Predigt Himmelfahrt 2016

Foto cor


Während jetzt gerade unzählige Männer unterwegs sind mit Bollerwagen, Biervorräten und „Hoch die Tassen!“, hier und da schon die Grillkohle ausgepackt wird oder Menschen in unserem Land wie-auch-immer den arbeitsfreien Kalendertag genießen, feiert die Christenheit den „Himmelfahrtstag“.

In meinen Jugendjahren in den 70ern und im Umfeld von CVJM und Weigle-Haus war das im Essener Saalbau immer der sog. „Weltmissionstag“ - ein ganzer Tag mit verschiedenen Missionsgruppen, Infoständen, Bibelarbeiten und Vorträgen. Von der „Christoffel-Blindenmission“ über afrikanische Missionarsvorträge bis hin zur Mission an Israel reichte die Bandbreite … und das Lied des Tages, das aus voller Kehle gesungen wurde, hieß „Jesus Christus herrscht als König. Alles wird ihm untertänig. Alles legt ihm Gott zu Fuß!“ Es wurde leidenschaftlich dafür gebetet, dass das Evangelium in alle Winkel der Welt kommt und auch kräftig dafür gesammelt. Und ich erinnere mich, dass ich immer sehr angeregt und motiviert am Abend nach Hause ging … motviert, auch in meinem Umfeld von Schule, Elternhaus und Freundeskreis als Teenager ein mutiger Jesus-Bekenner zu sein.

Gut 40 Jahre später bin ich nun Pfarrer in Unterbarmen und erlebe die Vereinte-Evangelische Mission als Teil unserer Ortgemeinde, als Segen und als wunderbare Verbindung mit Gottes weltweiter Kirche – bis ins Miteinander in Gottesdienst und Gemeindearbeit.
Gott sei Dank leben und wirken Christinnen und Christen, Kirchen und Gemeinden überall auf der Welt im Geist der Liebe und des Evangeliums!
Und selber ein Teil des „United in Mission“-Teams 2003 gewesen zu sein – 5 Wochen auf Nordsumatra bei der dortigen Batak-Kirche – gehört bis heute zu meinem biographischen Schatzkästchen.

Aber so ungebrochen wie damals zu Himmelfahrt bin ich heute nicht mehr im Umgang mit dem Thema „Mission“.
Es ist und bleibt ein schillerndes, belastetes, zu klärendes Wort … ja, ein Reizwort!
Spätestens in diesem 21. Jahrhundert gibt es im Bereich der Religionen ein Wissen, ein Schmecken, ein sich Begegnen und damit auch von Einander lernen wie nie zuvor – und damit auch ein gewachsenes Differenzieren im intereligiösen Dialog – Christen meditieren mit Buddhisten, die muslimische Gemeinde in der Wittensteinstraße ist präsent bei Gemeindefest rund um die Hauptkirche und Navid Kermani bald bei uns zu Gast sein hier in der Kirche.
Spätestens seit den 80er Jahren und mit dem Beschluss der Rheinischen Landeskirche zur Erneuerung des Verhältnisses von Juden und Christen, ist uns auch die sog. traditionelle „Judenmission“ fragwürdig und unmöglich geworden – und wir bekennen manche Anmaßung als tiefe Schuld.
Mit einer bestimmten Art charismatisch-naiver Frömmigkeit & biblisch-fundamentalistischer Mission, aus den USA kommend und siegreich ganze Stadien füllend, mit Fernsehevangelisten wie Jimmy Swaggart und Joyce Meyer, stehen wir im Medienzeitalter vor einem sehr fragwürdigen Phänomen
Und spätestens seit dem 11. September 2001 steht jede Religion, die missionarisch für sich in Anspruch nimmt, den Rest der Welt mit ihrer Wahrheit zu beglücken und zu erobern, unter Verdacht – und ruft Widerstand, atheistisch-säkulare Abwehr und Selbstbehauptung gegen jeglichen Religionsanspruch mit sich …

Das mit der Mission und dem sog. Missionsbefehl geht also nicht mehr ungebrochen und ohne Schuldbekenntnis, Umdenken & Problemanzeige.
Und doch, auch heute, wieder, wie jedes Jahr - Himmelfahrt.
Die alte Geschichte vom „Gehet hin und bringt den Menschen die frohe Botschaft, die gute Nachricht – in Wort und Tat. Und ladet sie ein, mir zu folgen, mir zu glauben, an mich zu glauben!“ sagt Christus!

Davon ist nichts zurückzunehmen.
Aber es ist anders, neu und - doch damit auch gegen manche Verfälschungen im Laufe der Kirchengeschichte! - wieder ursprünglicher zu verstehen.

Dazu heute morgen drei – hoffentlich hilfreiche & inspirierende - Gedanken:

1.
Als Jesus zu Beginn seiner Wirksamkeit in der Synagoge von Nazareth gepredigt hat, da gab man ihm – so lesen wir es bei Lukas – die Buchrolle des Propheten Jesaja und er las: „Der Geist Gottes ist auf mir, weil er mich berufen hat, den Armen frohe Botschaft zu verkündigen! Er hat mich gesandt zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind und Gefangenen Befreiung zu verkündigen. Blinde sollen wieder sehend werden und und Zerschlagene zur Freiheit finden. Ja, das angenehme Jahr des Herrn bricht an!“ Und nachdem er das gelesen hatte, sagte er: „Heute ist dieses Schriftwort erfüllt vor Euren Ohren!“

Dieser Bibelabschnitt ist am Himmelfahrtstag wichtig, weil Jesus hier zu Beginn seines Wirkens deutlich macht, worin seine Mission besteht: In der Heilung und Befreiung und in der Erfahrung Gottes als Liebe und Barmherzigkeit.
Und mit der Formulierung „Das angenehme Jahr des Herrn“ bezieht er sich auf die alte, jüdische Tradition des sog. „Jubeljahres“, dass alle 50 Jahre Schuldenerlass und Schuldnerbefreiung rechtskräftig machte.

Was ich damit sagen will – heute am Himmelfahrtstag – ist:
Wenn wir, die Christen, bis heute den Missionsbefehl hören und an unsere Sendung erinnert werden, dann geht es im Geiste Jesu niemals um Gewalt und Unterdrückung, sondern immer nur – und auch im 21. Jahrhundert unserer globalisierten Welt – um die Mission, den Armen die frohe Botschaft zu bringen – zerbrochene Herzen zu heilen – Menschen zur Freiheit zu verhelfen – sie sehend zu machen – sie Gott als Barmherzigkeit und Liebe erfahren zu lassen.

2000 Jahre christliche Missionsgeschichte stehen unter dieser Frage und unter diesem Gericht:
Ist das passiert, passiert das?
Oder ging und geht es um Macht, Einfluss, Eigeninteressen, Anpassung und Unterwerfung?
Erlebt die Welt uns Christen als heilende, helfende, barmherzige und liebende Menschen?
Erleben sie uns, die wir uns auf Jesus berufen, als heilend und versöhnend, friedensstiftend und barmherzig?
Und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit Taten – sozial, diakonisch und politisch.

So gehört zum Himmelfahrtstag:
Das Schuldbekenntnis über die Gewaltgeschichte des Christentums.
Die kritische Frage, welche Art von christlicher Mission wir heute nicht mehr bejahen können und ablehnen müssen.
Aber auch das Staunen und die Dankbarkeit, die Fürbitte und die Unterstützung für all die unzähligen Nachfolger Jesu, für all die Gemeinden, Gruppen, Kirchen und Initiativen, die ganz im Geist von Jesu Predigt in der Synagoge der Welt und den Menschen Gutes tun!
Auch jetzt gerade – an unzähligen Orten mit ihren Tages- und Nachtzeiten – während wir hier gerade Gottesdienst feiern.
Und die Vereinte Evangelische Mission ist da unser Fenster für den weiten und dankbaren Blick!

2.
Nicht bei Lukas, sondern bei Matthäus finden wir eine andere Rede Jesu, die seine und unsere Mission folgendermaßen verknüpft:
Am Ende der Zeit – so heißt es in MT 25 – wird der Menschensohn sagen: Ich bin hungrig, durstig, arm, krank, gefangen und bedürftig gewesen – und Ihr habt mir geholfen!
Und Viele werden sagen: Herr, wann haben wir Dich so gesehen oder sind Dir so begegnet!
Und er wird antworten:
Was Ihr den Geringsten und Bedürftigen getan habt, das habt Ihr mir getan!
Das heißt:
Das letzte Kriterium, nach dem Gott fragen wird, ist die Barmherzigkeit, die tätige Liebe und die Fürsorge für die Bedürftigen – und nicht, welches kirchliche oder religiöse Parteiabzeichen wir zeitlebens gehabt haben.

Und da stehen Christen in ihrer Mission Hand in Hand mit Menschen – egal welcher Nationalität, Hautfarbe & Kultur.

Es ist deshalb eine so erbärmliche und dumme Äußerung, wenn die Afd nun sagt: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“ Natürlich tut er das (historisch) nicht - so wenig wie der Buddhismus, afrikanische Stammeskulturen, Halloween oder McDonalds! ;-)
Aber jetzt und hier ist es auf der Welt nirgendwo mehr zu wie vor 50 oder 150 Jahren – auch wenn sich das gerne so wünschen.
Es geht um Menschen - in einer Welt in der Abschottung und Ignoranz defintiv nicht mehr möglich sein wird.
Es geht um Menschen, die längst und weiterhin mit uns leben.
Und es geht um Menschen in ihrer Not – geflohen aus Verhältnissen, die wir z.T. mitzuverantworten haben durch unsere westliche Nachkriegs, Wirtschafts- und Rüstungsindustrie.
Und in jeder Religion – das wissen wir doch - gibt es die Dschihad-Fraktionen der rechtgläubigen Hardliner, der missionarischen Gewalt und Unterwerfung – und den göttlichen Geist der Liebe, der Barmherzigkeit und des Friedens, der Menschen antreibt und verbindet.
Dass sie die Mission Jesu mittragen – wie es in Mt. 25 heißt – wissen sie vielleicht garnicht.
Aber sie tun es.

Wir Christen – das glaube ich immer mehr! - stehen deshalb mit dem Missionsbefehl definitiv nicht in einer Front gegenüber Andersgläubigen und Nichtgläubigen, Fremden und Anderen - sondern wir sind unumkehrbar in diesem 21. Jahrhundert dazu berufen, die Gemeinsamkeiten zu suchen, die uns mit allen quer durch alle Kulturen & Religionen verbinden!

Und da warten noch manche Lernerfahrungen auf uns – in dem, was wir als Christen weitergeben als offenes Bekenntnis zu Jesus und was wir zugleich empfangen.

3.
Wir Menschen brauchen Ermutigung – immer wieder!
Das ist eine ganz menschliche, alltägliche Erfahrung.
Schon von Kindesbeinen an leben wir alle davon, dass wir auf unserem Weg ins Leben nicht ent-, sondern ermutigt werden: Ermutigt, wir selbst zu sein! Ermutigt, unsere Grenzen anzunehmen, aber vor allem unsere Stärken und Gaben auch zu leben! Ermutigt, zu dem zu stehen, was wir sind und können!

Den Himmelfahrtstag verstehe ich immer wieder auch als so eine Ermutigung!
„Gehet hin und zeigt Euch als Menschen, die mit mir verbunden sind!“ sagt Jesus, der Auferstandene, zu seinen Jüngerinnen und Jüngern„Lebt fröhlich und mutig, tapfer und kreativ Euren Glauben! Und gebt das Evangelium weiter – in Wort und Tat! Bis ans Ende der Welt! Und tut dies in der Kraft des Geistes und mit dem Vertrauen, dass ich bei Euch bin!“

Diese Ermutigung dürfen wir heute morgen auch für uns hören.
Und diese Ermutigung haben wir wohl auch immer wieder nötig!

Längst sind die Zeiten vorbei, wo es zum „Mainstream“ gehörte, christlich getauft und Mitglied einer Kirche zu sein.
Und längst leben wir ja nicht wirklich mehr in einem christlich geprägten Land, sondern in einer nach-christlichen Gesellschaft, in der auch Menschen, die sich zu ihrem christlichen Glauben bekennen, verständnislos, mitleidig oder aggressiv-zurückweisend angeschaut werden.
„Was, Du gehst noch zur Kirche? Du bist noch in der Kirche? Du glaubst diese ganzen Sachen noch?“ - Das ist oft genug die Reaktion, wenn Jemand sich „outet“ und transparent macht auf seinen Glauben hin ….

Doch andererseits – das ist die andere Seite der Medaille – gibt es in unserer Gesellschaft auch bei unendlichen Vielen eine tiefe Sehnsucht und Bedürftigkeit nach dem, das uns im Leben & Sterben trägt, das uns Sinn und Kraft und Trost gibt im Weltenlauf, das uns nicht untergehen lässt in Ziellosigkeit und dem alltäglichen Trallala ….

Lassen wir uns deshalb heute morgen ermutigen, uns unseres Glaubens nicht zu schämen.
Sondern ihn fröhlich, mutig, aber auch demütig und lernbereit, zu leben!

Amen

Thomas Corzilius