Pfingstpredigt 2016

Pfingstpredigt 2016

foto cor.




Zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich zum zweiten Mal in New York am „Ground Zero“ gestanden habe – dem Ort, wo am 11.September 2001 die beiden Türme des World Trade Centers fielen, und der seitdem so etwas ist wie eine Wendemarke in der Weltentwicklung des 21. Jahrhunderts.

Das erste Mal – im April 2002 – gerade ein halbes Jahr nach Nine/Eleven - war der Platz noch ein Ort des Schocks und der Trauer und eine Großbaustelle.
Aber mittlerweile sieht es dort ja wieder ganz anders aus: Neu bebaut mit anderen Türmen, neu genutzt als Gedenkstätte mit einem Museum, neu gestaltet mit Wasserflächen und jungen Bäumen, die an die Opfer erinnern …

Daran muss ich an diesem Pfingsfest nocheinmal denken, denn dieser Ort mitten in Manhatten symbolisiert für uns die Frage: Wohin entwickelt sich die Welt? Wie ist das mit dem Zusammenleben der Völker, der Kulturen und auch der Religionen?

Der 540 Meter hohe Freedom-Tower, der heute statt der Doppeltürme trotzig in den Himmel ragt, erinnert uns an diesem Pfingstfest ja zunächst an einen anderen Turm und eine andere Turmbaugeschichte – nämlich die aus dem 1. Mosebuch, Kapiel 11, wo die Menschen auch zu Urzeiten schon einen Turm bauen wollten, der bis an den Himmel reicht, die Geschichte vom „Turmbau zu Babel“.
Sie wollten wollten sich einen Namen machen, groß rauskommen, sich erheben über Andere – aber Gott, so heißt es ironisch und augenzwinkernd, schaute spöttisch von oben herab auf das überhebliche Treiben. Und am Ende besteht das Resultat darin, dass die Menschen sich entzweien, sich nicht mehr verstehen und zerstreiten, sich mit ihren verschiedenen Sprachen und Dialekten in alle Himmelsrichtungen zestreuen …
Eine frühe Ur-Geschichte in der Tat, die sich schon vor Jahrtausenden rätselnd mit dem beschäftigt, was uns im 21. Jahrhundert weiterhin einholt und bedrängt – das zerstörerische Sich-Nicht-Verstehen nicht nur des Einzelnen und kleiner Gruppen, sondern ganzer Völker und Kulturen …

…..

Würden wir jetzt rausgehen und uns draußen unter die Leute mischen, und sie fragen, was das eigentlich ist und bedeutet, dieses christliche Pfingsten, dann gäbe es wohl eine hohe Trefferquote von Achselzucken und diffusen Antworten.
Selbst Weihnachten, schon Ostern, und erst recht wohl Pfingsten stößt auf zunehmendes Nichtwissen und Ratlosigkeit.
Auch – damit das jetzt nicht überheblich klingt – bis in unsere Gemeinden und Kirchen hinein.
Pfingsten?
Das war doch was mit Heiligem Geist und irgendwas mit Sturm & Wind und Feuerflämmchen … Aber was genau und warum und wozu?

….

Ich lese an dieser Stelle – mal etwas paraphrasiert – diese Pfingserzählung aus dem Neuen Testament – aus der Apostelgeschichte, Kapitel 2, wo es darum geht, wie es mit den Freunden und Freundinnen von Jesus weitergeht, nachdem ihr Herr & Meister nicht mehr leibhaftig bei ihnen ist:

Mutlos und unsicher saßen die Freunde und Freundinnen des Jesus von Nazareth beieinander in einem Haus in Jerusalem, der Hauptstadt und Tempelstadt Israels – während um sie herum ein großes jüdisches Fest gefeiert wurde, zu dem Tausende von Menschen aus allen Himmelsrichtungen angereist waren.
Die unterschiedlichsten Nationalitäten und Sprachen fanden sich dort wieder – und es herrschte einen Stimmen- und Sprachengewirr rundum.
Da geschah plötzlich etwas.
Vergleichbar mit einem frischen, kräftigen Wind, der den verunsichten Jesus-Jüngern in Kopf, Herz und Glieder fuhr.
Oder vergleichbar mit der Kraft des Feuers, das brennt und leuchtet und verzehrt.
Und sie wurden erfüllt mit der Lebens- und Liebeskraft, die wir den Heiligen Geist nennen – Gott selbst und seine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.
Und all diese Jesusleute, die zuvor noch kraftlos, ratlos und mutlos waren, wurden *Feuer und Flamme“ und teilten ihre Begeisterung, ihre Geistbegabung, sofort mit den Anderen.
Sie fanden Worte, die in allen Sprachen verstanden wurden.
Sprache und Herkunft trennten nicht mehr.
Sie steckten Andere an mit der guten Nachricht des Evangeliums.
Und viele wurden berührt von dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, die von Gott kommt und die Kraft hat, die Welt zu retten und Dunkles hell zu machen.
Und als Petrus predigte, ging es den Menschen durchs Herz und Tausende öffneten sich dem heilenden und zurecht bringenden Lebensgeist.
Und das Reich Gottes nahm weiter seinen Lauf in dieser Welt.

…..

Soweit die Geschichte von Pfingten.
Sozusagen als Gegengeschichte zur Entzweiung und Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel.

In unseren Zeiten und in diesen Tagen, so empfinde ich es ganz stark, gewinnt dieses Pfingstfest nocheinmal ganz tief an Bedeutung:
In einer Welt, die einerseits wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte zusammengewachsen, vernetzt und globalisiert ist – und in der zugleich alles so erschreckend auseinanderdriftet und die Entfremdung und das Konfliktpotential politischer, öknomischer, kultureller und auch religiöser Interessen bedrohlich wächst!

Ich sag' s mal etwas platt und provozierend:
Wenn die Christen zu Pfingsten nur so eine interne Folklore-Veranstaltung auf ihrem Jahresprogramm haben, wo sie sich selbst feiern und alle mal nett an den Händen fassen, dann muss es den Rest der Welt nicht groß weiter interessieren …
Wenn es aber mehr ist – dieses Pfingstfest – und wenn es etwas zu tun hat mit dem 11. September, mit Europas Zukunft, den IS & TTip, den Flüchtlingen und der Frage, wer in den USA die Zügel in der Hand halten wird – dann sollten und müssen wir Augen, Ohren und Herzen ganz weit aufmachen für das, worum es am Pfingstfest geht!

Und das ist der Geist von Jesus, der Geist von Gott – der ein Geist der Verständigung, der Versöhnung, des Friedens und der Gerechtigkeit ist.
Es ist der Geist der Bergpredigt, von dem die Zyniker und sog. Realisten sagen, dass man mit ihr die Welt nicht regieren kann.
Es ist der Geist, der für alle Kinder dieser Welt eine gute Zukunft will, statt Bomben zu produzieren, zu verkaufen und zu werfen.
Es ist der Geist, der Hunger & Armut überall auf der Welt konsequent bekämpft, statt strategisch nur nationale Interessen und eigene Handelsvorteile zu suchen.
Es ist der Geist, der allen allen trennenden, selbstgerechten militärischen und auch religiösen Ideologien entgegensteht, die gerade wieder mächtig mobil machen.
Es ist der Geist, der im Streit liegt mit all den Geisteshaltungen und Mächten, die uns und unseren Kindern und Enkeln die Welt noch mehr verdunkeln ….

Ja, denken jetzt vielleicht Einige: Das sind wieder schöne, große Worte von der Kanzel am Pfingstfest.
Eine bessere Welt, eine gerechtere Welt, eine friedlichere Welt.
Ist das nicht ein bisschen banal?
Wollen wir das nicht alle? … Ja, wollen wir das nicht AllE??
Nein, dass wollen auf dieser Welt eben nicht alle!
Und wir – immer und immer wieder – auch nicht, wenn wir uns ehrlich einzeichnen ins Kräftespiel dieser Welt mit ihren Verteilungskämpfen!

„Die Welt ist bis zu diesem Augenblick unverändert so, wie sie ist, weil wir alle für alles immer unsere Gründe, vermeintlichen Rechte und Rechtfertigungen haben!“ hat mal Jemand gesagt – im Kleinen wie im Großen.
Einfach nur zu sagen: Im Frieden leben und sein Auskommen haben, das will doch jeder und das gönnt doch Jeder Jedem!
Das nenne ich naiv und wenig deckungsgleich mit der Realität.
Denn genau so leben, denken und handeln wir eben nicht!

Wenn ich etwas an der Bibel schätze, dann ist es der Realismus und die Nüchternheit, mit der die Bibel auf uns Menschen und auf die Welt schaut.
Und wenn sie das tut – von der ersten bis zur letzten Seite – dann weiss sie um die Bedrohtheit unseres Lebens und Zusammenlebens, um unsere Verführbarkeiten und auch unsere harten Herzen, um das Böse und Zerstörerische, um unsere Lügen und auch Selbsttäuschungen – sozusagen und bildlich gemeint „seit Adam & Eva“.

Und sie stellt dem die suchende, leidenschaftliche Liebe Gottes entgegen, die uns Menschen und seine Schöpfung bis zu dieser Minute nicht preisgibt.
Sein Geist, dem alles Leben entspringt und der es erhält – auch jetzt gerade, in jedem unserer Herzschläge & Atemzüge! - will fließen und wirken.
Er will heilen, verbinden und zurecht bringen.
Gottes Geist ist einerseits der größte Whistleblower, der uns ungeschminkt konfrontiert mit unseren Lügen und Machenschaften.
Und zugleich die größte heilende Kraft und Macht, die uns zum Leben hilft, wenn wir dafür offen sind und es wollen und erbitten.

Darum ging es am Pfingsfest damals und darum geht es durch die Weltgeschichte hindurch bis in die Gegenwart.
Und wenn etwas eine gute Nachricht an diesem Pfingst- und Taufsonntag ist, dann die, dass dieser Lebensgeist auch heute, jetzt gerade, Tag für Tag und rund um die Welt ununterbrochen am Werk ist.

Die Schlagzeilen und täglichen Nachrichten sind übervollmund dominiert von all dem Schrecklichen, das Tag für Tag passiert: Auf den Straßen und in den Häusern, in den Chefetagen von Wirtschaft und Politik, und auf den unzähligen Schlachtfeldern.
Aber genauso, wenn auch stiller und verborgener, wirkt der Geist des Lebens und der Liebe in Menschen und durch Menschen.
Die, wie Jesus einmal sagt, das „Salz der Erde“ und das „Licht der Welt“ sind.
Die Unglück verhindern, Liebe schenken und den Samen des Guten säen und gießen.
Quer durch alle Länder, Orte und Kulturkreise.

Deshalb dürfen wir unsere Kinder, wie heute morgen Eure Katharina, mit Hoffnung und Liebe in Leben und Zukunft begleiten.
Und verbinden Sie und uns selber heute morgen zu Pfingsten mit dem guten Geist Gottes, dessen Kommen wir feiern und erbitten.
Und das letzte Wort will ich heute Jemandem geben, der selbst von diesem Geist zeitlebens berührt und angetrieben war – und der uns bis heute noch imponiert.

Er sagte und schrieb:
„Tatsächlich ist alles Leben miteinander verbunden.
Alle Menschen sind in ein Netz der Gegenseitigkeit verwoben.
Was den einen unmittelbar betrifft, betrifft den anderen mittelbar.
Ich kann niemals so sein, wie ich eigentlich sein sollte, wenn du nicht bist, wie du sein solltest.
Und umgekehrt ist es nicht anders.
Das ist die eng verstrickte Wirklichkeit unseres Lebens.

Und heute sage ich Euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten habe ich einen Traum.
Ich habe einen Traum, dass meine Kinder in einer Welt leben können, in der man sie nicht nach ihrer Herkunft und Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.
Dass Jungen und Mädchen, wo immer sie herkommen und zu Hause sind, einander die Hände schütteln als Geschwister.
Und dass die Missklänge sich zu einer Symphonie des Miteinanders verwandeln.
Das ist unser Glaube und unsere Hoffnung.
Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen und aufzustehen … und den Tag beschleunigen, an dem alle Kinder Gottes – Schwarze und Weisse, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken – sich die Hände reichen und singen: Endlich frei! Großer Gott, wir sind endlich frei!“

Worte zum Pfingstfest – von Martin Luther King.

Amen

Thomas Corzilius