nicht zeigen sollen:
-nicht mit unserer gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Geltungssucht, bei der es nur um Ehre und Status im Mitei­nander geht. Jesus hat das schon damals als Nullsummen­spiel erkannt: Menschen gönnen sich gegenseitig Ehre nur aus einem begrenzten Guthaben und rangeln dann um die Verteilung. „Ihr nehmt Ehre von Menschen“, sagt Jesus, aber mich interessiert dieses Gesellschaftsspiel nicht: „ich kann nur Ehre von Gott annehmen und ernstnehmen“.

-wir sollen uns nicht mit dem zeigen, was wir erworben haben und anderen vielleicht stolz zeigen können: sie wissen schon, das klassiche Werbewort „Mein Haus, mein Boot, mein Auto u.s.w.)
-wir sollen uns nicht zeigen mit einem Neid, der Menschen dazu bringt, sich immer wieder mit anderen zu vergleichen: „Spieglein, Spieglein ander Wand, wer ist die oder der Net­teste, Beliebteste, Bewundertste u.s.w. im ganzen Land?“
-Nein, wir sollen uns zeigen mit Gaben, die uns in Gottes Au­
gen schön machen! Im Wort Begabung steckt ja die weise Erkenntnis, dass man Gaben nicht ausschließlich sich selbst verdankt. Und jedes Licht, auch das, das in Jesu Sinn von uns ausstrahlen soll, speist sich aus einer Quel­le! Die Lampen der Antike waren Öllampen: sie brauchten Öl-Nachschub, um zu leuchten. Heute werden Glühbirnen von Strom gespeist: bei Stromausfall wird es schlagartig dunkel. So ist es auch mit uns Menschen:
-das erste, was Menschen für ihre Gaben erkennen sollten, ist die Quelle, aus der sich diese Begabungen und schönen We­sensseiten speisen. Die wirkliche Quelle ist, so glauben wir Christen, Gott selbst, so wie er uns in Jesus begegnet. Und gefördert werden diese Gottesgaben dann durch Menschen, zuerst durch die, mit denen wir aufwachsen: durch Eltern und Lehrer, durch Geschwister (ja, auch wenn wir uns oft an ihnen reiben), dann durch Menschen, die uns auf unserem Lebensweg begegnen, durch Freunde, durch Arbeitskollegen und -Kolleginnen, Nachbarn und auch Fremde.
Gott selbst aber ist und bleibt in all diesen Begegnungen die Quelle des Lichtes für alle schöne menschliche Ausstrahlung, und wir alle zünden unser Licht sozusagen an seinem an, so wie die Taufkerze vorhin im Gottesdienst an der Altarkerze angezündet worden ist.
Jesus Christus hat dieses Licht Gottes in den Menschen, denen er begegnet ist, entzündet. Er will es auch in uns entzünden und von uns ausstrahlen lassen. Wir sollen nicht aus Unsicherheit über unse­re schwächeren Seiten dieses Licht unter den Scheffel stellen. Wir sollen es nicht verstecken, sondern strahlend damit herumlaufen, strahlend davon weiter erzählen, wie es unser Leben hell macht. Wir sollen als erwachsene Kinder Gottes wieder rufen lernen: „Schau mal, was ich mit Gottes Hilfe kann!“ Aber wir sollen auch umge­kehrt die Freude über die Begabungen all der anderen Gotteskinder teilen, und ihnen genauso begeistert zurufen: „Das ist ja klasse, was Du kannst“ oder „ich freue mich mit an dem, was Du tust!“

Das hilft dann im Miteinander vielen, diese Art von Ausstrahlung zu bekommen und weiterzugeben, die bestärkt und in deren warmem Licht das Miteinander dankbar und fröhlich wird: eine gute Erfah­rung , die bestärkt und ermutigt, statt klein zu machen. Klein ge­macht werden wir schon oft genug.

Jesus lässt seine Aufforderung, unser Licht vor den Menschen leuch­
ten zu lassen, in einen wichtigen letzten Satz münden: 16 Euer Licht soll vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Taten sehen

und euren Vater im Himmel preisen.«

So schließt sich der Kreis: Gott schenkt uns innere Orientierung und Selbstgewissheit auf eine so tiefgreifende Weise, wie es uns keine anderen Menschen und auch wir selbst uns nicht geben können.

Und wenn wir daraus etwas machen und dieses Licht leuchten las­sen, fängt das ganze Leben an zu leuchten, und das Miteinander gelingt zur Freude und Ehre Gottes, dem wir das alles zu verdanken haben. Trauen wir uns aus der Deckung, in Gottes Namen! Amen.

Dirk Frickenschmidt