Aktuelle Predigt 3. Advent

Aktuelle Predigt 3. Advent




Alle Jahre wieder gehört in vielen Haushalten das Aufbauen der Krippe zu den Vorbereitungen fürs Weihnachtsfest.
Und wenn alles aufgebaut ist, stehen sie alle wieder an ihrem Platz – die Figuren der Heiligen Nacht: Maria & Josef, Ochs & Esel, die Weisen aus dem Morgenland und die Hirten mit ihren Schafen, das Kind in der Krippe …
Alle in Position gebracht.
Angekommen am Ziel, dem Stall von Betlehem.
Hingestellt und unbewegt – in der Regel aus Holz geschnitzt.

Doch was war vorher mit all diesen Beteiligten am Weihnachtsgeschehen?
Ich meine jetzt nicht die Figuren – die waren vorher schön eingepackt und eingewickelt, im Karton gepackt und im Regal oder Schrank für 11 Monate sozusagen „außer Dienst“, im „Stand-By-Modus“, „outgesourced“ bis zum erneuten, aktuellen Bedarf …

Nein, ich meine die damals – nach biblischem Zeugnis und bildlich-symbolisch verstanden – lebendig Beteiligten, vorweihnachtlich, in den Wochen und Tagen zuvor.
Sie kommen mir vor wie ein vorgehaltener Spiegel, in dem wir uns auch in dieser Advents- und Weihnachtszeit gut wiederfinden können …


Z.B. die drei Weisen aus dem Morgenland.
Sie haben ja, bevor wir sie so schön hinstellen beim Krippenaufbau, schon eine lange und mühsame und beschwerliche Reise hinter sich.

Ein Stern am Himmel hatte sie auf den Weg gebracht.
Ein Stern der Verheißung.
Dieser Stern symbolisiert bis heute etwas, das alle Menschen im Blick auf das Leben und die Welt in sich tragen:
Nämlich die tiefe Sehnsucht, dass das Universum gut ist, dass das Leben Sinn macht, dass es eine letztendliche Güte gibt – in diesem so fragwürdigen Leben und dieser so fragwürdigen Welt –, dass es Grund gibt, weiter zu glauben, zu hoffen & zu lieben!
Und dass das Leben letztlich & hoffentlich nicht sinnlos, kalt & absurd ist!

Ob die drei Weisen – dem Stern der Verheißung folgend auf ihrer langen Reise, zwischendurch auch mal sehr gezweifelt haben an ihrem Tun?
Ob sie den Stern phasenweise vergeblich gesucht und aus den Augen verloren haben?
Ob sie drauf und dran waren, die Reise abzubrechen?
Oder zumindest einer von Ihnen gesagt hat: „Ich klink mich aus. Zieht Ihr Anderen weiter, wenn Ihr wollt! Aber ich finde mich damit ab, dass unser Tun und Hoffen und Erwarten ohne Ziel und Ergebnis bleibt! Dieser bekloppte Stern – Entschuldigung, so reden wir ja manchmal mit Wut und Erschöpung – ist doch bloß Illusion und Wunschdenken!“

Wenn das so wäre, fänden wir unsere Zweifel gut wieder in diesen drei Figuren aus dem Morgenland.
Denn es gibt sie doch elementar, diese Zweifel und diese Fragen!
Am Sonntagmorgen lässt sich schön singen aus dem Gesangbuch und das Glaubensbekenntnis sprechen und sich unter den Segen stellen.
Aber was ist mit dem, was uns in der neuen Woche erwartet?
Und in einem neuen Kalenderjahr 2016 – privat und in der Welt?
Und was haben wir mitgebracht, als wir vorhin durch die Kircheneingangstür gekommen sind?

Vielleich sitzt mancher unter uns hier, der diesem Stern einer Verheißung – im Moment und in seiner jetzigen Lebensphase - schwer folgen kann oder will.
Die eigene Lebenssituation, der Blick auf die Welt, viele unbeantwortete Fragen, viele massive Glaubenszweifel – an Gott und am christlichen Glauben.
Vieles kann einem den Stern verdunkeln und uns müde und matt machen auf dem Weg.

Matthäus aber lässt die Reise gut ausgehen und schreibt: „Und siehe der Stern ging vor ihnen her, bis er an dem Ort stand, wo das Kind war. Und sie fielen nieder und beteten es an.“
Daraus höre ich die Ermutigung – und vielleicht brauchen Einige von uns sie sehr dringend: Deine Zweifel sind in Ordnung und vielleicht sogar nötig. Und es gibt Phasen in unserem Leben, wo wir keinen Verheißungsstern sehen, sondern nur einen dunklen, kalten Himmel.

Aber der Zuspruch heute morgen lautet:
Bleibt dabei, dem Stern zu folgen!
Gebt euren Zweifeln und Müdigkeiten auf der Lebensreise nicht das letzte Wort!
Sondern vertraut darauf, dass die drei Weisen am Ende zu Recht zu den Krippenfiguren gehören und ihr Ziel erreicht haben.

Und dann sind da die Hirten.
Ihr Leben und ihr Alltag symbolisiert viel vom Leben der meisten Menschen, unter deren Himmel wenig Platz ist für Glaube, Gott und fromme Reden.
Bevor sie in der Heiligen Nacht zur Krippe gelockt werden, gehen sie durch ihre Tage und leben ihr Leben – mit Alltag, Arbeit & Sorge ums Auskommen.
Wenn sie abends am Lagerfeuer sitzen, gibt’s Witze und Alkohol, Geschichten & Lieder, Streit und Zoten.
Und auch wenn sie zu Weihnachten nun so fromm als Krippenfiguren vor dem Stall knieen: Der himmlische Glanz hat wenig zu tun mit dem Staub & Schweiss ihres alltäglichen Hirtenlebens.

Und diese Hirten sind es, die mich in diesem Jahr am meisten beschäftigen.
Denn sie verkörpern die Kluft zwischen dem, was auch 2015 wieder an den Weihnachtstagen gottesdienstlich bei uns gefeiert wird – und der Lebenswelt, dem Alltag, dem Denken, Tun & Lassen der allermeisten Menschen in unserem Land.
Da mag es z.Zt. noch soviel nach Glühwein und Reibekuchen riechen, geschmückt sein und weihnachtlich dekoriert, von Weihnachtspopsongs aus dem Lokalradio begleitet …

Wie die Hirten auf dem Feld in den Tagen vor der Heiligen Nacht, so sind die meisten Menschen in unserem Land - das doch im Augenblick so in Sorge ist um eigene Werte und Identitäten und Errungenschaften - fern von dem, was mit Christus in die Welt gekommen ist.

Wo ist er bloß – frage ich mich – wenn Jugendliche & Erwachsene nicht mehr wissen, warum wir Weihnachten feiern?
Wo ist er, wenn Menschen sich bei Pegida und Co einreihen und Flüchtlinge mit Gewalt & Brandsätzen begegnen?
Wo ist er bei denen, die als „Hirten“ in Politik und Wirtschaft und öffentlichem Leben Verantwortung tragen?

Nichtsdestotrotz werden die Engel in 10 Tagen wieder über alle Lebensfelder und allen „Hirten, Schafen & Wölfen“ zurufen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“
Und es wird nicht aufhören, dass Gott uns Menschen sucht!

Schließlich Maria & Joseph.
Ihnen ist das Kind anvertraut.
Sie sind die Eltern, die es zunächst ins Leben begleiten.
Bevor sie auch so schön ihren Platz finden in unserer Krippenaufstellung– mit dem Kind in der Mitte – hat Gott ihnen Einiges zugemutet.
Bevor das Kind geboren ist, gehen sie durch Strapazen, Erschrecken, Furcht, Erschöpfung und Hilflosigkeit.
Und als das Kind geboren ist, können Sie noch nicht vorausschauen, was Weg und Wirken dieses Kindes ist.

„Unsere Kinder sind nicht unsere Kinder“, hat der libanesische Dichter Kalil Gibran mal geschrieben.
Sie gehören uns nicht.
Sie gehen ihren Weg, haben ihre Berufung, sind hoffentlich auf ihre Art ein Segen.

So auch der Christus, den Gott der Welt schenkt.
Seine Krippe steht in unserer Mitte und uns vor Augen.
Aber er gehört uns nicht.
Sowenig wie er Maria und Joseph gehört.

Wo und wie er in der Welt wirkt.
Wo und wie sein Geist unter Menschen Versöhnung, Hoffnung, Liebe schafft – auch in anderen Kulturen, Religionen, Köpfen & Herzen, ohne dass sein Name bekannt ist oder genannt wird – das wissen wir nicht.

Wir als Christen, als Kirche, als Gemeinden besitzen Christus nicht.
Aber wir sind – auch in diesen turbulenten Zeiten – bleibend berufen, so nahe bei der Krippe zu bleiben wie Maria und Joseph.

Es ist nicht einfach, Christ zu sein und Christ zu bleiben.
Das in Maria wachsende Leben findet – aller Idylle unserer aufgebauten Krippen zum Trotz – an vielen Stellen kein Gehör, keine Gefolgschaft, keinen Applaus.
Wenn die Weihnachtstage vorbei sind, wird die Krippe wieder eingepackt und verschwindet für den Rest des Jahres.
Und es ist nicht platt, darin etwas Symbolisches zu sehen.
Denn die Welt geht nach Weihnachten zur Tagesordnung über.
Und all die Herodesse dieser Welt, die brutalen Machthaber von Rom damals bis zu den Machtzentren heute – wie immer sie in diesen Monaten heissen – in Ost und West und im Nahen Osten – sie scheinen unbeeindruckt.

Wie Maria und Joseph aber bleiben wir berufen, dem Kind nahe zu sein.
Ihm zu folgen.
Es zu hüten
Auf es zu hören, es zu begleiten, es in die Welt zu bringen.

Nicht nur zur Weihnachtszeit.

Thomas Corzilius