Die Griechenland-Krise und der Umgang mit den Flüchtlingen

Liebe Gemeinde!

Die Griechenland-Krise und der Umgang mit den Flüchtlingen, die zu uns drängen – das sind die beiden großen Themen, die uns in diesem Sommer begleitet haben und weiter begleiten.
Beide Themen lösen eine Menge Emotionen und Diskussionen aus.
Auch bei uns, die wir uns Christen nennen, und im Raum der Kirche.
Die Bandbreite reicht vom „Ich kann's nicht mehr hören! Und es hängt mir zum Halse raus – diese ganze Grexit und Varoufakis-Schäuble-Rettungspaket-Schulden-und-Banken-Geschichte!“
Bis hin zur Ratlosigkeit angesichts der Flüchtlings-Nöte - der Hilfsbereitschaft einerseits, dem blanken Hass der Fremdenabwehr andererseits - und dazwischen die ganz praktische Frage, wie das alles gehandelt und bewältigt sein will, wenn sich unsere jahrzehntelange Wohlstandswelt in Mittweleuropa nicht mehr länger abschotten kann gegenüber einer 2/3 Welt voller Armut, Krieg und Ungerechtigkeit. …

Ich gestehe, dass ich auf diesem Hintergrund dem heutigen Predigttext gerne ausgewichen wäre und fröhlich über was Anderes predigen würde, noch dazu so kurz nach dem Urlaub …

Doch, ob's uns gefällt oder nicht, der Predigttext für heute morgen ist der

Folgende: Matthäus 25, 14 - 30

Liebe Gemeinde!

Dieses Gleichnis von den anvertrauten Pfunden ist oft ein schönes Sprungbrett für Ermutigungspredigten nach dem Motto: Gott hat Dich begabt, beschenkt, ausgestattet mit manchen Talenten! Mach was draus! Nutze es! Setze es ein!
Vergrab nicht das, was Gott Dir anvertraut hat – sondern investiere es, lass Andere daran teilhaben, geh hin und wirtschafte damit in einem guten Sinn!

Soweit, so gut – möchte ich meinen.
Da ist eine lange Predigt mal gleich schön zusammengefasst auf zwei, drei kernige Sätze – das kann jeder mit nach Hause nehmen und der Prediger fühlt sich verstanden …

Doch irgendwie ist es komplizierter.
Und ich komme nochmal auf den Anfang meiner Predigt zurück – die Griechenlandkrise und die Flüchtlingsfrage.

„Das kann doch nicht sein, dass wir in Europa weiter dafür aufkommen sollen, dass die Griechen ihre eigene Volkswirtschaft, ihr Steuer- und Sozialsystem, ihre Verschwendungsdefizite nicht im Griff haben!“
Ist uns beim ersten Hören des Textes vielleicht noch unbehaglich und unwohl, wenn wir von der harten, unbarmherzigen, gnadenlos abrechnenden Art des Besitz- und Vermögenverteilers gegenüber seinen Knechten hören … so finden wir uns beim Perspektivwechsel vielleicht doch gut wieder in dem Zorn und der Wut des Besitzverteilers, oder? …
Denn, Originalton dieser Tage, vielleicht hier und da auch aus unserem Mund: „Was haben sie gemacht, die Griechen, mit ihren anvertrauten Pfunden und Talenten? Sollen sie nun endlich selber zusehen und die Konsequenzen ziehen und notfalls zu spüren bekommen, was unser Glechnis am Ende als „Finsternis“ und das „Heulen und Zähnknirschen“ –- Selber schuld! Und Schluss mit lustig! Wer nicht liefert und seine Hausaufgaben nicht macht, der hat es nicht anders verdient!“

Mit der Flüchtlingsfrage ist das schon komplizierter und auch emotionaler.
Da steht uns natürlich vor Augen, wieviele Menschen, Familien, Kinder zu uns kommen aus Kriegsgebieten, zerbombten Dörfern, zerstörten Städten.
Wer Krieg und Hunger erlebt hat von Ihnen, den Älteren, bei dem kommen schlimmste Erinnerungen wieder hoch …
Und doch lauern auch hier gleich hinter unserem Mitgefühl die Vorbehalte.
Und die Volksmeinung formiert sich – von der nachdenklichen Mitte hin zum rechten Rand, hin zum Hass, hin zu Brandstiftung, Schlägereien und fliegenden Steinen:
Denn wir können doch nicht alle aufnehmen!
Kriegsflüchtlinge ja, aber was ist mit den unzähligen sog. Wirtschaftsflüchtlingen?
Das verkraftet unser Sozialsystem doch nicht!
Sind da nicht auch genug – und jetzt wird es böse, aber ich zitiere nur – die sich hier ins gemachte Nest setzen wollen, uns die Arbeitsplätze wegnehmen, unehrlich abkassieren, sich nicht anpassen, uns unsere Verdienste kaputtmachen?
Und wo bitte bleibt die Eigenverantwotung in den eigenen Herkunfsländern?
Denn wenn sie nicht selbst bei sich zu Hause ihre Dikaturen stürzen, bei sich aufräumen, selber für Demokratie und Wohlstand in den Heimatländern sorgen – wie bitteschön, sollen wir den Rest der Welt retten?
Auch die Menschen in Afrika, im Nahen Osten oder wo auch immer haben doch ihre anvertrauten Pfunde, Talente – nicht alle gleichviel, wie in unseren Text! - aber auch sie haben – egal ob 10, 5 oder auch nur 2 anvertraute Talente - ihre Eigenverantwortung – wie die Knechte in unserem Text … Oder etwa nicht?

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Ich mache hier einen ersten Schnitt … und sage: Sie verstehen jetzt, warum ich diesen Text heute gerne meiden wollte und warum es mir zu wenig ist, eine simple Erbauungspredigt daraus zu machen.
Ich kann ihn nämlich in diesen Tagen und Wochen nicht einfach hören und auslegen ohne Bezug auf die Dinge, die gerade in der Welt passieren.

Dabei wird die Brisanz noch verschärft durch den Zusammenhang dieses Gleichnisses von den anvertrauten Pfunden – d.h. durch die Texte die unserem Predigttext vorausgehen bzw. ihm folgen
.
Denn im Matthäus-Evangelium steht im Kapitel vorher die sog. Endzeit-Rede Jesu, wo er vom Ende der Welt redet und vom Gericht Gottes, von Kriegen und Hungersnöten, von Seuchen und Erdbeben und großem Wehgeschrei.
Und Manche sagen: Wir erleben nun diese Endzeit! Zieht Euch warm an!
Was nun kommt, ist schon lange prophezeit.
Unsere Welt kann und wird nicht bleiben, wie sie ist.
Sie wird untergehen.
Auch wenn wir nicht sektierischer und fundamentalistischer Weltuntergangshysterie folgen, so redet Jesus dennoch davon: Dass unsere alte Welt, wie wir sie kennen – auch unter Schmerzen und Katastophen – vergehen wird und dass es Geburtswehen gibt, die weh tun.

Nach dem Gleichnis von heute von den anvertrauten Pfunden steht dann aber im Folgenden, in Kapitel 25, das Gleichnis vom Weltgericht, wo Jesus sagt: „Ich bin hungrig gewesen, ich hab Durst gehabt, ich hatte keine Kleidung, ich war obdachlos und gefangen und krank und habe gefroren – so habe ich vor Euch gestanden! Und die einen haben mich aufgenommen, die Anderen abgewiesen!“ Und als sie nicht zu verstehen scheinen, sagt Jesus: „Was Ihr einem der Geringsten und Notleidenden getan habt, das habt Ihr mir getan – oder eben mir – verweigert!“

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Wo also liegt nun, bitteschön, heute morgen das Evangelium, die Frohe Botschaft, der Zuspruch in unserem Predigttext???

Ich denke, das Evangelium liegt darin, dass der Knecht, der sein Talent vergraben hat, im Unrecht war und das er nicht Recht hatte.
Gott sei Dank!
Das mag komisch klingen.
Aber sein Unrecht ist unser Evangelium!
Denn das Leben, das Gott uns mit der Welt und mit ihren Gaben geschenkt hat - die Schöpfung in der wir leben – funktioniert nicht im Horten, Verbuddeln, Verstecken und Vorenthalten.

Geiz ist eben nicht geil.
Was ich nur für mich horte, verfault, rostet oder wird von den Motten gefressen
oder es zerfrisst uns selbst am Ende im Sorgen um die eigene Besitzstandswahrung.
Der reiche Kornbauer häuft an und stirbt plötzlich und früh – und der Tod setzt ihm am Ende grinsend die Narrenkappe auf.
Da, wo nur gleich und gleich sich gern gesellt, wird’s schnell langweilig und stickig.
Zuviel zu Haben nur für uns selbst, untergräbt und entfremdet uns – nach Erich Fromm – vom guten, wirklich erfüllten Leben.
Und wenn ein kleiner Teil der Welt – zu dem wir gehören – meint, gegenüber dem Rest der Welt das scheinbare Eigentum für sich horten, vergraben und abschotten zu können, wird es mit Heulen und Zähnenklappern enden.

An dieser Stelle nun lauert das Missverständnis:
Denn unser Text könnte ja so interpretiert werden, dass es gutes kapitalistisches Denken ist, dass sich hier im Gleichnis wiederfindet und gerchtfertigt wird:
Nämlich die Aufforderung und Notwendigkeit, zu investieren, Gewinne zu machen, das Gegebene zu vervielfachen und dafür noch gelobt zu werden.
Also nicht die knausrigen Sparer werden gelobt – sondern die auf Zugewinn, auf Gewinn-Maximierung, auf vervielfachten Kapitalertrag Bedachten.
Ist es nicht das, was Jesus lobt?
Und ist es nicht der Kapitalismus, der offensichtlich die größten Chancen und den größten Wohlstand in die Welt bringt?

Doch, bitte, das ist Blödsinn.
Denn erstens ist unsere moderne Welt und Ökonomie nicht die Lebenswelt zur Zeit Jesu - zweitens sagt unser Gleichnis ja nichts darüber, wie die treuen Knechte ihr Geld vermehrt haben – und drittens wird uns allen ja zunehmend bewusst, dass es heute im weltweiten Kapitalismus der Wirtschafts- und Konzerninteressen, der Banken und Börsen eben nicht um die ehrliche Verteilung, um Gerechtigkeit und Frieden und um ein gutes Leben für alle Menschen geht … sondern gerade um das, was das Gleichnis kritisiert, nämlich das Zurückbehalten und Abschotten und Nicht-Teilen.

…..

Haben Sie an dieser Stelle noch die Schriftlesung im Ohr?
„Gebt Ihr Ihnen!“ sagt Jesus angesichts der 5000, nach dem die Jünger die andrängenden, hungrigen 5000 zurück und nach Hause schicken wollen.
„Aber es wird nicht reichen!“ sagen sie.
Das ist doch offensichtlich – 5 Brote und zwei Fische.
Aber es reicht.
Weil das Teilen beginnt, das von Gott gesegnete Teilen.
Das Weitergeben und das Weiterreichen.
Egal wie wir's interpretieren, die Botschaft ist klar – ebenso wie in unserem Predigttext.

Politiker, Wirtschaftsfachleute und Wissenschaftler sind wir alle nicht.
Aber Menschen, die zufällig priviligiert und hineingeboren sind in unseren Wohlstandstteil der Welt.
Und Menschen, die sich Christen nennen und Christen sein wollen.

Eine Predigt wie diese kann deshalb am Ende wohl nur in einer Frage münden – nämlich: Wie bereit sind wir, sind Sie, bist Du, bin ich das uns geschenkte Leben zu teilen, zu öffnen, zu investieren – in einer zunehmend apokalyptisch sich darstellenden Welt?

Ich ertappe mich dabei, in manchen Dingen wie der untreue Knecht in dem Gleichnis zu sein, der das ihm Zugefallene zurückhält und vergräbt und ängstlich aus dem Sichtfeld bringt.
Aber ich höre an diesem Sonntag auch das Evangelium, dass Zukunft und Segen darin liegt, das was wir haben, zu teilen – und das sind viel mehr als 5 Brote und zwei Fische! Und mehr als nur ein Talent!

Amen

Thomas Corzilius