"Auferstehung, Zweifel, Wunden ... "

"Auferstehung, Zweifel, Wunden ... "

Eine nachösterliche Predigt  zu Johannes 20, 24-29

Unterbarmer Hauptkirche 3.4.

Claudia Michelsen, in dem Film "Im Zweifel"




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Ich liebe diese Geschichte vom ungläubigen Thomas – nicht nur, weil mich der Vorname mit ihm verbindet, sondern immer wieder auch der Unglaube bzw. die Schwierigkeit, zu glauben.
Und eine Woche nach dem Osterfest begleitet er mich wieder, dieser ungläubige Thomas, von dem wir eben in der Schriftlesung gehört haben. Während die Anderen nach und nach durchstoßen zu der Gewissheit: „Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig aufersanden!“, fehlt ihm etwas, bleibt er skeptisch, kann er den Glauben der Anderen nicht spüren und teilen …

An diesem Sonntag nach Ostern möchte ich meine Sympathie für Thomas ganz konkret machen, mit etwas, das mich in der nachösterlichen Woche sehr beschäftigt und aufgewühlt hat:
Kaum waren unsere Ostergottesdienste, Osterfeiern und Osterbekenntnisse verklungen, las ich zwei Stellungnahmen zu dem, was in Brüssel und an anderen Orten nun mittlerweile fast jede Woche an Terror, Gewalt und Attentaten passiert.
Margot Käßmann hat sich dazu geäußert, zitiert und kommentiert von der Zeitung „Die Welt“, und Jakob Augstein in einer Kolumne auf SPIEGEL-ONLINE.

Ich darf sie zitieren:
Margot Käßmann sagt: „"Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! Er hat sich nicht verführen lassen, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation. Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen."
Und Jakob Augstein, der nun nicht im Ruf steht, frömmelnd und kirchennah zu sein, schreibt: “Nach den Attentaten von Paris und Brüssel steht manchen im Westen der Sinn nach Krieg. Stattdessen sollten wir über Versöhnung nachdenken. Auch ohne Ostern. Wer das lächerlich findet, hat vor der Logik des Terrors kapituliert - und die Osterbotschaft nicht verstanden.“ Und weiter: „Nie ist von unseren westlichen Werten so viel die Rede wie zu Weihnachten, zu Ostern oder nach einem terroristischen Anschlag. Dieser Ostermontag bietet also gleich doppelten Grund, auf den westlichsten aller Werte hinzuweisen: die Versöhnung. Wir holen die Bibel hervor und lesen den Zweiten Korinther-Brief des Apostels Paulus: "Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung."

Prüfen Sie mal bitte einen Augenblick ganz ehrlich, wie diese Worte im Blick auf die Ereignisse und Schreckensmeldungen in Sachen Terroranschläge und IS auf Sie wirken.

Beide – Käsmann und Augstein - , haben natürlich über diese Zitate hinaus, noch mehr gesagt und geschrieben – aber allein die Tatsache, dass sie sich überhaupt ansatzweise in dieser Richtung geäußert haben, hat eine unglaubliche Flut von Hähme, Aggression, Beschimpfung und Zurückweisung ausgelöst.

Und je mehr Leserbriefe und Reaktionen ich las, um so größer wurde mir der Graben zwischen unserer christlichen, österlichen Bekennerei, unseren gerade gefeierten österlichen Gottesdiensten – und der Welt da draußen, den Menschen, Meinungen & Stimmungen um uns herum.
Von „total abgedreht“, „weltfremd“, lächerlich“ bis „unverantwortlich“, „unrealistisch“, „religiös versponnen“ reichten die Kommentare …
Aber am tiefsten gingen mir diejenigen, die Käßmann und Augstein vorwerfen, aus der schönen, intellektuell-bürgerlichen Wohlstandsbehaglichkeit des Gutsituiertseins als kirchebezahlte Beamtin und als millionenreicher Augstein-Erbe im Grünen sitzend, solche Moral und Belehrung abzugeben …
Den letzten Rest gab mir dann noch die Vorstellung, unsere Töchter, meine Frau oder irgendein von mir Geliebter würde heute oder morgen Opfer eines Terroranschlags.

Verstehen Sie, was ich meine, wenn mir der ungläubige Thomas so bleibend sympathisch ist?
„Die Jünger sagten: Wir haben den Herrn gesehen, den Auferstandenen, den, der Sünde, Hölle & Tod überwunden hat! Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht an seinen Händen die Nägelmale sehe und meine Hände in seine Seite lege, die vom Speer durchbohrte und verwundete, so werde ich niemals glauben!“

Unsere Glauben in Bekenntnisse zu fassen, unsere Lieder zu singen und Gebete zu sprechen – das ist das Eine.
Aber zu fragen: „Was bedeutet das jetzt? Was bewirkt und ändert es? Was heißt das konkret für unser Denken, Handeln und In-der-Welt-Sein?“ das ist das Andere.
Was soll das heißen: Ostern und den Auferstandenen zu feiern und in seinem Licht der Realität des Terrors und den Dschihadisten zu begegnen?

…....

Mich tröstet es zunächst einmal, dass die Glaubensgewissheit in den Ostererzählungen nicht gleich bei allen sofort gezündet hat – die Frauen am Grab kriegen zunächst Furcht und Zittern; Petrus hält die Frauen, die vom Grab kommen, für nicht so recht zurechnungsfähig, und muss selber hinlaufen, um mit eigenen Augen zu sehen, dass sie kein dummes Zeug reden; die Emmaus-Jünger bringen es fertig, mit Jesus unterwegs zu sein, ohne ihn zu erkennen; Maria Magdalena hält Jesus, der mit ihr spricht, für den Gärtner und erkennt ihn ebenfalls nicht … und Thomas, der Zweifler, sagt: „Ich kann es nicht glauben!“

Das tröstet mich und das tut mir gut.
Denn auch, wenn am Ende alle den Auferstandenen, deutlicher erkennen und die Gewissheit in ihnen wächst, gibt es trotzdem Raum für Zweifel, Nicht-Erkennen und auch eine Unfähigkeit zu glauben: „Wenn ich nicht an seinen Händen die Nägelmale sehe und meine Hände in seine Seite lege, die vom Speer durchbohrte und verwundete, so werde ich niemals glauben!“

Haben Sie Jemals darüber nachgedacht, warum Thomas Wert darauf legt, seine Hände in die Wunden Jesu zu legen?
In der Regel wird die Geschichte so ausgelegt, dass Thomas halt in leibhaftige Berührung mit Jesus kommen will – aber was heißt hier schon „leibhaftig“?
Jesus, das sagen ja auch die Ostererzählungen, war ja nicht mehr präsent in seinem irdischen Körper wie zuvor.
Thomas, so hören wir, will sich vergewissern, dass der Auferstandene keine Einbildung, kein Gespenst, kein Hirngespinnst ist …
Aber ich denke, die Sache geht im wahrsten Sinne des Wortes tiefer:
Durch den katholischen Prieser, Therapeuten und Schriftsteller Tomas Halik ist uns vor ein paar Wochen, vorösterlich, in unserem Kreis „Bibel im Gespräch“ (bei der Beschäftigung mit dieser Geschichte) deutlich geworden, dass es die Wunden sind, die erlittenen, blutenden, zuvor tödlichen Wunden, die in dieser Geschichte einen Wert und eine Bedeutung haben: Sie zeigen nicht nur, dass der Auferstandene identisch ist mit dem zuvor Irdischen – sondern die Wunden, die auch österlich noch da sind und nicht einfach geheilt, vergessen und verschwunden, sind das, was den Thomas für sich gewinnt. Das Berühren und die sichtbare Präsenz der Wunden, ist das Tor für den Zweifler Thomas, um zu sehen: „Mein Herr und mein Gott ist auch nachösterlich der verwundete Gott!“

Nach Ostern, so haben wir es vor einer Woche bekannt, gehört und gesungen, ist die Welt in ein neues Licht getaucht. Die biblische Ansage lautet: Gottes neue Welt hat begonnen, ein Neues Sein hat inmitten unseres Alten Seins begonnen. Und am Ende steht die biblische Verheißung von Vollendung und Wandlung.
Noch aber – auch nach Ostern – bewegen wir uns im „Noch nicht“, in Zonen der Uneindeutigkeit und in einer Welt der offenen, blutenden Wunden. So wie auch Christus sie noch trägt und Thomas sie berühren muss.

…....

Und damit komme ich nochmal zum Predigtanfang zurück, zu der Frage nach Zustimmung oder Empörung gegenüber den Äußerungen von Margot Käßmann und Jakob Augstein:
Ich glaube, dass Empörung und Widerspruch verständlichwerweise zunächst daher rühren, dass Wunden als Wunden ernstgenommen und wahrgenommen werden müssen, auch als lebensbedrohliche Wunden – die der menschenverachtende, blutige und hasserfüllte Terrorismus zu uns trägt - und dass es sehr schwierig ist, dem mit Verlautbarungen auf einer Ebene zu begegnen, die vielleicht zwangsläufig als ein Nicht-Ernstnehmen und als Belehrung, Moral oder weltfremder Idealismus empfunden werden müssen.
Die Menschen, die da empört reagieren, und wir wohl (oder zumindetst Teil von uns) mit ihnen, empfinden zu Recht: Das Böse muss benannt, zurückgewiesen, eingedämmt, bekämpft und entlarvt werden. Und dazu gehört immer wieder auch eine abwehrende, bekämpfende Gewalt. Und eine gewisse Unversöhnlichkeit, an der auch ein Pauluszitat nichts ändert.

Ich will das nicht, ich wünschte es mir anders, es rebelliert in mir dagegen – gerne möchte ich es anders, auch anders glauben. Aber da bin ich eben der Thomas, auch nachösterlich.
„Ich will Dir ja glauben“, sagt es in mir, „wenn ich die Bergpredigt lese, die Du gehalten hast: Dass Du die Sanftmütigen und Friedfertigen selig preist. Dass man die andere Wange hinhalten soll. Dass man die Feinde lieben soll! Aber, was heißt das? Wie soll das gehen? Was meinst Du damit?“
Noch, das muss ich zur Kenntnis nehmen, auch als gläubiger Christ, ist die Welt eine gefallene Welt, sind Menschen sündig und Strukturen böse, leben wir im „Vorletzten“ und Unvollendeten.
Und wenn mich nachösterlich ein Packende gibt, dann sind es die Wunden, die auch der Auferstandene immer noch an sich trägt, bis jetzt und heute.

Österlich ist für mich darüber hinaus aber die Einladung, dabei nicht stehen bleiben zu wollen.
Wo Andere an dieser Stelle sagen: „Ende, Aus, Schluss“, bleiben die Wunden des Auferstandenen auch offene Wunden, die wir selbst schlagen und geschlagen haben!
Denn die Ursachen von Terror und blindem Hass gegenüber uns im Westen – worin liegen sie geschichtlich und global begründet in unserer Schuld und mit unserem Anteil?
Was ist mit dem unendlichen Leid, dass unsere Rüstungsindustrien, unsere führenden Industrie-Nationen, unsere Egoismen in anderen Teilen der Welt an Leid und am Ende sogar Hass verursachen?

….....

Vielleicht liegt die bleibende Berufung des Zweiflers Thomas darin, dass sie den Auferstandenen nicht einfach glauben kann und feiern will an diesen Wunden vorbei und unter Absehung der Wunden, die auch wir mit zu verantworten haben.

Tomas Halik sagt dazu: „Ich glaube nicht an Götter und ich glaube nicht an Religionen, die diese Welt durchtanzen, ohne von ihren Wunden getroffen zu werden – ohne Schrammen, ohne Narben, ohne Verbrennungen … Mein Glaube kann die Zweifel nur dann ablegen, wenn er sich durch das schmale Tor der Wunden Christi zu Gott hin ausrichtet, wenn er durch das Tor der Verwundeten schreitet … An Christus glauben, 'mein Herr und mein Gott' rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre und von ihnen berührt werde, von denen unsere Welt auch heute so voll ist.“

…..

Und genau dazu – liebe Gemeinde heute, eine Woche nach dem diesjährigen Osterfest in unserem Teil der Welt – lädt Christus ein:
Denn er spricht zu Thomas und zu uns: „Thomas, reiche Deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht gläubig, sondern ungläubig!“

Und das heisst für uns, dass der auferstandene Christus auch für uns nicht ohne seine Wunden und ohne seine Verletzungen zu haben ist.
Auch uns begegnet er bis heute nicht als der, der unserer blutenden, verwundeten Welt entrückt & in himmlische Sphären verschwunden ist.
Sondern auch nach Ostern ist er weiterhin als der Gekreuzigte inmitten all der Kreuze dieser Welt und Weltgeschichte präsent.
Und wenn es uns geschenkt wird, am Ende wie Thomas, auch von der Ostergewissheit berührt zu werden und sagen zu können: „Mein Herr und mein Gott!“, dann nicht an seinen Wunden vorbei, sondern in dem wir sie berühren und uns von ihnen berühren lassen.

Und somit auch nachösterlich immer wieder - auch ZWEIFELND - beten:
Ich glaube, Herr, HILF MEINEM UNGLAUBEN!
Oder mit dem Eingangspsalm gesprochen:
DENNOCH bleibe ich stets bei Dir!

Thomas Corzilius