"WER BIST DU?"





Aktuelle Predigt 17.1.

"WER BIST DU?"

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Liebe Gemeinde!

Stellen Sie sich bitte, bevor ich den für heute vorgeschlagenen Predigttext aus Matthäus 17 vorlese, folgende Filmgeschichte vor:

Da ist – von irgendwoher – ein Fremder aufgetaucht. Er ist in irgendeiner Mission unterwegs und sammelt innerhalb kurzer Zeit eine Gruppe von Menschen um sich, die ihm folgen und sich in seine Mission verwickeln lassen. Sie vertrauen ihm, sie sind von ihm fasziniert – aber dann kommt eine Filmszene, wo einer aus der Gruppe sich für die Anderen zum Wortführer macht und zu dem Fremden sagt: „So geht es nicht weiter. Wir wollen jetzt endlich wissen, wer Du bist. Wir brauchen Klarheit. Du musst uns verraten, mit wem wir es zu tun haben und was es mit Deiner Mission auf sich hat.“ Und der Fremde antwortet: „Bitte habt noch etwas Geduld. Und vertraut mir. Ich kann es Euch jetzt noch nicht sagen. Aber es wird alles gut! Bitte!“ Und dann verlässt er den Raum. Und die, die er mit Frage und Antwort zurücklässt, schauen sich weiter fragend an …



Ich lese jetzt, mit dieser Einstimmung, den Predigttext für den heutigen Sonntag aus Matthäus 17,1-9



Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.

Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.

Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.

Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!

Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.

Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!

Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.

Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

L.G.

Das ist eine merkwürdige Geschichte, die Matthäus uns da – ebenso wie die Evangelisten Markus und Lukas an anderer Stelle – erzählt.

Auch sie berührt, wie meine Einleitung, die Frage: Wer Jesus ist und mit wem seine Freunde und Weggefährten es zu tun haben.



Zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Erdendaseins, als die Konflikte mit seinen Gegnern zunehmen und der Weg ins Leiden sich anbahnt, nimmt Jesus drei seiner Jünger mit auf einen Berg – und der Berg ist in der Bibel immer auch ein Symbol für besondere Gotteserfahrung und Gottesbegegnung.

Dort auf dem Berg sehen sie ihn in einer Vision verklärt, verwandelt und umgestaltet – denn „sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie Licht“.

Dazu sehen sie zwei Gestalten, die in der Glaubenstradition Israels zentrale Bedeutung haben: Mose, den Gott ausersehen hatte, die Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten zu führen, und den Propheten Elia. Und eine Stimme hören sie, die Stimme Gottes, die über Jesus sagt: „Dies ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt Ihr hören!“



Meine Konfirmandinnen und Konfirmanden würde ich an dieser Stelle wieder fragen: Was meint Ihr- Hättet Ihr das, wenn Ihr dabei gewesen wärt, wohl mit Euren Handys in Bild & Ton filmen können?

Und ich würde erklären: Nein, natürlich nicht, denn diese Erzählung ist eine symbolische, bildhafte Geschichte. Sie erzählt von einer Vision, einer inneren Schau, einem mystischen Sehen, Erleben & Erkennen.

Und Matthäus, Markus und Lukas haben diese Erzählung in ihr Evangelium gepackt, um zu zeigen, wer Jesus war und wer Jesus ist.

Gerade auch und weil nicht alle Augen, nicht alle Blicke, nicht alle Menschen ihn so sehen und erkennen ….



….



An dieser Stelle muss ich an die Nachrichten der letzten Woche denken und an das, was die Menschen in aller Welt bewegt hat. Dazu gehörte für viele der Tod des Musikers und Künstlers David Bowie. Kurz nachdem er 3 Tage zuvor seine neue Platte „Darkstar“ veröffentlicht hatte, war die Welt schockiert über seinen plötzlichen Tod – mit 69 und nach einer Krebserkrankung, von der die Öffentlichkeit nichts wusste. Und zwei, drei Tage lang, füllte David Bowie alle Zeitungen, Fernsehkanäle und Internetseiten. Natürlich ist die Resonanz auf Bowie eine Generations- und und Geschmacksfrage. Aber für unendlich Viele war er als Rockmusiker und Künstler seit den frühen 70ern ein Idol und Jemand, mit dessen Musik man groß geworden und ins Leben gegangen ist.

Jetzt und hier erwähne ich ihn, weil seine Faszinaton viel damit zu tun hatte, dass er ständig – mit der Musik und auf der Bühne – Rollen erfand, Rollen spielte, sich immer wieder neu in Kunstfiguren verwandelte.

Und deshalb beschäftigt Viele auch nach seinem Tod die Frage: Wer war Bowie wirklich, hinter all den Masken und Rollen? Wer war der Mensch, der sich dahinter verbarg? Mit wem haben und hatten wir es zu tun?



Schon zu Lebzeiten begegnete auch Jesus diese Frage.

Er war der Fremde, der Menschen um sich scharte und in seine Mission verwickelte.

Damals und auch heute noch, seit 2000 Jahren.

Was sahen und sehen die Leute in ihm?

Einmal hat Jesus das seine Jünger gefragt: „Was sagen die Leute, wer ich bin?“ Und seine Jünger geben ihm die verschiedensten Antworten.

Und auch Piltatus fragt ihn, kurz vor der Verurteilung: „Bist Du der König der Juden?“ und Jesus antwortet doppeldeutig: „Du sagst es!“

Manche sagten über ihn zu Lebzeiten: „Er ist ein Fresser und Weinsäufer!“, weil er kein Asket war und gerne zu Tisch saß mit Menschen und den Wein nicht zurückwies.

Manche nannten ihn „Rabbi, Meister, Lehrer, Gottes Sohn“ - andere einen „Sohn des Teufels“.

Und seit 2000 Jahren geht das so, dass Jesus von Nazareth für die einen ein Ärgernis, ein Spinner oder gar eine erfundene Kunstfigur ist – für die Anderen aber der Erlöser und Messias, menschgewordener Gott und auferstandener Christus.

Und dazwischen wurde so ziemlich alles auf ihn projiziert – vom germanischen und arischen Helden bis zum hippie-gleichen Jesus-Christ-Superstar, vom sozialistischen Revoluzzer bis zu dem, der das Kreuz überlebte, nach Indien auswanderte und dort starb, wo man heute noch in Kashmir sein Grab besuchen kann …



Wer war er?

Wer ist er?

Wer bleibt er?



In der Geschichte von der Verklärung Jesu geht die Antwort in zwei Richtungen – sie betrifft unsere Augen und unsere Ohren.

Mit ihnen nehmen wir alle die Oberfläche der Welt wahr - das Augenscheinliche & Offensichtliche und das, was Schall & Frequenz hergeben … vom feinsten Knacken bis zum Donnergeräusch.

Aber Sehen und Hören gibt es auch im übertragenen Sinne:

Wir sagen „Mach gefälligst Deine Augen auf!“ und reden doch mit Jemandem, der sie ja die ganze Zeit auf hat. Wir sagen „Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen“ und meinen ein inneres Erkennen und Begreifen.

Oder wir sagen „Das hat mich sehr angesprochen“, obwohl es es sich um ein Bild oder ein Musikstück handelt. Oder ein Buch trägt den Titel „Ich hörte auf die Stille“ und obwohl die Stille ja das Gegenteil zum Hörvermögen ist, kann sie – wie wir wissen – sehr beredt sein.



In diese Richtung zielt auch der heutige Predigttext:

Die Augen der drei Jünger sehen Jesus im Licht, im Strahlen und im Glanz.

Und sie hören in der Tiefe ihrer Seele eine Stimme, die nicht von dieser Welt ist und Jesus als den benennt, auf den sie Augen und Ohren richten sollen.

Es ist ein anderes, tieferes Sehen und Hören als das gewöhnliche, alltägliche.

Es ist ein geistlicher, spiritueller, von Gott geschenkter Duch-Blick.

Und ein Hören in der Tiefe des Herzens und der Seele, wo Andere sagen würden: „Was wo wie? Ich hab nix gehört! Das hast Du Dir nur eingebildet!“



Gerne wäre Petrus auf dem Berg geblieben.

„Hier ist es gut bleiben!“ sagt er, „Redet noch ein bisschen weiter. Ich sammle schon mal Holz. Und dann bau'n wir uns ne kleine Hütte und genießen dieses Gipfelerlebnis!“

Auch das ist voller Symbolik: Denn wo immer wir Menschen einen Schimmer, einen Türspalt, einen Anflug von geistlichem Hören und Sehen haben, wollen wir uns gleich genau dort verorten, „Hütten bauen“, am besten gleich eine Kirche – nämlich die der letzten, für alle gültigen, normativen Erkenntnis und der Auserwählten.

Aber so ist es ja nicht.

Der Weg geht wieder runter vom Berg.

Und als sie die Augen aufmachen, ist nix mehr da als Jesus alleine, ohne Glanz, ohne Moses und Elia, vielmehr als der, den sie bald anspucken und kreuzigen werden.

Und auch ihnen, die seinen Weg teilen wollen, prophezeit er, dass sie nicht den Applaus und das Wohlwollen der Welt bekommen, wenn sie z.B. seine Bergpredigt versuchen zu leben.



Und damit sind wir wiederum ganz nah bei einer weirteren Nachricht aus der vergangenen Woche – denn:

Das Unwort des Jahres 2015 heißt nun also „Gutmenschen“.

Es ist die schnoddrige, zynische, herablassende Redewendung, mit der seit einiger Zeit all die leben müssen, die sich nicht abfinden wollen mit der Welt, wie sie ist.

Die sich einsetzen für Andere und für mehr Gerechtigkeit, Versöhnung, Barmherzigkeit. Die noch Vorstellungen, Ziele & Ideale haben, unsere Welt nicht dahinfahren zu lassen.



Mit dem Unwort „Gutmensch“ - das sage ich mal drastisch – wird auch Jesus immer wieder aufs Neue von Menschen gekreuzigt, verhöhnt und verlacht.

Und die, die in seiner Spur und in seinem Geist versuchen ihr Leben zu leben.

Menschen, die sich auf seinen Namen hin haben taufen lassen – so wie Theo heute und die Meisten von uns.

Aber auch all die, die – mit anderer Motivation, anderer Kultur & Religion, anderem Selbstverständnis – seinem Geist entsprechend „Gutmenschen“ sind und bleiben wollen.



„Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“ sagt Gottes Stimme.

Man kann drüber lachen, abwinken und seinen eigenen Schlitten fahren.

Oder sich Augen und Ohren öffnen lassen.



Eins ist jedenfalls klar zu diesem Jahresanfang 2016.

Mit Jesus unterwegs zu sein und unterwegs zu bleiben – und Christen wurden ja ursprünglich „Menschen des Weges“ genannt - , ist und bleibt in dieser Welt eine angefochtene Sache.

Immer wieder werden unsere Augen auch im neuen Kalenderjahr sehen, was uns kleingläubig macht und zweifeln lässt.

Immer wieder werden unsere Ohren Stimmen hören, die uns entmutigen und uns nahelegen, hinzuschmeißen und zu resignieren.

Und immer wieder werden wir uns fragen: Wer bist Du nun wirklich Jesus, nach dem wir uns nennen und in dessen Namen wir Gottesdienste feiern wie diesen …



Aus diesem Grunde steht die Geschichte der Vision Jesu in unserem Neuen Testament bei Matthäus, Markus und Lukas.

Als Ermutigung auf dem Weg.

Als Bekräfigung durch Gottes Wort: „Dies ist mein lieber Sohn. Auf ihn sollt Ihr hören!“



Als Jesus seine Jünger damals fragte: „Was sagen die Leute, wer ich bin?“ ergänzte er diese Frage durch eine zweite an seine Jünger: „Und was sagt Ihr?“

Und Petrus antwortete: „Du bist der Christus!“

Und als der Zeitpunkt kam, als Viele, die Jesus zunächst klasse fanden, sich wieder von ihm abwendeten, da fagte er sene Jünger: „Wollt Ihr auch weggehen?“

Und wiederum war es Petrus, der sagte: „Wohin sollen wir denn gehen? Du hast Worte des Ewigen Lebens!“

Thomas Corzilius