Hebräerbrief, Kapitel 5, Vers7-9



Hebräerbrief, Kapitel 5, Vers7-9

7 Und Jesus hat in den Tagen seines irdischen Lebens
Bitten und Flehen
mit lautem Schreien und mit Tränen
dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte;
und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.

8 So hat er,
obwohl er Gottes Sohn war,
doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
9 Und als er vollendet war,
ist er für alle, die ihm gehorsam sind,
der Urheber des ewigen Heils geworden.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde,
Wie gut fügt sich oft unser Glaube an Gott in unser Leben:
- wenn unser Leben glücklich verläuft,
- wenn wir dankbar die Liebe anderer Menschen erfahren,
- wenn wir nach einer Krankheit wieder gesund werden,
- wenn wir von der Schönheit der Natur überwältigt werden
- wie leicht ist es da, in ein Lob- und Danklied zu Gott einzustimmen,
- wie leicht, dem Namen über alle Namen und Schöpfer aller Güter zu vertrauen.

Doch wenn uns Schweres und Leidvolles trifft; wenn uns nicht gelang, was wir erhofft hatten, wenn wir von einem Menschen enttäuscht werden oder ein geliebter Mensch stirbt.
Wenn uns eine schwere Krankheit oder Dauerbelastung trifft,
-          wie können wir dann glauben?
-          wie können wir da dem Gott vertrauen, der zulässt, dass das so in unser Leben kommt?
-          wie können wir in solchen Zeiten ruhig werden mit den in uns bohrenden Fragen und Zweifeln.
-          wie gehen wir dann um mit dem uns immer wieder begegnenden zweifelnden "Warum?“ um uns und in uns?
Unser heutiger Bibeltext handelt genau davon:
vom Glauben an Gott in schwerer Zeit.

Er spricht davon im Beispiel aus Jesu eigenem Leben.
Ich lese aus dem Hebräerbrief im 5. Kapitel:
Predigttext

Liebe Gemeinde, was ich Ihnen vorgelesen habe
ist im Griechischen ein einziger, langer Satz.
Und doch spannt er den ganzen großen Bogen                  
zwischen Angst und Vertrauen,
zwischen Verzweiflung und neuem Leben aus Gott.
Dabei verkürzt der Hebräerbrief die Spannbreite zwischen beidem keinen Deut, stellt die Wirklichkeit nicht einfacher dar, als sie ist.

Er erinnert uns an die Angst Jesu im Garten Gethsemane.
Sein Tod lag vor ihm,
und davor drohten ihm Erniedrigung, Gewalt
und große körperliche Schmerzen.
Und so rang Jesus mit seinem drohenden Schicksal!
Seine Freunde – das lag in der Luft – würden die Spannung der Bedrohung nicht mit ihm aushalten können und ihn verlassen.
Doch noch viel schlimmer als das war das drohende Empfinden des Verlassen-Seins von seinem Gott:
Der Name über alle Namen, dem Jesus nah war wie kein zweiter, aus dessen Kraft er gelebt hatte, die er weitergegeben hatte, indem er Menschen heilte und Mut und Liebe stiftete, dieser Gott schien nun sogar ihm fremd und fern und unerreichbar zu sein.

Jesus nahm nun diesen tiefsten Kummer und das Leid, das ihn zu treffen drohte, nicht mit zusammengebissenen Zähnen hin! Er nahm es auch nicht mit trainiertem oder gespieltem innerer Gleichmut. Demonstrativer Gleichmut war ein Ideal in der damaligen Zeit, und noch heute bemühen sich Menschen, in kritischen Situationen Fassung zu bewahren. Nein, klar und ehrlich heißt es im Hebräerbrief:
„Bitten und Flehen hat er mit lauten Schreien und mit Tränen
Gott dargebracht" . Darbringen tut man normalerweise Gaben. Aber jetzt sind es Nöte, die Gott dargebracht werden! Jesus hat Gott angefleht, dass das, was droht, doch nicht sein Weg sein muss, zu ihm geschrien hat er - und sich seiner Tränen nicht geschämt.
Was uns so ungeschminkt weitergesagt wird, berührt alle, die selbst Verzweiflung oder Zweifel durchlebt haben und sich hier wiederfinden.  Wir dürfen jederzeit und überall so vor Gott kommen, wie wir nun mal sind, mit tiefsitzenden Ängsten, mit Resignation, mit Trauer. Vor Gott geht es nicht um gedämpftes Auftreten und Wahren von Formen, sondern um die größte Direktheit. Wir dürfen unsere Angst und unseren Kummer herausstoßen und herausschreien. Wir dürfen außer uns sein vor Ratlosigkeit und Ohnmacht!
Wir müssen also gar nichts verbergen und an uns halten.
Jesus lebt es uns vor:
Zu wem sollten wir flehen, wenn nicht zu Gott?

Im Hebräerbrief heißt es nun von Jesus:
„und er ist erhört worden “
Das steht nun so einfach da. –
Aber wir wissen doch, dass Gott nicht eingriff,
um das Schicksal Jesu und seinen Weg zum Kreuz zu wenden;
wir wissen, dass er ihn vor der brutalen Gewalt der Menschen,
vor Schmerzen und auch vor dem Tod nicht bewahrte;
wir wissen doch, dass Jesus den Weg, vor dem er Angst hatte,
zu Ende gehen musste.
Wie kann unser Text hier von Erhörung sprechen?
"Vater, nicht so, wie ich will, soll es geschehen,
sondern wie du es für mich weißt"
-          so hat Jesus in Gethsemane sein Gebet beendet.

Wie oft schrecken wir vor dem uns Unbekannten zurück!
Wie oft macht uns die Angst blind für unseren weiteren Weg!
Gott führt uns nicht unbedingt dahin, wo wir gerne hin möchten, aber er führt uns heraus aus dem Dunkel der Angst.
"Und er ist erhört worden"
-          so heißt es im Hebräerbrief -
“und lernte an dem, was er litt, den Gehorsam“.

Wenn wir das Wort “Gehorsam" hören, denken wir in erster Linie an Unterordnung und Zwang. Uns fallen Bilder von Vorgesetzten oder Erziehern ein, gegen die wir machtlos waren und gegenüber denen uns gar nichts anderes übrig blieb, als uns in ihren Willen zu fügen.
Doch beim Gehorsam gegenüber Gott ist etwas anderes gemeint, als sich unter den Zwang eines Stärkeren zu beugen. Wie könnte es sonst bei Sott um Liebe gehen, um Glauben aus freien Stücken heraus!? Auch der Gehorsam, den Eltern von Kindern erwarten, sollte eigentlich etwas anderes als Zwang sein, nämlich ein Akt des Vertrauens:
Das Vertrauen, dass die Eltern wissen, wozu es dem Kind selbst gut ist oder werden soll, zu einem Zeitpunkt, wo das Kind das noch nicht überblicken kann. Solches Vertrauen, dass es jemand
a) unbedingt gut mit mir meint und
b) dabei viel größeren Weitblick hat als ich
kann man jedoch nie erzwingen.
Es ist wirklich reine Vertrauenssache.

Erzwungener Gehorsam wäre leere Unterwerfung und führt nicht weit, Vertrauen aber bringt eine andere Art von Gehorsam, von sich Einlassen auf etwas, hervor.

Und im deutschen Gehorsam und gehorchen steckt dabei schon sehr deutlich auch etwas zweites sehr wichtiges:
in diesen Worten steckt nämlich Hören und Horchen.
Gehorsam gegen Gott ist ein Ausrichten nach ihm in der Bereitschaft, hörend etwas zu empfangen.
Ich glaube, manche und mancher von Ihnen kennt das, die Kraft des Gebetes gerade im Hören zu erfahren, so wie der dänische Christ Sojen Kierkegaard diese Erfahrung einmal beschrieben hat:
„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde,
was womöglich ein größerer Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist,
sondern Hören."

Hören ist immer eine Form von Aufmerksamkeit.
Und Hören auf Gott macht uns
- offen für die Seiten der Wirklichkeit, die wir noch nicht kannten;
- offen für verheißungsvolle Veränderung
- offen für das Neues im Werden.

Wenn man es so betrachtet, ist Gehorsam ist also da, wo wir uns Gott erneut öffnen, obwohl wir eigentlich eher einen Schlussstrich unter unseren Glauben ziehen wollten.
Und er ist da, wo wir in dieser Offenheit auch unter Mühen ausharren, uns danach ausstrecken, dass Gott sich uns auch im Leidvollen, das wir erfahren, neu zu erkennen gibt,
anders als bisher in unserem Leben vielleicht
und doch als der immer selbe, lebendige Gott.

Angst verschließt uns in uns selbst.
Im Gehorsam jedoch öffnen wir uns Gott sogar in der Angst.
Das ist die Stärke des Gehorsams:
dass er gegen die Angst vertraut und bei Gott bleibt,
auch wo er nicht weiß, worauf alles hinaus läuft.
So kann ausgerechnet der oft als blind bezeichnete Gehorsam
uns weiter führen zu einem tieferen Verstehen,
das uns nicht aus der Liebe fallen lässt.

Wie wenig weit sehen wir alle in die Zukunft hinein,
wenn wir uns ehrlich ansehen.
Und wie unzureichend erkennen wir das, was wir sehen!
Gehorsam gegenüber Gott heißt deshalb:
Auch blind an der Hand der Liebe Gottes gehen.

Nur langsam und durch Widerstände
findet sich so tiefes Vertrauen zu Gott.
Zu sehr nehmen uns unsere enttäuschten Gefühle in Anspruch,
der Kummer, der uns niederdrückt, die Angst, die uns lähmt.
Doch auch für Jesus war dies nicht anders:
Obwohl er Gott so nahe war, musste sogar er das Vertrauen zu Gott im Loslassen neu finden.
Aber weil Jesus im Leiden vertrauensvollen Gehorsam lernte,
weil er von einem Rufenden und Flehenden zu einem Hörenden wurde, weil er in seinem Leid offen blieb und Gott neu als Auferweckter fand,
darum - so sagt der Hebräerbrief –
„ist er für alle, die nun ihm gehorsam sind,
der Urheber des ewigen Heils geworden.“

So endet dieser Abschnitt des Hebräerbriefes mit einer klaren Bestärkung an uns alle. In den leidvollen Erfahrungen unseres Lebens, wie fremd sie uns auch immer überwältigen, sind wir nie allein.
Christus ist für uns gegenwärtig, als der um uns und unsere Haltlosigkeit Wissende, der uns das Hören auf Gott neu erschließt.

Er, dem nichts erspart blieb, wird nun zum Bruder und Begleiter
-       für jede und jeden von uns, auf ganz unterschiedlichen Abschnitten unserer Lebenswege
Er weiß um uns und unser Bitten und Flehen, alles Seufzen, alle Klagen und Tränen sind ihm weder fremd noch fern.
Er geht mit uns immer wieder neu den mühsamen, aber fruchtbaren Weg vom Rufen durchs Schweigen zum Hören,
von der Angst hinein in neues Vertrauen zu Gott
und vom Tod hinein in neues Leben, hier und jetzt - und in Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

segne und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dirk Frickenschmidt