Predigtreihe "Gebet des Jabez" II

Liebe Gemeinde!




















Ein Kuchen wird angeschnitten und die Kuchenstücke sollen verteilt werden.
Möglichst symmetrisch, gleich groß und gerecht wird geschnitten, bevor das erste Stück auf den Teller wandert.
Reicht es für alle?
Schon beim Anschneiden hat vielleicht Jemand gerufen: „Für mich bitte nur ein kleines Stück!“
Und in der Regel warten alle schön geduldig, bis sie ihren Teil des Kuchens serviert bekommen.
Unschön und unschicklich wäre es dagegen, wenn sich Jemand gierig vordrängelt, vor allen Anderen frech seinen Teller hinhält und sagt: „Für mich aber das größte Stück! Oder am besten gleich zwei!“

Dieser Vergleich kam mir jedenfalls in den Sinn, als ich mich an die zweite Predigt in der Reihe zum Gebet des Jabez gemacht habe …

Zur Erinnerung oder für die, die bei der ersten Predigt nicht dabei waren, lese ich es nocheinmal vor – dieses Gebet, das im 1. Chronikbuch 4, 9-10 steht.
Da heißt es: „Ein Mann namens Jabez war der Angesehenste unter seinen Brüdern. Bei seiner Geburt hatte seine Mutter gesagt: „Ich habe ihn mit Schmerzen geboren,“ und deshalb nannte sie ihn Jabez. Er selbst aber betete zum Gott Israels: Segne mich und erweitere mein Gebiet! Steh mir bei und halte Unglück und Schmerz von mir fern! Und Gott erhörte sein Gebet.

In meiner ersten Predigt vor 14 Tagen ging es zunächst um den Namen dieses Mannes – Jabez. Wir haben nachgedacht über die Bedeutung von Namen, die wir unseren Kindern geben und selber von unseren Eltern bekommen haben. Und wir haben gehört, dass Jabez übersetzt soviel heißt wie „Er macht Schmerzen und bereitet Kummer“. Aber – das war der Gedanke der ersten Predigt: Trotz seiner Namensgebung und trotz seiner scheinbaren Vorherbestimmung und Festlegung, ein Leben voller Kummer und Schmerz führen zu müssen, erlebt Jabez, dass er am Ende der Angesehenste unter seinen Brüdern ist. Und so sollten auch wir uns selbst und Andere (oder Andere uns!), nicht aburteilen, festlegen, verbeißen ins Negative.

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Heute nun möchte ich mit Ihnen anfangen, über das Gebet selbst nachzudenken:
Segne mich und erweitere mein Gebiet! Steh mir bei und halte Unglück und Schmerz von mir fern! Und Gott erhörte sein Gebet.
Und wir beschränken uns auf den ersten Satz, nämlich die Bitte „Segne mich!“

Und vielleicht bleiben wir da zunächst beim Eingangsgedanken meiner Predigt – dem Kuchenverteilen und der Frage, wer wieviel oder wie wenig vom Kuchen des Lebens zugeteilt bekommt oder für sich reklamieren und erwarten darf …

„Segne mich!“ betet Jabez.
Nicht „Segne uns alle!“ oder „Segne Jemand anders!“ oder „Segne die Anderen!“
Sondern: „Segne mich!“

Manche denken vielleicht bei dieser Bitte: Na und? Das ist doch ok! Warum sollte ich nicht für mich um Segen bitten dürfen – für mein Leben, meine Situation, meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche?
Beten heißt doch: Ich darf auch meine Anliegen vor Gott bringen und Gutes von im erwarten, oder?
Was soll daran falsch sein?
Ich will ja gar nicht das größere Stück vom Kuchen, aber meinen gerechten Anteil!

Doch wie ist das Leben tatsächlich?
Und wie erleben wir die Welt?

Vom großen Kuchen – sprich vom Wohlstand, wie wir ihn die letzten 50 Jahre in Deutschland und Mitteleuropa und in den USA kennen und für selbstverständlich halten – haben mehr als 2/3 auf dieser Welt nichts.
Und die unzähligen Flüchtlinge, die zur Zeit zu uns drängen, zeigen, dass es nicht gut gehen kann und nicht gut gehen konnte, dass wir über Jahrzehnte unseren Wohlstand – und den verstehen wir ja unter Segen! - in ungerechten Strukturen und auf Kosten der armen Länder leben und fortschreiben können ….

„Tut uns leid!“ heißt es „der Kuchen reicht halt nicht für alle! Allenfalls ein paar Reste fallen ab! Und im Übrigen haben wir selbst ja den Kuchen, der zu verteilen ist, gebacken! Backt Euch doch selber einen! Hier und da geben wir Euch auch gern die Rezepte!“

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An dieser Stelle jedenfalls ist es wichtig, deutlich und transparent zu machen, dass das Gebet des Jabez in den letzten Jahren ein Renner in frommen Kreisen und Gemeinden gewesen ist und dass der Bestseller darüber aus dem eher wohlhabenden, weissen us-amerikanischen Milieu kommt.
Dort hat es – wie man so sagt - „geboomt“
Und ist dabei in gefährliche Nähe gekommen zu einem „Wohlstandsevangelium“, wie es in den USA in vielen Gemeinden und auch über Fernsehkanäle und fromme Erweckungsprediger gepredigt und zelebriert wird.
Vielleicht haben Sie es auch bei uns schon mal mitbekommen – über den Kabelempfang von „GOD TV“, Jimmy Swaggart, Joyce Meyer, Benny Hinn u.a.

Auf die Bitte des Jabez um Segen antwortet dieses Wohlstandsevangelium jedenfalls sehr selbstbewusst mit us-amerikanischem Patriotismus als die vozeigbare, von Gott gesegnete Nation und mit den Versprechen, dass Gott Dich in der Tat auch sichtbar segnen will – mit all den vermeintlichen „Segnungen“, die der Kapitalismus uns und dem Rest der Welt zu bieten hat …

…..

Mit der biblischen Botschaft und mit dem Evangelium von Jesus allerdings hat das alles wenig zu tun.
Und die Bitte um Segen für sich selbst, wie Jabez sie äußert, will anders und sorgfältiger bedacht sein.

Zunächst, das muss man sagen, versteht auch der jüdische Glaube den Segen Gottes durchaus ablesbar am Wohlstand eines Menschen.
Und gesegnet war der, dem Gott Nachkommen, Besitz, Gesundheit und ein langes Leben gab.
So starb Abraham – als von Gott gesegnet - “alt und lebenssatt“.

Aber spätestens bei Hiob gerät auch für den jüdischen Glauben die Gleichung „Segen gleich äußerer Wohlstand“ ins Wanken.
Denn der fromme Hiob muss damit umgehen, dass eine „Hiobsbotschaft“ nach der anderen ihn trifft – Krankheit, Verlust, Trauer und Unglück.

Was also ist der Segen und ein gesegnetes Leben?
Und was bedeutet es, wenn wir wie Jabez beten dürfen und beten sollen: „Segne mich!“?

…..

Das lateinische Wort für „Segen“ lauter „Benedictio“ - und darin stecken die Worte „bene/bonus“ = gut & Gutes und „dictio“ = Reden, Sagen, Zusprechen.
Der Segen also ist ein wortwörtlich ein guter Zuspruch, in diesem Fall „im Namen Gottes“.
Den Segen zusprechen bedeutet soviel wie: Gott möge Dich halten, stärken, begleiten, Dir nahe sein, Dir Kraft schenken und Gelingen.

Dieser Segen wird seit Menschendenken, in allen Kulturen und Religionen, häufig so verstanden, dass er äußerlich ablesbar ist in Wohlstand und Wohlergehen.
Bis in den alltäglichen Sprachgebrauch hinein sagen wir z.B. „Die Gehaltserhöhung war ein Segen!“ oder „Einmal in den Genuß von etwas zu kommen – das wäre ein Segen!“

Aber was ist mit dem Segen, wenn der Wohlstand ausbleibt und das Wohlergehen ein Ende hat?
Und wo bleibt der Segen in einem Leben, das äußerlich bedrängt, eingeschränkt und vielleicht sogar schmervoll ist?
Wo bleibt der Segen in Armut und Krankheit?

Es gäb ganz viel zu sagen und zu bedenken zum Thema „Segen“, was jetzt und hier nicht möglich ist … aber eines will ich heute im Zusammenhang mit dem Gebet des Jabez festhalten:
Dieser uns Unbekannte, zunächst unter Schmerzen Geborene und zunächst Schmerzen, Kummer & Sorge machende Jabez bittet Gott: „Segne mich!“
Und am Ende heißt es: „Er war der Angesehenste unter seinen Brüdern!“
Nicht:
Er war der Wohlhabendste
der, der es am Ende am weitesten gebracht hat
der, der gesegnet war mit gutem Aussehen, körperlicher Kraft, beeindruckender Klugheit, viel Geld und Besitz und Vermögen!“
Auch nicht: „Er hatte ein Leben ohne Anstrengung, ohne Mühe – weil ihm alles in den Schoß fiel und er leichtfüßig durchs leben ging!“
Sondern es heißt nur: „Er war der Angesehenste unter seinen Brüdern!“
Der Rest ist Spekulation.

Deshalb ist es heute morgen wichtig für uns zu hören, dass es ein gesegnetes Leben im biblischen Verständnis auch gibt, wenn ein Mensch äußerlich und in in den Augen der Welt wenig vorzuweisen hat.
Nicht das Bankkonto und nicht der materielle Besitz, nicht Gesundheit und Schönheit, nicht die äußere Unbeschwertheit machen den Segen aus, den Gott auf einen Menschen legt.
Sondern die innere Kraft, der innere Frieden, die innere Stärke von Weisheit, Mut, Vertrauen und Zuversicht, sind das Entscheidende.

Seien wir ehrlich:
Sind es nicht solche Menschen, die uns am Ende immer wieder am Meisten imponieren und uns – wo immer wir ihnen begegnen - beschenken?
Und ist es nicht diese Art von Segen, den wir und die Welt brauchen?

Gesegnet ist der, dessen Herz im Laufe seiner Lebensjahre nicht hart und kalt wird, und der nicht abgleitet in Zynismus.
Gesegnet ist, wer lieben kann und nicht nur für sich rafft und schafft, sondern gerne und von Herzen geben & teilen kann.
Gesegnet ist, wer Anderen nicht imponieren will mit „Guck mal, was ich kann!“ und „Guck mal, was ich hab!“, sondern schaut, was dem Anderen dient, hilft und ihn fördert.
Gesegnet ist, wer nicht macht, was alle machen, nicht redet, was alle reden, sondern sagen kann: „Nein danke, ohne mich!“
Und gesegnet ist, wer mit den Problemen, Schwierigkeiten & Unglücksfällen des Lebens gefasst und stabil umgehen kann, ohne daran zu zerbrechen oder darüber zu resignieren.

Während ich das ausspreche, merke ich, wieviel Grund ich habe, dem Jabez nachzubeten: „Segne mich!“ … nicht nur einmal, mal eben so, sondern immer und immer wieder!
Und Sie spüren es im Blick auf sich selbst und Ihr Leben vielleicht auch … „Segne mich!“

Ich bin sicher, dass der Satz: „Jabez war der Angesehenste unter seinen Brüdern!“ viel mit den eben genannten Dingen zu tun hat – und weniger mit dem, was er materiell und besitzmäßig vorzuweisen hatte.

Aber es war eben nicht einfach sein Naturell, seine Veranlagung und das was ihm von vornherein in die Wiege gelegt wurde – sondern es war sein inniges, lebenslanges Gebet.
Sein Dialog mit Gott.
Seine Bitte, mit der er in der Beziehung zu Gott stand.

Und wenn wir Alisia & Rafael vorhin mit der Taufe des Segen zugesprochen haben, dann sollen Sie in ihrem weiteren Leben auch ganz viel von diesen inneren Dingen wie Mut, Liebe, Vertrauen und Stärke - als Gottesgabe - bekommen

Thomas Corzilius